Die Schwerarbeit der Schwerelosigkeit

Mit Peter Alexander verstarb der erfolgreichste Exporteur eines Österreichertums heiterer Harmlosigkeit

Zuletzt war Peter Alexander eine Art Marlene Dietrich von Wien: Eine Lichtgestalt der Unterhaltungsbranche hatte sich der Öffentlichkeit radikal entzogen. Dass er am selben Tag gestorben ist, an dem Thomas Gottschalk seinen Rücktritt als Moderator von „Wetten, dass …?“ bekanntgab, war die letzte Pointe seines Lebens. Gottschalk, der Samstagabendkönig der Post-Alexander-Ära, dankt ab, weil in seiner Show ein schwerer Unfall passiert ist. So etwas wäre Peter Alexander schon deshalb nie passiert, weil potenziell halsbrecherische Stunts nicht seinem Verständnis von Unterhaltung entsprachen.

Wer war Peter Alexander? Im Falter versuchen Franz Schuh, der den Entertainer jahrzehntelang aus der Ferne beobachtete, und Edek Bartz, der ihm als Tourneebegleiter nahekam, das Phänomen zu ergründen. Die Texte auf den beiden folgenden Seiten sind das Ergebnis von Gesprächen, die Klaus Nüchtern mit Schuh und Bartz geführt hat.

„Ein unglaublich begabter Mensch mit einem unfassbar guten Schmäh“

Philosophie: Franz Schuh

Peter Alexander habe ich durch meinen Wahlonkel kennengelernt – nicht nur Androsch hatte einen Wahlonkel! Meiner, Franz Stoß, leitete das Theater in der Josefstadt. Dort spielte er an der Seite der wunderbaren Schauspielerin Chariklia Baxevanos, die namentlich alles überstrahlte, weswegen ich mir auch seinen Namen seit Urzeiten gemerkt habe: Peter Alexander.

Peter Alexander ist damals mimend und auch bereits singend aufgetreten. Man sagt, dass er die Operettengattung im Film mit ermöglicht hat – jenes seltsame Genre, in dem Leute, von denen es schon unverständlich war, dass sie überhaupt sprechen, dann auch noch singen, um die Unverständlichkeit ihres Seins zu verschärfen. Bereits in jungen Jahren hatte Alexander Schmalz in der Stimme. Er verfügte über die Virtuosität im Unechten, die echte Operettenleute haben müssen, weil sonst der Juwelier in der ersten Reihe sein Eintrittsgeld zurückverlangt, wenn die auf der Bühne auf einmal „authentisch“ werden. Ich habe meinen Widerwillen gegen diese Art von Theater durch häufige Besuche ausgebildet und mich im Alter von 14 Jahren auch jäh von meinem Wahlonkel getrennt.

Die Geschichte von Peter Alexander handelt in meinen Augen davon, wie ein Mensch von der Kulturindustrie zurechtgehobelt werden kann und damit auch einverstanden ist. Peter Alexander Neumayer war ein unglaublich begabter, schauspielerisch-poetischer Mensch mit einem unfassbar guten und relativ unaggressiven Schmäh. Später war er dann die Verkörperung des total gewordenen Servicegedankens. Ob er damit glücklich war? Gemeinhin gilt, dass die Angehörigen seiner Generation, weil sie den Krieg erlebt haben, die größten Opfer der Anpassung noch als Glück empfanden.

Ein Beispiel für die Anpassungskultur des Peter Alexander ist das Lied „Das kleine Beisl“, mit dessen österreichischer Fassung er – im Unterschied zu Thomas Bernhard, der einen Titel wie „Verstörung“ bei seinem deutschen Verleger durchsetzen konnte – in Deutschland keine Chance hatte: Es musste „Die kleine Kneipe“ heißen. Nix Beisl! Im Unterschied zu Heinz Conrads hat Alexander in Deutschland nicht nur Fuß gefasst, sondern er gehörte dort zur Fernseh-Aristokratie. Als Aristokrat der Massenkultur konnte er auch einfach aufhören, als es ihm reichte. Wie alle erfolgreichen, erzkonservativen Leute war er der Meinung, dass es keine guten Regisseure und Drehbuchautoren mehr gibt.

