Auf die Hitze folgen extreme Unwetter, weiß Michael Staudinger. Als Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ist er quasi Österreichs oberster Meteorologe und weiß, dass die Stadt den Klimawandel ganz besonders spürt. Politik, Architektur und Rettungskräfte stehen vor neuen Problemen, erklärt der Forscher im Interview.
Falter: Herr Staudinger, derzeit erleben wir immer wieder Temperaturen über 35 Grad Celsius. Kostet eine derartige Hitzewelle Menschenleben?
Michael Staudinger: Sicher. Die Hitze untertags, die große Feuchtigkeit und zu warme Nachttemperaturen sind eine riesige Belastung für kreislaufempfindliche und ältere Menschen. In solchen Perioden steigen die Mortalitätsraten deutlich.
In welchem Ausmaß?
Staudinger: Pro Tag sterben in Österreich rund 100 Menschen. In derartigen Hitzeperioden, wenn die gefühlte Temperatur auf mehr als 41 Grad Celsius steigt, gibt es um 14 Prozent mehr Todesfälle. Das sind 14 Tote pro Tag und circa 100 Tote pro Woche mehr in Österreich.
Woran erkranken die Menschen denn?
Staudinger: Kreislaufkollapse, Herzinfarkte, Dehydrierung mit Krämpfen und Hitzeschlag treten häufiger auf – typische Erkrankungen für Menschen über 60, die auf hohe Temperaturen wesentlich empfindlicher reagieren. Die Hitze gibt den Menschen den Rest.
Wird unterschätzt, wie gefährlich so hohe Temperaturen sind?
Staudinger: Leider ja. Kreislaufkollapse, Herzinfarkte sind klassische Hitzekrankheiten. Die Rettungskräfte interpretieren das medizinisch richtig, nur in der Statistik wird die Hitze nicht als Ursache angeführt. Die Hitze ist eine unsichtbare Gefahr. Wenn eine Lawine wo runtergeht, dann donnert und kracht es, man kann die Lawine sehen. Im Vergleich dazu wirkt die Hitze weniger dramatisch.
Kann die Politik da überhaupt etwas tun? Das Wetter kann sie ja nicht beeinflussen.
Staudinger: Stimmt, aber sie kann Maßnahmen ergreifen. Im Jahr 2003 gab es eine extreme Hitzewelle. Die Schätzungen gehen von 25.000 bis 30.000 Toten in ganz Europa aus. Auch gab es damals sehr viele Stromausfälle, die Infrastruktur war sehr belastet. Die Franzosen haben daraufhin den „Plan canicule“ eingeführt, den sogenannten Hundstageplan. Der Staat versucht, die Zahl der Hitzetoten niedrig zu halten.
Wie funktioniert das?
Staudinger: Ab einer gewissen Temperatur werden freiwillige Helfer eingeschaltet. Die gehen durch die Nachbarschaft und holen die gefährdeten Menschen aus ihrer Wohnung heraus, bringen sie an gekühlte Orte wie Kirchen oder Supermärkte. Die französischen Gemeinden wissen, in welchen Häusern Menschen über 80 leben, die keine Klimaanlage haben.
Sollte es auch in Österreich so einen Notfallplan geben?
Staudinger: Das wäre sicher sinnvoll, ein paar Projekte gibt es auch schon bei uns. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Bundesland Steiermark zusammen. Dort werden Altersheime und Kliniken frühzeitig verständigt. Sie können Vorbereitungen treffen, den Leuten ausreichend zu trinken geben oder Patienten vom Südzimmer in einen kühleren Flur bringen.
Bei der derzeitigen Hitzewelle fragt man sich: Ist das noch normal, oder ist das schon der Klimawandel?
Staudinger: Es ist Teil eines Trends. Natürlich gab es schon in der Vergangenheit Tage über 30 Grad, aber sie werden deutlich mehr. Das ist eine Facette der Klimaänderung. Es gibt unterschiedliche Szenarien, aber im Grunde kann man sagen: Bis zum Ende des Jahrhunderts wird sich die Zahl der Hitzetage mindestens verdoppeln.
Ist das wirklich so gesichert? Oft bekommt man den Eindruck, die Klimaforscher sind sich da nicht so einig.
Staudinger: Die Klimaforscher sind sich schon einig. Sie diskutieren lediglich unterschiedliche Modelle, wie sich das Klima in Zukunft ändern wird. Die Modelle beziehen unterschiedliche Faktoren ein, laut Modell A steigt dann die Temperatur um 2,1 Grad Celsius, laut Modell B um 2,5 Grad. Natürlich haben solche Prognosen nur einen begrenzten Grad an Genauigkeit, immerhin werden höchst komplexe Phänomene berechnet. Aber eines kommt in jedem einzelnen Modell heraus: Es wird wärmer. Für Österreich hat das ja zum Teil auch positive Faktoren. Im Oktober kann man baden gehen, oder der Sommertourismus wird attraktiver.
Haben wir Österreicher Glück mit dem Klimawandel? Wir erleben derzeit fast einen mediterranen Sommer.
Staudinger: Stimmt, nur wenn man am Meer lebt, ist die mediterrane Sonne lustiger als bei 35 Grad im Büro. Abseits unserer persönlichen Empfindlichkeit stehen wir global vor riesigen Problemen: etwa der Wasserknappheit und der zum Beispiel heuer gefährdeten Getreideproduktion in der Ukraine und Weißrussland. Das beeinflusst die Rohstoffpreise, und das betrifft uns dann auch.
Kommen neue Flüchtlingswellen auf uns zu?
