In der Obersteiermark herrscht Katastrophenalarm. Allein in St. Lorenzen wurde ein Drittel des Orts von einer Mure mitgerissen. Tausende Häuser stehen in ausgewiesenen Zonen, die von Muren oder Hochwasser bedroht sind. Was soll mit ihnen geschehen? Lohnt es sich, die zerstörten Häuser wieder aufzubauen? Wer plant eigentlich das Bundesland?
Der Falter sprach mit dem Raumplaner Günther Tischler und dem Geografen Dieter Fleck über Sünden der Vergangenheit und die Zukunft des Bauens auf dem Land – vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Abwanderung. Die beiden beraten das Land Steiermark in der überregionalen Raumplanung. In anderen Bundesländern beschäftigen sie sich auch mit der Ortsplanung von Gemeinden. Im Falter sprechen sie über planlose Bürgermeister und erklären, warum die Abwanderung aus dem ländlichen Raum nicht zu stoppen ist.
Falter: Wie viel Schuld trägt der Mensch an Katastrophen wie in St. Lorenzen?
Günther Tischler: Das fängt beim Klimaschutz an, über den seit Jahren diskutiert wird und wo nichts weitergeht. Auch die Häuslbauer haben die Raumplanung zu wenig ernst genommen. Ein Beispiel aus einem anderen Bundesland: Die Leute gehen zum Bürgermeister und wollen eine Widmung für die rote Gefahrenzone. Wenn wir sagen, dass man in die rote Zone nicht hineinwidmen kann, heißt es: Ich wohne hier seit 50 Jahren, da ist noch nie etwas passiert.
Stimmt es, dass in der roten Zone, die von Wildbächen und Muren bedroht ist, nachträglich noch gebaut wurde?
Tischler: Mir ist aus der Obersteiermark kein Fall bekannt. Das sind Häuser, die dort schon seit 50 Jahren oder länger stehen. Aber das Bewusstsein bei der Bevölkerung entwickelt sich erst jetzt langsam.
Angeblich stehen in der Steiermark 17.000 Häuser in der roten Zone. Müsste nicht auch ohne Ausweisung als Gefahrenzone klar sein, dass es riskant ist, neben einem Wildbach zu bauen?
Tischler: In den alten Zeiten, bevor die Raumplanung angefangen hat zu greifen, haben die Menschen ihre Häuser auf die Schwemmkegel gebaut. Weil andere Flächen für die Landwirtschaft genutzt wurden oder dort sumpfige Wiesen waren, die sich nur als Weide für die Pferde eigneten. In vielen dieser alpinen Ortschaften stehen Siedlungen auf Schwemmkegeln. Jetzt schaut alles auf die Gräben in der Obersteiermark. Dabei schlummert auch großes Gefahrenpotenzial im Bereich der großen Flüsse wie Mur, Mürz, Enns und Raab, etwa in der südöstlichen Steiermark. Dort ist das Problembewusstsein noch nicht so groß wie in Gemeinden, wo es rote Zonen gibt.
Dort gibt es keine roten Zonen?
Dieter Fleck: Dort gibt es ausgewiesene Hochwasserabflussgebiete, aber der Druck, Bauland zu widmen, ist zum Beispiel im Großraum Graz viel größer als in der Obersteiermark, die ein Abwanderungsgebiet ist. Wenn der Baulanddruck groß wird, werden teilweise auch Hochwasserabflussgebiete in Bauland umgewidmet.
Tischler: Im Raabtal wurde etwa ein Industriegebiet mitten im Überschwemmungsgebiet der Raab gewidmet, natürlich mit Auflagen. Das ist ein Wahnsinn, weil die Kosten für die Erschließung meist der Steuerzahler tragen muss. Die Gemeinden verfolgen oft ihre eigenen Interessen, wie etwa Betriebsansiedlungen, um dadurch mehr Einnahmen aus Kommunalsteuern zu bekommen. Manche Bürgermeister reden sich auch ein, dass sie durch Wohnbaulandwidmungen die Abwanderung verhindern können.
Drohen dort Überschwemmungen?
Fleck: Ja, wenn man diese Hochwasserabflussgebiete zubaut, kommt das Wasser eben woanders raus – das Wasser braucht seinen Platz.
Müsste das Land als Aufsichtsbehörde nicht unterbinden, dass Bauland im Überschwemmungsgebiet gewidmet wird?
Fleck: Ja, aber da kommen eben auch politische Interessen dazu.
In Österreich haben die Gemeinden das Widmungsmonopol. Sollte man das ändern?
Tischler: Das ist eine uralte Forderung. Die Rahmengesetzgebung sollte auf Bundesebene erfolgen, auf Landesebene sollten die Sachprogramme erstellt werden. Die Raumordnung selbst würde ich auf Bezirks- oder Regionsebene ansiedeln.
Zurück zu St. Lorenzen:
Dort wurde ein Drittel des Ortes weggeschwemmt. Sollte man überhaupt wieder aufbauen?
Tischler: Das muss man spezifisch für diese Situation beurteilen, mit einem Risikomanagementplan auch unter Einbindung der Beteiligten. Wichtig wäre es allgemein, den Bürgermeistern klarzumachen, dass Hochwasserschutz genauso wichtig ist wie etwa der Kanal, die Straßen oder die Beleuchtung – das ist sehr schwer zu vermitteln. Ein Beispiel aus dem Grazer Umland: Weil ein Rückhaltebecken im Bereich einer Siedlung nötig wäre und der Bürgermeister mit den Leuten wegen erforderlicher Grundstücke verhandeln muss, lehnt er sich lieber zurück und setzt sich nicht für einen Hochwasserschutz in seiner Gemeinde ein. Die Gemeinden weiter unten am Fluss schwimmen dann davon, wenn starker Regen kommt. Innovativ ist, dass jetzt die Speckgürtelgemeinden gemeinsam mit Graz einen Hochwasserschutz planen. Hier entwickelt sich ein Bewusstsein. Aber es muss zuerst immer etwas passieren.
