“Mir wird nie fad”

Der Architekt Wolf D. Prix über seinen Rücktritt, das hässlichste Gebäude Wiens und spanische Fußballstrategien

Mit einer knappen Mitteilung gab der Architekt Wolf D. Prix letzte Woche bekannt, dass er die Universität für angewandte Kunst verlassen werde. Damit tritt eine Symbolfigur ab, die dem Institut für Architektur fast 20 Jahre lang ihren Stempel aufdrückte. Prix brachte Stars wie Zaha Hadid an den Stubenring, beide nahmen auch am Wettbewerb für den Ausbau der Angewandten teil. Im Sitzungszimmer der Coops in einem alten Loftgebäude am Bacherplatz rotieren die Ventilatoren. Indigniert registriert Prix die luftige Bekleidung des Journalisten und gibt sich auch im Interview gewohnt angriffslustig.

Falter: Haben Sie sich so das Ende Ihrer Beamtenlaufbahn vorgestellt?

Prix: Einmal Beamter, immer Beamter gilt selbstverständlich nicht für mich! Ich bin ja bereits als Lehrer emeritiert. Aber ich bin ersucht worden, das Institut noch weitere zwei Jahre zu leiten.

Was wollen Sie mit dem Rücktritt signalisieren?

Prix: Es gibt in unserem beamteten Rektorat Entscheidungen, die ich weder mittragen kann noch mittragen will. Ich kritisiere, dass sich die Angewandte ohne Widerspruch von der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft, die Red.) oder dem Ministerium oder von beiden zusammen zwingen lässt, gemeinsam mit der Akademie der bildenden Künste in das hässlichste Gebäude von Wien zu ziehen. Es ist ja zum Lachen, die WU-Studenten dürfen in ihre neuen Gebäude im Prater ziehen, und unsere Studenten werden in die verkommensten verbannt. Es heißt zwar, der Um- und Neubau des Universitätsgebäudes am Ring werde nach drei Jahren vorbei sein. Das ist naiv! Die Neuadaption der Angewandten wird viel länger dauern.

Sie selbst hätten es also nur ein Jahr in dem Gebäude aushalten müssen.

Prix: Ich denke nicht nur an mich, sondern an die Zukunft der Schule und an das, was wir zusammen aufgebaut haben, das internationale Netzwerk und den internationalen Ruf. Für eine Kunstuni, die sich die revolutionäre Ästhetik auf die Fahnen geschrieben hat, ist es mehr als peinlich, in solch ein Gebäude zu ziehen, ein Haltungsschaden.

Ist die Kategorie „hässlich“ in der Architektur nicht ein heikler Begriff?

Prix: Da streiten Sie mit dem Falschen. Wenn ich hässlich gut meine, sage ich gut hässlich.

Was stört Sie an dem Plan sonst noch?

Prix: Dass dahinter eine Absicht steckt. Seitdem ich an der Angewandten tätig bin, forciert das Ministerium, wohl aus ökonomischen Gründen, eine Zusammenlegung der Architekturinstitute. Das ist eine Attacke auf die Vielfalt. Eine Stadt wie Wien muss sich doch drei Architekturschulen leisten können.

Sie sehen sich also von Rektor Gerald Bast zu wenig unterstützt?

Prix: Ich bin darüber entsetzt, was Gerald Bast zulässt. Dass ein Architekt, der nicht zum Institut gehört, mit dem Projekt der Erweiterung der Angewandten beauftragt wird.

Warum?

Prix: Erstens ist es ein schlechtes Projekt, und zweitens haben wir am Institut genügend gute Architekten, die das machen könnten.

Was werfen Sie dem Projekt vor?

Prix: Zu wenig Nutzfläche und eine lächerliche Ästhetik.

Könnten Sie bitte Ihre Ablehnung näher erläutern?

Prix: Ich kann auch nicht akzeptieren, dass man eine Kunstakademie über den Keller betreten soll. Dass die Jury das nicht erkannt hat, erkläre ich mir dadurch, dass die Mehrheit der Jury aus Beamten bestanden hat.

Die Jury war mit Leuten wie Peter Cook und Sanfort Kwinter durchaus international besetzt.

Prix: Peter Cook ist kein Architekt, bestenfalls ein Architekturillustrator. Er war in den 60er-Jahren ein Ideengeber. Heute ist er zornig darüber, dass er nicht als Lehrer an unsere Schule berufen wurde. Die beiden anderen in der Jury sitzenden Architektinnen, Odile Decq und Benedetta Tagliabue, sind neidisch auf den Erfolg von Zaha Hadid, die an unserem Institut unterrichtet. Warum hat man die Damen in die Jury berufen, etwa nur deshalb, weil Frauen drin sein müssen?

Was werfen Sie den Beamten vor?

Prix: Die Beamten haben – wie immer – den Wettbewerb mit einem Bewilligungsverfahren verwechselt. Und so ist die Abwicklung des Wettbewerbs eine einzige Katastrophe. Ich nehme an, man wollte dem Institut und seinen Architekten zeigen, dass es Bessere gibt. Das Tragische daran: Rektor Bast hat geglaubt, er bekommt internationale Reputation für diesen Wettbewerb. Was er bekommen hat, war eine internationale Blamage.

