Der nackte Wiensinn!

Einst war Wien die Hauptstadt der Nackerpatzerln. Heute ist FKK hier ganz normal, oder?

Wien, Kaisermühlen. Strandbad Gänsehäufel, südostseitig. Abseits des Trubels im Kinderwellenbecken, fernab vom 1950er-Jahre-Charme der Badeanstalt. Hier badet es sich ungeniert. Und vor allem unkompliziert. Der Sandstrand ermöglicht schmerzloses Planschen, das Wasser glitzert verführerisch blau, und statt unter Sonnenschirmen sitzen die Badegäste unter den vielen großen Bäumen auf der Liegewiese. Badebekleidung brauchen die Gänsehäufler hier nicht, sie schwimmen hüllenlos in der Alten Donau, lassen sich von der Sonne trocknen und bestellen im Nudistenbeisl Pommes, Schnitzel und Radler. Auch ohne Badesachen.

„Das ist das Praktische am Nacktbaden“, sieht eine sehr gebräunte Dame mit Buch und riesigem Busen das Ganze sehr pragmatisch. „Man hat keine nassen Badesachen, keine nassen Hand- oder Badetücher. Es ist einfach angenehmer.“

Der Alten Donau ist es egal, wie man in ihr schwimmt, ob nackt, im Bikini, unrasiert oder ganzkörpertätowiert. Nur an Land macht das Tragen oder Nichttragen von Textilien einen Unterschied im traditionsreichen Stadtstrandbad. Es entscheidet darüber, auf welche Seite des blickdichten Zauns man muss. Der trennt den Oststrand vom Südstrand.

Studenten und Jugendliche sieht man hinter dem Schilfzaun selten verschwinden, Rentner, ältere Ehepaare und Familien dafür umso häufiger. Aber auch sie durchqueren das Gänsehäufel nicht ohne Kleidung, sondern nützen die Schleuse im „FKK-Zaun“, die stressfreies Ausziehen gewährleistet. Ist diese Hürde genommen, können sie das tun, was Menschen in Wien schon sehr, sehr lange machen: nackt baden.

Nackt tanzen

Nicht immer war dieses hüllenlose Vergnügen derart einfach und enttabuisiert wie heute. Vor über 100 Jahren konnte die Mehrheit der Wiener Bevölkerung sich nicht vorstellen, sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen. Damen waren eingemiedert oder gingen zumindest hochgeschlossen. Badeanstalten waren für Männer und Frauen getrennt und Badebekleidung hatte fast den ganzen Körper zu bedecken. Auch privat gab man sich tendenziell eher gschamig: Geschlechtsverkehr passierte meist durch Schlitze in Nachthemden.

Das Streben nach einem ungezwungeneren Zugang zum Körper war ein Schrei nach Freiheit in einer repressiven Gesellschaft mit rigiden moralischen Vorstellungen. Aktivistinnen nahmen ihre Gesäßpolster ab und fuhren erstmals Fahrrad als Akt der Emanzipation. Sigmund Freud formulierte seine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, worin er beschrieb, wie auch Kinder und Jugendliche schon an Sex denken.

Die Wiener High Society tanzte heimlich nackt und kam sich sehr frivol vor, und die bürgerlichen Turnvereine erlebten ihre Hochblüte. Dieses Freiheitsstreben in allen Schichten der Bevölkerung ebnete den Weg für das, was man heute „Freikörperkultur“ nennt.

Vielen passionierten FKK-Anhängern ist die Historie egal. Ein Mitglied des Österreichischen Naturistenverbandes, das anonym bleiben will, bringt die Situation auf den Punkt: „Für mich ist das Nacktbaden keine Frage einer gesellschaftlich-sozialen Überzeugung, sondern ich fühle mich nackt im Wasser einfach wohl.“ Reformbestreben, Feminismus, sexuelle Revolution oder Atheismus sind sicherlich gute Stichwörter, wenn es um Naturismus geht. Die textilfreien Gänsehäufler sind aber aus ganz anderen Gründen nackt. „Sich einfach nackt fühlen“ und „nahtlos braun sein“ sind die wichtigsten Motive.

