Bam Oida!

Neonkappen, Vokuhilas und solariumbraune Gesichter sind die Zutaten für einen neuen Wiener Jugendstil: Krocha erobern derzeit die Diskotheken und Einkaufszentren der Stadt.

Freitagnacht, der Zug von Wien Richtung Baden ist voll. Auf den abgewetzten Sitzgarnituren der Wiener Lokalbahn, die sonst überarbeitete Pendler ins nahe Umland befördert, macht sich heute seltsam uniformiertes Jungvolk breit. Die sichtlich aufgekratzten Teenager tragen T-Shirts, auf denen protzig die Logos von teuren Modemarken wie D&G oder Ed Hardy prangen. Manche der Schriftzüge sind mit Glitzersteinchen verziert, andere durch übergroße, zu Schals umfunktionierte Palästinensertücher verdeckt. Die Hosen der jungen Leute sind eng und münden in hohen Turnschuhen, während ihre Vokuhila-Frisuren keck unter bunten Kappen herauslugen. Beats poltern ausgedünnt aus kleinen Handy-Lautsprechern und lassen erahnen, wohin ihre nächtliche Reise gehen soll: ins Millennium, die Großraumdiskothek am unteren Ende der Shopping City Süd. Freitags ist das Vösendorfer Tanzlokal Treffpunkt der sogenannten Krocha, einer neuen, lokalen Jugendkultur, über die momentan jeder spricht. Oder sich lustig macht.
Schon vor dem Eingang zum Millennium sammeln sie sich in kleinen Gruppen, begrüßen einander mit laut geschmatzten Bussis und klopfen sich mit einem zünftigen „Bam, Oida!“, einer anerkennenden, aber einigermaßen sinnfreien Phrase, auf die Schulter. Es herrscht Hochbetrieb in der sonst finsteren Shoppingmall, Handys klingeln ohne Pause. „Du Schicht? Ich bin im Millennium“, gibt einer schreiend per Telefon seinen Standort kund.
Hier in der SCS finden die ob ihres auffälligen Stylings mittlerweile stadtbekannten Youngsters zusammen, um ihre knallbunten Outfits auszuführen und dem Tanz zu frönen, der die Community begründet: das Krochn. Eine simple, aber anstrengende Schrittfolge, bei der die Tänzer schier im Stand rasant einen Fuß vor den anderen setzen. Für Nichteingeweihte hat das etwas von einer Mischung aus Michael Jacksons Moonwalk und Vanilla Ice’ eigenwilligen Zuckungen im Video zum Neunzigerjahre-Hit „Ice Ice Baby“.
Im Bauch der Disco beherrscht der flotte Schritt mittlerweile fast die komplette Tanzfläche. Die Krocha bilden dabei einen Kreis, in dessen Mitte sich jeweils vier bis fünf Tänzer vorwagen, um die Kollegen mit ihren Skills zu beeindrucken. Das Ganze hat was von Charleston und Breakdance-Kultur, könnte man meinen, in Krocha-Kreisen allerdings liefern schneller Techno und House den Soundtrack.
„Der Tanz ist eine Mischung aus Melbourne Shuffle und Hardstep“, erklärt David. Der 16-Jährige ist Stammgast im Millennium und anderen Krocha-Hochburgen wie der Nachtschicht im Donauplex („Schicht“) oder dem Empire im ersten Bezirk. Seit zwei Jahren ist David schon überzeugter Krocha, auch wenn die Benennung des Lebensstils erst später erfolgte. „Das hat sich so vor einem Jahr entwickelt, dass wir uns Krocha nennen. ‚Kroch ma eini‘, das bedeutet so viel wie ,in die Disco gehen‘“, erklärt David. Täglich übt er neue Tanzschritte zuhause vor dem Spiegel, um diese am Wochenende im Club zu präsentieren oder sich damit auf der Videoplattform You Tube mit anderen Krochan zu messen. Auf Parkplätzen, in Kinderzimmern oder Discos filmen sich die Teenager gegenseitig beim schnellen Hopsen mit dem Handy und stellen die Videos online. Die Anzahl der unter den Filmchen angezeigten Kommentare und Klicks bringen dann Ruhm in der Szene und die neuen Dancing Stars der Großraumdiscos hervor.
David ist mittlerweile fast eine Berühmtheit. Unter den Pseudonymen Basskrocha und Dancecrewkmj ist er auf YouTube vertreten und gilt mit mehreren tausend Klicks pro Tanzvideo als Meister seiner Zunft. „Mittlerweile sprechen mich hier im Millennium Leute an, weil sie meine Videos kennen und super finden. Einmal bin ich dadurch sogar für Privatunterricht gebucht worden. 50 Euro hab ich dafür bekommen.“

