
Foto: Julia Spicker für Tiberius
Designerlabels wie Gareth Pugh, Alexander McQueen, Vivienne Westwood oder Louis Vuitton leben das kokette Spiel mit subtiler Strenge und Sadomaso-Chic ungezügelt aus. In Wien war es Karl Ammerer, der mit „Tiberius“ 1992 erstmals Fetisch nach Österreich brachte. Am Anfang waren schwule Männer das Zielpublikum seiner Latex- und Lederoutfits. Als immer mehr Frauen Interesse an der aufreizenden Mode zeigten, nahm die Transformation des Austro-Labels seinen Lauf. Vor sieben Jahren lernte Karl Ammerer den Tiberius-Chefdesigner Marcos Valenzuela-Abril kennen, einen gebürtigen Kolumbianer, der romantische Latino-Leidenschaft mit reizvollen Fetisch-Elementen verbindet. „Wir schaffen eine Symbiose von sinnlichen und körperlichen Welten. Als einziges Modelabel, das mit Fetisch begonnen hat, müssen wir nicht krampfhaft versuchen, sexy zu sein“, erklärt Valenzuela-Abril. Seine Kollektionen folgen den Regeln und Codes einer pikanten Subkultur, spielen mit dem Reiz des Verbotenen und der Provokation. „Tiberius ist ein Erlebnisladen, wo die Fantasie zu Hause und alles erlaubt ist.“ Unter dem Begriff „Cross-over Fetish Fashion“ werden seine Entwürfe heute in der Modebranche hochgelobt, nachdem früher Vorurteile den Einstieg erschwerten. „Am Anfang wurden wir plump als Sexshop abgestempelt, doch mittlerweile hat sich rund um Fetischismus und die Koketterie mit Kontrolle und Dominanz ein richtiger Hype entwickelt. Man kann für alles einen Fetisch haben. Wenn man etwas wirklich begehrt, zum Beispiel einen sündteuren Schuh, dann spürt man das bis tief in die intimen Zonen“, sagt der Designer. In diesem Jahr feiert Tiberius sein zwanzigjähriges Jubiläum und unterstützt mit dem Charity-Projekt „Vienna Originals“ Wiener Modestudenten. „Wir fühlen uns dazu verpflichtet, unseren Leuten zu helfen und für die Zukunft dieses Landes zu
arbeiten.“
wurzeln der fetisch-fashion
Die Assoziation von Lack, Leder und Latex mit Sadomaso oder BDSM (Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism) ist für Robert, den Obmann der Wiener Sadomasochismus-Initiative Libertine, ein historischer Zufall. „Ein Materialfetisch hat noch lange nichts mit einer Vorliebe für BDSM zu tun und umgekehrt. Aber natürlich gibt es Überschneidungen. Bestimmte Outfits werden oft dazu genutzt, eine aufregende Szenerie zu entwickeln.“ Sein Verein Libertine organisiert eine Reihe von Treffen und Stammtischen und bietet Workshops und Seminare an. „Unser Hauptaugenmerk legen wir auf eine offene Kultur der Erotik, das Aufbrechen von Tabus sowie radikale, innere Ehrlichkeit. Dabei geht nichts ohne Konsens, also das klare Einverständnis aller Beteiligten – und dass es sich gut anfühlt“, sagt Robert.
Das Aufräumen mit Vorurteilen ist auch Esther Crapélle und Katarina ein großes Anliegen, die in Wien eine BDSM-Location für Partys, Fotosessions, Videodrehs und private Spielereien vermieten. „Viele Menschen denken, dass es bei SM nur um Gewalt und gegenseitiges Verletzen geht. In Wahrheit haben SM-Spiele viel mit Nähe, Vertrauen sowie Verantwortung zu tun. Es geht zwar im Grunde um Machtstrukturen mit Gewaltelementen, bleibt dabei aber immer ein Spiel mit klaren Regeln.“ Anstatt eines dunklen Kellerlochs findet man in ihrem Atelier Mystique ein helles, freundliches Ambiente im Obergeschoß und ein großzügiges Kellergewölbe. „Früher wurde in der SM-Szene sehr auf das richtige Outfit geachtet, um Zaungäste zu identifizieren, die einfach nur Perverse schauen wollten. Madonna war wohl eine der Ersten, die einschlägige Kleidung aus den Clubs auch auf der Bühne und in der Öffentlichkeit getragen hat. Im Moment folgen Stars wie Lady Gaga oder Rihanna ihrem Vorbild. Die Gesellschaft wird allgemein SM gegenüber immer offener, weil sich Interessierte durch das Internet heute viel besser informieren und vernetzen können“, sagt Atelier-Besitzerin Crapélle.
ein fetisch für den fetisch
Wien gilt als sehr tolerante Stadt. Echte Fetisch-Clubs oder Partylokale haben sich bisher aber nicht durchgesetzt, auch wenn immer wieder ein klassischer Fetisch-Event veranstaltet wird. Mit den neuen Modeerscheinungen hat sich auch die Szene gewandelt. Die junge Generation möchte auf Partys in ihren Lack-, Leder- oder Latex-Outfits vor allem tanzen. Man kann so gestylt auf Veranstaltungen wie Gothic-Bälle gehen. Das merkt auch Erik Hairapetian, der vor zwei Jahren seinen Latex-Fashion-Store Rubberik eröffnet hat. „Meine Kunden verlangen vermehrt nach schrägen, bunten und ausgefallenen Outfits, mit denen sie sich auf Veranstaltungen in Szene setzen können. Vor allem vor großen Events wie dem Life Ball erhalte ich besonders viele Aufträge.“ Im Verkaufsraum hängen nur wenige Kleidungsstücke in knalligen Farben und mit besonderen Texturen, da Latex meist individuell angefertigt wird. Die passenden Accessoires gibt es seit Kurzem im LoyataLand. Künstlerin Felis Loyata hat selbst einen Plastik- und Kostümfetisch, der sich auf ihre Kreationen aus Schnullern, Flaschenverschlüssen, Barbiepuppenteilen, Kabelbindern oder Computertasten auswirkt und einen wahrlich einzigartigen Style garantiert. So wird die Freude am Fetisch in Wien immer selbstbewusster zelebriert. Das allgemeine Credo dazu lautet: Alles kann, nichts muss! Ausgelebte Gelüste machen einfach unglaublich viel Spaß.