„Mich hat eine Freundin vor langer Zeit mitgenommen, seitdem bin ich nicht mehr losgekommen. Ich könnte auch ins Krapfenwaldbad gehen, aber dort gefallen mir die Pritschen nicht“, erzählt eine vollbusige Dame. Ein älteres Ehepaar auf der Liegewiese hat sogar eine Theorie, weshalb die Jungen heute nicht gerne nackt baden. „Wir glauben, das hat nichts mit Schüchternheit zu tun“, sagt die Frau. Und er: „Unsere Kinder sind auch mitgegangen, bis sie in die Pubertät gekommen sind. Dann hieß es plötzlich ‚Ich bin gschamig‘ oder ‚Ich trau mich nicht‘. Aber wenn sie selbst in den 30ern sind und Kinder haben, werden sie wieder anfangen.“

Das erzählt auch Markus vom Naturistenverband Österreich (ÖNV). 20 FKK-Vereine von Wien über Kapfenberg bis zur Ramsau am Dachstein gehören dem ÖNV an. Markus betreut die Facebook- und Twitter-Seite dieser Naturistengemeinschaft. Erst mit über 30 ist er zum FKK gekommen; ein normales Schwimmbad hat er seitdem nicht mehr besucht: „Ich mag die nasse Badebekleidung nicht, die unhygienisch und einengend auf der Haut sitzt, ich mag keine weißen Streifen auf meiner Haut haben, und ich mag mich keinem ‚Wer hat die geilste Badehose‘-Wettbewerb aussetzen.“

Der allererste Nackerte in Wien war der Guru Florian Berndl. Ihm verdanken die Naturisten im Gänsehäufel ihre FKK-Zone, denn der Naturapostel pachtete um 1900 die verlassene Schotterinsel inmitten der Donau und verwirklichte hier seine Vorstellung einer natürlicheren, alternativen Lebensweise.

Heute würde man den Mann mit braungebranntem Teint, langen Haaren und dichtem Rauschebart als schrägen Esoteriker bezeichnen. Viele Wiener kamen oft gar nicht zum Schwimmen auf die Insel, sondern um Berndl, den „Waldmenschen“, zu bestaunen.

Den offiziellen Behörden war Berndl ein Dorn im Auge, man vertrieb ihn und seine Anhänger im Adamskostüm von der Uraniainsel. Um dann selbst im Jahr 1907 das Strandbad Gänsehäufel zu eröffnen. Als Dank für die Entdeckung des Areals ernannte die Stadt Wiens ersten FKKler zum Oberbadewärter.

Zurück zur Natur

„Allerdings waren die ersten Leute, die begannen, auf diesem Sektor herumzuwurschteln, ziemliche Rassisten“, erzählt der Historiker Fritz Keller, selbst bekennender Nudist. Der Professor am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien veröffentlichte 1985 das Buch „Lobau – Die Nackerten von Wien“. Im Nacktparadies beim Biberhaufen kann man den Historiker auch heute noch antreffen. „Es ging damals um Rassenzucht, Rassenveredelung und dergleichen.“

Vor dem Zusammenbruch der Monarchie war legales Nacktbaden in Österreich ein Ding der Unmöglichkeit. In England zum Beispiel, dem klassischen Land der Aufklärung, war man da schon viel weiter. Dort hatte der schottische Richter und Philosoph Burnett Lord Monboddo bereits 1795 mit seinen Töchtern nackt gebadet. Und niemand hat sich aufgeregt.

Erst in den 1920er-Jahren gewannen mehr und mehr Menschen in Wien Freude am Nacktsein. Den Österreichern war dabei vor allem der große Nachbar Deutschland Vorbild. In Büchern las man vom Nacktparadies auf Sylt, die Filmindustrie machte der Wiener Jugend durch Lichtspiele wie „Wege zu Kraft und Schönheit“ Lust auf FKK.

