Der talentierte Mr. Tillian

Ein nahezu unbekannter 38-Jähriger führt künftig die Presse und das Wirtschaftsblatt. Die Geschichte eines Aufstiegs

Die Therme Bad Loipersdorf ist eigentlich ein Ort zum Entspannen. Als aber die Mitarbeiter der Gratiszeitung Woche Steiermark Mitte April im Konferenzsaal eines Nobelhotels im steirischen Thermenort Platz nahmen, spürten sie, dass etwas kommen könnte. Aber so schlimm werde es schon nicht sein, dachte man damals, erzählt zumindest einer der Angestellten heute. Schließlich hätten die Chefs ihnen über Jahre hinweg erklärt, wie spitze sie seien. Auch die Zahlen sprachen für sich. Erst 2010 hatte das Gratisblatt trotz Krise das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr seiner Geschichte gemeistert.

Doch dann trat Michael Tillian auf die Bühne. Und es donnerte. Es sei
ein Mythos, dass die Woche außerordentlich erfolgreich sei, erklärte der junge Mann der Belegschaft. Das Blatt sei zwar erfolgreich. Aber nicht so erfolgreich wie andere. Das reiche nicht.

Es war ein Tillian-Moment. Die Belegschaft war geschockt. Aber Tillian legte nach. Es gebe einen Weg mit klaren Spielregeln, wer ihn mitgehen wolle, könne das tun, erklärte der Styria-Manager. Wer nicht, werde auch nicht mitgetragen. „Friss oder stirb“, nennt es ein Mitarbeiter rückblickend. Tillians Weg heißt: Sparen am Personal.

Ein ähnliches Gewitter könnte der rennomierten Presse drohen, jenem Blatt, das seit der Revolution von 1848 erscheint und das als Sprachrohr des österreichischen Bürgertums gilt. Und auch dem Wirtschaftsblatt, ebenfalls aus dem Styria-Verlag, das seit seiner Gründung vor 17 Jahren für hochwertigen Wirtschaftsjournalismus steht.

Denn der gefürchtete Michael Tillian wurde über Nacht zu einer der mächtigsten Figuren im mächtigen Styria-Konzern.

Vergangenen Freitag verkündete die Styria-Konzernspitze, bei Presse und Wirtschaftsblatt werde die gesamte Führungsspitze ausgewechselt, beide Zeitungen müssten künftig enger zusammenrücken. Michael Fleischhacker, neun Jahre lang Chefredakteur der Presse, verlässt das Haus ebenso wie Wirtschaftsblatt-Gründungsmitglied und Chefredakteur Wolfgang Unterhuber. Am Mittwoch, nach Falter-Redaktionsschluss, stimmt die Presse-Redaktion über ihren designierten neuen Chefredakteur Rainer Nowak, bisher Leiter der Innenpolitik, ab. Das Wirtschaftsblatt leitet künftig Esther Mitterstieler. Auch Presse-Geschäftsführer Reinhold Gmeinbauer und sein Kollege Hans Gasser vom Wirtschaftsblatt müssen gehen. Nur Herwig Lang-
anger, der schon bisher die Finanzen der Presse managte, bleibt.

Aber das Sagen hat ab jetzt Tillian, ein 38-Jähriger, der bis vor kurzem für den Konzern die „Regionalmedien Austria“, einen Zusammenschluss aus 129 Gratiszeitungen, vom Wiener Bezirksblatt bis zur Kärntner Woche, mit hartem Besen auf Vordermann gebracht hat.

„Tillian ist ein Sanierer, kein Verwalter“, sagt ein Bekannter des Styria-Managers, der anonym bleiben will. Andere berufliche Wegbegleiter wollen sich gar nicht äußern, legen den Hörer auf, sobald der Name Tillian fällt. Andere schimpfen gleich los. Wer ist dieser nahezu Unbekannte, der in kurzer Zeit an die Schalthebel zwei der renommiertesten Zeitungen des Landes kam?

Tillian, aufgewachsen in Bludenz, führt, so scheint es, ein Leben für
den Lebenslauf. 1993, während seines Jus-Studiums an der Uni Innsbruck, tritt er der Leopoldina Innsbruck bei, einer nicht schlagenden Studentenverbindung des ÖVP-nahen Cartellverbands. Das Studium schließt er mit Auszeichnung ab. Er sammelt Berufserfahrung im EU-Parlament, arbeitet beim Notar im steirischen Birkfeld, schließt seine Ausbildung als Rechtsanwalt in einer Wiener Wirtschaftskanzlei ab – wieder mit Auszeichnung.

Mit 27 Jahren beginnt er im Grazer Medienkonzern Styria, wo er bald als „high potential“ gelobt wird. Er lernt als Assistent bei Horst Pirker, dem damaligen Kapitän des Medientankers, dem mittlerweile zweitgrößten Zeitungskonzern Österreichs.

Im Jahr 2004 steigt die Styria groß ins Magazingeschäft ein, Tillian bereitet die strategischen Schritte vor. Ein Jahr später hält die Styria die Mehrheit der ET Multimedia AG, zu der Titel wie Wienerin und Wiener, Skip, Miss und Diva zählen. Bald heißt die Firma Styria.Multi Media AG, sie wächst zu einem der größten Magazinverlage in Österreich an. Als Dank für die Übernahme hievt die Styria Tillian in den Vorstandssessel. Da ist er gerade einmal 31 Jahre alt.

