Nach nur drei Stunden Schlaf empfängt Günter Wallraff zum Interview in einer Wiener Innenstadtpension. Er sagt, die Resonanz auf seine jüngste Aufdeckergeschichte über die Missstände in der Paketbotenbranche sei so groß, dass er vor lauter Stress an Schlafstörungen leide. Außerdem erzählt er, er sei nicht paranoid, aber seine Mitarbeiter hätten herausgefunden, sein Telefon werde (wieder einmal) abgehört. „Wer macht so etwas?“, fragt er. Wallraff arbeitete als Enthüllungsjournalist Hans Esser bei der Bild-Zeitung, als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei Thyssen, und er reiste ein Jahr lang als dunkelhäutiger Kwami Ogonno durch Deutschland. Das Interview kann erst nach eineinhalb Stunden beginnen, weil zuvor im Minutentakt eines seiner zwei Handys klingelt. Fast alle Anrufe sind von österreichischen Journalisten, die um ein Interview bitten oder um die Freigabe eines am Vorabend geführten Gesprächs ersuchen.
Falter: Herr Wallraff, seit fast 50 Jahren sind Sie als Reporter investigativ und undercover unterwegs, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken. Warum ist die Nachfrage nach Ihnen noch immer so groß?
Günter Wallraff: Meine jüngste Arbeit, das Aufdecken der menschenunwürdigen, teils kriminellen Zustände in der Paketbranche, hat eine Breitenwirkung erreicht, mit der ich nicht gerechnet habe. Meine Schilderungen waren so beweiskräftig, dass ihnen niemand den Wahrheitsgehalt absprechen konnte. Ich habe gerade einen Urlaub abgesagt, weil ich bis Herbst konzentriert dranbleiben muss. Wenn es nach so viel Aufruhr zu keinen Verbesserungen in der Transportbranche kommt, könnte man resignieren. Das würde bedeuten, dass Politik und Medien nur noch ihrer selbst willen da sind.
Sie, der Aufdecker über die Missstände in der Medienbranche, glauben noch immer an die progressive Kraft der Öffentlichkeit?
Wallraff: Gerade heute lässt sich beobachten, dass die reine Spaßgesellschaft ausgejuxt hat. Das erkennt man an der Medienbranche. Fast alle Zeitungen verlieren Leser, aber Qualitätsblätter wie die Zeit gewinnen Reichweite, weil es eine starke Nachfrage nach seriöser, unpolemischer Berichterstattung gibt. Wenn soziale Themen in den Medien überzeugend aufgemacht werden, kommt das bei den Menschen an. Es ist auch kein Zufall, dass meine Recherchen über die Paketbranche neben dem Zeit-Magazin auf RTL veröffentlicht wurden, und nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen. Bei RTL haben sie offen gesagt, wir riskieren hier auch Prozesse. Es hat sich für den Sender ausgezahlt: Die Hauptgruppe der Zuseher waren die 14- bis 49-Jährigen, also genau die Jungen, die jedes Medium haben will.
Die Öffentlichkeit ist also aus Ihrer Sicht reifer geworden?
Wallraff: Nur weil kritische Berichterstattung funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass auch die Öffentlichkeit funktioniert. Das Lobbyunwesen hat ein Ausmaß angenommen, dass es sich dabei fast um ein paralleldiktatorisches System handelt. Es handelt sich gar nicht immer um Korruption, sondern unsere demokratisch gewählten Volksvertreter werden systematisch in gesellschaftliche Kreise eingebunden, die sie von den Durchschnittsmenschen entfremden. Ich möchte Ihnen ein Zitat des eigentlich sehr wirtschaftsfreundlichen Ex-SPD-Finanzministers Peer Steinbrück vorlesen, der meine Kritik auf den Punkt bringt: Er sagt, das Biotop an der Spitze zeichnet sich durch ein asoziales und amoralisches Verhalten aus; in all den Jahren als Minister und Privatperson sei er Investoren und Managern, Beratern und Bankern begegnet, die geprägt waren von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus Steinbrücks Worten?
Wallraff: Man soll sich nichts vormachen, ich merke ja auch an mir selber, wie so etwas vonstatten geht. Sobald man jemanden aus den Chefetagen der Konzerne persönlich kennenlernt, der sympathisch ist, verliert man an Schärfe. Als Journalisten bräuchten wir auch eine Art Supervision, um unsere Erfahrungen richtig einordnen zu können. Als ich zum Beispiel als Hans Esser undercover für die Bild-Zeitung arbeitete, sagte meine damalige Freundin und spätere Ehefrau ironisch zu mir: Wieder mal typisch Esser, wenn das der Wallraff wüsste. Wenn ich bei Bild geblieben wäre, wäre ich dort am Ende noch Chefredakteur geworden. Ich hatte aber vorgebeugt und Freunde gebeten: Wenn es so weit kommen sollte, enttarnt mich und holt mich hier raus.
Ihre investigative Arbeit für die Bild ist
nun drei Jahrzehnte her. Wie hat sich der Boulevard seit damals verändert?