Kritiker bemängeln nicht das Projekt, sondern den Standort. Hätte der Zubau an der Front des Gebäudes und nicht zwischen den Gebäuden vorgesehen werden sollen?

Prix: Das war ein schwerer Fehler der Vorverhandlung, auch das trifft den Rektor, da er mit den zuständigen Magistratsabteilungen MA 19 und MA 21 gesprochen hat.

Was wollen die Beamten?

Prix: Die wollen eine Ruhe haben. Die Jury hätte sofort nach dem ersten Rundgang sehen sollen, dass dieser Wettbewerb zweistufig durchgeführt hätte werden müssen. Die internationalen Architekten können gar nicht über die Details der Wiener Bauordnung Bescheid wissen, und genau deswegen sind sie aus dem Wettbewerb geflogen. Es ist eine Blamage, wie man diese Architekten behandelt hat.

Peter Cook hat für die experimentelle Architektur der 60er-Jahre den Ausdruck Austrian Phenomenon geprägt. Tschapellers Projekt ist mit seinen an die Fassade gesetzten Blasen auch eine Hommage an die Sixties. Macht das die Entscheidung der Jury verständlich?

Prix: Ich vermute, Tschapeller hat einen anbiedernden Entwurf geliefert, nur um Cook zu gefallen. Sein Projekt ist formalistisch, schlimmer noch, retroformalistisch. Ich kann die Ästhetik der 60er-Jahre nicht auf das Gebäude einer Kunstuniversität übertragen, die den nächsten Schritt in das 21. Jahrhundert machen muss.

Erinnert Tschapellers Entwurf nicht ein wenig an Ihre Ästhetik?

Prix: Böse Zunge sagen, ich soll mich nicht aufregen, da in Wahrheit ich den Wettbewerb gewonnen habe. Darauf antworte ich: Dieses Projekt hat die formale Weiterentwicklung verschlafen. Zaha Hadid, Greg Lynn und auch wir haben uns seit der Blasenkultur der 60er-Jahre weiterentwickelt. Außerdem waren unsere Blasen pneumatisch und mobil gedacht.

Sind Sie böse, weil nicht Sie das Projekt gewonnen haben?

Prix: Natürlich habe ich an dem Wettbewerb teilgenommen, weil ich das Projekt gerne gebaut hätte. Aber das heißt nicht, dass ich neidisch bin. Ich kritisiere die Entscheidung vom Standpunkt des Instituts für Architektur aus. Es steht in der Architektur eine radikale Umstrukturierung des Lehrbetriebs an. Das Rollenbild des Architekten muss neu definiert werden. Man kann nicht Architekten zu technischen Dienstleistern degradieren, denn damit verliert der Architekt das, was er eigentlich tun sollte, nämlich strategische Lösungen auf dem Gebiet der Ästhetik, Technik und Ökonomie zu entwickeln und diesen Lösungen eine zu adäquate Hülle geben.

Ihr Freund Peter Noever hat das Museum für angewandte Kunst verlassen, nun gehen Sie. Ist die Zeit der lautstarken Revoluzzer abgelaufen?

Prix: Es tritt eine Verbeamtung der Gesellschaft ein. Das lässt sich am Typus der Entscheidungsträger im Museum für angewandte Kunst und an der Angewandten ablesen. Es besteht die Gefahr, dass unter dem Vorwand der Gesetzestreue Innovation verhindert wird.

Was heißt Innovation?

Prix: Neue Konzepte und Strategien zu forcieren und diese mithilfe der Gesetze zu ermöglichen. Ich kann nicht mehr hören: Das geht nicht, weil …

Werden Sie weiterhin als Lehrer tätig sein?

Prix: Nicht als Lehrer, aber als Berater werde ich meine Expertise einigen Universitäten zur Verfügung stellen.

Fad wird Ihnen also nicht?

Prix: Mir war nie fad, und mir wird auch nie fad werden!

Sie haben da ein Buch über Fliegenfischen liegen. Machen Sie das?

Prix: Das werde ich machen. Muss man als Architekt lernen.

Ich sehe schon geschwungene Striche für Gebäudeentwürfe auf dem Papier entstehen.

Prix: Das Fliegenfischen hat mit strategischem Denken zu tun. Daher bin ich auch ein faszinierter Anhänger der Spielweise des FC Barcelona.

Fliegenfischen, Barcelona, Architektur?

Prix: Wir bekommen zwar auch direkte Aufträge, aber die meisten Projekte entstehen aus Wettbewerben. Und das bezeichne ich als Fliegenfischen. Man kreiert einen Köder und wirft ihn geschickt über die Wasseroberfläche, erahnend, wo die Fische, oder in unserem Fall die Lösungen, zu finden sind. Das System von Barcelona beruht auf einem Kurzpassspiel. Der in die Schnittstellen des Spiels hineinplatzierte Pass ähnelt dem Konzept unserer Architektur. Auch wir versuchen, konservative Verteidigungssysteme zu überspielen.

Wer sind im Angewandte-Match
die Spanier?

Prix: Die Zusammenlegung der beiden Kunstuniversitäten in der alten WU ist die Verteidigungslinie, die sich die Beamten ersonnen haben. Dieses Interview ist mein Pass in die Schnittstelle. Es braucht jetzt nur noch einen Andrés Iniesta, der den Ball aufnimmt.

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