Ihre Sprache entwickelt einen betörenden, bedrohlichen Sog, der Leser nicht verschont: Asli Erdoğan beschreibt das Grauen, das sich ins pralle Leben drängt. In ihrem jüngsten auf Deutsch erschienenen Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ verliert sich die Protagonistin in Rio de Janeiro. „Alles war nur eine lebendige, atmende Maske, die Erinnerung und die Saat des Todes bergend.“ Erdoğan ist türkische Staatsbürgerin und wird ein Jahr als „writer in exile“ in Graz verbringen. Seit 1997 wird das Projekt „Graz – Stadt der Zuflucht“ von der Stadt und dem Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren Graz getragen. Erdoğan arbeitete als Physikerin und Informatikerin am Kernforschungszentrum Cern, ehe ihr erster Roman, „Kabuk Adam“, 1994 erschien. Gegenwärtig schätzt man die anerkannte Autorin in ihrer Heimat jedoch wenig: Erdoğan fing an, in Kolumnen Fälle unrechtmäßiger staatlicher Gewaltanwendung aufzugreifen.
Falter: Ihre Kolumnen sind von politischer Brisanz. Was war der große Tabubruch?
Asli Erdoğan: Das Erste, das ich angefasst habe, war der Fall von sechs kurdischen Mädchen, die von Milizionären vergewaltigt wurden. Über Kurden berichtete die Presse nur in Zusammenhang mit Terror. Mein Artikel endete mit einem Autopsiebericht: Eines der Mädchen wurde mit einem Bajonett vergewaltigt, sie war geistig zurückgeblieben. Der Satz fiel wie eine Axt. Die Vergewaltiger kamen davon. Paramilitärische Einheiten, ausgebildet und vom türkischen Militär mit Waffen ausgestattet, herrschten in kurdischen Dörfern. Danach schrieb ich literarisch über Jugendliche, die von Polizisten zu Tode gefoltert wurden. Und dann auch über Vermisste.
Die Vermissten waren kurdischer Herkunft?
Erdoğan: Die meisten. Es werden auch viele Linke vermisst. Tausende Menschen werden in der Türkei vermisst. Es gibt die „Samstagsmütter“, wie in Argentinien. Das sind kurdische Frauen, die immer samstags in Istanbul mit Fotos ihrer verschwundenen Söhne demonstrieren. Passanten schlugen die Frauen, bespuckten sie. Doch die Frauen kommen aus fernen Provinzen. In einer Kleinstadt im Südosten entdeckte man im Garten einer Polizeistation verscharrte Leichen. Es waren Männer, der Jüngste war 14, der Älteste 22. Einer war der Sohn einer dieser Mütter. Über solche Fälle schreibe ich. Warum soll das tabu sein? Wie auch immer man politisch eingestellt ist, man sollte dieser Mutter beistehen. Verbrechen des Staates wiegen schwerer als Verbrechen jeglicher Organisation. Ein Staat muss sich an seine eigenen Gesetze halten.
Auf einem anderen Gebiet, in der Welt der Physik, hat eine Annahme gehalten, auf die Sie gesetzt haben: Die Existenz des Higgs, jenes Teilchens, das allen anderen Teilchen ihre Masse verleiht, ist nachgewiesen.
Erdoğan: Ich war bis ins Innerste eine Higgs-Physikerin. Mein Name steht auf einem der Papiere, in dem meine Forschungsgruppe – die das Atlas-Experiment begründete – damals festhielt: Wir werden das Higgs finden. Vor zwei Jahren sagte ich in einem Fernsehinterview: 2012 werden wir es haben. Und so war’s! Einmal in meinem Leben hatte ich Glück. Es arbeiteten ja tausende Physiker am Cern.
Das Kernforschungszentrum bei Genf bezeichnen Sie als eiskaltes Karrieristenghetto.
Erdoğan: Ja. Ganz Europa zahlt, um die Experimente zu finanzieren. Es gibt Machtspiele. Ich war 24, kam aus der Türkei und war eine Frau. Ich war eine Außenseiterin am Cern. Damals waren dort vier Prozent der Physiker weiblich. Noch heute sind Frauen in der Physik eine Minderheit, aber in Feldern wie Teilchenphysik war es noch schlimmer. Eines Abends kam eine deutsche Physikerin in die Cafeteria. Ich war die einzige Frau außer ihr, sie steuerte auf meinen Tisch zu, stellte ihr Tablett ab und schluchzte los. Unter Tränen erzählte sie ungefragt, wie sehr Männer sie behindert hätten. Sie war Ende 50 und ist plötzlich entlassen worden. Zuerst war mir unwohl. Die anwesenden Physiker taten, als würden sie es nicht sehen. Ich kann es nicht beweisen, doch: Hätte die Frau sich die Pulsadern aufgeschnitten, keiner hätte eingegriffen. Darum mag ich Literatur, sie begibt sich in diese Graubereiche. Vielleicht war das eine oder andere, was sie erzählte, Lüge oder Fiktion. Doch sie war komplett zerbrochen an diesen männlichen Strukturen.
