Auf Bier gebaut

Am Areal des Reininghausparks soll ein neuer Stadtteil entstehen. So groß wie die halbe Grazer Innenstadt. Mit Ernst Scholdan ist dabei ein smarter Investor am Werk.

Wenn Karl Kritschey heutzutage über die Reininghausgründe im Westen von Graz spaziert, fühlt er vor allem eines: Traurigkeit. Der Mittvierziger ist hier aufgewachsen, bis zu seinem neunten Lebensjahr hat er mit seiner Mutter in einer Dienstwohnung am Gelände gewohnt. “Das war ein eigener Stadtteil”, sagt er und lässt seinen Blick über baufällige Gebäude und leere Felder schweifen. Er spricht von der Zeit, als die Grundstücke noch der Brauerei Reininghaus gehörten – auch wenn das Bier schon seit 1948 in Puntigam gebraut wurde – und sich hier tagsüber an die fünfhundert Personen tummelten: Angestellte, Kinder und Arbeiter, die sich um die brauereieigene Landwirtschaft kümmerten. Da gab es sogar eine eigene Kegelbahn und vor allem Bier. “Das Bier brachte die Geselligkeit – obwohl nicht wirklich gesoffen wurde”, meint Kritschey, für den das Gelände ein Gefühl von Heimat verkörpert. Das hat er auch den Leuten von La Strada erzählt, im Rahmen des Straßentheaterfestivals wird die Geschichte der inzwischen verödeten Reininghausgründe noch einmal aufgerollt (siehe Infobox).
Und in dieser könnte nun bald ein neues goldenes Zeitalter anbrechen. Geht es nach Ernst Scholdan, wird hier auf 525.000 Quadratmetern – immerhin die Hälfte der Fläche des ersten Grazer Bezirks – gleich ein ganzer Stadtteil neu entstehen. Mit den Planungsarbeiten für das größte städtische Entwicklungsprojekt der jüngeren Stadtgeschichte hat der 53-jährige smarte Immobilienentwickler und Unternehmensberater mit Wurzeln in der PR-Branche von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt längst begonnen.
Die alten goldenen Zeiten, in denen die Brauerei Reininghaus jährlich bis zu 441.000 Hektoliter Bier in die ganze Welt exportierte, sind lange Geschichte. Mit brautechnischen Innovationen beeindruckten im 19. Jahrhundert die Brüder Johann Peter und Julius Reininghaus aus dem westfälischen Isenburg die Welt, die das alte “Mauthaus am Steinfeld” 1853 übernommen hatten, brachten ihr Bier selbst in entlegenen Gegenden wie Sansibar auf den Markt und leisteten als gute Bürger auch ihren Beitrag zum lokalen Kulturleben. Peter Rossegger etwa fand in Johann Peter Reininghaus einen Mäzen und Freund, ohne den der Dichter der steirischen Schlichtheit in der Stadt wohl nur schwer hätte Fuß fassen können.

Heute ist Reininghaus eine von vielen Biermarken der Brauunion, die 2003 vom holländischen Multi Heineken übernommen wurde. Und auf den Reininghausgründen blieben nach der Stilllegung der Landwirtschaft bloß Verwaltung, verfallende historische Gebäude und viel Wiese übrig. Die Liste der gescheiterten Wiederbelebungsprojekte für das Gebiet mitten im alten Industriegürtel ist lang: Die Brauunion hoffte auf einen Businesspark, der Märchenerzähler Folke Tegetthoff wünschte sich eine Wonder World of Music, die Akademie der Wissenschaften einen Teilchenbeschleuniger. Erst mit der Ansiedlung der Fachhochschule Joanneum und dem EU-Stadtentwicklungsprojekt Urban II Graz-West, das ein Gründerzentrum, das Impulszentrum Wissensstadt und eine Reihe
von Maßnahmen zur Verkehrserschließung ermöglichte, hat die Gegend erstmals wieder Konturen bekommen.
“In Zukunft wird dort wieder Leben und Arbeiten sein, es wird in Richtung Forschung und Entwicklung gehen”, erklärte Ernst Scholdan vergangene Woche in Graz, hüllte sich aber sonst in Schweigen. “Was wir genau dort machen werden, ist noch unbekannt.”
Gemeinsam mit einer Gruppe von Investoren hatte Scholdan im Jahr 2004 ein ansehnliches Immobilienpaket der Brauunion von Heineken übernommen, nachdem sein Beratungsunternehmen DDWS zuvor schon die Akquisition des österreichischen Bierkonzerns durch die Holländer begleitet hatte: 2,7 Millionen Quadratmeter vor allem in Salzburg, Graz, Wien und Schwechat. Kaufpreis: satte 238 Millionen Euro. Im Kalkulieren mit derartigen Summen ist Scholdan geübt: Bevor er sich zur Jahrtausendwende zwei Jahre Pause auf einer kanadischen Ranch gönnte, hatte er immerhin die größten Börsengänge des Landes mit seiner Kommunikationsagentur betreut, darunter Böhler-Uddeholm oder die Telekom Austria.
Einen Teil der Flächen hat Scholdan inzwischen wieder abgestoßen, die Entwicklung der unbebauten Grundstücke läuft auf Hochtouren über Scholdans Grazer Untenehmen Asset One. Nur in Schwechat, so Agnes Goldmann von der DDWS, warte man noch auf die Ergebnisse des European-8-Wettbewerbs, bevor man weitere Entscheidungen treffe. Für sein Reininghaus-Projekt hat Scholdan sehr schlau Reputation aufgebaut und gemeinsam mit dem Institut für Markenentwicklung Persönlichkeiten aus der Grazer Wirtschafts- und Kulturszene wie den früheren Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl, FH-Joanneum-Geschäftsführer Markus Tomaschitz oder Styriarte-Chef Mathis Huber zum Nachdenken über die Stadt der Zukunft geladen.

