Her mit Omas Handtasche!

Die Vintage-Mode ist die Lösung für alle, die teure Marken und Massenware „Made in China“ satthaben

Ihren Divenlook trägt Mira Kolenc bereits seit elf Jahren, dabei ist die Studentin gerade einmal 26 Jahre alt. Porzellanteint, dünner Lidstrich, kinnlange dunkle Haare in weicher Wasserwelle und rot geschminkte Lippen, dazu fast ausschließlich Röcke, meist sogar elegante Kostüme – das ist ihre Alltagskluft. Warum sich die junge Frau so für den Chic der Hollywood-Diven aus den 50er-Jahren begeistern kann? „Ich mag die kurvigen Schnitte und die wunderschönen Stoffe“, sagt sie.

Nach diesem Prinzip lebt nicht nur Kolenc, der Vintage-Trend hat viele Anhänger. Sie treffen sich etwa einmal im Monat an einem Sonntag beim Tingel-Tangel-Flohmarkt in der Transporter Bar in der Wiener Kettenbrückengasse. Hier hängen Louis-Vuitton- und Jil-Sander- neben No-Name-Taschen, ein Kleid aus den 60ern zwischen einem echten Burberry-Trenchcoat oder Retroturnschuhen. Stylische junge Leute stöbern in Kisten, probieren an oder feilschen um den Preis.

Manche behaupten, Vintage sei nur das edlere Wort für das, was früher Secondhand war. Nur, dass man getragene Kleider, die mit diesem Etikett geadelt werden, um mehr Geld verkaufen kann. Aber ganz so ist es nicht. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Weinkultur und bezeichnet einen besonders guten Jahrgang. Auf die Mode übertragen bedeutet er, Stücke zu tragen, die den Stil der Epoche von 1920 bis 1972 exemplarisch wiedergeben – und natürlich einwandfrei erhalten sind.

Spätestens als die Schauspielerin Julia Roberts 2001 in einem neun Jahre alten Kleid von Valentino ihren Oscar entgegennahm, wurde Vintage zum Massenphänomen – auch wenn die schwarze Robe strenggenommen noch zu jung für echtes Vintage war. Seit die Ausstatter der amerikanischen TV-Serie „Mad Men“ Tellerröcke, Twin-Sets und schmal geschnittene Herrenanzüge ins rechte Studiolicht rückten, werden die Fifties wiederentdeckt.

Designer wie Marc Jacobs kreieren eigene Vintage-Kollektionen, verstaubte Namen wie Sonia Rykiel, Lanvin, Rochas, Guy Laroche und Halston erleben einen zweiten Frühling, und H&M und Co werben mit dem inflationären V-Wort für auf gebraucht getrimmte Retromodelle.

Der Vintage-Trend ist Teil der Modeindustrie geworden. Verwertet von genau jenen Großkonzernen, gegen die sich die eingeschworene Vintage-Gemeinde mit dem bewussten Rückgriff auf Bewährtes, Handgemachtes und Gebrauchtes wehrt. Für sie ist Vintage mehr als Schnäppchenjagd, es ist eine Lebensphilosophie. Eine Antwort auf die Wegwerfgesellschaft ebenso wie auf das immer gleiche Warenangebot der Schaufenstermultis mit ihren globalisierten Massenproduktionen in China, Indien und Bangladesch.

Denn wer gebrauchte Einzelstücke trägt, verwirklicht nicht nur die größtmögliche modische Individualität. Er spielt auch mit einem komplexen Codesystem. Nichts ist einfacher, als mit einer neuen, teuren Markenhandtasche mit gut sichtbarem Logo ein Status-Statement zu setzen. Vintage erfordert dagegen Kenntnis der Mode- und Designergeschichte und Geschick beim Kombinieren. Geld spielt dabei nicht notwendigerweise die Hauptrolle, echte Begeisterung sowie Zeit zum Stöbern und Suchen allerdings schon. „Das macht den Vintage-Trend demokratisch und für junge Menschen attraktiv und leistbar“, sagt die Leiterin der Kostüm- und Modeabteilung der Universität für angewandte Kunst, Elisabeth Frottier.

Auch in Wien blüht der Vintage-Markt, in edlen Boutiquen genauso wie bei halbprivaten Verkäufen wie Tingel-Tangel – oder Online. Nur eines ist tabu: Mottenkugelgeruch. Wer edle Stücke aus der Vergangenheit sucht, muss keine Schutzhandschuhe mehr tragen.

