Nachdem Frank Stronach die Studenten eine Stunde lang getadelt hatte, sie seien schlapp, verweichlicht und mit Staatsmilch aufgezogen, bedankten sie sich dafür mit lautem Applaus. Ende vergangenen März war der austrokanadische Millionär zu Gast im bis auf den letzten Platz gefüllten Auditorium Maximum an der Wirtschaftsuniversität Wien, um über seine „Revolution des Denkens“ zu sprechen. Der wichtigste Punkt seines Impulsvortrags: „Die jetzigen Parteien sind eine Katastrophe, wir haben eine Scheindemokratie mit Zwangskammern.“
Mit Fundamentalkritik an Parteien und Gewerkschaften, Proporz und Sozialpartnerschaft redete Stronach sich schnell ins Herz der gelfrisierten WU-Studenten. Wenn es nach ihm geht, wird er künftig nicht mehr nur im Hörsaal politisieren, sondern auf der großen Bühne der Politik.
Bei öffentlichen Auftritten und mit Hochglanzbeilagen und Inseraten in den Boulevardmedien mimt der Unternehmer seit Monaten den Antipolitiker auf dem Sprung in die Politik, um dort aufzuräumen. Würde eine von ihm finanzierte Partei bei Nationalratswahl 2013 antreten, könnte sie laut aktueller Umfrage bis zu vier Prozent der Wählerstimmen erreichen.
Vergangene Woche sagte der bald 80-jährige Patriarch in einem mittlerweile legendär gewordenen „Zeit im Bild 2“-Interview, in dem er die ORF-Moderatorin erst gar nicht zu Wort kommen ließ: „Ich nehme mein eigenes Geld, um die Wahrheit zu erklären. Die Politiker nehmen das Geld der Bürger, um die Macht zu erhalten und um die Stimmen der Bürger zu kaufen“ (siehe Kasten).
Österreichs Politiker sind allesamt korrupt, das ist, grob zusammengefasst, die Essenz von Stronachs Suada. Wenn man sich aber die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Karriere des gebürtigen Steirers näher betrachtet, bleibt nicht viel übrig von seinen Angriffen gegen die schmutzige Politik. Stronach selbst „agiert am besten im Milieu der größtmöglichen Vermischung von privaten und öffentlichen Interessen“, schreibt Norbert Mappes-Niediek, Autor der Biografie „Let’s be Frank“ (siehe Seite 17).
Staatsinterventionen und eine enge Verflechtung von Politik und Ökonomie waren – neben schlanken Firmenstrukturen, kleinen Produktionseinheiten und Stronachs Fleiß – die wichtigsten Pfeiler des Erfolgs seines Autoteilezuliefererimperiums. Hinzu kommt eine strenge Firmen-Policy, die Magna beinahe als patriarchal geführte Großfamilie erscheinen lässt.
Mitarbeiter erhalten eine Gewinnbeteiligung, dürfen aber keinen Betriebsrat wählen; Manager genießen große Freiheit, unterliegen aber strengen Regeln und Vorgaben; eine „Diktatur der Tüchtigen“ nennt Mappes-Niediek diese Arbeitskultur.
Das System wird flankiert von amtierenden und ehemaligen Politikern fast aller ideologischen Richtungen, die für Stronach arbeiten und in seinem Dienst eine Doppelexistenz führen: halb öffentliche Figuren, die für alle sichtbar Interessen von Magna vertreten. Die prominentesten Politikernamen, die im Dienste des Austrokanadiers stehen oder standen: Ex-FPÖ-Vizekanzler Karl-Heinz Grasser, Ex-FPÖ-Generalsekretär Peter Westenthaler, Ex-FPÖ-Infrastrukturminister Mathias Reichhold, Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas, Ex-SPÖ-Bundeskanzler Franz Vranitzky und Ex-ÖVP-Landesrat Herbert Paierl.
