Eines seiner ersten Kinoerlebnisse geht auf „Das Phantom der Oper“ zurück, einen für Jugendliche streng verbotenen Horrorfilm, der 1926 auch in Wien anlief. „Ich war noch keine 14, aber eine ältere Cousine hat mich ins Kino geschmuggelt. Als das Phantom, das war Lon Chaney, sich die Maske vom Gesicht gerissen hat, ist sie aufgesprungen und hat fürchterlich geschrien. Ich war so verlegen, dass ich mich am liebsten versteckt hätte.“
Ins Kino geht Wolf Suschitzky bis heute gern. In Verlegenheit bringen freilich lässt er sich nicht mehr so leicht. Selbst die Ehrbekundungen, die ihm dieser Tage rund um seinen 100. Geburtstag noch häufiger zuteil werden als sonst, lässt er mit viel Geduld und sehr viel Selbstironie über sich ergehen: „Ein schöner Nachruf, danke.“
Seit bald 77 Jahren lebt der gebürtige Wiener mittlerweile in London, aber den alt-österreichischen Akzent hört man immer noch durch, selbst wenn er englisch spricht. Freundliches Understatement ist ihm zur zweiten Natur geworden. „Es ist mir wirklich nie eingefallen, mich Künstler zu nennen“, sagt Suschitzky über seine Arbeit. „Ich war ein Handwerker.“
Dabei ist Wolf Suschitzky, von seinen Kollegen gerne nur Su genannt, der seltene Fall einer Doppelbegabung. Er war nicht nur Fotograf, sondern auch Kameramann und hat ein halbes Jahrhundert britischer Filmgeschichte mitgeschrieben – von Dokus wie den „Mining Reviews“, einer Art gewerkschaftlichen Wochenschau für Minenarbeiter, die Monat für Monat in Hunderten von Kinos gezeigt wurde, bis zum Gangsterfilm „Get Carter“ mit Michael Caine, einem modernen Klassiker, den in England praktisch jeder kennt.
Suschitzky war befreundet mit Gerd Arntz, dem Grafiker der Isotypen, mit Hilde Spiel und Peter de Mendelssohn, dem vertriebenen Schriftstellerehepaar, und mit Sean O’Casey, dem bedeutenden irischen Dramatiker; er hat Carl Mayer noch gekannt, den großen Autor der Stummfilmzeit, und Alexander Fleming, den Entdecker des Penicillins; er hat Robert Flaherty fotografiert, den Filmpionier, und Guru Dutt, den indischen Meisterregisseur; er hat mit James A. Michener gedreht, dem Bestsellerautor, und mit Joy Adamson, der legendären kenianischen Löwenmutter – und natürlich auch mit einer Reihe bekannter Schauspieler wie Vincent Price, Diana Rigg, Trevor Howard, Susannah York, Robert Morley, Amanda Plummer, Elliott Gould oder John Cleese.
Aber der Reihe nach. Wolf(gang) Suschitzky wächst im vierten Bezirk auf, die Eltern sind gestandene Sozialdemokraten. Vater Wilhelm, ein Buchhändler und Verleger, ist ein fortschrittlicher Mann. „Religion hat in meiner Erziehung keine Rolle gespielt“, erinnert der Sohn sich ein Menschenalter später. „Mein Vater ist aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, er hat sich konfessionslos erklärt, war also Freidenker. Und ein Frauenrechtler, was auch schon vor 100 Jahren selten war. Ich persönlich hab Religion nie vermisst.“
Nach bestandener Matura an der Internatsschule Breitensee möchte Wolf am liebsten Zoologe werden. Doch weil die Berufsaussichten miserabel sind und seine große Schwester, die spätere Fotografin Edith Tudor-Hart, mittlerweile am Bauhaus studiert, entschließt er sich zum Besuch der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Unter seinen Kommilitoninnen sind Lucca Chmel, die Architekturfotografin, und die Holländerin Puck Voûte. „Wir haben vor allem technische Sachen gelernt, wie man gut entwickelt und druckt. Das war sehr nützlich, aber statt drei Jahren hätten dafür auch drei Monate gereicht, denn hauptsächlich waren wir mit Retuschieren beschäftigt – was ich später im
Leben nie getan hab.“
1934 verlässt Suschitzky wegen des Austrofaschismus das Land. Sein Vater hat sich nach dem blutigen Februar, der das Ende des Roten Wien bedeutete, das Leben genommen. Buchhandlung und Verlag der Familie werden 1938 „arisiert“.
