“Das war immer mein Traum”

Die Rollstuhltennisspielerin Henriett Koósz aus Wien nimmt erstmals an den Paralympics teil. Nächste Woche beginnen die Spiele in London

von Johann Skocek | aus FALTER 34/12   

Henriett Koósz zieht die Gurte nach. Den Bauchgurt, der sie im Rollstuhl hält, den Hüftgurt, der die Sitzposition fixiert. Und schließlich den Kniegurt, der die Beine an die Unterlage bindet. Der Spezialrollstuhl hat zwei große, nach innen geneigte, schmale Laufräder und vorne ein Steuerrad, außerdem unter dem Sitz drei im gegengleichen Dreieck angeordnete Laufrollen, mit denen er dem leisesten Impuls der Hand gehorcht und auf den Zentimeter genau reagiert. Das ist für Henriett Koósz die unabdingbare Voraussetzung, um den Tennisball nicht nur annehmen, sondern auch dorthin pfeffern zu können, wo er hingehört. Nämlich dort, wo die Gegnerin nicht mehr hinkommt.

Koósz, 32, ist eine von drei Sportlern des österreichischen paralympischen Rollstuhltennisteams, sie nimmt bei den Paralympics in London teil. Als sie im Tennisklub LTM trainiert, strahlt sie geradezu vor Glück. Koósz: „Das war mein Traum, alles andere nehme ich, wie es kommt.“ Zum Stichtag der Qualifikation hätte sie mindestens 21. in der Weltrangliste sein müssen. Sie lag jedoch auf dem 24. Platz. Ihr Glück war, dass pro Land nur vier Teilnehmerinnen zugelassen werden, so fielen ein paar Spielerinnen aus dem Raster, und Koósz wurde mit einer Wild Card ins olympische Feld aufgenommen.

Inzwischen ist die Trainerin Karin Tesar in der Halle angekommen, sie unterrichtet Koósz seit acht Jahren. Die beiden Frauen wärmen ihre Körper auf, die Schultern rotieren, der Kreislauf wird langsam hochgefahren.

Im kleinen ungarischen Grenzdorf Peresznye wuchs Koósz auf. „Das ist gleich bei Bad Loipersdorf über der Grenze“, erzählt sie. 1997 erlitt sie in Österreich einen Autounfall, seither ist sie querschnittgelähmt. Sie war damals in der Maturaklasse. Während der Rehabilitation im Weißen Hof musste sie ihr Leben neu ordnen, und sie entschloss sich, in Österreich zu bleiben. „Die Familie ist dir in so einer Situation nicht so nahe“, sagt sie. „Du bist damit beschäftigt, dein Leben wieder zusammenzusetzen. Unser Dorf hat 500 Einwohner, da kann ich alleine gar nichts machen. In Wien kann ich alleine leben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, einkaufen gehen, arbeiten.“

Sie holte schließlich die Matura nach und absolvierte in einem Internat eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Die Kosten dafür übernahm die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt AUVA.

2004 hatte sie dann zum ersten Mal einen Tennisschläger in der Hand. Gemeinsam mit anderen gründete sie den Verein ÖBSV Fontana; ÖBSV steht für den Österreichischen Behindertensportverband, und man trainierte im Tennis-Point in Oberwaltersdorf, Niederösterreich. „Der Klub heißt zwar noch so, wir sind aber seit ein paar Jahren nicht mehr in Oberwaltersdorf“, sagt Koósz. Zu Beginn ist das Tennisspielen mehr ein Feierabendzeitvertreib mit Schicksalsgenossinnen. Einmal in der Woche. Inzwischen trainiert Koósz fünfmal pro Woche, seit 2011 ist sie Österreicherin, seit zwei Jahren strebt sie zu den Paralympischen Spielen in London.

Tesar und Koósz spielen im Halfcourt Bälle übers Netz, das Schlaggefühl in der Hand wird aktiviert, die Distanz zum Ball noch spielerisch, tastend gesucht. Im Unterschied zu Spielern, die sich auf zwei Beinen bewegen, muss Koósz auch den Rollstuhl mit beiden Händen steuern, von der Vorhand zur Rückhand und zurück. Dabei dreht sie sich oft nach hinten, um die Seite zu wechseln, dreht dem Partner auf der anderen Seite des Netzes also für Augenblicke den Rücken zu. Wahrscheinlich macht sie das, um die Bewegung des Untersatzes, aber auch der Schlaghand auszunutzen. Denn die Hand mit dem Schläger kümmert sich nicht nur um den Ball, sondern auch um das Rad auf ihrer Seite. Den Rollstuhl nur mit der Linken zu steuern ist nicht möglich.

