In den Zeitungen posieren die Mitglieder des ÖOC-Olympiakaders als Models, herausgeputzt nach allen Regeln der plakativen Werbeästhetik. Die Österreicherinnen folgen nur dem Mainstream, die USA haben damit begonnen, Spitzensportler als Testimonials der Oberflächlichkeit zu benützen. Von der Schönheit seiner Truppe unbeeindruckt, traut ihr ÖOC-Präsident Karl Stoss bei den am Freitag beginnenden olympischen Sommerspielen in London drei Medaillen zu. Dieses Dekret der Mutlosigkeit kränkt jedoch nur mehr Illusionisten.
Die Olympiamannschaft ist der Ausdruck der zwischen Entwicklungshilfe und Umweltschutz angesiedelten Wertschätzung, die sportliche Bewegung hierzulande genießt. Der politischen und intellektuellen Elite ist sie keine ernsthafte Sorge wert. Und die Medien beuten ihre Proponenten im Sommer und Winter als Kundenfänger aus. Lange vor dem Beginn der Sommerspiele haben die muskelbepackten Werbeträger für Ausstatter, Nation und Sponsoren ihre Aufgabe erfüllt. Olympische Wettkämpfe und Ergebnisse sind bloß ein netter, entbehrlicher Mehrwert für ein übersättigtes, überfördertes, ineffizientes System.
Die Ideale und Abläufe des Olympismus haben einen weiten Weg hinter sich. Gründervater Baron Pierre de Coubertin (1863–1937) stammte aus einer Adelsfamilie und kombinierte das durch die Köpfe der europäischen Bildungselite geisternde Motto von einem durch körperliche Übung und Askese verbesserbaren Menschen mit der Schwärmerei für die griechische Antike.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Renaissance eine jahrhundertelange Übungszeit hinter sich. Der erst vor kurzem anlässlich seines theoretisch 300. Geburtstages abgefeierte Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) subsummiert im Bildungsroman „Emile“ (1762) Leibesübungen wie Laufen unter das „olympische Erlebnis“. Der deutsche Sportfunktionär Carl Diem beschreibt im Vorwort von Coubertins Biographie „Olympische Erinnerungen“ (1960) die historischen Bausteine von Coubertins Gedankentempel. „Unser deutscher Dichter Hans Sachs“, so Diem, erwähnte die antiken Sommerspiele schon im 16. Jahrhundert. Philosophen, Dichter und politische Denker wie Michel de Montaigne (1533–1592), George Gordon „Lord“ Byron (1788–1824), John Milton (1608–1674) sowie Friedrich Hölderlin (1770–1843) widmeten sich dem Thema.
Coubertin organisierte 1894 den ersten olympischen Kongress, auf dem die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele beschlossen wurde: 1896 in Athen war es soweit. 40 Jahre später formulierte Coubertin in einer Radioansprache an die Deutschen seine Intentionen. Unbeeindruckt vom Ungeist, der seit 1933 Deutschland terrorisierte, indem er sich auf die Spiele von 1936 in Berlin freute.
„Ich habe den Eindruck, dass ganz Deutschland von dem glühenden Wunsche beseelt ist, daß die Feier 1936 eine der schönsten wird, die die Welt bisher gesehen hat (…)“, sprach der Baron und dankte „dem deutschen Volk für die zu Ehren der XI. Olympiade aufgewandten Mühen“. Und dann drückte er seinen innigsten Wunsch aus: „Das erste und wesentliche Merkmal des alten wie des modernen Olympismus ist: eine Religion zu sein.“
Altmodisch und anmaßend wirkt das aus heutiger Sicht. Wenn auch nicht zu leugnen ist, dass der Sport gewisse äußerliche, quasirituelle Parallelen zu einer Religion aufweist, so ist der voll ausgereifte Olympismus ein durchkommerzialisiertes Eventspektakel und eine ästhetische Modelliermasse, der zum Massenkonsum von TV-Programmen bis Radlerleiberln verleiten soll. Religion ist er freilich keine. Selbst wenn sich Verehrungsmassen in den heutigen Stadien zu Feier von Sportspielen versammeln und die sportiven Eliten adorieren, so fehlt doch für den Vollzug einer nach herkömmlichen Maßstäben konstruierten Religion die transzendente Komponente.
Wie der Sakralraum der Kirchen und Tempel ist der Wettkampfraum vom Alltag klar getrennt. Die Masse wartet nicht auf die Offenbarung eines höheren Wesens. Sie wartet bestenfalls auf die Offenbarung eines von ihrer Begeisterung erhöhten Mit-Menschen. Das Adorationsangebot erlebte auf der Reise ins 21. Jahrhundert erhebliche Änderungen.