Das Gegenteil von Peter Alexander ist Sacha Baron Cohen. Der ist ein Londoner Großstadtkind aus Hammersmith, und wie der Name Hammersmith schon sagt, spielt es sich dort anders ab als in Grinzing oder Döbling. Das Komische um all seine Ecken und Kanten zu bringen, ums Gemeine, ums Teuflische, wie das die Kunstfigur Alexander vollbrachte, ist eine ungeheure Arbeitserschwernis! Komik besteht nicht zuletzt aus Rau- und Rohheiten, und diese auf eine Konsensebene zu heben, auf der sich möglichst viele finden, hat nicht einmal das Anpassungsgenie Harald Schmidt in „Verstehen Sie Spaß?“ zustandegebracht. Die Abrundung des Komischen ist eine Leistung, an der sich Reinhardt-Seminaristen – Peter Alexander war selbst einer – bis ans Ende ihrer Tage etwas abschauen können.

Die Entsexualisierung der Sexualität war wesentlich für die Kulturindustrie der 50er-Jahre, und auch gesanglich hatte Peter Alexander in Caterina Valente dafür eine kongeniale Partnerin. Es ist erstaunlich, dass der Idyllendruck, von dem nicht zuletzt die Verkumpelung der Geschlechterverhältnisse in diesen Filmen zeugt, nicht ein paar mehr Serienmörder hervorgebracht hat. Man darf die übermenschliche Kunstanstrengung Peter Alexanders nicht übersehen. Sie ist ihm signifikant besser gelungen als Roy Black, der das Substrat, auf dem das alles aufbaut – nämlich den eigenen Körper –, bis zum letzten Atemzug aufbrauchen und zerstören musste. Bei Alexander hat die Frau an seiner Seite mit Sicherheit eine unglaubliche Rolle gespielt. Denn genau für diese Kunstanstrengung, für die Abdichtung seiner selbst als Kunstfigur, brauchst du ein Milieu, in dem du dich „zu Hause“ und entlastet fühlen kannst.

Im Rückblick scheint Peter Alexanders Umgang mit seiner Prominenz Würde auszustrahlen, aber dieser Eindruck hängt mit unserer Nostalgie zusammen, die frühere Verhältnisse – nicht immer zu Unrecht – bevorzugt. Die mediale Gesellschaft hat ja damals überhaupt erst zu lernen begonnen, aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit Prominente herauszuschlagen – wie in einem Bergwerk. Wo früher 1 (in Worten: ein) Prominenter war, sind heute hunderte, und der eine konnte leicht würdig sein.

Der Stil, den Peter Alexander in den Fernsehshows gepflogen hat, wurde nicht von ihm allein erfunden. Da gab es vorher Peter Frankenfeld, und es gab ein ganzes Repertoire von Anknüpfungsmöglichkeiten, so wie ja auch die frühe Josefstadt ein Boulevardtheater war, das Traditionen aufrechterhielt, die sich im Film und im Fernsehen gut revitalisieren ließen.

Der Schmerz, den auch Politiker angesichts des Ablebens von Peter Alexander äußern, hängt wohl damit zusammen, dass unsere Kultur bald nur noch eine Gedenkkultur sein wird: Jeden Tag werden wir uns an die eine und den anderen erinnern können, der vor 20, 30, 50 oder 100 Jahren gestorben ist. Zu den Erinnerungswerten der Vergangenheit kommen dann die, die gerade gestorben sind und derer wir sofort gedenken müssen. Stets hebt ein Streit an, wer dieser oder jener Größe gedenken darf und wessen Gedenken eine Unverschämtheit ist! So hält der Tod ein für allemal Einzug ins fröhliche Treiben der Kultur. Es sind Automatismen der Gleichgültigkeit, die hier ablaufen und die auch die Einhaltung eines postmodernen Gebotes verbürgen, nämlich dass zwischen E- und U-Kultur auf keinen Fall unterschieden werden darf. Zwischen Kreisky und Alexander herrscht am Ende kein Unterschied. Und Kultur ist dann ein Konglomerat, das vom Leichengift der Toten durchdrungen ist.