In kanadischen Zeitungen war bereits in den 1980er-Jahren zu lesen, dass sich kein anderer Konzern so viele Politiker in Vorsitzen und Aufsichtsräten hält wie der Magna-Konzern.
Warum Stronach bis heute so viele Politiker auf seine Gehaltsliste setzt, illustriert ein Beispiel aus Kanada: 1988 stand Magna kurz vor dem Bankrott, zu schnelle Expansion, ein Tief der Autoindustrie und steigende Zinsen für immer neue Kredite produzierten einen Schuldenberg in der Höhe von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro. Einer der größten Gläubiger von Magna, die kanadische Bank of Nova Scotia, wollte Stronach aus seinem Führungsamt jagen und an seine Stelle einen Sanierungsexperten setzen.
Daraufhin soll Folgendes passiert sein: Der ehemalige kanadische Handelsminister Edward C. Lumley, den Stronach zuvor unterstützt hatte, rief Cedric Ritchie, den Chef der Bank, an. Das kurze Telefonat sei Lumley zufolge so verlaufen: Lumley fragte, ob „Magnas Problem Frank Stronach“ heiße? Ritchie antwortete mit Ja. Lumley erwiderte: „Und heißt die Lösung für Magna ebenfalls Frank Stronach?“ Ritchie habe wieder Ja gesagt und den Kredit für Magna aufrechterhalten. Ein richtiger Anruf von der richtigen Person zur richtigen Zeit kann in nicht einmal einer Minute eine Weltkarriere retten – oder zerstören. Diese Lektion hat Stronach gelernt.
Doch Lumleys Anruf bei Ritchie war nur eine von mehreren Staatsinterventionen, die Stronachs anhaltenden Erfolg ermöglichten. 1965, elf Jahre, nachdem Stronach als Franz Strohsack im Alter von 22 Jahren mit nur ein paar kanadischen Dollar in der Tasche nach Toronto ausgewandert war, besiegelten die kanadische und die US-amerikanische Regierung den sogenannten Auto-Pakt.
Der Vertrag besagte, dass für jedes Auto, das US-Konzerne in Kanada verkaufen, auch eines dort hergestellt werden sollte; außerdem musste von nun an jedes in Kanada gebaute Auto zu 60 Prozent in Kanada produzierte Teile enthalten.
Das Regelwerk löste in den Auftragsbüchern von Stronachs Firma Multimatic (die 1968 mit der bis dahin nicht Stronach gehörenden Magna verschmolzen wurde) einen Boom aus, der auf keine natürliche Nachfrage zurückzuführen war, sondern nur auf einen dirigistischen Eingriff des Staates, der abseits der Regeln des Marktes Arbeitsplätze schaffen und sichern wollte.
Magna entwickelte sich daraufhin innerhalb weniger Jahre zu einem Weltkonzern. Im Jahr 1987 stellten Stronachs Fabriken 5000 verschiedene Autoteile her, der Umsatz lag bei einer Milliarde kanadischer Dollar. Ein Jahr später, 1988, kurz vor der großen Krise, baute Stronach unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit eine erste Fabrik in der Steiermark.
Bevor aber Stronach, der in ärmsten Verhältnissen im steirischen Weiz aufgewachsen war, den österreichischen Markt erobern konnte, stieg ihm sein großer Erfolg zu Kopf. Mehrfach wollte der Neureiche nun auch abseits der Autoteilebranche expandieren; er versuchte sich in Kanada als Eigentümer eines Wirtschaftsmagazins, einer Bekleidungsfirma, einer Disco und eines Nobelrestaurants. Alle diese Vorhaben scheiterten ebenso wie später seine hochtrabenden Pläne in Österreich: Das Magna Racino, eine riesige Pferderennbahn südlich von Wien, ist notorisch unausgelastet; sein rund 100 Millionen Euro teures Engagement im heimischen Fußball machte Österreich nicht zum Weltmeister, wie Stronach zuvor großspurig angekündigt hatte, sondern brachte dem Magna-Chef Hohn und Spott ein; sein Plan eines Einkaufszentrums in Form einer gigantischen Weltkugel scheiterte an der Bewilligung durch die Politik.