Einer, der das Potenzial dieser neuen Jugendkultur schon früh erkannt hat, ist Stefan Berndorfer. In dieser Nacht sorgt er hinter den Plattenspielern als DJ Stee Wee Bee dafür, dass die Tanzlust der Krocha nicht versiegt. Seit den frühen Achtzigerjahren treibt sich der 45-Jährige als DJ in den großen Clubs des Landes herum und meint, er habe mittlerweile so etwas wie einen Riecher für Trends. Bezüglich der Krocha hatte er ihn wohl tatsächlich. Er ist an dem Phänomen nicht ganz unbeteiligt. „In der Diskothek Schatzi in Hagenbrunn habe ich vor einem Jahr regelmäßig eine Classics-Nacht veranstaltet, bei der ich Dancetracks aus den Neunzigerjahren gespielt habe. Den jungen Leuten hat das gefallen, und so haben sie den Melbourne Shuffle wieder ausgegraben. Ein Tanz, der dem Krochn sehr ähnelt, aber eben aus den Neunzigern stammt.“ Und weil die Jungen so darauf abfuhren, ständig was von „einikrochn“ schwafelten und in Großraumdiscos ähnlich gekleidet waren, gab der DJ dem Kind einen Namen und registrierte auch gleich die Internetdomain krocha.at.
Natürlich stammt auch die erste „Ultimate Krocha Anthem“, die Hymne zum Trend mit einem Sample vom Zillertaler Hochzeitsmarsch, von Berndorfer. Die schrullige Technonummer, in der ein Krocha einem Schuhplattler seinen Tanzstil erklärt, wurde sofort zum Szenehit. Die Tatsache, dass seine Jugendkultur mittlerweile aber immer öfter zur Zielscheibe öffentlichen Witzelns wird, nimmt der DJ gelassen: „Ich war schon Anfang der Achtzigerjahre dabei, als die ersten Breakdancer vorm Stephansdom noch ausgelacht wurden. Heute ist der Tanz weltweit anerkannt. Auch wenn das Krochn sicher nicht so groß wird. Dass aller Anfang schwierig ist, hab ich mittlerweile gelernt.“
Vier Administratoren betreuen die Homepage krocha.at. Einer von ihnen ist der 17-jährige Krystian, selbst Krocha und Großhandelskaufmann im zweiten Lehrjahr. Durch die Website habe man den Krochan einen virtuellen Ort gegeben, wo sie sich austauschen können: „Es gibt dadurch jetzt viel mehr Leute, die das interessiert.“ Die meisten Zugriffe erreicht die Website an Vormittagen, wenn sich die Schüler die Fotos vom Wochenende anschauen. Im Forum, wo mehr als 1400 User registriert sind, wird beraten, in welcher Disco die beste Party steigt. Oder wo man dieses oder jenes Styling-Accessoire erhält. Über das Gefühl, der Community anzugehören, sagt Krystian: „Es ist ein Lebensstil. Ein Krocha muss tanzen können, sich stylen, gerne fortgehen und reden wie ein Krocha.“
Die Sprache als Erkennungsmerkmal hat ihn veranlasst, ein Wörterbuch mit den wichtigsten Ausdrücken der Szene im Netz zu veröffentlichen. Begriffe wie „Oida“ oder „fiix“ werden da genauso erklärt und übersetzt wie Krocha-Redewendungen: „Kroch ma eine in die Hittn“ bedeutet etwa „Gehen wir in die Disco“. „Schaust ua bombä aus“ heißt „Du bist sehr hübsch“. Eigen ist zudem die Schreibweise der Krocha: Verwendet werden abwechselnd große und kleine Buchstaben. Und oft werden Buchstaben einfach ausgetauscht, zum Beispiel z statt s oder y statt i. Das Wort Buzzyyy (für Bussi) zum Beispiel schaut dadurch gleich sehr fremd aus und ist für uneingeweihte Nichtkenner der Szene nur schwer erkennbar.
„Als eigene Szenesprache würde ich das aber noch nicht bezeichnen“, meint Philipp Ikrath, Leiter des Hamburger Departements des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien. „Im HipHop beispielsweise gibt’s inzwischen eine sehr elaborierte Sprechweise, bei den Krochan dagegen sind’s bisher ja nur einige Phrasen. Diese sind aber auf jeden Fall wichtiger Teil des Szenecodes und dienen der Konstituierung und Verbreitung der Kultur.“
Das Styling-Erkennungsmerkmal der Krocha schlechthin sind Neonkappen. „Die Nachfrage ist sehr, sehr groß“, sagt Cosmos, Verkäuferin bei Trend Agent auf der Mariahilfer Straße. Vor drei Monaten wurden die Neon Flash Caps, wie sie richtig heißen, ins Sortiment aufgenommen. „Anfangs haben wir alle zwei Minuten ein Kapperl verkauft, in letzter Zeit durchschnittlich alle zehn Minuten“, berichtet Cosmos vom Kappenboom. Die Neon Flash Caps gibt es in über zwanzig Farben und kosten 7,50 Euro. Im Angebot hat Trend Agent auch Neonschlüsselbänder, Schuh- und Schweißbänder. Trotz des Verkaufserfolges ist der Neonstyle innerhalb der Szene umstritten. „Die Neonkappen sind seit drei Monaten aktuell“, sagt Krocha Krystian, „ich würde aber nie eine tragen.“ Auch Tänzer David zeigt sich wenig begeistert: „Neonkappen interessieren mich nicht, das ist schon wieder vorbei.“ Die beiden zieht es zum Einkaufen eher ins Untergeschoß des Kleiderhauses Peek & Cloppenburg in die Streetwearabteilung. Einer der Verkäufer beschreibt den Trend der Krocha folgendermaßen: „Je schriller, desto besser.“ Auch er hat den Drang nach Neonfarben erkannt, allerdings nicht bei Kappen, sondern bei T-Shirts, wo Neonprints angesagt sind. „Die Burschen stehen auf enge, dunkle Hosen und tragen sportliche Schuhe – in letzter Zeit gerne in Silber, Gold oder Lackoptik.“ Krocha-Klamotten sollen gut aussehen, dürfen aber nicht zu viel kosten. Bei den T-Shirts seien „grelle, flashige Farben“ angesagt.
Flashig ist auch eine gute Beschreibung für die Frisuren der Krocha, die sehr viel Wert auch auf den perfekten Haarschnitt legen. In den letzten Monaten sei man von Krochan im Alter von 15 bis 19 geradezu überlaufen worden, sagt Christina, die Geschäftsführerin des Friseurladens Young & Style. Zu Beginn der Bewegung sei der Trend bei den Burschen ganz stark in Richtung Vokuhila – vorne kurz, hinten lang, gerne auch geglättet – gegangen. Mittlerweile seien kurze Schnitte mit starken Konturen wieder angesagt. Oder Irokesen und Strähnchen in allen möglichen Farben. Die Krocha stehen auch auf Extensions, also Haarverlängerungen, „um Akzente zu setzen“. Bei den weiblichen Krochan sind einrasierte Muster an den abrasierten Seiten beliebt.