Egal, wo Tillian hinkommt, seine Rolle ist bereits fix festgelegt: Tillian spielt den Bad Guy. Er schafft neue Strukturen. Das heißt: Er baut Mitarbeiter ab. So ist es auch, als er die Eroberung des Magazinmarkts durch die Styria weiter vorantreibt. Mit der Verlagsgruppe Sportmagazin (Sportwoche, Motorradmagazin) arbeitet der Konzern erst zusammen, dann saugt er sie auf. Dutzende Mitarbeiter müssen gehen. Tillians Mentor Horst Pirker, mittlerweile für das steirische Müllunternehmen Saubermacher tätig, sagt rückblickend: „Tillian hat den bittersten Teil der Suppe ausgelöffelt. Es hat viele schmerzhaft getroffen.“

Auch bei der steirischen Gratiszeitung Woche hat man den Betriebsausflug mit Tillian in die Therme schmerzhaft in Erinnerung. „Es waren entwürdigende, menschenverachtende Aussagen“, sagt Wolfgang Gaube, Betriebsrat der Woche, „ich weine Tillian keine Träne nach.“ Was dieser sogar verstehen kann. „Dass einige Personen auf jemanden, der mit relativ harter Hand strukturiert, böse sind, kann ich niemandem verdenken“, sagt der designierte Presse-Geschäftsführer Tillian. „Aber bei Restrukturierungen geht es darum, Jobs und Medientitel für die Mehrheit zu erhalten.“

Wie Redaktionen nach einer Umstrukturierung à la Tillian aussehen, schildert der Woche-Betriebsrat: „Ab August werden Mitarbeiter zu sogenannten Kreativassistenten umgeschult. Dann sind sie gleichzeitig Sekretär, Anzeigenverkäufer, Grafiker und machen die Telefonakquise.“

Auf derarige Kritik kontert Tillian mit den Wünschen seiner Bosse: „Letztlich ist es eine Frage des Eigentümers zu sagen, er möchte ein besseres Ergebnis.“ Also sei es auch legitim, das Unternehmen danach auszurichten.

Abseits des Jobs gibt es freundlichere Töne für den Styria-Mann. Privat sei er ein sozialer Mensch, bescheinigen Bekannte. Allerdings ist der dreifache Familienvater selten privat. Tillian arbeite wie ein Tier. Gebe immer 100 Prozent. Sei extrem talentiert und noch viel ehrgeiziger. Tue alles für den Erfolg. Und unter Erfolg verstünde Tillian nur eines: hochschwarze Zahlen. Eine Zeit lang war Tillian intern abgeschrieben. 2009 wechselte er von der Styria zum Wien-Ableger von DLA Piper, einem weltweit operierenden Konzern für Wirtschaftsrecht.

Nur ein Jahr später feierte Tillian in der Styria sein Comeback, wurde der große Umstrukturierer der Regionalmedien Austria. Und war wieder der erfolgreiche Bad Guy.

Jetzt wechselt er „schweren Herzens“ zur Presse: „Tageszeitungen gehören aus Managementsicht zur Königsdisziplin.“ Am 1. Oktober ist Tillian offiziell im Amt. Jetzt macht der Styria-Wunderwuzzi einmal Urlaub. Für Presse und Wirtschaftsblatt könnte das die Ruhe vor dem Sturm sein. F

1 Kommentar zu “Der talentierte Mr. Tillian”

Herbert Huber, 8. August 2012: Ich habe noch nie erlebt, dass über einen Manager beim Antritt einen neuen Postens soviel Negatives geschrieben wird - siehe auch die zahlreichen Postings z.B. im Online-Standard. Er dürfte es sich aber anscheinend verdient haben. Ein echter Sanierer schafft neue Strukturen, die einen Fortbestand und ein Wachstum des Unternehmens gewährleisten sollen. Über Tillian wird aber gesagt, er ist ein lebender Wanderpokal, der keine Ergebnisse liefert und nur weitergereicht wird. Er reiße gegen viel Geld Baustellen auf und verziehe sich, wenns eng wird. Zurück bleiben Scherbenhaufen, die andere aufräumen dürfen. Das Ergebnis von Tillians "Restrukturierung" der WOCHE: Leser- und Inserentenorientierung sowie Flexibilität wurde abgeschafft, gute Kunden und fähige Mitarbeiter wenden sich in Scharen ab, die Umsätze sinken in ungeahnte Tiefen. Aus einer erfolgreichen Wochenzeitung wurde ein Inseratenfriedhof, den keiner lesen will und nun wirklich ein Sanierungsfall ist. Gratuliere! Das hätte jeder einäugige Dilletant auch zusammengebracht, aber vielleicht nicht in einem solchen Ausmaß. Ich bedauere jetzt schon Mitarbeiter, Leser und Kunden von Presse und Wirtschaftsblatt, wenn Tiollian seinem Ruf auch dort gerecht werden sollte.

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