So gesehen ist es wohl kein Zufall, dass Wolf Suschitzky sich in London weniger für imperiale Sehenswürdigkeiten interessiert als für die unzähligen kleinen Läden in der Charing Cross Road. „Ich hatte noch nie eine Straße voller Buchhandlungen gesehen. In Wien gab’s so was ja nicht, aber in London waren, wie zur Zeit der mittelalterlichen Zünfte, ganze Straßenzüge einem einzigen Gewerbe vorbehalten: In Hatton Garden befanden sich die Juweliere, in der Wardour Street die Filmgesellschaften, in der Fleet Street die Zeitungsredaktionen und in der Charing Cross Road eben die Buchhändler. Es hat mir gefallen, dass Leute stundenlang in antiquarischen Büchern, die in Stellagen auf der Straße stehen, blättern und sie für Sixpence kaufen konnten.“
Die kleine Fotoserie, die Mitte der 1930er-Jahre entstand, macht Suschitzky zu einem Pionier der „Street Photography“, einem in England damals kaum etablierten Genre. Man sieht, wie die Straße gepflastert wird, sieht Pferde, die Dampfwalzen hinter sich herziehen, sieht einen Scherenschleifer im einsetzenden Schneetreiben und immer wieder Passanten, die in Büchern schmökern. Darunter auch ein feister Gentleman mit Bowler und spiegelnder Brille, der vor Foyles steht, der größten Buchhandlung der Welt, und derart in seine Lektüre vertieft ist, dass er alles rundum vergessen zu haben scheint.
1937 wird Suschitzky mit seinem schmalen Portfolio bei Paul Rotha vorstellig, einem der Wegbereiter des britischen Dokumentarkinos, der ihm seinen ersten Job beim Film verschafft. Er darf bei Dreharbeiten im Londoner Zoo als Kameramann assistieren, ohne Bezahlung versteht sich. Auftraggeber der Filmreihe „Animal Kingdom“ ist die Zoologische Gesellschaft, ihr Leiter Julian Huxley ist der Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley.
Von dem Dutzend kurzer Zoo-Filme sind heute nur mehr die Fotos bekannt, die Wolf Suschitzky während der Drehs macht. Sie zeigen die Filmemacher bei der Arbeit – und wie mitunter die Tiere selbst die Regie übernehmen. „Ich durfte meine Kamera überall hin mitnehmen“, erinnert sich der Fotograf. „Angeblich war ich sogar einer der ersten, der Tierporträts machte: Also nicht das ganze Tier mit vier Beinen und dem Schweif, sondern den Kopf in Großaufnahme – oder manchmal auch nur den Hintern.“ Guy, der Gorilla, wurde eines seiner berühmtesten Modelle.
Prominenz ist für Suschitzky seit jeher eine Kategorie von untergeordnetem Interesse, seine Kunst liegt vielmehr darin, des Besonderen im Alltäglichen gewahr zu sein. Das gilt selbst für die vielen Reportagen, die er für große Magazine wie Picture Post und Weekly Illustrated fotografiert. Und auch später, als die Nebensache immer mehr zur Hauptsache wird – der Film nämlich –, hat er den Fotoapparat stets griffbereit dabei.
So zum Beispiel im schottischen Dundee, wo er 1944 „Children of the City“ dreht, einen Film über jugendliche Delinquenten und die damals neuartige Einrichtung eines eigenen Jugendgerichts. „In dieser Stadt gab es die ärgsten Slums, die ich bis dahin gesehen hatte. Die Wohnhäuser waren sechs und mehr Stockwerke hoch, auf jedem gab es nur ein Klo und einen Wasserhahn und überall hat’s schrecklich gestunken. So haben die Leute dort gelebt.“
Er ist einer der ersten Filme, bei denen Suschitzky ganz allein für die Kamera zeichnet, und für Budge Cooper, die Regisseurin, ist es der erste überhaupt. Damals existierte in Großbritannien noch keine Filmschule, sämtliche Dokumentarfilmer fingen als Amateure an.