Nach und nach schossen die Vereine in Wien und Graz wie Schwammerln aus dem Boden. Soziale Außenseiter, Arbeiter und die sozialistische Jugend entdeckten die Badeorte in den Donauauen. Man nannte sich „Lichtfreunde“, „Wandervögel“ oder „Bund freier Menschen“. Für die nackten „freien Menschen“ stand der lebens- und sexualreformerische Gedanke im Mittelpunkt, man aß vegetarisch, verweigerte Zigaretten und Alkohol. Sie bekamen von der Stadt Wien 1927 ein Gelände in der Lobau zu Verfügung gestellt. Einzige Bedingung: Ein Zaun musste her, um bekleidete Badegäste nicht zu verschrecken.

Vereinsmeierei und strenges Reglement stießen nicht bei allen Sozialdemokraten auf Begeisterung. Die Jungen forderten die Nichtorganisation und badeten statt in der Lobau lieber „wild“ auf der Hirscheninsel, dem Vorgänger der heutigen Donauinsel. Ganz ohne ideologischen Hintergrund.

Gegen das Establishment

Im Roten Wien ging es den Nacktbadenden noch gut. Der aufkommende klerikale Faschismus beendete das Planschvergnügen dann schlagartig. Die Nackerten wurden zu Widerstandskämpfern. „In den Jahren 1934 bis 1938 funktionierte das Dollfuß-Regime mehr oder weniger. Die Polizei ging gegen die Badenden vor und räumte ihre Plätze“, berichtet Historiker Keller. „Aber als sich das Kriegsglück der Nazis zu ihren Ungunsten entwickelte, tolerierten sie die Nackerten wieder.“ Einzige Bedingung: Alle mussten sich dem Bund für Leibeszucht anschließen.

Und nach 1945? „Da gab es einen Bruch. Die Etablierten wollten nichts mit FKK zu tun haben. Alles hat sich in Richtung Wohlfahrtsstaat entwickelt. Jede Kritik hätte den Koalitionsfrieden gestört.“ Das ehemals Rote Wien machte aus FKK eine Art Familienkultur. Wohnwagen, Gartenparadies und verpflichtende Eheschließung inkludiert.

Schließlich kamen die 68er und Nacktbaden wurde zum Massenphänomen – vom Starjournalisten bis zum Künstler Hundertwasser. Man dachte, Sex hätte eine gesellschaftssprengende Kraft, die Donauinsel wurde gebaut und ein neuer Guru trat auf die Bühne: Ludwig Wickerl Weinberg alias Waluliso. Sein Dogma war Wasser, Luft, Licht und Sonne.

Der Aktivist sammelte Unterschriften für die FKK-Zone auf der Insel, und die dort ansässigen Vereine bekamen neue Plätze zugewiesen. Plötzlich war Nacktbaden cool, man fühlte sich frei und revoltierte gegen das Establishment.

Ingrid Baschant, 60 und Sekretärin im Verein Naturistenpark Lobau, erinnert sich noch gut: „Von berittener Polizei wurde ich nie vertrieben. Als Kind habe ich auf der Hirscheninsel gebadet, dann sind wir in die Lobau übersiedelt. Ich denke, Ende der 1960er hatten die Leute einfach weniger Scham als heute.“ Wie sie zum Baden gekommen ist? „Ich fand die Pfiffe der Männer im Freibad unangenehm. Beim Nacktbaden hingegen hab ich mich nie unwohl gefühlt. Spechtler oder Männer mit Kamera werden sowieso gleich verscheucht.“

Der Naturistenverein zählt heute 700 Mitglieder aus dem In- und Ausland. Die nackten Wohnwagentouristen leben über den ganzen Sommer in der Lobau. Sie schwimmen, unternehmen Ausflüge oder gehen zu den Vereinskonzerten. Im Herbst ziehen sie wieder in ihre Stadtwohnungen. Ist es schwierig, Mitglied zu werden? „Nein“, sagt Baschant. „Wir nehmen Singles, Menschen, die in dritter Ehe leben, und auch Jugendliche auf.“ Das mit den jungen Leuten ist allerdings schwieriger als gedacht. Sie sind die Minderheit in der Vereinsfamilie. Obwohl die alten Naturisten mittlerweile auch Mitglieder in Bikini oder Badetuch tolerieren.

