Verkaterte Coolness

Der verstorbene Wiener Künstler Franz West schaffte es aus der Gosse in den Olymp. Ein Nachruf auf einen großen Bildhauer

Er machte aus Immanuel Kant eine „Kantine“ und aus dem Darm das „Drama“. Hirn und Körper bilden im Werk des Künstlers Franz West eine Einheit, für die er alle möglichen Formen fand: Würste und Haufen, Stühle und Collagen. Seine Objekte sind sowohl der Monstranz als auch dem Dreck verwandt, speichern intimste Empfindung und kalte Entfremdung.

Franz West ließ die Gegensätze miteinander kollidieren und freute sich, wenn dabei Oberflächen aufbrachen und Bedeutungen verrutschten. Der Weltgeist rieb sich bei West am Häuslschmäh, das Befreite entwuchs dem Zwänglerischen.

Als der deutsche Sammler Friedrich Flick Mitte der 1990er-Jahre eine Technoparty in Wests Atelier besuchte, erschien die Polizei, um die Lautstärke der Musik zu beanstanden. „Das regeln Sie am besten mit meinem Anwalt!”, schaltete sich der Gast ein; prompt stellte sich der Jurist aus Flicks Entourage den verdutzten Polizisten in den Weg.

Die Anekdote zeigt West im Zenit seiner Karriere, als Erfolgskünstler mit Hofstaat, mit dem Ohr am Puls der Zeit. Er hörte experimentelle Elektronikmusik, war stets auf der Suche nach Gegenwart. Assistenten lieferten Ideen, wurden vom Chef in Ausstellungen aufgenommen. West lud Kollegen zu gemeinsamen Projekten ein, setzte Bezüge und Kontexte über die Aussagekraft des Einzelwerks. Er kombinierte und rekombinierte, sodass aus alten Werken neue wurden (siehe auch S. 24). Indem er das Kuratieren zum Teil der künstlerischen Methode machte, betonte er seine Unabhängigkeit von Institutionen.

Er hatte Ausstellungen in den großen Museen der Welt, die wichtigen Kunsthändler wollten ihn vertreten, etwa der Amerikaner Larry Gagosian, die Wiener Galerie Meyer Kainer und die Schweizer Galerie Eva Presenhuber. Er nahm an Biennalen und Documentas teil, seine Werke kosteten bis zu einer halben Million Euro. Eine besondere Aura umgab den Eigenbrötler, der jahrzehntelang von einem Leberleiden gezeichnet war, öffentliche Auftritte mit dem Gehstock absolvierte.

Nach vielen Jahren beim Branntweiner musste West Wasser trinken, als er sich den Bordeaux leisten konnte. Für seine Maseratis brauchte er einen Chauffeur, da er selbst keinen Führerschein besaß. Er liebte den Kalauer, ließ im Museum Krautfleckerln mit Prosecco servieren. Auch der Name West war Material. Eine Ausstellung hieß „Westend“; der Titel der legendären Gruppenausstellung „Westkunst“ klang so, als wäre sie nach dem einen Teilnehmer benannt.

Seine Karriere begann erst im dritten Lebensjahrzehnt, dann aber gab es kein Halten mehr. Er baute einen professionellen Atelierbetrieb auf, stieg in die Großformatproduktion ein, die für den Erfolg der Gegenwartskunst insgesamt kennzeichnend ist. Er entwarf Außenskulpturen für öffentliche Plätze, die sich als liegende Exkremente, auch als aufgerichtete phallische Symbole deuten lassen.

Ein Vandale besprühte im Juli 2011 eine pinkfarbene West-Skulptur vor dem Essl-Museum in Klosterneuburg mit obszönen Wörtern, eine Tautologie, denn das triebhaft Versaute war Wests Rezept gegen das Sakrale, das der modernen Skulptur – von den Figuren Alberto Giacomettis bis zu den Aliens seines Akademielehrers Bruno Gironcoli – anhaftete.

Im Jahr 2000 platzierte er gemeinsam mit Heidulf Gerngross in der Wiener Rahlgasse die „Gerngrosssäule“; sie bestand aus übereinandergestapelten Mülleimern. An der Stubenbrücke beim Museum für angewandte Kunst stehen Wests „Lemurenköpfe“. Ein richtiger Wiener Volkskünstler à la Hundertwasser wurde er nie, sein Name gilt in London und New York genauso viel wie in Gumpendorf. Obwohl sein Humor der Dialektdichtung eines H.C. Artmann viel verdankt, ließ West Rückübersetzungen seiner Sprache ins Populistische nicht zu. Weinetiketten à la Christian Ludwig Attersee hätte er nie gemacht. Er mied Auftritte in Massenmedien, war keiner, den man kennt.

Auf den immensen Erfolg reagierte West mit demonstrativer Wertvernichtung, überschüttete 2001 in einer Ausstellung des Wiener Museums für angewandte Kunst seinen Zweit-Maserati mit rosa Farbe, sodass der Luxuswagen sich in einen unbrauchbaren Oldtimer verwandelte.