Etwa bei Garderobe. Im kleinen Geschäft des Austrorussen Vadim Pewsner in der Spiegelgasse im ersten Wiener Bezirk riecht es nach Boudoir. In einer Vitrine liegen ausgesuchte Schmuckpreziosen aus den 30er- bis 50er-Jahren. Prunkstück ist eine Affenkopfbrosche von Joseff of Hollywood. Der Österreicher mit jüdischer Herkunft emigrierte nach Amerika, wo er Filme wie „Vom Winde verweht“ ausstattete. Auch im schmalen Geschäft mit dem programmatischen Namen Vintage in Vienna von Carlotta Bach in Mariahilf erinnert nichts an Secondhandmief.

Auf fragilen Glasregalen sind alte Krokohandtaschen, silberne Puderdosen und psychedelisch gemusterte Plateauschuhe arrangiert, gegenüber hängen Abendroben, unter anderem vom ehemaligen Ausstatter der Opernballgesellschaft, W.F. Adlmüller. Eine davon erlebte ihr Debüt in einer Loge, Seite an Seite mit Caroline von Monaco, weiß Bach zu erzählen. Solche modernen Reliquiengeschichten gehören beim Vintage-Kauf dazu. „Ich erlebe immer wieder, dass Kunden die Vorgeschichte eines Teiles hören wollen. Und auch die Damen, die mir Ware bringen, freuen sich, vom neuen Lebensabschnitt ihres besten Stücks zu hören.“

Bach lernte den Vintage-Trend in England kennen. Ursula Wagner begegnete ihm im Zuge der großmütterlichen Wohnungsauflösung in Form eines Plastiksackerls, in dem sie das Brautkleid der Verstorbenen aus den 30er-Jahren fand. „Wochenlang stand das Sackerl bei mir zu Hause herum“, erzählt Wagner. „Ich grübelte, was ich damit machen soll. In dem Kleid steckt so viel Geschichte. Beim bloßen Ansehen und Angreifen kommen Emotionen hoch, dagegen tut sich bei einem H&M-Fetzen gar nichts.“ Wenn es ihr so geht, fühlen andere vielleicht ähnlich, dachte sie und gründete das Label Fräulein Kleidsam. Auf ihrer Homepage kann gustiert, bei alle sechs Wochen stattfindenen Pop-up-Stores dann gekauft werden. Omas Brautkleid hat Ursula Wagner nie verkauft. Vielmehr hat sie beschlossen – sollte es einmal so weit sein –, selbst darin zu heiraten.

„Dass eine Generation die Modewelt der Großeltern neu entdeckt, ist nicht neu“, sagt Modehistorikerin Frottier. „In meiner Jugend kramten wir auf Flohmärkten nach weißer, feiner Baumwollunterwäsche und Spitzenachthemden und nannten das Nostalgielook. Das war wohl unsere Reaktion auf die damals aktuelle Kunstfasermode und die vergleichsweise grellen Farben.“

Die Begeisterung für die kurvigen Schnitte der Nachkriegsjahre erklärt sie sich mit dem Überdruss am Casual-Style und der Unisexmode sowie mit einer Sehnsucht nach den gesellschaftlichen Formen, die mit anlassbezogener Mode einhergehen. Nicht umsonst ist der Bestseller der preisgekrönten „Mad Men“-Ausstatterin Janie Bryant nicht nur Mode-, sondern auch Benimmfibel (siehe Buchempfehlungen).

Aber was steckt hinter der Begeisterung für die modischen Ikonen aus der Zeit des Swings? Sehnen wir uns nach der heilen Welt der Wiederaufbaujahre? „Retro-Phänomene treten immer dann auf, wenn sich in einer Gesellschaft der Innovationsglaube erschöpft hat, sie sind auch ein Krisenzeichen“, glaubt der Historiker Siegfried Mattl. „Die 50er-Jahre waren noch ein genuin utopisches Jahrzehnt. Es gab diesen starken kollektiven Wunsch nach Neuem – sei es ein neuer Stil, eine neue Technik, eine neue Lebensform. Fortschritt war greifbar. Er konnte noch in Form einer neuen Waschmaschine ins Leben treten. Heute müssen wir uns abstrakte Dinge wie Biotechnologie vorstellen. Es gibt keine konkreten, mit Gegenständen verknüpften Zukunftsvisionen mehr, also frönen wir dem idealisierten Entwurf des Vergangenen.“

Vielleicht geht es aber auch einfach um die Sehnsucht nach Qualität. „Menschen schätzen schöne, alte Kleidung, weil sie aus einer Zeit stammt, als es das Wegwerfen nicht gab“, sagt Ruth Sprenger. Sie ist klassische Herrenkleidermacherin, ihre kleine Werkstatt im sechsten Bezirk schaut nicht viel anders aus, als es vor 40 Jahren in den Wiener Modesalons noch üblich war. Damals gab es Häuser mit so malerischen Namen wie „Etoile“ oder „Elysee“ mit einer englischen und französischen Schneiderwerkstatt, die eine war für Sakkos, Jacken und Mäntel zuständig, die andere für Kleider und Blusen. Meistens lebten sie davon, Pariser Schnittmuster der aktuellen Saison für das gehobene Wiener Publikum zu interpretieren. Eine Ausnahme ist die völlig in Vergessenheit geratene Couturière Gertrud Höchsmann, eine echte Stilpuristin.