Pierre de Coubertin hielt nichts von öffentlich sportelnden Kindern oder Frauen. Er übertrug, wie der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk anmerkte, das alte katholische mulier taceat in ecclesia in das olympische mulier taceat in arena. Die Spiele von 1896 waren den Männern vorbehalten, als Frauen vier Jahre später in Paris ihr Debüt feierten, durften sie nur in zwei Disziplinen antreten: Tennis und Golf. Sie hatten mit Vorurteilen zu kämpfen, dass Sport sie ihrer Weiblichkeit beraube und steril mache. Männern wurde zur sportlichen Übung geraten, gerade weil sie in geistiger, körperlicher und seelischer Hinsicht als zuträglich angesehen wurde. Heute ist die Welt schon derart emanzipiert, dass sogar Frauen aus Saudi Arabien in London mitsporteln dürfen.
Die Anfänge der Olympischen Spiele des antiken Athen verlieren sich in mythischen Nebeln rund 900 vor Christus, das Ende wurde vom unzarten Römischen Reich herbeigeführt, im Jahr 393 nach Christus verbot sie Kaiser Theodosius I. Nur griechische Bürger durften teilnehmen. Zu den Spielen von Stockholm 1912 reisten erstmals Vertreter aus allen fünf Kontinenten. Nach London kommen Gesandte aus mehr als 200 Staaten, Medaillen in 36 Disziplinen werden ausgelobt.
In Athen diente das vom Staub der Jahrtausende befreite und restaurierte Panathenäische Stadion als Hauptschauplatz. Bis heute richten sich die Versammlungsräume der Sportevents nach den antiken Vorbildern, auch wenn sie wie in Peking („Vogelnest“) oder in München außen mit viel Brimborium und prominenten Architektennamen drapiert werden. Olympische Spiele gelten als Anlass für Investitionen in die Infrastruktur und bombastische Wahrzeichen wie Londons neuer Aussichtsturm Orbit. Er ist gleichzeitig ein Erzeugnis der heutigen Zeit und Zeuge der alten Rivalität zwischen Briten und Franzosen. Denn Orbit (Spitzname: „Godzilla der modernen Kunst“) ist höher, besser, moderner als der Eiffelturm. In seinem Schatten sind die Mietpreise in London, einer schon vorher unverschämt teuren Stadt, weiter angestiegen. Der Verdrängungswettbewerb zulasten ärmerer Bevölkerungsgruppen hat dank Olympismus an Schärfe und Tempo zugelegt.
Der Showspitzensport im Allgemeinen und der Olympismus im Besonderen haben die kulturelle Hegemonie des Westens befördert. Regionale sportive Wettkämpfe in vielen Teilen der Welt wurden mit dem Begriff exotisch in die Bedeutungslosigkeit oder ins Vergessen gedrängt. Die Bilder Henri Cartier-Bressons dokumentieren die Eleganz und Vielfalt der Bekleidung selbst ärmster Menschen. Heute tragen sie in allen Erdteilen schlabbrige Jeans, Sneakers von Nike und anderen Modemonstern und T-Shirts mit Namen und Nummer von Fußballern. Bewegungskultur und Alltagsmode wurden global gleichgeschaltet.
Der Olympiasieger im Hegemoniewettbewerb, die USA, tragen mit den Lizenzgebühren ihrer TV-Station NBC den Olympismus. Die Fernsehanstalten wiederum refinanzieren sich durch TV-Spots der großen IOC-Sponsoren, von denen wiederum General Electric (GE) der wichtigste ist. General Electric ist nicht nur einer der größten Zahler des IOC, und zwar direkt als Partner und über die konzerneigene TV-Kette NBC, er ist auch das beste Beispiel dafür, mit welchen Kräften sich der Olympismus eingelassen hat.
Das Unternehmen ist eines der zehn stärksten und lukrativsten, und eines der kühnsten. Neben Versicherungen und Finanzdienstleistungen über Medien bietet General Electric auch umfassende militärische Dienstleistungen an. Unter anderem treibt die Firma die Entwicklung von Drohnen, unbemannten militärischen Flugobjekten, voran, die im Dienste Amerikas schon den einen oder anderen freihändig und aus der Ferne zum Tode verurteilten – mutmaßlichen – Terroristen und leider auch fallweise unschuldige Zivilisten ihrem Schicksal zuführten.
Die Beteiligung am Olympismus ermöglicht General Electric nun unter anderem, diese eher unappetitlichen Geschäftsfelder mittels Schein der olympischen Fackel zu camouflieren. NBC hat mit dem IOC einen Kontrakt über 4,38 Milliarden Dollar (3,60 Millionen Euro) für die kommenden vier Events abgeschlossen. Seit 1988 hat der US-Sender rund elf Milliarden Dollar in den Olympismus gebuttert. Als der bislang letzte Vertrag unterschrieben war, lud IOC-Präsident Jacques Rogge die Amerikaner geradezu ein, sich um die Ausrichtung der Spiele von 2020 zu bewerben.