Staudinger: Wenn bestimmte Gebiete nicht mehr bewirtschaftbar sind, kommt es sicher zu neuer Migration. Entscheidend ist aber auch die Technik: Wasser zu entsalzen ist schon heute möglich, aber teuer. Vielleicht wird diese Technologie in Zukunft günstiger und macht Landwirtschaft selbst in trockenen Gebieten interessant. Das hängt alles vom Preis ab, unsere Niederschlagsmodelle zeigen jedenfalls: Der Mittelmeerraum bekommt ein riesiges Problem, in Spanien zum Beispiel geht es beim Grundwasserspiegel schon bald an die Reserven.
Sie haben es schon angesprochen: 35 Grad im Büro sind kein Spaß. Wird die Hitze vor allem in der Stadt zum Problem?
Staudinger: In der Tat ist Hitze in der Stadt ein besonderes Problem. In der Nacht kühlt die Stadt weniger ab. Die Oberflächen sind versiegelt, es gibt wenig Verdunstung. Dabei hat die Verdunstung von Bäumen und Gras einen kühlenden Effekt. Wien ist sicher eine recht grüne Stadt, aber auch hier gäbe es Möglichkeiten für mehr Grün.
Was könnte man denn tun?
Staudinger: Nehmen wir die Innenstadt, eine Problemzone. Da könnte man vertikale Gärten anbauen, also zum Beispiel Gräser auf den Außenwänden wachsen lassen. Städte wie Paris praktizieren das bereits. Im Sofitel am Donaukanal gibt es innen so etwas auch schon, da wuchert eine grüne Wand.
Inwieweit kann die Stadtpolitik gegen die Hitze in Wien ankämpfen?
Staudinger: Sie kann Vorgaben für die Stadtplanung machen. Es gibt etwa Konzepte für die „weiße Stadt“. Da malt man Dächer weiß an, sodass die Strahlung zurück in die Atmosphäre reflektiert und nicht vom Haus absorbiert wird.
Ist das in Wien bereits ein Thema?
Staudinger: Ja, wir arbeiten gerade an einem Projekt: Wie sieht das Klima in der Stadt heute und in 20 oder 30 Jahren aus? Wie werden sich die einzelnen Stadtteile verändern? Wie die Temperaturen? Das ist ein erster Ansatz, um planen zu können, wie man das Klima in Zukunft etwas erträglicher gestaltet.
Was kam bei dieser Untersuchung heraus?
Staudinger: Es wird überall wärmer, aber in den Innenbezirken steigt die Temperatur noch ein bisschen mehr. Der Stadtkern ist besonders heiß, da könnte man vermehrt über Schattenwirkung sprechen. Zum Beispiel dass man bei größeren Projekten Lauben und überdachte Bereiche einplant, sodass die Menschen kurze Wege im Schatten zurücklegen können. Das macht das Leben in der Stadt gleich viel attraktiver.
Also muss sich die gesamte Architektur ändern?
Staudinger: Ja, viele Architekten bauen auch schon klimabewusst. Schattenzonen, Grünflächen, Durchlüftung und weiße Dachflächen sind wesentliche Maßnahmen. In den Köpfen vieler Architekten und Bautechniker tut sich da gerade einiges. Auch weil man sich dadurch Kosten für die Klimaanlage spart.
Wir haben viel über Hitze geredet, aber wenn die Temperatur steigt, hat das auch andere Auswirkungen aufs Wetter?
Staudinger: Absolut. Die Gewitter werden ein Riesenproblem. Wenn es so heiß ist wie jetzt und nur ein bisschen Kaltluft in der Höhe dazukommt, ist das eine explosive Mischung. Dann gibt’s extreme Gewitter, wie wir sie in den letzten Wochen erlebt haben. Das liegt an den Wolken, die in der Hitze höher aufsteigen.
Das müssen Sie jetzt erklären.
Staudinger: Üblicherweise steigen Wolken bei uns auf zehn, zwölf Kilometer. In den vergangenen Wochen erreichten wir mit 15 Kilometern fast schon tropisches Niveau. Dann werden die Wolken intensiver, steigen weiter auf, halten mehr Wasser, und die vertikale Strecke, in der sich die Regentropfen bilden, wird länger. Das bringt mehr Niederschlag.
Alles nur, weil die Wolke aufsteigt?
Staudinger: Ja, die Tröpfchen werden größer und der Niederschlag intensiver. Das sind dann diese bedrohlichen schwarzen Wolken, bei denen wir Meteorologen ganz nervös werden. Die entladen sich dann, und es gibt ganz kleinräumig extreme Gewitter. Vor ein paar Jahren war es im achten Bezirk so, da wurde die Josefstädter Straße plötzlich zu einem Wildbach. Dort hat es 70, 80 Millimeter in einer Stunde geregnet. Einen Kilometer entfernt war der Niederschlag nur mehr ein Bruchteil davon. Für die Stadt-Infrastruktur ist so etwas ein Riesenproblem, damals gab es lokale Überschwemmungen und in zwei Bezirken einen Ausfall der Energieversorgung.
Sollte es eine Art Wiener Wetterplan geben, wo sich die Stadt auf die meteorologischen Herausforderungen der nächsten 20 Jahre vorbereitet?
Staudinger: Nennen wir es lieber Klimaplan als Wetterplan. Aber ja, das wäre eine extrem wertvolle Sache. Es gibt Städte, die klimatische Elemente schon sehr stark in ihre Stadtplanung eingebaut haben. Freiburg berücksichtigt das zum Beispiel in der Architektur, der Energie- und der Verkehrsplanung. Sie fördern auch den Grünanteil massiv. Für Wien wäre es sicherlich interessant, sich solche Städte im Detail anzusehen.


