Mehmed Pascha Sokolović, „der größte unter den Weisen und Großen seiner Zeit“, wie er in einer alten türkischen Inschrift genannt wird, erfüllte anno 1578 „das Gelöbnis seines Herzens“ und erbaute bei der Stadt Višegrad eine Brücke über die Drina, den Grenzfluss zwischen Bosnien und Serbien. „Über diesem Wasser, tief und schnellen Laufes“, wie es in einer Tafel auf der Brücke heißt, „konnten seine Vorgänger nichts erbauen.“
Das will man gerne glauben, wenn man alte Bilder von dem wilden Strom sieht, etwa noch von dem jugoslawischen Schriftsteller Ivo Andrić, der dieses Meisterwerk der Architektur in seinem nobelpreisgekrönten Roman „Die Brücke über die Drina“ besungen hat. Heutige Besucher allerdings können über den preisenden Spruch nur lachen. Statt in einem „Wasser tief und schnellen Laufs“ steht die Brücke jetzt nämlich in einem riesigen Ententeich. Die einst so reißende Drina ist vielfach gestaut. Zwischen Višegrad und Bajina Bašta erstreckt sich seit 1966 der Peručac-Stausee. Nach 1966 dann verkehrten hier, als wollten sie sich über die Großtat des kühnen Pascha lustig machen, kleine weiße Ausflugsbötchen mit vielen Rentnern darauf, die am befriedeten Ufer in Višegrad ihren Kaffee tranken und den Schwänen bei ihren Flugversuchen zuschauten. Der schöne neue Drina-See ließ ordentliche Grünanlagen am Ufer zu, denn nie steigt der Pegel höher, als die Techniker an der Staumauer wollen. Seit der Fluss weg ist, wird durch Višegrad gewandelt statt gelaufen. Man spricht leiser, denn man hört die Drina nicht mehr. Aus der konfliktreichen Stadt, die Andrić beschrieben hatte, wurde ein bezaubernder Kurort.
Was ein Fluss für eine Stadt bedeutet, ahnt man nicht, solange er ewig fließt. Die Mur ist für Graz der Kontrapunkt. Graz ist eine langsame Stadt. Das hat etwas Angenehmes, besonders im Urlaub. An jeder Ecke sitzt jemand einfach nur herum und trinkt Aperol-Spritz. Die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit der Passanten erreicht europäische Mindestwerte, und selbst die Aufzüge scheinen hier auf langsam gestellt zu sein. Politisch ist in der Stadt nichts los.
Das Einzige, das sich in Graz bewegt, ist die Mur. Sie ist ein wilder Gebirgsfluss, der sich allen Versuchen der Zähmung widersetzt. Artige junge Leute haben unter der Hauptbrücke einen „Strand“ aufgebaut, nach dem Vorbild Berlins mit seiner trägen Spree. Aber sich in den Liegestuhl werfen und seinen Prosecco schlürfen kann man hier nicht. Die Veranstalter müssen kämpfen, müssen die Lautsprecher kräftig aufdrehen, um das Tosen des Flusses zu übertönen. Aufruhr und Beklemmung liegen über der Szene. Auf der Acconci-Insel will niemand sitzen. Die Mur schafft Unruhe, wo man zum Kaffeetrinken doch Ruhe sucht. Unwillkürlich wollen wir weiter, mit der Strömung.
Geht es bei der Stauung der Mur nicht vielmehr um die Stromwirtschaft und allenfalls um den Huchen? Nein, das glaube ich nicht. Dem Bürgermeister geht es nicht um Megawatt. Er will ganz Graz in einen Ausflugsort verwandeln. So ist ihm seine Stadt am liebsten. Er hat kein schlechtes Gewissen dabei, denn sonst würde er uns den Mursee nicht mit dem Argument verkaufen, dass man später dort so schön sitzen, Bötchen fahren und Kaffee trinken kann. Die Stadt soll einmal richtig stehenbleiben. Nur dann kann man ihr in Ruhe die Handhaltung korrigieren und die Flusen vom Revers zupfen.