„Die Regisseure, die wir hatten, waren alle junge Leute. Die meisten kamen frisch von der Universität, hatten die Bücher von Pudovkin und Eisenstein über die Grammatik des Films gelesen und daraus gelernt, ein Script zu schreiben, das dann aufzunehmen und den Schnitt zu machen.“ Auch in „Children of the City“ ist dieser Einfluss deutlich erkennbar: Einmal sieht man Polizisten auf Patrouille eine Stiege herunterkommen – ihre bedrohlich langen Schatten marschieren voraus.
Die programmatische Idee der britischen Dokumentarfilmbewegung jener Epoche ist es, Filme herzustellen, die nützlich sind für die Gesellschaft. „Das hab ich gut gefunden“, sagt Suschitzky. „Durch die Arbeit beim Dokumentarfilm konnte ich mir auf vielen verschiedenen Gebieten ein zumindest oberflächliches Wissen aneignen. Wir haben überall gedreht, in Bergwerken, Stahlwerken, Spitälern, Klassenzimmern, chemischen Fabriken – an Orten, wo andere Leute gewöhnlich nie hineinkommen. Das hat mir sehr gefallen.“
Viele dieser Filme zeigen Arbeitswelten, die in dieser Form nicht mehr existieren. In Bosnien filmt Suschitzky, wie mit vorsintflutlichen Hilfsmitteln ein Pfeiler für eine Holzbrücke zugeschnitten wird, in Indien, wie ohne Einsatz einer einzigen Maschine ein riesiger Staudamm entsteht; und auf Sardinien dokumentiert er, wie aus Tümpeln und Seen mit der Hand die Moskitolarven ausgeschöpft werden. „Gleichzeitig hat man von Flugzeugen aus die ganze Insel besprüht“, erinnert sich Suschitzky. „Da hab ich viel DDT geschluckt, aber es hat mir offenbar nicht allzu sehr geschadet.“
Sieht man von ein paar Fernseharbeiten und dem Oscar-prämierten Kurzfilm „The Bespoke Overcoat“ (1956, Regie: Jack Clayton) ab, ist Suschitzky im Grunde seines Herzens auch als Kameramann immer Reportagefotograf geblieben. Studioarbeit lag ihm nie, selbst die großen Spielfilme sind fast ausschließlich on location entstanden – „Ulysses“ (1967) in Dublin, „Get Carter“ (1971) in Newcastle upon Tyne, „Staying On“ (1980) in Shimla, Indien.
„Ehrlich. Direkt. Das Gegenteil von aufdringlich“, erklärt Mike Hodges, der Regisseur von „Get Carter“ – „that’s Wolf.“
Die große Sympathie und Hochachtung, die Su von Kollegen entgegengebracht wird, beruht auf Gegenseitigkeit. Für die Kameracrews ist er voll des Lobes, und auch über Regisseure und Schauspieler verliert er selten ein böses Wort.
Michael Caine zum Beispiel, der mit diesem Gangsterfilm endgültig zum Star avancierte, sei immer sehr professionell gewesen, wie Suschitzky erinnert: „Ein wunderbarer Schauspieler, er kann die Tränen anschalten – ohne Zwiebeln! Das ist eine allgemeine Erfahrung: Je besser die Schauspieler, desto leichter ist es, mit ihnen zu arbeiten. Nur mit denen, die unsicher sind, ist es manchmal schwieriger.“
Fast forward, 2012. Ende Juli lädt die Britische Filmakademie zu einem Abend mit Wolf Suschitzky. Eine der Festrednerinnen ist die Schauspielerin Virginia McKenna, mit der er seit Beginn ihrer Filmkarriere vor bald 60 Jahren befreundet ist.
Su besitze die Fähigkeit, zur „Seele“ seines Gegenübers vorzudringen, sie erstrahlen zu lassen, sagt McKenna: „Ich empfinde es als Privileg, dass ich mit einem so hervorragenden Kameramann arbeiten durfte – und einem so außerordentlichen Menschen.“
Dann erheben sich die 300 Gäste im brechend vollen Kinosaal von ihren Plätzen und stimmen Happy Birthday an. Alles Gute zum Hundertsten, Su! F