Endloser Sommer

Geschmäcker ändern sich, das Begehren bleibt gleich. Deshalb pilgern urbane Gartenfreunde zu Praskac in Tulln. Unsere Autorin pilgerte mit

Kugelrund, bunt und neun Meter hoch sitzt sie da, die „PrasKatz“, auf einer Wiese gleich neben dem Parkplatz des Pflanzenlands Praskac bei Tulln und empfängt jeden, der hier ankommt, mit einem Blick aus ihren riesigen, gelben Halbkugelaugen.

Tausenden Geranien, Begonien und Tajgetes in Orange, Rot, Weiß, Gelb und Purpur überziehen das zwölf Tonnen schwere Stahlgerüst, aus dem die Blumenkatze gemacht ist. Graublättrige Pflanzen geben ihren Vorderbeinen ein zotteliges Aussehen, zartrosa Blüten bilden Pfoten und Krallen. Sie ist der ganze Stolz ihres Erfinders, Franz Praskac senior, der auf der Suche nach einem Maskottchen für sein Gartenzentrum war und in „Puppy“, der riesenhaften, bunt bepflanzten Welpenskulptur des US-Künstlers Jeff Koons, die das Guggenheim-Museum in Bilbao bewacht, die Inspiration für seine „PrasKatz“ fand.

„Ich wage zu behaupten, dass sie für Puppy ein weniger überlegtes und sehr viel pflegeintensiveres System verwendet haben als wir“, sagt Praskac senior und erzählt von dem ausgeklügelten, innen liegenden Bewässerungssystem der Blumenkatze und den langen Überlegungen über die gartenpflegerisch beste Sitzposition des Pflanzenlandmaskottchens. Einmal im Jahr im Mai mit 12.000 Pflanzen bestückt, hält die PrasKatz, ohne schütter zu werden, problemlos blühend bis in den Oktober durch. Man muss halt wissen, wie es geht, und beim Praskac weiß man das.

Fragt man den Chef, ob Praskac der größte Gärtnereibetrieb des Landes sei, lächelt er verschmitzt, sagt erst „wahrscheinlich“. Dann sagt Praskac Senior: „Größer ist keine Leistung“, und erzählt schließlich doch von 90 Hektar Produktionsfläche, 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, 130 Mitarbeitern und 3500 verschiedenen Pflanzen, die sein Betrieb im Repertoire hat.

Seit 1875 gibt es an diesem Standort eine Baumschule, seit 1900 ist sie im Besitz der Familie Praskac. Hier hat man so gut wie alles, was es an Gartentrends gibt und gab, kommen und gehen sehen. „Natürlich gibt es Moden. Wir kleiden uns ja auch nicht mehr wie vor 30 oder 40 Jahren“, sagt der Senior und wird auch gleich konkret: In den 1970er-Jahren, erzählt er, seien europaweit 25 Millionen Rosen verkauft worden. Drei Jahrzehnte später waren es nur mehr 15 Millionen.

Woran das liegt? „Rosen sind pflegeaufwendige Pflanzen, man muss sie schneiden und so und so oft im Jahr behandeln.“ Das aber wollen die meisten Gartenbesitzer nicht mehr. Eine der wesentlichsten Entwicklungen des sogenannten Gartenbooms der letzten Jahre ist eine nicht ganz leicht nachvollziehbare Quadratur des Kreises: Schöne, dauerblühende Gärten, die im Idealfall keinerlei Arbeit verursachen. „Wir sind immer mehr zu Dienstleistern geworden, die Probleme für die Kunden lösen und es ihnen in ihrem Garten möglichst bequem machen – von Tropfbewässerung bis zu Dauerdünger“, sagt Praskac.

Trotzdem hat das Praskac Pflanzenland gut und gerne 400 verschiedene Rosensorten im Repertoire und just dort, bei den Rosen, die unter freiem Himmel in mehreren ordentlichen Reihen angeordnet Topf an Topf stehen, scheinen sich an diesem brüllend heißen Sommertag die meisten Menschen zu tummeln.

Helga Fürnkranz und Ingrid Riedl, zwei Freundinnen, die im Pulkautal und bei Retz gärtnern, sind heute angereist, um sich, wie Helga sagt, „mit Rosen und Begleitstauden“ einzudecken. „Ich habe mir eine Rose mit wenigen Dornen gekauft. Das ist wichtig für mich“, sagt Ingrid. Ein große und zwei kleine Strauchrosen haben die beiden Frauen schon im Wagerl, nach einer vierten, der „problemlosen Beetrose Knock Out“ suchen sie noch.

Legen sie es also auch auf einen Garten an, in dem man nichts zu tun braucht? „Einen Garten, in dem man nicht arbeiten muss, gibt’s nicht“, sagt Ingrid lachend, und Helga fügt hinzu: „Außerdem wäre so ein Garten nichts für uns. Ich verbringe 80 Prozent meiner Freizeit im Garten.“

Auch Andrea Breitenberger und Dinah Handl aus dem Triestingtal, die unweit der Rosen gerade dabei sind, die Beschreibungen verschiedener Thymian- und Storchschnabelsorten zu studieren, halten es durchaus nicht mit dem Trend zum Faulenzer-Gärtner. Vielleicht treibt es an diesem heißen Tag vor allem die Aficionados ins Pflanzenland, während die Lazy Gardeners zu Hause geblieben sind.