Es ist auch nicht nur die Mur. Wir werden in dieser schönen Stadt ständig irgendwie von unsichtbarer Hand an der Schulter gefasst und ein bisschen hierhin und dorthin gerückt. Alles wirkt wie arrangiert. Sogar die inzwischen vertriebenen Bettler aus der Slowakei kamen einem immer wie sorgfältig hingestellt vor. Das waren sie wahrscheinlich auch: Sie spürten instinktiv, dass man hier immer und überall dem großen Fotografen vor der Linse steht, und da haben sie sich eben selber aufgestellt. Die Regie ist immer präsent. Es passiert auch nichts in Graz. Es wird allenfalls etwas veranstaltet. Zu den beiden Themen der Bürgerbefragung im Juli, Reininghausgründe und Umweltzone, gab es gar keine politische Kontroverse. Die Bürger folgten den Plakaten und ihren Zeitungen und tippten auf das richtige Ergebnis. Erst nachher begriffen sie, dass sie soeben an einem Direkte-Demokratie-Spiel teilgenommen hatten.
Der Bürgermeister ist kein autoritärer Stadtplaner, der irgendwelche Aufmarschschneisen schlagen wollte. Er will keine Massen anführen. Er ist auch kein harter Rechter, wie Teile der Rathausopposition zu glauben scheinen, sondern ein kultivierter, kluger und schlagfertiger Mann. Er hätte sicher nichts gegen Roma-Gruppen auf dem jährlichen Chorfestival, und auch gegen eine hübsche, gepflegte Moschee ist nichts einzuwenden. Es muss nur harmonieren. Der Bürgermeister ist ein Dekorateur. Wir sind alle Teil der Auslagengestaltung.
Was ist gegen Schönheit und Harmonie eigentlich einzuwenden? Na, nichts natürlich, und gerade das ist das Problem. Der Opposition bleibt nichts übrig, als ständig ins Bild zu laufen und hässliche Grimassen zu ziehen. Die Stadt besteht nun einmal nicht nur aus Buchsbaumkübeln, Kastanien und dem Schlossberg, sondern unter anderem aus 267.794 Menschen, von denen jeder irgendwann einmal ein bisschen stört: blöd auf dem Radweg herumsteht, Fußgänger aggressiv wegklingelt oder Radfahrer von der Straße hupt, schimpft, flucht, seinen Feinstaub unharmonisch weghustet, im Uni-Viertel herumgrölt, falsch parkt, mit zu viel Schminke das Auge gehobener Touristen beleidigt, krank wird, stirbt, geboren wird oder Sozialhilfe beantragt – alles Dinge, die in Schaufenstern nicht passieren. Immer stört man das Arrangement, mit dem sie sich doch so viel Mühe gegeben haben. Immer wieder ruft uns die Regie ihr Psst! zu, und jedes Mal schlagen wir beschämt die Augen nieder.
Auf der verkehrsberuhigten Drina bei Višegrad übrigens fuhren die Ausflugsbötchen volle 25 Jahre lang, und die dankbaren Passagiere tranken ihren Kaffee und priesen den großen Mann, der das alles möglich gemacht hatte. Dann aber begann die eine Hälfte der Bürger von Višegrad damit, die andere Hälfte zu vertreiben und umzubringen. Nicht wegen der aufgestauten Drina natürlich. Sie hatten aber in einer Illusion gelebt. Bauen, richten, ordnen, hatten sie gedacht, das sei es, was getan werden müsse. Sie hatten sich über ihr Städtchen im Irrtum befunden und geglaubt, es habe mit seinem begrünten Ufer und den vielen Schwänen seinen Frieden gefunden. Plötzlich waren lauter wilde, böse, entfesselte Menschen um sie herum. Nur die Drina lag still und fett in ihrem Bett. F