„Ich trainiere meist mit anderen Rollstuhlsportlern“, sagt Koósz. „Andere Sportler sind nicht so interessiert, und es ist auch für mich nicht unbedingt optimal. Die Bälle kommen anders, von weiter oben.“ Sie hat den Beruf auf Pause gestellt, um sich den Aufwand für die Olympiavorbereitung leisten zu können. Ihr Freund, ein Softwareentwickler, hat ihr die Homepage gebaut. In den vergangenen zwei Jahren gewann sie „ein paar kleinere Turniere“. Dennoch sei keine Rede davon, vom Turniertennis leben zu können. „Ich bin schon froh, wenn ich pari oder mit 50 Euro plus aussteige“, sagt sie.

Zum Fototermin hat sie sich Sticker von Ökopack, einem Ökologieunternehmen, aufs Leiberl geklebt. Der Sponsor hilft ihr, die Kosten für das Wettkampfleben zu bestreiten. Die laufenden Ausgaben in Wien deckt eine Invalidenrente. Schläger, Bälle und andere Ausrüstung kauft sie sich selber, oder sie schreibt die benötigten Utensilien auf die Wunschliste zum Geburtstag oder an das Christkind. Ausrüsterverträge? Gibt es keine. „Ich habe ein paar Mal bei Babolat angerufen, die haben Rückrufe versprochen, aber es hat sich nie wer gerührt. Mir ist es dann eines Tages zu blöd geworden.“

Förderungen fließen spärlich, 2011 erhielt die Sportlerin vom Team Rot-Weiß-Rot Subventionen, heuer nichts mehr. „Für die Sporthilfe war ich nicht gut genug, aber die werden mir etwas nachzahlen, weil ich die Olympiaqualifikation geschafft habe.“ Mit dem Tennisverband hat sie einen Vertrag, ist sie am 31. Dezember unter den Top 40, kriegt sie eine kleine Summe. Auch Novomatic und Visa tragen einmal im Jahr eine Kleinigkeit bei.

Trainerin Tesar verlangt Drills. Zum Beispiel wird ein Ball hoch an die Grundlinie gespielt, Koósz muss ihn möglichst lang zurückschlagen, und zwar longline. Anschließend zur Mitte, auf Lauerposition. Dann kommt ein kürzerer Ball, Koósz saust vor in Angriffsposition und klescht die Kugel lang ins diagonale Eck. Punkt. Wieder zurück, das Ganze von vorn. Zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal. Hartes Training.

Österreich schickt noch zwei weitere Rollstuhltennisspieler nach London, und zwar die Legende Martin Legner – der Mann gewann vor kurzem sein 1000. Turniermatch – und Thomas Mossier. Legner, 46, war seit Barcelona 1992 bei allen Paralympischen Spielen mit dabei, er kam schon mehrfach ins Viertelfinale. Mossier, 35, spielte 2008 in Peking, allerdings bloß eine Runde.

„Ich weiß nicht, ob ich noch weitermache, wenn ich heimkomme“, sagt Koósz. „Auf jeden Fall werde ich eine längere Pause einlegen.“ Jahrelang hat sie jedes Mal, wenn sie zu einer Feier oder Party eingeladen wurde, erst den Turnierplan konsultiert, oft abgesagt. „Ich freue mich darauf, mit meiner Familie und Freunden zusammenzukommen, ohne dass ich an ein Turnier oder ans Training denken muss.“

Aber vorher wird sie jeden Tag und Schlag in London genießen. „Die Plagerei hat sich ausgezahlt“, sagt sie. Und die Mutter wird auch mitkommen, die Angst vor dem Fliegen hat und um das Kind, das sich so oft in den Flieger gesetzt hat, um irgendwo auf der Welt Tennis zu spielen. „Sie kommt mit meinem Freund und seiner Mutter, da ist sie gut aufgehoben.“

Gewinnen wird Koósz das olympische Turnier nicht, so naiv ist die Tennisspielerin nicht. Ihre Behinderung ist wohl zu schwer. Sie hat nur noch Reste von Bauchmuskeln und Rückenmuskeln, und auf den Turnieren muss sie sich mit Gegnerinnen herumschlagen, die teils viel weniger Handicap tragen.

„Alle Behinderten fallen unter Rollstuhltennis, auch wenn ihnen nur die Füße fehlen und sie auf zwei Beinen gehen können.“ Manchmal, wenn sie ein Turnierveranstalter mit einer Kontrahentin in einem Hotelzimmer einquartiert, scheint das mit zwei Rollstühlen unmöglich. „Da sagt schon manchmal eine Spielerin, das ist kein Problem, schiebt den Rollstuhl auf den Gang und bewegt sich im Zimmer aufrecht fort.“

Die unumstrittene Beherrscherin des Sports und klare Favoritin auf die Goldmedaille ist die Holländerin Esther Vegeer. Sie macht mit der Weltranglisten-Zweiten, was sie will, hat seit zehn Jahren kein Spiel verloren, fünfmal die Paralympics gewonnen und ist seit 1999 die Nummer eins. Ununterbrochen. Und sie ist tatsächlich querschnittgelähmt. „Sie bewundere ich“, sagt Henriett Koósz, „wie sie das macht, ist wie ein Wunder.“ F

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