Seit den Spielen von Rom 1960 (1,2 Millionen Dollar) stiegen die TV-Einnahmen der olympischen Familie mindestens um den Faktor 1000. Richtig begann das Fernsehzeitalter mit der Feier in München 1972, im Vergleich zu Mexiko City (9,8 Millionen Dollar) streifte das IOC fast das Doppelte ein: 17,8 Millionen Dollar. Für Montreal 1976 wieder das Doppelte (34,9 Millionen Dollar). Dann kam Moskau (1980, 88 Millionen Dollar) und in Los Angeles (1984, 286 Millionen Dollar) brach endgültig der Reichtum über das IOC herein.
Coubertin war sich der massensuggestiven Kraft der Sportspiele bewusst. Peter Sloterdijk zitiert in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ eine Passage aus Coubertins Erinnerungen, die der Baron nach einem Besuch der Bayreuther Festspiele notierte: „Musik und Sport sind für mich immer die vollkommensten ‚Isolatoren‘ gewesen, die fruchtbarsten Mittel der Besinnung und des Schauens ebenso wie mächtige Anreize für die Ausdauer und ‚Massagen der Willenskraft‘. Mit einem Wort: nach Schwierigkeiten und Gefahren erweisen sich alle unmittelbaren Besorgnisse als zerstreut.“
Die isolatorische Kraft des Sportevents würde freilich ohne Helden nicht wirken. Stars in den populärsten Disziplinen gehören zu den am besten bezahlten Individuen des Planeten. Sie werden dafür entlohnt, den vakanten Platz der Heiligen einzunehmen. Der Sprinter Jesse Owens (Berlin 1936) war eines der ersten Idole, das über Rassengrenzen, Kontinente und politische Systeme hinweg integrative Kraft entfaltete. Manche wie Muhammad Ali, Nadia Comaneci oder Johnny Weissmuller in der lebenslangen Aura des Übermenschen und Vorbilds. Andere wie Carl Lewis, Florence Griffith-Joyner oder Marion Jones vom Geruch des Betrugs behaftet.
In den Kathedralen der Moderne, den Stadien, werden sie statt der Heiligen angebetet. Ihre Differenz zu den Massen liegt nicht mehr im Kontakt mit einem höheren Wesen, sondern in der Ausstattung mit einem höheren Talent, also in ihrer Natur. Auch mit einem Talent zur repetitiven, mit Leid durchsetzten Übung.
In Österreich mangelt es zwar nicht an asketischen Begabungen, aber ihre Strahl- und Durchsetzungskraft scheint im Schwinden begriffen. In der aktuellen ÖOC-Mannschaft findet sich kein Einziger, dem man guten Gewissens eine verbindliche Anwartschaft auf eine Goldmedaille zuschreiben würde. Auch nicht die Schwimmer Markus Rogan und Dinko Jukic. Seit dem Abschied des Tornado-Duos Roman Hagara/ Hans-Peter Steinacher sucht Österreichs Sommersport nach einer Siegerin.
Coubertin wäre angesichts des überbordenden Professionalismus und der Vorwürfe von Ausverkauf und Korruption in den Reihen des IOC wohl deprimiert. Funktionärstypen, wie ihn der des Schmiergeldempfangs überführte langjährige FIFA-Präsident Joao Havelange (IOC-Mitglied 1963–2011) und sein Schüler und Nachfolger Sepp Blatter repräsentieren, würden Coubertin die Zornesröte ins Gesicht treiben.
Der alte Baron erlebte sein marketenderisches Erweckungserlebnis, als 1900 in Paris die Spektakel der Weltausstellung und der Sommerspiele parallel nebeneinander liefen. Die Besucher der Ausstellung sahen Weltneuheiten wie Krimsekt und Brillantine. Die Resonanz auf die Spiele hingegen war bescheiden. Coubertin schwor sich, nie mehr Wettkämpfe „anlässlich von Ausstellungen und öffentlichen Festlichkeiten“ zu organisieren. Dieser Vorsatz hat sich erübrigt, denn Olympische Spiele sind längst der weltbeste Jahrmarkt.
„Derselbe olympische Geist“ verbinde die Antike und die Moderne, schreibt Coubertin in den „Erinnerungen“. „Religio athletae: die Alten hatten den Sinn dieses Ausspruchs verstanden, die Modernen dagegen haben ihn noch nicht begriffen. Ich glaube aber, dass sie sich ihm beugen werden.“ Doch die Jungen beugten sich nicht und gingen ihren eigenen Weg. Gut möglich, dass das angesichts der Betriebssysteme von Religion und Olympismus noch ein Glück ist.