Einige von ihnen befürchteten zunächst, sie könnten von Unternehmensberater Scholdan zu Werbezwecken missbraucht werden, darunter auch Birgit Pölzl vom Kulturzentrum in den Minoriten: “Bisher gab es dafür keine Anzeichen.” Pölzl faszinierte vor allem Scholdans Herangehensweise: “Es ist die Behutsamkeit, die man sich leistet. Man forderte uns auf, uns Gedanken darüber zu machen, was einen neuen Stadtteil lebenswert machen würde.” Zu diesem Zweck bereisten die Nachdenkgruppen europäische Städte, um sich Anregungen zu holen. Erst Mitte September, zur Präsentation des Buches, das aus diesem Prozess entstanden ist, will Scholdan sich dann konkreter zu seinen Plänen äußern.
In Salzburg ist die Projektentwicklung weiter fortgeschritten. “Wir haben anfangs eine Zeit lang gerätselt, wer dieser Herr Scholdan ist”, erinnert sich der Salzburger Baustadtrat Johann Padutsch. Er befürchtete, Scholdan könnte am Ende nur groß reden. Doch jetzt wirkt Padutsch entspannt: Scholdan habe bisher alle Versprechen gehalten. Auf den Grundstücken der ehemaligen Sternbrauerei plant die Asset One ein Bauprojekt, auf das die ganze Welt heiß sein soll. Deshalb hat er die internationale Architektenelite – darunter Hariri und Hariri, David Chipperfield, Takashi Yamaguchi und Ernst Giselbrecht – zu einem Wettbewerb geladen. Am 10. August wird der Sieger gekürt. Geplant sind rund hundert Wohnungen und ein Kulturzentrum. Fix ist bereits ein Haus der Architektur nach Grazer Vorbild, meint Padutsch, der Scholdan in den höchsten Tönen lobt: “Er ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Bauherren.” Während andere nur an der Verwertung interessiert seien, betreibe Scholdan den Wettbewerb mit Begeisterung. Ende 2007 sei frühestens mit dem Spatenstich zu rechnen.
Über das Potenzial eines neuen Stadtteils im Westen von Graz herrscht unter den Stadtplanern weitgehend Einigkeit. Noch dazu, wo die neuesten Prognosen für Graz bis zum Jahr 2031 einen Zuwachs von gut 50.000 Einwohnern ausweisen. Planungsamt-Chef Michael Redik, der mit Scholdan im Gespräch ist, denkt an einen Nutzungsmix aus Gewerbe, Dienstleistungen, Wohnen, Forschung und Ausbildung, warnt aber vor Ungeduld: “Ich schätze, dass in fünf bis zehn Jahren erste konkrete Maßnahmen sichtbar werden.”
Skeptischer ist Architekt Hansjörg Luser, lange Jahre federführender Stadtentwickler von Graz: “Die Gruppe wird es nicht leicht haben, etwas Tolles hinzubekommen.” Graz habe keine Wachstumsdynamik, die etwa mit Hamburg vergleichbar wäre, wo derzeit – auf einem Areal von der dreifachen Fläche der Reininghausgründe – die ersten Häuserzeilen der Hafencity entstehen. Nach Jahren sorgfältiger Planung. Luser sieht aber gute Chancen im Bereich Humantechnologie, vor allem seit sich der Pharmakonzern Roche mit seiner Diagnosesparte gleich neben den Reininghausgründen niedergelassen hat.
Für Karl Kritschey jedenfalls bedeuten Scholdans Pläne neue Hoffnung für die Reininghausgründe: “Es wäre schön, wenn hier wieder ein richtiger Stadtteil entstehen könnte.”


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