Seitdem ich geboren bin, habe ich kein Glück gehabt. Nur du allein warst mein Glück“, dröhnt es aus den Lautsprecherboxen der Disco Laby auf der Ottakringer Straße. Es ist Samstagabend, die Hütte ist voll, das Licht gedämmt. Das ist auch gut so. Die Einrichtung ist zwar neu, stilmäßig aber in den 1990er-Jahren steckengeblieben. An winzigen Stehtischchen um die gut gefüllte Tanzfläche hat es sich das Partyvolk bequem gemacht. Eine Whiskyflasche gehört hier zum Standardtischaccessoire. „Wieso hast du mich verlassen“, tönt es weiter aus den Boxen. „Wieso hast du mich nur verlassen?“ Das Partyvolk reckt die Arme in die Höhe, auf und ab zum Takt des schmalzigen Folksongs. Der DJ mixt die nächste Nummer dazu: Aca Lukas, Schlagerstar vom Balkan, weiß wie man die Menge zum Toben bringt, auch wenn seine Stimme nur von der CD kommt. Wieder: tobendes Gekreische, Hüften wackeln, Arme wippen auf und ab, es wird angestoßen, ein Glas fliegt gegen die Wand. „Ich bin ein Schurke, du eine Märchenprinzessin. Ich würde alles geben, damit du mein wirst“, brüllen schmerzverzerrte Gesichter, gefolgt von einem lustvollen lauten „Opaaaa“ und „So geht dassss!!“
Willkommen auf der Balkanstraße
Technobeat, Trompeten, Synthesizer bringen die Stimmung zum Kochen und die Menge zum euphorischen Johlen. Die junge Balkan-Community Wiens feiert sich selbst. Jedes Wochenende aufs Neue. Jedes Mal mit denselben Schlagernummern. Und jedes Mal tut es gleich weh. Und es tut gut.
Die Ottakringer Straße ist der Mittelpunkt der Balkan-Partyszene. Verband sie im 18. Jahrhundert das Stadtzentrum mit der Vorstadt, verbindet sie heute vor allem die Balkan-Neo-Österreicher mit ihrer alten Heimat. Zwischen Gürtel und Ottakringer Brauerei haben sich zahlreiche Restaurants, Cafés und Clubs angesiedelt, deren Betreiber serbische, kroatische oder bosnische Wurzeln haben. Statt Großraumdisco-Eurotrash von David Guetta hört man hier Balkanschlagerstars: Severina, Aca Lukas oder Željko Joksimović. Im Jargon wird sie deswegen mittlerweile liebevoll „Balkanstraße“ genannt.
„Fortgehen auf Jugo ist einfach anders“, bringt es Elvira, 22, auf den Punkt. Die junge Frau mit dunkler Mähne nippt an ihrem Spritzer, zupft an ihrem Top, überlegt kurz und erzählt dann weiter: „Da flasht mich das Gefühl, mein Herz“, sagt sie. „Bei Jugo kannst du voll mitsingen, so aus der Seele. Bei den Volksliedern is es so Mörder, halt.“
Elvira und tausende andere Jugendliche geben sich Wochenende für Wochenende dieses Balkan-Feeling. Der Alkohol fließt, das Gemeinschaftsgefühl wächst, das Herz zerspringt vor Melancholie. Es ist der nostalgische Weekend-Trip in Miniröcken und mit Cola-Rot in eine meist nur wenige Quadratmeter große, verrauchte Welt voll mit mies produziertem Turbofolk und ebenso miesen Geschlechterklischees.
Und genau das ist es eben. Denn nur wegen der Musik gehen Elvira und ihre Freundinnen nicht „auf die Balkanstraße fort“. „Wenn wir ins Jugolokal gehen, fühl ich mich gleich gelassener, heimischer“, sagt die junge Wienerin. „Ich weiß, wer da aller fortgeht. Und egal, in welcher Stimmung du bist, jedes Lied passt.“ Obwohl in Österreich geboren, liebt sie das Heimatland ihrer Eltern und lebt Traditionen und die Musik. Emotionen versteckt sie dabei nicht. „Wenn ich ein bestimmtes Jugo-Lied höre, schaue ich meine Freundin an, und wir weinen gemeinsam und umarmen uns und singen ganz laut.“ Bei einem englischen Lied würde sie nie heulen. Niemals. „Wenn ich auf Englisch fortgeh, dann nur zum Shaken. Das ist super.“
Jugo Trackshittaz
Anders als in der klassischen Wiener Großraumdisco gehören Emotionen beim Partyvolk auf der Balkanstraße zum guten Stil. Spricht den jungen Leuten, die die Heimat ihrer Eltern nur aus den Ferien kennen, ein Liedtext aus dem Herzen, dann singen sie inbrünstig mit. Will man als echter Partyhengst gelten, quetscht man noch eine Träne aus dem Augenwinkel, während man bei Aca Lukas’ „Warum hast du mich verlassen?“ mitgrölt. Der Tanz auf Knien gehört hier zum guten Ton. Feierst du nicht ab – bist du kein Mann. Und wackelst du deinen Arsch nicht anständig im obligatorischen Minirock – bist du auch keine richtige Balkanfrau. Ein Ventil – weg von der realen Welt ohne Anspruch auf Qualität.