Provokateur war er bloß nebenbei; er argumentierte nicht genitalversessen wie die Wiener Aktionisten, sondern sprachlich assoziativ. „Soweit ich Sexuelles in meinem Œuvre verwende, ist es eher abstoßend oder traumatisierend”, sagte Franz West. Er gehörte zu jener Generation, die das von Reaktion und aufsässiger Gegenreaktion geprägte Klima der Nachkriegszeit erlebt und überwunden hat.

Sein größter Gegner war nicht die „Liga gegen entartete Kunst“, die noch in den 1960er-Jahren Künstler wie Alfred Hrdlicka verfolgte, sondern der fehlende österreichische Kunstmarkt. Wests Durchbruch kam erst, als ihn der Kurator Kasper König Anfang der 1980er in Deutschland und der Schweiz als Erneuerer der Skulptur würdigte. Ausländische Sammler korrigierten das Image vom Säufer, der seine Grafiken gegen eine Flasche Obstler eintauschte. Tatsächlich kosten die Collagen, die West in den Innenstadtlokalen verhökerte oder seinen Freunden schenkte, heute um die 20.000 Euro.

„Als ich mit der Kunst angefangen habe, waren die Idole alle über 50, lauter alte, blade, glatzerte Männer“, sagte er in einem Interview. Die Berichte über die frühen Jahre überliefern ihn als Mitglied der auch „Doppler-Anarchie“ genannten Kunstszene um 1970. Die in Wirtshäusern wie dem Alt-Wien beheimatete Bohemeakademie lehrte Größenwahn und Absturz. Man übte das Pöbeln und schloss die aus, die nicht Wittgenstein und Hegel gelesen hatten.

Ohne Anschluss an die offizielle Kultur zu haben, entwarfen Literaten wie Reinhard Priessnitz und Künstler wie Hermann Nitsch schillernde Paralleluniversen. West war der Szene durch seinen um 17 Jahre älteren Stiefbruder, den Literaten Otto Kobalek (1930–1995) verbunden. „Mein Bruder war am Kynismus orientiert, man hat öffentlich gebrunzt und sich bemüht, unbemüht zu sein“, beschreibt West den Gruppengeist.

Die seit Mitte der 1970er-Jahre entstehenden knochenförmigen Objekte aus Gips oder Pappmaché, die sogenannten „Passstücke“, werden zum Kern der Marke West. Die Besucher von Ausstellungen sollen die Passstücke in die Hand nehmen und sie ihrem Körper anpassen, in den Nacken legen oder in die Achselhöhle pressen. So verliert der Betrachter den Abstand zur Skulptur, steht selbst wie eine torkelnde, verspannte Figur im Raum.

Als ein weiterer Schritt der Kunst in Richtung Spektakel wären die „Passstücke“ eine Nebensache geblieben. Ihre ganze subtile Ironie erschließt sich erst, wenn man noch einmal in Wests Jugendjahre zurückkehrt.

Franz West kam 1947 in Wien auf die Welt. Seine Eltern waren kommunistisch gesinnt, die jüdische Mutter arbeitete als Zahnärztin im Gemeindebau, der Vater war Kohlehändler. Als Teenager besuchte er die brutalen Tieraktionen von Hermann Nitsch in Wiener Kellerlokalen, erzählte sie später als traumatische Erlebnisse.

Auch bei der berüchtigten Veranstaltung „Kunst und Revolution“ im Jahr 1968 an der Universität Wien war West dabei. Es war das große Gastspiel der Undergroundakademie; Künstler und Literaten brachen alle möglichen Tabus, defäkierten und onanierten. Sie beschimpften Politiker und urinierten beim Absingen der Nationalhymne.

Das Publikum reagierte ratlos, nur der ebenfalls anwesende Franz West fand Worte, die die gedrückte Stimmung auflockerten: „Ich glaube, die Herren haben sich einen Applaus verdient.“ So brach der junge Besucher das expressive Pathos der Avantgardisten, rückte den Abstand zwischen Bühne und Publikum dort zurecht, wo die Kunst im „Urexzesserlebnis“ (Nitsch) die Expansion ins Leben suchte.

„In meinen Augen war Avantgarde fortschrittlicher Akademismus“, sagte West einmal in der für ihn typischen lakonischen Art. Mit den „Passstücken“ verließ West die Welt der Tabubrüche; er zeigte ein von autoritären Zwängen befreites Individuum, dessen Bewegungen gleichwohl ungelenk blieben.

Die Prothesen mit ihren „postdramatischen“ Akteuren waren die ironische Antwort auf das „Sei ganz du selbst!“ der 1960er-Jahre. Den lauten, die Kunstszene beherrschenden Aktionisten folgte die verkaterte Coolness Wests, die den utopischen Ballonen der Moderne die Luft ausließ. Die Museumsbesucher mochten Wests zwischen Magie und Müll angesiedelte Skulpturen, setzten sich auf seine mit modrigen Teppichen bezogenen Sofas auf der Documenta 9 oder die roh geschweißten Stühle im Kölner Ludwig Museum, ehe der Konservator sie in Sicherheit brachte. Längst hatten auch sie den Weg auf die Kunstauktionen gefunden.

Franz West starb am letzten Donnerstag im AKH. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder. Sein Leichnam wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien am Zentralfriedhof beigesetzt.

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