“Der Weltgeist ist ein Intrigant”

Die deutsche Rocksängerin Nina Hagen kommt nach Tulln und Graz. Ein Gespräch über Gott, Sex, Punk und Kommunismus

Nina Hagen sitzt in einer Suite im 15. Stock des Hilton am Stadtpark und bessert gerade ihr paradiesvogelartiges Make-up nach, das von der Sommerhitze leicht in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Ihr Haar ist pechschwarz, der Lippenstift knallig rot, die Plateauschuhe zieren die Farben der US-Flagge. Auf dem Kopf trägt sie ein rosa Krönchen, passend zu den pinken Punkten auf ihrem Kleid.

An der Couch lehnt griffbereit eine Gitarre. Sie bleibt während des Interviews zwar unberührt, ein ganz normales Gespräch soll es aber auch nicht werden: Die 57-jährige deutsche Rocksängerin, Schauspielerin, Autorin, „Godmother of Punk“ und seit 2009 auch getaufte Christin gibt nicht einfach nur Antworten. Sie gestikuliert, verdreht die Augen, wechselt die Stimmlage, preist den Herrn und beginnt mitten im Interview zu singen.

Ob Nina Hagen verrückt ist? Ein bisschen vielleicht schon. Aber es ist eine charmante, einnehmende und stimmige Verrücktheit, die sie in rund vier Jahrzehnten Showgeschäft kultiviert hat. 2010 feierte die Sängerin mit der Gospelrockplatte „Personal Jesus“ nach längerer Veröffentlichungspause ein Comeback; Ende letzten Jahres folgte das deutschsprachige Album „Volksbeat“, das Nina Hagen dieser Tage zu zwei Konzerten nach Österreich führt.

Falter: Frau Hagen, möchten Sie das Gespräch mit einer schwierigen oder mit einer einfachen Frage beginnen?

Nina Hagen: Das ist mir ganz egal, hauen Sie rein!

Gut, dann gleich die schwierigste: Was ist der Sinn des Lebens?

Hagen: Wenn Sie das selbst nicht wissen, wird Ihnen eine kurze Antwort auch nichts geben. Für den Sinn des Lebens braucht man ein ganzes Leben, wie soll man das denn in zwei Minuten packen? Für mich ist der liebe Gott der Sinn des Lebens. Gott zu suchen und Gott zu finden, that’s it. Gucken Sie mich doch nicht so ungläubig an! Wenn man Gott gefunden hat, geht das wahre Leben los!

Wie ist Gott in Ihr Leben getreten?

Hagen: In meiner Kindheit gab es eine fromme Tante, die hieß Muschel – nicht Tante Muschel, sondern einfach Muschel. Das war eine wunderbare verwitwete Frau und die Mutter von Gisela. Muschel und Gisela waren katholisch, und als Gisela dann ihren evangelischen Mann, Gerd Schröder, geheiratet hat, habe ich erstmals erkannt, wie sich die Erwachsenen über den lieben Gott streiten. Die Muschel hat geweint, weil die Hochzeit in Gerds evangelischer Kirche stattfinden sollte. Sie hat es tatsächlich geschafft, dass die Trauung in der katholischen Kirche über die Bühne geht. Die Eltern von Gerd wirkten bei der Hochzeit dann allerdings so, als ob ihr Sohn beerdigt würde.

Aber wie haben Sie dadurch Gott gefunden?

Hagen: Die Muschel hat in dieser Zeit viel mit mir gebetet, und das fand ich wahnsinnig toll. Auch wie die Muschel Gott zu kennen schien, wie sie ihm vertraute. Das wollte ich auch gerne. Mit zwölf Jahren habe ich dann auf der Spitze meiner Pubertät einen Gotttest gemacht. Ich habe ihn in Muschels Gegenwart mit unglaublich dreckigen Ausdrücken gelästert, um ihn aus der Reserve zu locken. Am nächsten Morgen habe ich mir im Sportunterricht das Bein gebrochen. Ich bin vom Stufenbarren gefallen und erst nach einer Operation im Krankenhaus wieder aufgewacht. Mein gegipstes Bein hing da in einer Vorrichtung. Ich sah es mir an und sagte nur völlig beseelt und glücklich: „Gott gips!“ Einige Jahre später kamen mich dann zwei Freunde aus Polen besuchen, die LSD mit dabei hatten.

Der nächste Gottesbeweis?