Immer, wenn Stronach versuchte, etwas anderes zu verkaufen als Autoteile, ist er verlässlich gescheitert; nur der Pferderennsport ist ihm bis heute als teures Hobby geblieben.
So war es auch bei seinem ersten Versuch, in die Politik einzusteigen. 1988, im Jahr, in dem Magna vor dem Abgrund stand, wollte Stronach mit einem intensiv und kostspielig geführten Wahlkampf für die Liberale Partei mit dem Slogan „Let’s be Frank“ ins kanadische Parlament einziehen, verlor aber in seinem Wahlkreis gegen einen weithin unbekannten Optiker.
Die Magna-Krise spitzte sich derweil zu, weshalb das Unternehmen entgegen Stronachs Philosophie, immer die Mehrheit an Beteiligungen zu besitzen, auf starke Partner angewiesen war.
So kam es 1990 dazu, dass die Voest-Alpine Stahl AG, der damals noch staatliche österreichische Großkonzern, sich in einem Joint Venture je die Hälfte von Magnas damals vier europäischen Produktionsstätten sicherte; zwei davon standen in Österreich, zwei in Deutschland.
Aufgrund der horrenden Schuldenlast von Stronachs Unternehmen musste die Verstaatlichte Industrie Österreichs sozusagen das Europageschäft von Magna retten. Es war ein weiteres Mal, dass der Austrokanadier vom Staat profitierte.
Sobald Magna im Verlauf der 1990er wieder genesen war, wollte Stronach die Staatsmanager wieder loswerden, was 1999 auch gelang. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart, bekannt ist aber, dass sich Stronach seine Unabhängigkeit eine für die Voest sehr vorteilhafte Summe kosten ließ (kurz darauf wollte Magna die Voest übernehmen, scheiterte aber damit).
Der kolportierte hohe Preis, mit dem sich Stronach von der Voest loskaufte, ist ein weiterer Punkt, der für die Philosophie von Magna steht. Stronach hat stets versucht, sich und sein Unternehmen aus Konflikten herauszuhalten. Wer Recherchen über ihn anstellt, könnte auf den ersten Blick glauben, der Mann habe keine Feinde.
Egal ob ehemalige Geschäftspartner, Weggefährten oder vor die Tür gesetzte Mitarbeiter, ob in Kanada oder in Österreich, ob in der Auto-, der Pferde- oder der Fußballbranche, niemand, der mit Stronach näher zu tun hatte, redet in der Öffentlichkeit schlecht über ihn. Nach genauerer Betrachtung wird der Grund dafür klar: Der Magna-Konzern pflegt das Wohlwollen potenzieller Gegner mit großzügigen finanziellen Zuwendungen zu erkaufen.
Wird sich diese Harmonie auch aufrechterhalten lassen, wenn Stronach tatsächlich ins politische Geschäft einsteigt? Sicher ist, einen erfolgreichen Politiker, der keine Feinde hat, kann es nicht geben (allein Stronachs Vermögen, das er steuerschonend in der Schweiz im Kanton Zug angelegt hat, würde ihm in den Medien und der politischen Auseinandersetzung immensen Schaden zufügen; siehe Falter 20/12).
Erste – noch vorsichtige – Angriffe gegen ihn treffen bereits ein. So sagte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl im Gespräch mit dem Falter: „Stronach war ein toller Unternehmer, der seine Unternehmen auf Erfolgskurs gebracht hat. Das gilt es an ihm zu bewundern. Sein Handeln ist von großer Konsequenz, manche sagen dazu aber auch Sturheit.“
Trotz der ihm nachgesagten Sturheit sollte Stronach aber mittlerweile durch seine vielen Misserfolge abseits der Autoteilezuliefererbranche eines gelernt haben: Die Politik ist kein Hörsaal an der Wirtschaftsuniversität voll mit gelfrisierten Studierenden.