Kurt Kalcher vom Katastrophenschutz sagt, seit 2005 gibt es nahezu jedes Jahr eine Katastrophe. Wie wird der Klimawandel das Bauen auf dem Land beeinflussen?
Tischler: Jene Orte, die auf einem Schwemmkegel errichtet wurden und eine gewachsene Siedlungsstruktur haben, muss man natürlich vor dem Hochwasser schützen. In der Raumplanung wollen wir eine stärkere Innenentwicklung forcieren, das heißt: Siedlungsschwerpunkte sichern, die in der Nähe von öffentlichen Verkehrsmitteln liegen, keine Zersiedelung mehr, und leerstehende Objekte müssen nachgenutzt werden. Dann wirken auch die Schutzmaßnahmen effizienter. Beispiel Mur: Dort werden jetzt Wasserkraftwerke gebaut, wodurch es teilweise zu einer Entlastung der Hochwassergebiete in den Murauen kommt. Sofort werden Begehrlichkeiten laut, diese Gebiete umzuwidmen. Dort leben dann jene Leute, die drei Autos brauchen und doppelt so hohe Mobilitätskosten haben.
Wie kann man diese Zersiedlung, also die unstrukturierte Ausdehnung des Siedlungsgebiets, in den Griff kriegen?
Tischler: Das ist sehr schwierig. Die Raumordnung ist erst sehr spät in die Steiermark gekommen. Ein Drittel der Steirer im außeralpinen Raum lebt ja nicht einmal in gewidmetem Bauland. Für die ist Bauland alles, wo man ein Häusl hinstellen kann.
Wenn man die Zersiedlung eindämmt, dann zerstört man Häuslbauerträume. Wie könnte die Politik vorgehen?
Tischler: Im Burgenland bekommen etwa jene eine erhöhte Wohnbauförderung, die in der Nähe der öffentlichen Verkehrsmittel bauen, auch in der Schweiz und in Deutschland ist das so. Nur bei uns heißt es: Das greifen wir nicht an. Ist ja ein schönes Wahlkampfzuckerl. Das Land zahlt für den Häuslbauer, der das billigste Grundstück für sein Fertigteilhaus da unten in den Murauen kauft, eine Wohnbauförderung. Verrückt! Und im Carport hat er drei Autos stehen. Die Pendlerpauschale ist in der derzeitigen Form auch kontraproduktiv.
Verstärkt man nicht die Ausdünnung des ländlichen Raums, wenn man nur noch den Wohnbau in der Nähe zum öffentlichen Verkehr fördert?
Tischler: Die Abwanderung passiert so und so, im ländlichen Raum schafft man keine Arbeitsplätze mehr. Leute, die eine Ausbildung machen, insbesondere junge Frauen, gehen nicht mehr zurück.
Fleck: In den peripheren Räumen in der Obersteiermark, wo es eine solche Zersiedlung nicht gibt, macht eine Wohnbauförderung Sinn. Dort greift sie allerdings nicht, weil die Leute abwandern. Aber im Speckgürtel ist das Verschleuderung von Steuergeld.
Es scheint, als gäbe es beim Bauen auf dem Land gar keinen Plan.
Tischler: Es ist besser geworden. Die Gemeinden müssen jetzt, bevor sie Flächenwidmungspläne machen, einen Entwicklungsplan erstellen. In diesem Entwicklungsplan gibt es einen integralen Ansatz von Hochwasserschutz, Nahversorgung, öffentlicher Infrastruktur, Verkehrserschließung und Baulandgrenzen. Das ist ein positiver Ansatz.
Wird man die Sünden der Vergangenheit überhaupt wieder los?
Tischler: Das wird sehr lange dauern. Vor zehn Jahren hat ein Beamter der Aufsichtsbehörde zu mir gesagt: Was regen Sie sich so auf, die Zersiedlung in der Oststeiermark ist erfolgreich abgeschlossen. So zynisch sind die Aussagen schon geworden. Wir reparieren jetzt hauptsächlich.
Meinen Sie, dass nach den
geplanten Gemeindezusammen-
legungen in größeren Zusammenhängen gedacht wird?
Tischler: Da gibt es sicher Potenzial. Die öffentlichen Einrichtungen, die ganze soziale und technische Infrastruktur kann leichter erhalten werden, wenn die Gemeinden zusammenarbeiten.
Zusammengefasst: Wie müsste das Bauen auf dem Land künftig aussehen?
Tischler: Man braucht Siedlungsschwerpunkte. Dort muss man das ganze Hirnschmalz und Geld, das man im Land hat, gezielt einsetzen. Nicht die Gießkannenpolitik, die wir derzeit betreiben. Künftig muss man sehr genau überlegen, wo man Bauland widmet und wo man im ländlichen Raum in den Rückbau investieren muss. So verstehe ich auch die Investition oben in St. Lorenzen: eine Lebensraumsicherung für einen stark abwanderungsgefährdeten Bereich. In den Abwanderungsgebieten sollte nicht mehr in eine neue Schule oder in weitere fünf Sportplätze investiert werden, sondern in die Altenbetreuung, in den Hochwasserschutz oder in die Sanierung eines alten Bauernhauses. Für viele ist Rückbau noch immer etwas, über das man gar nicht reden darf. Sicher, die peripheren oder abwanderungsgefährdeten Räume brauchen Investitionen – aber in einen gezielten Rückbau. Vom Wachstumsdenken muss man sich verabschieden, das geht gar nicht, da lügt man sich in den eigenen Sack.