Hagen: Ich hatte mit meinen Ostberliner Hippiefreunden darüber diskutiert, was das ist, LSD. Googeln ging damals ja noch nicht. Es hieß, dass man durch LSD den Teufel treffen könne, mit Glück aber auch Gott. Ich habe den Trip dann mit einem dieser polnischen Freunde geteilt, der andere wollte aufpassen. Anfangs bin ich in einem Loch gelandet, wo es kein Leben und kein Sterben gab. Das war ganz ekelig und furchtbar, ich würde sagen, das war die Hölle. Ich habe gerufen: „Oh mein Gott, hilf mir doch!“ Gott kam sofort und antwortete mit einer ganz lieben Stimme: „Nina, ich bin hier, um dir zu helfen! Du musst sterben!“ Nee, habe ich gesagt, das geht ja gar nicht, dafür bin ich noch zu jung, auf diese Hilfe kann ich verzichten! Und schon war ich wieder in dem Höllenzustand drin. Dann dachte ich mir: Okay, wenn Gott sagt, dass zu sterben der einzige Ausweg ist, dann wird das wohl so sein.

Offenbar war es dann aber doch nicht der einzige Weg?

Hagen: Mir wurde klar, dass ich Gott vertrauen muss. Ich dachte: Wenn mir der, der mir das Leben geschenkt hat, sagt, dass ich sterben muss, dann wird er mir auch wieder das Leben schenken. Ich habe mich dann hingelegt und bin aus meinem Körper herausgeschlüpft. Ich habe ihn von oben in einer Krankenhausszene liegen sehen. „Nee, die ist weg, die kriegen wir nicht wieder“, haben die Ärzte gesagt. In diesem Moment höre ich zum zweiten Mal Gottes Stimme. „Nina, mach jetzt die Augen auf“, sagt er. Und plötzlich war ich wieder in einer ganz anderen Welt, voller bunter Farben, und da höre ich noch einmal seine Stimme. „Dreh dich um“, sagt sie. Ich drehe mich um und gucke ihn an – und er guckt mich an. Mit einer Liebe, die kann man sich nicht vorstellen! Ich war dann die ganze Nacht im Gespräch mit Jesus, denn ich hatte ihn erkannt. Wie kann man ihn nicht erkennen. Jesus ist die Liebe in Person! Aber das ist ganz schwer zu erklären, denn man kann Gottes Liebe nicht in Worte fassen. Gottes Liebe ist so ehrlich, so echt, so groß, so endlos, so treu, die ist wie der größte Verliebtheitszustand hoch zehn Millionen Millionen Millionen.

In der Arte-Dokumentation „Nina Hagen – The Godmother of Punk“ sagen Sie: „Gott ist ein Urkommunist“. Was genau meinen Sie damit?

Hagen: Na ja, überlegen Sie doch mal selbst! Er will, dass wir alle alles haben, was wir brauchen. Dazu benötigen wir keine Bankiers, die sich alles unter den Nagel reißen. Mein jüdischer Großvater war auch Bankier, er wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Was war jetzt noch einmal die Frage?

Was es heißt, dass Gott Urkommunist ist.

Hagen: Ach ja. Schauen Sie: Jesus sagt in der Bibel: „Ihr seid in der Welt, aber nicht von der Welt.“ Diese Welt hat einen sehr kapitalistischen Geist. Es gab Sklavenhalter, eine endlos lange Geschichte des Rassismus in den USA, auch der ganze sogenannte Sozialismus war ja gar kein Sozialismus, sondern ein Opportunismus mit einer Herrschaftsriege da oben. Es gibt einen Weltgeist, der ist schrecklich geizig, habgierig und niederträchtig. In Österreich kennt man den Weltgeist unter dem Wort „Intrigantentum“. Der Weltgeist ist ein Intrigant, Gott hingegen ist ein Urkommunist. Der hat nichts mit Intriganz am Hut. Jetzt gucken Sie doch nicht schon wieder so ungläubig!

Gott und Kommunismus sind nicht ganz leicht unter einen Hut zu bringen.

Hagen: Kommunismus hat es doch noch nie gegeben. In der DDR, das war kein Kommunismus. In der alten Sowjetunion auch nicht, das war Stalinismus. Sozialfaschismus. Wahren Kommunismus hatten wir noch nicht!

Werden wir ihn denn je erleben? Der Mensch ist doch bekanntlich schlecht.