Der Hype von früher ist offenbar verflogen, heute stören die Nackerpatzln niemanden mehr. Auch der 23-jährige Jonathan, Student für Raumplanung, schätzt die Wiener FKK-Kultur. In seiner Heimatstadt Graz hat er eher selten die nackte Freiheit genossen. Hier springt er nächtens öfters nackt mit Klubbekanntschaften in die Neue Donau. Die Polizei hat ihn bei dieser partytauglichen FKK-Variante noch nie behindert. Dennoch badet die Mehrheit seiner Generation jetzt wieder in Bikini und Badehose. „Oben ohne“, noch vor wenigen Jahren überall gang und gäbe, sieht man in den Wiener Bädern eher nur mehr bei älteren Damen.

Fritz Keller erklärt das so: „Die Sexualität wurde und wird immer stärker verdinglicht, schuld daran sind wahrscheinlich die Werbe- und Modeindustrie. Der menschliche Körper wird nirgendwo mehr in seiner Realität dargestellt. Bei der Jugend steigt deshalb die Hemmschwelle.“

Immer diese Spechtler

Sexuell Aufgeladen ist im Gänsehäufel gar nichts an diesem Nachmittag. Nur eine Dame mit dunkelorangener Haut rennt wild umher und schreit erregt dem Bademeister zu: „Da drüben ist ein Spechtler!“ Sofort waltet der Wärter seines Amtes. Er muss nicht nackt sein, trägt wie alle Bademeister weißes Polo und Shorts und hält lästige Spanner von den Frauen fern.

Ein weiblicher Stammgast, der immer in der Nähe des Ufers liegt, hat hier schon einiges erlebt in Sachen Neugier. „Mich stören die schon, früher war es aber noch viel schlimmer, da hat einen der Bademeister schief angschaut, wenn man von Spannern geredet hat“, sagt die Frau. Jetzt werde wenigstens was unternommen. „Auf die Donauinsel geh ich deshalb nicht. Da ist man den Spannern ausgeliefert.“

Die kurze Aufregung trübt die Stimmung der anderen Gänsehäufler nicht. Sie liegen oder sitzen weiter faul in der Nachmittagssonne, lesen Zeitung oder plaudern mit anderen Nackten. Der Bademeister sucht am Ufer nach neuen Übeltätern, während das Personal im Nudistenbeisl weiter Schnitzel paniert. Angezogen übrigens. F

3 Kommentare zu “Der nackte Wiensinn!”

Karla Kolumna, 8. August 2012: "...gebräunte Dame mit Buch und riesigem Busen...", "...eine vollbusige Dame." verwundlerlich bzw. fragwürdig, zumal dieser artikel von einer frau (mit busen?) verfasst wurde. wie (riesig und voll) die primären geschlechtsmerkmale der männlichen badegäste an diesem tag gestaltet waren bleibt allerdings offen

Fritz Keller, 8. August 2012: Super!

Bertha Arrieta, 11. August 2012: "eine sehr gebräunte Dame mit Buch und riesigem Busen", "erzählt eine vollbusige Dame", "Nur eine Dame mit dunkelorangener Haut rennt wild umher" .... schade. Diese Kommentare hätten Sie sich, gerade als Frau, sparen können. Abgesehen davon, dass diese Anmerkungen vollkommen überflüssig sind, wie würden die dementsprechenden Kommentare für männliche Atribute ausfallen?

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