„Passionierte Gärtnerin ist untertrieben“, sagt Handl, „bei mir ist es fast krankhaft. Ich stelle ein Gulasch auf den Herd, gehe in den Garten und schmeiße das Gulasch dann weg, weil ich überm Gärtnern darauf vergessen habe.“

Etwas entfernt, im sogenannten Asia-Garten, wo flachdachige Rundpavillons aus locker angeordneten Bambushölzern Dutzende Sorten von japanischem Fächerahorn beschatten, geht Martin Koller seiner Arbeit nach. Seit fünf Jahren arbeitet der gelernte Gärtner aus Vorarlberg hier im Betrieb; zuständig ist er vor allem für die japanischen Ahorne und die Nadelhölzer. Vielen Gartenbesitzern, erzählt er, schwebten Gärten im japanischen Stil vor. „Die Leute glauben, dass japanische Gärten mit ihren Kiesflächen leichter zu pflegen sind“, erzählt er. Das stimme nur zum Teil. Japanischer Ahorn jedenfalls – mit seinen scharf gezackten Blättern und den herrlichen Herbstverfärbungen – stehe hoch im Kurs. „Der ist ein großes Thema, und wenn der Standort passt, entwickelt er sich auch ohne großen Aufwand. Wichtig ist, dass er im Halbschatten steht und einen sauren Boden hat. Aber wenn er einmal wächst, wächst er von alleine“, erklärt der Gärtner.

Bei den Nadelhölzern, erzählt Koller, mache sich ein Imagewandel bemerkbar. „Die waren eher ein bissl verschrien, weil ja früher kein Garten ohne Serbische Fichte oder Blautanne ausgekommen ist.“ Inzwischen gibt es eine große Sortenvielfalt – auch in Form und Größe. „Von den meisten Sorten gibt es schon Zwergformen, die auch für Terrassen geeignet sind.“ Nadelhölzer haben den Vorteil, auch im Winter grün zu sein und Sichtschutz zu bieten – das ist ein wesentliches Kaufkriterium.

„Die Jüngeren, die einen Garten anlegen, greifen verstärkt zu Obstbäumen“, erzählt Marianne Haslinger, die im großen, verglasten Eingangsbereich von Praskac an der Kasse sitzt. An ihrem Arbeitsplatz ist sie von lautem Gezwitscher umgeben, denn oben auf den Dächern oberhalb des Eingangs haben Meisen und Spatzen ihre Nester und lärmen um die Wette. „Apfel, Birne, Himbeere, Stachelbeere – all das wird viel gekauft.“

Allerdings sind es nicht mehr die Selbstversorger, die sich Obstbäume und -sträucher zulegen. „Der Nutzgarten hat stark an Bedeutung verloren“, schränkt Franz Praskac senior ein, „und die Gegenbewegung, die es dazu gibt, ist nicht auf Selbstversorgung aus, sondern auf Nostalgie à la ‚Ich habe kleine Kinder, die naschen gerne, und deshalb habe ich zwei, drei Himbeersträucher‘“.

Das hänge auch damit zusammen, dass die Grundstücke und damit auch die Gärten immer kleiner würden und auf alle möglichen anderen Nutzungen als die Gärtnerei abgestellt seien. „Auch die Balkone in der Stadt sind weniger begrünt als man glauben würde“, sagt er. Genau hier sieht er daher noch großes Potenzial – in den urbanen Minigärten in luftiger Höhe.

Grundsätzlich aber gilt: „Der Gartenbesitzer will Erfolg haben. Das führt dazu, dass vor allem Pflanzen gekauft werden, die laiensicher sind und lange blühen“, meint Franz Praskac. Die Gärtnereien haben sich auf die Entwicklung eingestellt und unter anderem damit begonnen, Sorten zu züchten, die besonders ausgiebige Blühphasen haben. So feiert zum Beispiel die lange Jahre als altbacken verrufene Hortensie mit ihren rosa oder blauen Kugelblüten als Topf- und Gartenpflanze fröhliche Urständ. „Es gibt jetzt Sorten, die von Mai bis Oktober blühen. Das drückt sich auch in Sortennamen wie ‚Endless Summer‘ aus.“

Was aber ist mit dem viel beschworenen Trend zu alten und historischen Sorten? „Da muss man unterscheiden zwischen der veröffentlichten Meinung und dem, was wirklich der Fall ist“, sagt Franz Praskac trocken, „ich schätze den Anteil der Kunden, die ein Interesse an diesen Wildpflanzen und alten Sorten haben, auf fünf Prozent.“

1 Kommentar zu “Endloser Sommer”

Franz bärnthaler, 17. Juli 2012: prima Artikel

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