Hagen: Man muss einem menschlichen Dasein keinen Stempel aufdrücken. Erst recht nicht einen, der alle in Aufregung versetzt. Aber wenn du dir Gedanken über die Natur Gottes machst: Er hat eine Schöpfung hervorgebracht! Gut, wenn du Evolutionsgläubiger bist, glaubst du an den Urknall, aber für Menschen, die an Gott glauben, ist es eine Schöpfung, die aus seinem Willen hervorgegangen ist. Wir sind seine Geschöpfe und seine Kinder, die er über alles lieb hat. Das ist doch der Hammer, was man zusammen mit Gott im Leben alles erleben kann. Zustände, von denen die Satanisten nur träumen können!

Ihnen hat Gott eine ganz außergewöhnliche Stimme geschenkt. Wann haben Sie diese Stimme eigentlich selbst entdeckt?

Hagen: Im Alter von neun Jahren war ich mit meiner Mama in Dessau im Landestheater, und da habe ich das imitiert, was die Opernsänger beim Einsingen machen. So habe ich meine Opernstimme entdeckt. Dann hatte ich Kassetten mit Songs von den Beatles, den Stones, James Brown, Tina Turner, Janis Joplin und so weiter, und das wurden meine Gesangslehrer. Ich habe mir die Texte lautschriftlich abgeschrieben und sie gesungen, dadurch habe ich verschiedene Stimmen ausprobieren können. Je eher man anfängt, mit der Stimme zu arbeiten, desto besser lernt man, andere zu imitieren und zu persiflieren. In der DDR war ich zum Beispiel für meine Mireille-Mathieu-Imitation bekannt – mitsamt der passenden Perücke.

In der DDR waren Sie Mitte der 1970er ein liebes Schlagermädchen, wenige Jahre später wurden Sie im Westen als starke, außergewöhnliche Frau berühmt. Was war da geschehen?

Hagen: Stark und außergewöhnlich war ich auch als Kind schon. Wie jedes Kind, das gilt ja nicht nur für mich!

Die Art Ihrer Musik hat sich damals aber doch gravierend verändert.

Hagen: In der DDR musste ich mich anpassen und Kommerz machen, damit ich es eventuell eines Tages auf die Reisekaderliste schaffe, um aus dem Land rauszukommen.

Ende 1976 sind Sie ihrem Stiefvater Wolf Biermann in den Westen gefolgt. Hatten Sie damals schon einen Begriff von Punk?

Hagen: Dank Roxy Music hatte ich einen Vorbegriff davon. Mit Freunden in Ostberlin haben wir uns die Haare eingeölt, die Lippen schwarz gefärbt und Glitter und Glam zelebriert. Zuerst war ich ein totaler Hippie, dann kam Glam. 1977 bin ich erstmals in England gewesen. Juliana Grigorova hatte mich eingeladen, eine alte Freundin aus der DDR, die an der Londoner Filmschule studiert hat. Ich sollte in ihrem Abschlussfilm die Hauptrolle spielen. Julien Temple, der später den Sex-Pistols-Film „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“ drehte, studierte mit ihr in derselben Klasse. Juliana hat mir vom Punkrock erzählt und mich in diese Szene eingeführt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich gerade zu dem Zeitpunkt in London eingetroffen bin, wo es mit Punk losging. Das war der Hammer – thank you, Jesus!

Sie sind dann auch selbst in diese Szene eingetaucht?

Hagen: Ariane Forster, die Sängerin der Mädchenband The Slits, wurde meine beste Freundin. Sie kam auch aus Deutschland, ihre Mutter Nora Forster hat dann Johnny Rotten von den Sex Pistols geheiratet. Ariane und ich waren wie Schwestern, wir haben viel voneinander gelernt. Das war eine wahnsinnig tolle Zeit. Später habe ich die Slits als Vorgruppe für meine ersten Konzerte nach Berlin geholt, wir haben uns auch danach immer wieder getroffen.

Die Slits waren geniale Dilettantinnen, in der Nina Hagen Band spielten Sie dagegen mit Profimusikern. Eine bewusste Entscheidung?

Hagen: Ja, durchaus. Punk war zwar von diesem Dilettantismus geprägt, aber ich springe doch auf keinen Zug auf! Ich habe mit Ariane zusammen ein Lied namens „Pank“ geschrieben, in dem wir deutlich machten, was Punk für uns Mädels bedeutet. Dann haben die Leute gesagt, ich sei ein Punk. Aber ich war kein Punk, ich war Nina Hagen! Ich war vielleicht eine Freundin der Punks, aber ich war doch ein alter Hippie. Die „Mother of Punk“ haben sie mich trotzdem genannt.