„Nach der Show ist er auf sein Zimmer gegangen“

Phänomenologie: Edek Bartz

Peter Alexander war wirklich ein Volkssänger, anders kann ich’s nicht benennen. Diesen vollkommen klaren, unbeirrbaren Weg, den er gegangen ist, mit dieser Professionalität – das hat es im deutschsprachigen Raum sonst nicht gegeben. Vergleichbar ist er da nur mit den großen amerikanischen Entertainern, mit Leuten wie Paul Anka oder Sammy Davis jr.

Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre war Peter Alexander in Wien schon ein großer Star. Aber es gab diese Möglichkeiten für Live-Auftritte noch gar nicht. Jemand wie Peter Kraus ist im Volksgarten aufgetreten und hat danach tausend Leuten ein Autogramm gegeben. Ich kannte Alexander natürlich aus dem Radio und dem Fernsehen, habe ihn aber irgendwann einfach aus den Augen verloren. Ich wusste schon, dass er Shows und Schallplatten macht, hatte aber keine Ahnung von der Dimension. In den 80er-Jahren dann war er bei Lippmann+Rau unter Vertrag, einem der größten Veranstalter Europas. Er wechselte von Polydor zur deutschen Ariola, und damals kam es zu einer Zäsur: Die Highlights der Shows waren zwar auch weiterhin die Wiener Sachen – „Ich hab’ mich so an dich gewöhnt“, „Sag’ beim Abschied leise ‚Servus‘“ … –, aber die Basis bildeten jetzt ganz entsetzliche deutsche Schlager.

Ich habe mit dem Fritz Rau damals gestritten und gemeint: Du machst die Rolling Stones oder Procul Harum, und dann kommst du mit so einem Kommerzding daher! Aber der Fritz hat eisern zu ihm gehalten und kein einziges böses Wort zugelassen. Er meinte sogar: „Für mich sind Mick Jagger und Peter Alexander wie meine eigenen Söhne.“ In den 60er- und 70er-Jahren war es ein Affront, diese beiden Namen überhaupt im selben Satz zu nennen!

Peter Alexander war kommerziell ein unglaublich wichtiger Act, weil er einfach die Leute gebracht hat. Er konnte in Deutschland, Österreich und der Schweiz ja Stadt für Stadt durchspielen. Wichtig war nur, dass die Hallen nicht weniger als 4000 Leute fassen durften. Dass jemand in Düsseldorf oder Innsbruck auftritt und am nächsten Tag 50 Kilometer weiter noch einmal eine Halle in der gleichen Größenordnung füllt, das hat sonst keiner geschafft. Eines Tages stieg ich aus dem Bus, wir standen irgendwo im Gemüse. Weit und breit kein Haus zu sehen, aber die Halle war da. In der sind üblicherweise Tiere versteigert worden oder was weiß ich. Und am Ende so einer Tournee, die oft über Monate gegangen ist, hatten ihn dann vielleicht 800.000 oder 900.000 Leute gesehen.

Es waren irre Shows, immer mit Bigband, wobei er auch hier von der österreichischen Johannes Fehring Big Band zur deutschen Paul Kuhn Big Band gewechselt hat. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, glaube aber, es hatte auch damit zu tun, dass er vor jedem Konzert nicht nur einen Soundcheck, sondern eine richtige Probe angesetzt hat. Dazu hatte die Wiener Partie wohl keine Lust, worauf sie die Hilde (Peter Alexanders Frau, Red.) einfach rausgeschmissen hat. Die beiden haben ja so eine Art Good-Cop-/Bad-Cop-Spiel durchgezogen. Er hat gesagt: „Das mach ich doch gerne …“, und dann kam sie und sagte: „Nein!“ Sie war sogar für heutige Verhältnisse knallhart. Wir haben das damals furchtbar gefunden, heute würde man sagen: Superprofi!