Der Ansturm der Krocha geht den Friseurinnen im Laden aber fast schon auf die Nerven. Christinas Kollegin Angi verdreht die Augen, als sie hört, dass ein Artikel über die Krocha erscheinen soll. Sie jammert: „Dann kommen ja noch mehr.“ Und es sieht fast so aus, als hätte Angi allen Grund, das zu befürchten – in den letzten Wochen ist ein regelrechter Hype rund um die Krocha-Bewegung entstanden. Nicht selten sieht man auf Krocha gestylte Zwölfjährige. In den Discos bleibt ihnen wegen der Altersbegrenzung der Zutritt zwar noch verwehrt, aber das kompensieren sie anscheinend mit übergroßen Neonkappen und extrabunten Palästinensertüchern. Auch Krystian von krocha.at berichtet sichtlich stolz von mittlerweile täglichen Anfragen von Werbepartnern und Medien.
Entwarnung kommt allerdings von Jugendforscher Philipp Ikrath: „Ich nehme an, dass es sich bei den Krochan um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Jugendkulturen wachsen ja, indem sie in den Augen von Außenstehenden einen gewissen Coolheitsfaktor haben. Krocha aber werden außerhalb ihres Kreises eher belächelt. Nicht die besten Anzeichen für eine Massenbewegung also.“
In der Diskothek Millennium hat inzwischen die 17-jährige Iris die Tanzfläche erobert, bekannt unter dem Kampfnamen Miss Krocha, mit dem sie auch auf You Tube vertreten ist, wo sie die User mit Komplimenten überhäufen. Wie man dort sieht, hat die Krocha-Miss das Krochn sogar mit Stöckelschuhen drauf. Auch im Millennium erntet sie bewundernde Blicke. Heute trägt Iris allerdings Ballerinas, „mit denen kann man besser tanzen“. Auch sonst verrät ihr Style viel über die weiblichen Krocha: Sie hat in der Unterlippe ein Piercing und schwarze Haare mit Stirnfransen, hinten schräg geschnitten. „Wichtig ist jede Woche Soli“, sagt sie und meint damit regelmäßige Solariumsbesuche. Das Krochn habe sie von Freunden gelernt, dass sie damit eines der wenigen Mädchen der Szene ist, dürfte ihr Selbstbewusstsein eher stärken: „Die Videos stelle ich auf YouTube, weil man so ein Talent nicht verbergen sollte“, sagt sie und schwirrt wieder ab auf die Tanzfläche.
Aus den Boxen dringt der Zillertaler Hochzeitsmarsch in der verkrocherten Version. Bei Stee Wee Bees „Ultimate Krocha Anthem“ bleibt hier im Millennium eben kein Tanzbein still.

Infos: www.krocha.at


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