Warum eigentlich?

Hagen: Wahrscheinlich, weil ich für die jungen Punks wie eine Mutter war. Die waren 14, 15, 16, 17, ich aber schon 23. Das ist ein Riesenaltersunterschied. Ich hatte bereits einen langen Weg mit professioneller Musikausübung hinter mir und auch mit großartigen professionellen Chören in der DDR gearbeitet. Ich wusste also, wie man mehrstimmigen Gesang arrangiert, und das habe ich mit Ariane auch alles geübt. Gitarre konnte ich ebenfalls schon ganz gut spielen. Sie haben mich wohl „Mother of Punk“ genannt, weil ich die Stubenälteste war. Ich habe das immer als Ehrentitel empfunden.

Das Lied „Pank“ setzte einst den Schlusspunkt unter ihr Debütalbum mit der Nina Hagen Band. Sie sprechen darin, wie so oft in ihrer Karriere, Klartext.

Hagen: Das ist bei Bertold Brecht doch auch nicht anders. Und bei all den anderen. Klartextreden tun die guten Dichter und Denker. Schwuffeltexte fabrizieren die schwuffeligen Dichter und Denker, an die sich dann keiner mehr so gerne erinnert.

In den späten 1970ern war es noch sehr ungewöhnlich, eine Frau so explizit auftreten zu sehen.

Hagen: Ach so, ungewöhnlich als Frau, als Konvex-konkav-Wesen! Bei Jesus steht geschrieben, dass es seit dem Moment, als er sich als Mensch verkörpert hat und als Messias unterwegs war, keinen Unterschied macht, ob man ein Mann oder eine Frau ist, Jude oder Nichtjude, Sklave oder Freier. Denn in Jesus Christus sind wir alle gleichwertig. Hallo! Wir sind gleichwertige Wesen, ist das nicht schön? Jesus hat das super gemacht. Der Weltgeist zerspaltet die Leute so gerne: Männer, Frauen …

Aber Sie haben in „Pank“ doch selbst gesungen: „Unterdrücken, das kannst du mich nicht, auch wenn du es immer die ganze Zeit versuchst.“ Und: „Ich bin nicht deine Fickmaschine, spritz, spritz, das ist ein Witz.“

Hagen: Ja, da geht es um den Weltgeist. Satan macht Unterschiede, Jesus nicht.

Klartext geredet haben Sie 1979 auch bei der ORF-Spätabenddiskussion Club 2, wo Sie anschaulich weibliche Masturbationstechniken demonstrierten. Durch die geschlossene Lederhose zwar, aber doch sehr eindeutig.

Hagen: Mich haben danach alle Hebammen der Welt dafür beglückwünscht, denn je mehr werdende Mütter ihren Körper und ihre Sexualität als natürliches Geschenk empfinden, desto gesünder und stärker können sie Babys auf die Welt bringen. Jeder Mann kennt seinen Körper und merkt, wie es geht. Frauen aber meistens nicht, weil ihnen von klein an gesagt wird, dass man sich da nicht anfassen darf. Frauen kriegen das dann oft nicht ganz auf die Reihe, es ist ja auch etwas komplizierter als beim Mann. Von daher war das im „Club 2“ eine ganz gute Aktion. Das hatte auch nichts Pornografisches, sondern das war rein wissenschaftlich.

Zu einem Riesenskandal wurde es damals trotzdem. Heute geht es dagegen in jeder Nachmittagstalkshow ärger zu.

Hagen: Ja, aber Fortschritt ist das keiner. Menschen werden heute pornografisch vorgeführt und ausgenutzt. Daran erkannt man, dass wir immer mehr versklaven. Anstatt uns menschlicher, natürlicher und freier zu fühlen, wird alles versklavt, vermarktet und schlecht gemacht.

Zumindest scheint Sexualität aber nicht mehr so ein Tabuthema zu sein wie noch in den 1970ern.

Hagen: Das weiß ich nicht, ich habe nichts mit Sexualität zu tun. Seit Ewigkeiten schon. Ich bin Single und Nonne, ich lebe sozusagen im Zölibat. Freiwillig natürlich. Jetzt gucken Sie nicht schon wieder so!

Versuchen wir es mit einem Themenwechsel: Ihre aktuelle CD trägt den Titel „Volksbeat“. Was genau ist das, der „Volksbeat“?