Wallraff: Insgesamt ist in allen Medien eine stärkere Boulevardisierung und Personalisierung eingetreten, manchmal geht es bis zur Hysterisierung. Bild steht hier zwar noch immer an vorderster Stelle, aber zwischen dem Boulevard und den Qualitätsmedien gibt es heute ein stärkeres Verbundsystem.
Was meinen Sie mit Verbundsystem?
Wallraff: Ich spreche von gezielten Kampagnen. Meine Freunde aus dem Ausland, die das beobachten, fragen mich, was ist denn da schon wieder los in Deutschland. Die Medien trommeln geschlossen zum Angriff, es herrscht Jagdstimmung, jeder will den tödlichen Fangschuss abgeben.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wallraff: Nehmen Sie den Expräsidenten Christian Wulff. Der Mann ist wirklich nicht mein Fall, aber wie man ihn plötzlich kollektiv zur Unperson erklärt hat, das war schon abscheulich. Wulff ist in enger Kooperation mit der Bild mächtig geworden. Nur wenn man über diese lange Zusammenarbeit Bescheid weiß, kann man verstehen, warum Wulff dem Bild-Chefredakteur später etwas von „Krieg“ auf die Mailbox gepoltert hat. Taktisch raffiniert hat die Bild danach Wulffs Drohworte scheibchenweise an Qualitätsmedien weitergespielt, womit seine Hinrichtung beschlossen war. Im Spiegel stand über Wulff am Cover „In Amt und Würden“ und „Würden“ war dabei durchgestrichen. Niemandem kann man die Würde nehmen, so geht man nicht mit Menschen um. Es war eine Einheitsfront, angeführt von der Bild.
Die Bild-Zeitung ist also in Wirklichkeit mächtiger geworden?
Wallraff: Nein, sie ist anders geworden. Sie hatte einen dramatischen Auflagenrückgang von 5,8 auf nahezu 2,5 Millionen Exemplare zu verkraften und befindet sich weiter im freien Fall. Chefredakteur Kai Diekmann versucht deshalb eine Trendwende. Bild beschäftigt nun auch ausgebildete Journalisten, die seriös recherchieren. Als ich Bild aus gutem Grund wieder einmal öffentlich heftig attackierte, rief mich zu meiner Überraschung Diekmann an und meinte, ich täte ihm Unrecht … Da forderte ich ihn spontan auf, er solle nicht bloß reden, sondern seine Absichten mit Taten unter Beweis stellen; zum Beispiel die Abhöraktion aufklären, als in den 1970er Jahren in der Bild eine Fangschaltung installiert war und meine Gespräche mitgehört wurden. Daraufhin hat er mir versprochen, das aufzuklären. Mittlerweile hat Diekmann eine dicke Akte zusammengestellt und informiert mich regelmäßig über den Stand seiner Recherchen. Das hat mich schon sehr überrascht.
Zwischen Bild und Wallraff, den alten Erzfeinden, ist also mittlerweile alles gut?
Wallraff: Ich habe jüngst anlässlich des 60. Geburtstags der Bild geschrieben, dass diese Zeitung für mich nach wie vor im Prinzip ein gemeingefährlicher Triebtäter ist, den man unter ständiger Beobachtung halten muss. Ich habe mich beim Psychiater erkundigt, es gibt zwei Arten von Triebtätern. Bei manchen ist die pathologische Triebstruktur unauflöslich in der Persönlichkeit verankert, manche sind aber therapiefähig. Deshalb muss man Diekmann darin bestärken, wenn er sich bemüht, aus dem reinen Sensations-Schmuddel-Fahrwasser rauszukommen. In der Pädagogik nennt man das positive Verstärkung.
In Ihrem Buch „Zeugen der Anklage“ haben Sie ausführlich über den österreichischen Krone-Journalisten Michael Jeannée berichtet, der in den 1970er-Jahren in der Bild am Sonntag Gräueltaten südamerikanischer Diktatoren verteidigte. Jüngst sagte er im Falter, „die Militärs um Videla haben die Lage so, wie Militärs das eben machen, wieder in den Griff gekriegt“. Wie sehen Sie das heute?
Wallraff: Ausgenommen von einer NPD-Zeitung wäre der Typ in Deutschland heute unvermittelbar. Jeder darf sich mal irren, gerade auch mit Blick auf das Alter, wer aber heute noch den argentinischen Massenmörder Videla verteidigt und reinwäscht, der Tausende Gefangene foltern, Babys rauben und politische Gegner vom Flugzeug ins Meer werfen ließ, der muss es sich gefallen lassen, als Faschistenfreund bezeichnet zu werden. Mir kommt da das Kotzen.
Stimmt es eigentlich, dass Hans-Peter Martin sein journalistisches Handwerk bei Ihnen gelernt hat?
Wallraff: Ja, er kam wegen eines Interviews von Vorarlberg zu mir nach Köln. Er war hochbegabt und hat sich meine investigativen Techniken sehr schnell zu eigen gemacht. Sein Buch „Die Globalisierungsfalle“ war richtungsweisend. Ich hoffe, dass er seine populistische Einmannpartei aufgibt und bald wieder sein journalistisches Können einsetzt.