Sie haben das Forschungszentrum Cern verlassen, um kurz darauf nach Rio de Janeiro aufzubrechen. Die Türkei haben Sie mehrmals in Ihrem Leben verlassen. Ist Ihr derzeitiges Exil ein selbstgewähltes?
Erdoğan: Mein Anwalt schaut, ob ich auf schwarzen Listen stehe. Ich bin kein Mitglied der PKK, ich bin für Frieden. Vor zwei Jahren begann ich, meine Kolumnen für eine kurdische Zeitung zu schreiben, und mein Leben nahm eine Kehrtwende. Es gab Massenfestnahmen, innerhalb von 20 Monaten wurden 5000 Menschen inhaftiert. Also: Bin ich im Exil oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich habe nicht den Mut, für eine Woche in die Türkei zu reisen.
Was wirft man diesen festgenommenen Personen vor?
Erdoğan: Sie sollen der Koma Civakên Kurdistan angehören, die als bewaffnete Bürgerorganisation der PKK gilt. Zehntausende Menschen sind in Haft aufgrund eines Gesetzes, das 2006 in Kraft trat. Fordert jemand etwa Autonomie für Kurden, hat der türkische Staat das Recht, ihn der Propaganda für den Terror zu bezichtigen. Dafür gibt es sieben Jahre. Wenn man es schreibt: plus dreieinhalb Jahre. Ein guter Freund von mir, der Menschenrechtsaktivist und Anwalt Muharrem Erbey, ist seit drei Jahren in Haft. Die Verhaftungen erfolgten sukzessive, man bekam das Ausmaß nicht unmittelbar mit.
Wodurch sind Sie alarmiert?
Erdoğan: Vergangenen Dezember verhaftete die Polizei Anwälte, auch jene Abdullah Öcalans, und Vortragende und Studierende von Akademien der Barış ve Demokrasi Partisi (Anm. politische Partei in der Türkei, dt.: „Partei des Friedens und der Demokratie“, die sich nach eigenen Angaben für die kurdische Minderheit einsetzt). Darunter Büşra Ersanlı, eine Politologin, die bis zu ihrer Inhaftierung der Kommission für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung angehörte. Die Menschen waren alarmiert: Warum sollte Ersanli eine Terroristin sein? Vor kurzem wurde sie entlassen. Zu Beginn des Verfahrens gegen sie hatte die Staatsanwaltschaft 18 Jahre Haft gefordert. Auch der Verleger Ragıp Zarakolu, ein guter Freund von mir, wurde wegen Verdachts auf Unterstützung einer terroristischen Organisation festgenommen. Das war im November. Ich war in Zürich, meine Zeit als Writer in Residence endete. Ich konnte weder essen noch schlafen. Zwei Wochen später haben sie die Zeitung, für die ich schreibe, dichtgemacht.
Ihre Kolumnen schreiben Sie weiterhin?
Erdoğan: Ja, ich kann nicht anders. Man hat mir nahegelegt, damit aufzuhören. Der Krieg hat wieder begonnen, die Türken und die Kurden werden immer nationalistischer, ich mag die Sprache des Krieges nicht. Ich habe Angst.
Würde sich daran etwas ändern, wenn die Türkei in der EU wäre?
Erdoğan: Diese Frage stellt sich nicht mehr. Die Europäer sind zu langsam oder unwillig, um einzusehen: An einer Mitgliedschaft ist die Adalet-ve-Kalkınma-Partisi-Regierung von Premier Erdoğan nicht interessiert. Sie wollen ein autonomes Reich im Nahen Osten sein. Die USA unterstützt das. Um die Demokratisierung der Türkei oder gar jene des Nahen Ostens schert sich keiner. Eine historische Gelegenheit ist verstrichen: Die EU um die Türkei zu erweitern hätte ein Schlüssel zur Stabilisierung des Nahen Ostens sein können.
Es steht nicht gut um die türkische Demokratie?
Erdoğan: Nur eine aktuelle Entwicklung: Die Regierung von Premier Tayyip Erdoğan wollte Abtreibungen verbieten, es gab Proteste. Nun ist eine Abtreibung in den ersten acht Schwangerschaftswochen erlaubt. Den Kaiserschnitt will die Regierung verbieten. Zudem müssen Kliniken, die Schwangerschaften feststellen, die nächststehenden männlichen Verwandten der Schwangeren informieren, also den Ehemann oder den Vater. Das soll Demokratie sein? Der Staat kontrolliert selbst deinen Unterleib.
In der deutschsprachigen Presse wird indes die Beschneidung von Buben aus religiösen Gründen diskutiert.
Erdoğan: Ich denke nicht, dass sich der Westen tatsächlich um die Penisse türkischer Buben sorgt. Es geht darum, ein Tabu anzufassen. Wie religiös ist die Europäische Union? Das würde mich interessieren. F