In „österreichische Lokale“ wie die Volksgartendisco oder die Passage geht Samanta, 17, nicht gern. „Ich war mal in so einem Schuppen“, erzählt sie, „das war nicht so meins. Ich steh mehr auf Jugo-Sound.“ Die Schülerin aus dem bosnischen Orašin hat sogar ihre polnische Freundin mit dem Jugo-Feeling angesteckt.
Fürs Wochenende steht das Standardprogramm an: Die Einstimmung aufs nächtliche Gefühlschaos geht mit einer mehrstündigen Aufhübschprozedur einher: schön dick das Make-up, schön knapp das Outfit. „Ja, manche übertreiben dann schon total“, gibt Samanta zu und meint damit die ganz schön dicke Schminke und das aber-hallo-knappe Outfit von überambitionierten High-Heel-Trägerinnen und männlichen Solariumliebhabern mit feminin anmutendem Augenzupfzwang und erstaunlicher Brustglätte. Wobei man mit Erleichterung feststellen kann, dass dieser gelebte Trash vor allem äußerlich proportional zum Alter auf ein erträgliches, alltagstaugliches Erscheinungsbild herunterbricht.
Der Musikgeschmack und dieses Ding mit Herzschmerz bleiben jedoch lange Zeit konstant und folgen einem sogar in die Ferien. Samanta braucht auf ihren Clubsound aus dem 20. Bezirk nicht zu verzichten, denn DJ Silver – eine Wiener Szenegröße unter den „Balkan-Bumbum-Beatern“ – legt auch in Bosnien auf. Nämlich, wenn alle Wiener „Jugos“ aus Bosnien, Kroatien und Serbien in die Heimat ihrer Eltern fahren. Denn dann trifft sich die Diaspora aus Österreich und Deutschland „unten“ wieder und macht weiter zu gewohntem „Tutztutz-Sound“ Party.
Super-Turbo-Trash brauchen die Studentin Nataša, 21, und der Filialleiter einer Supermarktkette, Jasmin, 24, nicht. Ihr Herz schlägt für den sogenannten Ex-Yu-Rock. „Niemand leidet so sehr in Liedern wie wir“, sagen sie und zitieren aus den Klassikern der 1970er-Legenden wie Bjelo Dugme und Divlje Jagode. Fürs nostalgische Schunkeln lässt die Wochenendplanung natürlich nichts anderes als das Jugo-Lokal zu.
Auf alltagseinnehmende musikalische Berieselung aus Südosteuropa steht Nataša übrigens auch nicht. Sie zeigt sich auch offen für Alternativen. „Mir gefällt österreichische Musik auch sehr“, sagt sie. „Also, ich mein jetzt alles, was auf Ö3 spielt!“ Vor allem im Auto und in der Arbeit dürfen es schon einmal Rihanna und Lady Gaga sein. Die Kastelruther Spatzen sind klarerweise nicht so ihres.
Aber lass mir meinen Trash!
Beim Fortgehen kommt es auf die Gesellschaft an. Alle zusammen in der Clique auf demselben kulturellen und sprachlichen Nenner? Dann wird auf Jugo gefeiert: „Bin ich mit meinen österreichischen Freunden unterwegs oder sind wir eine gemischte Truppe, tanzen und feiern wir zu den neuesten Hits von David Guetta und Co.“
Wenn ein Wochenende wieder einmal richtig trashig ausfallen sollte, schafft der gebürtige Serbe Jasmin das nur mit einer guten Menge Alkohol. „Ja, dann halt ich das aus. Und nur, wenn ich mit meinen Cousins und Cousinen unterwegs bin. Sonst pack ich das nicht. Das ist ur tiaf.“
Jasmin fügt sich gelegentlich zu Geburtstagen jüngerer Geschwister seinem Wochenendschicksal und trinkt sich das vielbesagte Feeling eben an: „Ich hab’s früher gehasst. Jetzt zerbrech ich sogar Gläser und singe mit. Ich mag es immer noch nicht. Aber es packt mich dann doch irgendwie.“
Um diesen Emotionscocktail an schizophrener Heimatnostalgie und alkoholgepushtem Gemeinschaftsgefühl loszuwerden, muss man wohl erst die 20er hinter sich gelassen haben. Genug Zeit, um über musikalischen Trash hinauszuwachsen und sich ausgelassenem, denkfreiem Feiern hinzugeben. Genug Zeit, um nach Lust und Laune Identitätshopping zu betreiben, ehe man sich langsam klar wird, woher diese Heimatnostalgie rührt.
Ist es nur die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man nie gelebt hat, und man eifert so der elterlichen Vergangenheit nach? Ist die Affinität zu Turbofolk-Trash und Tischgehopse unter den Diaspora-Kids einfach nur musikalische Unterbelichtung? Oder ist es einfach völlig egal, weil man es sich verdammt noch einmal einfach aussuchen kann, ob die Gefühlsebene eher auf Jugo, österreichisch, Hip-Hop oder Nostalgie gestimmt ist?
Vielleicht reichen die 20er ja nicht aus. Vielleicht wird die Diaspora auch lange jenseits der 30er einen Hang zu derbem, schlecht produziertem Jugo-Sound haben. Einfach, weil man es sich aussuchen kann, ob man nächstes Wochenende lieber auf Tischen tanzt oder eben nicht. „Denn nur eines wäre schlimm“, findet Elvira. „Wenn die echte Welt nur die Jugo-Welt wäre – das wäre zu fad.“ F