Wer in einem der Wiener Vintage-Läden ein Ensemble mit Etiketten aus diesen Manufakturen aufstöbert, wird Verarbeitungstechniken entdecken, die heute nur noch wenige beherrschen, wie zum Beispiel Sprenger. Mit Steifleinen oder Rosshaareinlagen unterlegte Sakkos, etwa. Doppelt aufgearbeitete Cocktailkleider mit ungewohnten kleinen Stoffeinlagen unter den Achseln – Schweißblätter, die den Stoff schützen. Mäntel, deren Knopflöcher exakt im Stoffmuster verarbeitet sind – handgenäht, selbstverständlich. „Nicht einmal solche Stoffe gibt es mehr. Das Innenleben von Sakkos wird geklebt, selbst bei hochpreisigen Marken. Manchmal fühle ich mich wie ein Fossil.“

Auch Odette Baldini kann es so gar nicht nachvollziehen, dass die, die es sich leisten können, lieber in die Geschäfte von Prada und Gucci laufen und sich um viel Geld „Made in China“ kaufen, anstatt in handgefertigte Vintage-Teile mit Geschichte zu investieren. „Please, don’t touch!“ hängt neben den Vintage-Kreationen in ihrer Modegalerie in der Göttweihgasse im Herzen von Wien. Die zierliche dunkelhaarige Frau hat ihr Wissen über Vintage und ihre exquisiten Modelle aus Paris, vom französischen Vintage-Experten und Sammler Didier Ludot. Baldinis persönliches Lieblingsstück ist ein Haute-Couture-Mantel von Christian Dior aus dem Jahre 1969 für 2000 Euro.

Bei allem Spielerischen, das Vintage hat, geht es wie bei jedem Trend auch ums Geschäft. Der Kunstmarkt ist immer wieder auf der Suche nach neuem Material. Alltagskulturgegenstände als Sammlerobjekte zu veredeln kann einträglich sein. Sotheby’s eröffnete im Jahr 1998 das Altmodengeschäft mit der Auktion „Nothing To Wear“, eigene Modeabteilungen wurden bei Christie’s in London, Paris oder München etabliert. Im Wiener Dorotheum sind sie dennoch die Ausnahme. 1991 wurde der Adlmüller-Nachlass versteigert. „Finden Sie einmal ein historisches Kleid, das Ihnen passt – und wer will es beim Ausführen dann gefährden? Accessoires haben einfach mehr Potenzial“, meint Dorotheum-Geschäftsführer Martin Böhm,

Dennoch lassen sich mit dem Label „Made in Austria“ am internationalen Vintage-Markt Geschäfte machen. Seit zweieinhalb Jahren betreiben die beiden Schwestern Eva und Sophie Plainer aus Salzburg ihren Onlinestore bowsandbandits.com, über den sie, wie sie es nennen, Austrian Vintage mit Rock-’n’-Roll-Chic in die ganze Welt verkaufen. Dazu zählen vor allem enger genähte und auf Knielänge gekürzte Dirndlkleider ohne Schürze, Strickjacken, Hüte und Taschen.

Aber wie erkennen, was irgendwann einmal abgetragen im Altkleidercontainer landet und was Sammlerwert hat?

Für die Kostüm- und Modesammlung der Angewandten werden neben Stücken der Couturiers Adlmüller und Höchsmann inzwischen auch Werke des Wiener Minimalisten Helmut Lang angekauft, der sich 2005 aus dem Modegeschäft zurückgezogen hat und seine Kleidungsstücke schon Ende der 90er mit dem ganz und gar Vintage-gemäßen Zusatz „produced in 1997“ versehen ließ. Die Leiterin der Modesammlung des Wien Museums, Regina Karner, fahndet nach Zeitgeistteilen aus vergangenen Jahrzehnten und nach Einzelstücken der untergegangenen Wiener Salonschneiderwelt. Herrenschneiderin Sprenger kramt ihr schwarzweißes Einnähetikett aus einer alten Kommode hervor. „Vielleicht ist das in 50 Jahren auch Vintage“, sagt sie und lächelt.

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