Hagen: Das ist so etwas wie Volksmusik mit einem Beat.

Rock ’n’ Roll und Beatmusik wurden von der Kirche allerdings lange Zeit als Teufelswerk verurteilt.

Hagen: Das ist sie aber nicht. Sie kommt aus der schwarzamerikanischen Christenheit, die damals noch versklavt war. Diese Sklaven sind heimlich an die Kirchentüren und -fenster ihrer weißen Herren gegangen, um das Evangelium zu hören, und dann haben sie es sich während ihrer schweren Arbeit vorgesungen. Diese Menschen waren aus ganz unterschiedlichen Regionen gekommen und brachten ganz verschiedene Kulturen mit, daher entstand dann der Gospelblues und der Gospelrock. Eine Frau namens Rosetta Tharpe hat den Rock ’n’ Roll aus dem Gospel entbunden, die hat auch Elvis Presley den Rock ’n’ Roll beigebracht. Es gab einen christlichen Rocker namens Larry Norman, der hat Songs geschrieben wie „Why Should the Devil Have All the Good Music“. Den habe ich für „Volksbeat“ übersetzt und gesagt, dass ich mir vom Teufel doch den Rock ’n’ Roll nicht verhunzen und stibitzen lasse.

Der Rock ’n’ Roll ist also gar kein Teufelswerk?

Hagen: Das behaupten doch nur Pseudo-Christen, die gar nicht nachgeschaut haben, wo diese wunderbaren Rhythmen und Klänge herkommen. Natürlich gibt es auch Rock- und Popmusik mit weltlichem Geist. Ich meine: „I’m on a Highway to Hell“? Na dann gute Fahrt! Ich hoffe, wir sehen uns später trotzdem.

Ihr Werk ist sehr facettenreich. Was ist der rote Faden, der sich durch Ihre Musik zieht?

Hagen: Jesus! 1985 bin ich bei Rock in Rio mit einem großen Kreuz auf die Bühne gehoppelt und habe das „Vater unser“ in einer „Säbeltanz“-Version interpretiert. Ich habe auch „Spirit in the Sky“ von Norman Greenbaum gesungen und verkündet, und ich habe das Lied sogar ins Deutsche übersetzt, da heißt es „Gott im Himmel“.

Warum haben Sie in den 1990ern einen indischen Guru gebraucht, wenn Jesus Sie schon Ihr ganzes Leben begleitet?

Hagen: Weil Jesus mich da hingeschickt hat. Das war Teil meines Lebensweges und auch für mich ein Glaubenstest. Ich war so voll mit Gottes Liebe, dass ich dort vielen, vielen Menschen meine Liebe geschenkt habe. Es war ja nicht so, dass ich in dem Ashram plötzlich steinkalt wurde. Natürlich habe ich den Herrn Guru, diesen Durcheinanderwerfer und Widersacher Gottes, in meinem Buch „Bekenntnisse“ dann nicht außen vor gelassen.

Was ist eigentlich der größte Blödsinn, der über Sie erzählt wird?

Hagen: Das weiß ich nicht, und das interessiert mich auch nicht. Eines Tages verlassen wir diese sterbliche Welt sowieso, und dann werden wir auch jeden Klatsch und Tratsch und jede Verletzung, die uns andere Menschen zugefügt haben, hinter uns lassen. Mein Vater wurde als junger Mensch gefoltert, er hat die Nazis gerade noch überlebt, weil die Russen im richtigen Moment kamen. Wenn ich daran denke, ist mir völlig egal, was über mich gelabert wird. Hauptsache, ich habe eine gute Beziehung zu meinem Schöpfer. Zu unserem Schöpfer, unser aller Schöpfer.

1 Kommentar zu ““Der Weltgeist ist ein Intrigant””

Malte Ludin, 6. Dezember 2012: Danke für das aufschlussreiche und inspirierende Interview mit der lebendigsten Legende des Rock.

Artikel kommentieren

Bitte geben Sie Ihren vollständigen Vor- und Nachnamen, sowie eine gültige E-mail-Adresse ein. Wir behalten uns vor, Kommentare mit unvollständigen Angaben oder unangemessenem Inhalt nicht zu veröffentlichen. Die geteilten Kommentare müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen, die inhaltliche Verantwortung trägt ausschließlich der Verfasser des jeweiligen Kommentares.

(wird nicht veröffentlicht)


*