Lauter garstige Menschen

Sündenfall nach Tagesordnung: über den Filmemacher Ulrich Seidl

Foto: Stadtkino Wien

Wenn jemand wie Ulrich Seidl sich aufmacht, das Paradies zu finden, dann weiß man, er wird kein schönes betreten, sondern einen kartografierten Albtraum. „Paradies“ – so der Titel seiner jüngsten Arbeit – ist eine Trilogie. In Teil 1 hat er nach „Liebe“ gesucht, was ihn über Su-gar Mamas in Kenia nachdenken ließ. In Teil 2 hat er sich nach „Glaube“ erkundigt (lief im Wettbewerb von Venedig) und dafür Maria Hofstätter zu einer von Jesus besessenen, missionierenden Röntgenassistentin gemacht. In Teil 3 verspürt er „Hoffnung“ – das heißt, dass er eine 13-Jährige zur Sommerfrische ins Diätcamp schickt.

Seidl provoziert – und das nicht erst seit Kurzem. Immerhin ist er der Filmemacher, der im schlaffen Hintern von „Hundstage“-Figur „Wickerl“, einem Sünder, eine brennende Kerze versenken lässt, während der feiste Zuhältertyp dazu die Bundeshymne trällern soll. „Lauter garstige Menschen“, wie es gegen Ende von „Hundstage“ heißt, die hier gezeigt werden.

In „Import Export“ besucht Seidl Sex-Agenturen und die Geriatrie, um von Erniedrigungen und Gewalt zu berichten, hält immer eine Minute länger drauf, als einem lieb ist. Er dreht bei –30 °C in der Ukraine, in Wien unter Sterbenden. Leicht macht es sich Seidl nicht. „Ich glaube, dass intensive und extreme Szenen und Bilder immer auch unter extremen und intensiven Bedingungen entstehen“, sinniert er. Bei Dreharbeiten lächelt er laut Regieassistent Klaus Pridnig erst, wenn alle anderen längst am Ende ihrer Kräfte angekommen sind. Er arbeitet ohne viele Worte, intuitiv, gerne mit Laien und mit dokumentarischer Note, und pfeift sich nichts, selbst wenn er dabei auch mal die Mafia verärgert. Authentizität über alles. Und dafür wird er gerne kritisiert. Weil es als Provokation empfunden wird, wie er Menschen in intimen Momenten festzuhalten versucht, weil er ihren „Sündenfall“ moralisch unkommentiert stehen lässt. Er macht dies nicht nur in seinen Spielfilmen, sondern auch in seiner dokumentarischen Arbeit – wie „Zur Lage“, einer Vermessung der politischen Gesinnung der Österreicher.

„Einsvierzig“, der erste Kurzfilm des vielfach preisgekrönten Regisseurs, der 1980 an der Wiener Filmakademie entstanden ist, zeigt den Alltag eines Kleinwüchsigen. Politische Korrektheit war noch nicht sonderlich en vogue. Seidls Statement lautete, dass er einen Film über einen behinderten Menschen machen wollte, aber ohne die „für solche sozial engagierten Dokus übliche heuchlerische Vortäuschung von Sympathie“. Dieser Film ist als Auftakt zu verstehen: Der Vorwurf, ein zynischer Sozialpornograf zu sein, sollte nicht mehr abebben.

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