Als ich zur Tourneebegleitung eingeteilt wurde, musste ich mich vorstellen, und Hilde meinte, ich solle mir was Anständiges anziehen. Gemeint waren offenbar Anzug oder Sakko. Ich hatte mir das ja als Superjob ohne viel Anstrengung und die üblichen Rock-’n’-Roll-Dramen vorgestellt, bei dem ich hinter der Bühne ein bisschen lesen und Musik hören kann. Allerdings wurde ich gleich beim ersten Konzert auf die Bühne beordert. Jetzt: warum? Es war unglaublich: Kaum geht er auf die Bühne, kommt schon die erste Oma und bringt ihm ein Geschenk. Und das ging den ganzen Abend so – vom ersten bis zum letzten Lied: Blumen, Weinflaschen, selbstgebackene Kuchen, selbstgestrickte Pullover …

Meine Aufgabe bestand darin, die Geschenke an mich zu nehmen und hinter der Bühne abzulagern. So was hatte ich überhaupt noch nicht gesehen: diese Liebe des Publikums! Wenn einem der bloß ganz gut gefällt, strickt man ihm kein Paar Handschuhe, wo rechts „Peter“ und links „Alexander“ draufsteht. Und er hat allen bis hinauf zum letzten Galerieplatz vermittelt, dass er für sie da ist und sich für ihr Leben interessiert – aber eben nicht auf eine anbiedernde Art. Ohne dieses Phänomen kann man Peter Alexander nicht begreifen! Die Menschen sind vor Freude taumelnd aus den Hallen gekommen, sodass man sich dachte: Die haben gerade etwas ganz, ganz Großes und Unvergessliches erlebt. Und so war es auch.

Ich selbst habe das zu Beginn natürlich belächelt. Erst als ich auf den Tourneen mitbekommen habe, was der Tag für Tag leistet, hat sich das geändert. Er war einfach in allem, was er gemacht hat, extrem gut: als Schauspieler, als Sänger, als Tänzer … Beim Soundcheck hat er dann auf einmal Boogie gespielt oder einen Jazz-Standard gesungen. Man hat sich gedacht: Wow, das kann er auch noch! Das Interessante aber war, dass er das nie rausgelassen hat. Er war überhaupt nicht eitel und wollte niemandem beweisen, dass er der österreichische Sinatra ist. Und er hätte es sich leisten können, ein Las-Vegas-Album aufzunehmen. Hat er aber nicht. Es gab kein exzentrisches Essen, keine exzentrischen Weine, überhaupt keine Exzentrik. Das war mir schon auch sehr unheimlich. Diese Biederkeit, die er verkörpert und auch gelebt hat, konnte ich gar nicht glauben.

Er war wirklich ein Schwerstarbeiter: Proben, dann zweieinhalb, drei Stunden Konzert und danach noch zwei Stunden Autogramme schreiben! Und vom kranken Kind bis zum Bergbauern hat er alle mit der gleichen Gleichmut und Freundlichkeit behandelt. Auf einer Tournee ist man ja wirklich viel zusammen, und ich habe mir gedacht: Da muss es noch einen anderen Peter Alexander geben. Es gab aber nur den öffentlichen. Nach der Show ist er auf sein Zimmer gegangen und war bis zum nächsten Tag in der Früh nicht mehr zu sehen: zehn Uhr – Peter weg; zehn Uhr – Peter da. Als Privatperson war er gar nicht sichtbar, buchstäblich nicht. Hätte ich nicht gewusst, wie er privat aussieht, hätte ich ihn auf der Straße mit Steirerhut und Lodenmantel auch nicht erkannt. Er hat ganz anders ausgesehen.

Aus meiner Sicht muss er steinreich gewesen sein. Wahrscheinlich hat er mehr verdient als die Rolling Stones. Er war ja Produzent seiner eigenen Fernsehshows und konnte es sich leisten, eine fertig produzierte Show nicht ausstrahlen zu lassen, weil er sie nicht für gut genug hielt.

Mir hat auch das Ende sehr imponiert: Dass einer nicht eine und noch eine Abschiedsshow gibt, sondern sagt: „Aus!“ – und es auch aus ist. Danach gab es keinen Peter Alexander mehr in der Öffentlichkeit. Das musst du erst einmal können! Ich bin ja nicht sentimental und für so was nicht sehr empfänglich, aber wie der ein letztes Mal „Sag’ zum Abschied leise ‚Servus‘“ singt und sich damit vom Publikum, aber eigentlich auch vom Leben verabschiedet hat, ist mir schon der kalte Schauder über den Rücken gelaufen. Und er hat es natürlich ganz genau gewusst, wie es funktioniert. Man sagt oft: „Der setzt das ein.“ Das hat er sicher auch getan, bloß: Bei ihm hast du’s nicht gemerkt.

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