Kuno Knöbl ist seiner Krankheit erlegen, aber unterkriegen ließ er sich von ihr nie. Im Gegenteil: Selbst als der Rücken gekrümmt war, behielt Kuno Haltung. Er mokierte sich über die eigenen Schwierigkeiten, um bloß kein Mitleid aufkommen zu lassen. Er machte nie viel Aufhebens um sich. Er bedachte sogar das allmähliche Erlahmen der Beine mit Spott.
Die Ironie war seit jeher seine beste Medizin, und die darf bekanntlich bitter schmecken, so sie nur gut wirkt. Das Schwülstige war nicht sein Fach. Er hatte keine Zeit, dem Überschwänglichen nachzuhängen, denn er war immer neuen Ideen auf der Spur. Säße Kuno jetzt hier, den Kopf schief, die Zigarette in der Hand, den Schalk in den Augen, würde er, sein leichtes Hüsteln zur Einleitung, sich allzu Pathetisches verbitten und auf das Wesentliche drängen. An drei Fingern zählte er immer ab, worum es gehen sollte: „Erstens, zweitens, drittens.“ Und dann fragte Kuno in die Runde, wie von dem einen zum Nächsten und von da zu einem Schluss, zur Quintessenz zu gelangen sei.
Im Protest gegen das heimische Ressentiment lernte ich ihn kennen. Er war der geistige Vater des Republikanischen Klubs – Neues Österreich. Er schrieb sein Stück „Der Herr Kurt“ über Bundespräsident Kurt Waldheim, der im Wahlkampf seine Kriegsvergangenheit in der SA verleugnet hatte. Kuno hatte die Idee zu jenem Holzpferd, das zum Wahrzeichen gegen die Vergangenheitsverleugnung wurde. Ich war ein junger Student, er längst eine Legende. Wir, die Jüngeren, genossen seine Erfahrung und seine Jugendlichkeit, seine Einfälle und seine Nüchternheit, seine Eleganz und seine Courage, denn er, der Angestellte des ORF, scheute nicht die Konfrontation mit seinen Vorgesetzten.
Als Kind, lange, ehe ich von ihm wusste, hatte er mich bereits in Bewegung gebracht. Ich rannte durchs Haus, drehte überall das Licht an, um so für eine der Familienmannschaften in der Show „Wünsch dir was“ zu optieren. Der Energieanstieg in den Haushalten zeigte den Publikumsentscheid an. Ein ganzes Land stand unter Strom. Jahre bevor irgendwer von Interaktivität und Internet sprach, arbeitete Kuno Knöbl an einem Medium der Partizipation. Er sprengte die Enge der Zeit. Er war nicht nur Fernsehmacher, sondern immer auch Televisionär.
Er zeigte, wie geistreich Unterhaltung und wie spannend Auseinandersetzung sein konnte. Ihm ging es bei allen Unternehmungen darum, uns das Denken nicht zu ersparen, sondern zu erleichtern. Er schreckte nicht vor der Masse zurück, aber er lieferte sich ihr nicht aus. Er strebte nach einer Öffentlichkeit, die sich nicht der Nivellierung und nicht der Quote unterwirft. Kein Wunder, wenn er mit seinen Ideen zusehends in Widerspruch zu den politischen Verhältnissen geriet. Wo einst Aufklärung war, hat heute nur Entblößung zu sein. Was als radikales Experiment begann, gerät zum spießigen Exhibitionismus, was früher eine interessante Wendung bedeutete, verkommt zum billigen Dreh.
Aber Kuno gab nicht klein bei. Im Gegenteil: Er wollte nicht tatenlos zusehen, wie ein ganzer Staat zu einem einzigen Musikantenstadl verdumpft. Er nahm den Kampf auf gegen die Engstirnigkeit und gegen den Mief. Er antwortete den Scharfmachern mit seinem Scharfsinn.
Er spielte sich dabei nie in den Vordergrund. Ihm war es wichtiger, andere zu ermutigen. Es dauerte Jahre, bis Kuno etwa erzählte, wie er im Gespräch mit Paul Blaha, Peter Turrini und Alfred Hrdlicka die Idee für das Holzpferd geboren hatte. Damals hatte Kuno vorgeschlagen, dieses trojanische Pferd zum Sinnbild der galoppierenden Schwindelsucht und der unverdrossen sturen Geschichtsverlogenheit zu machen. Aber Kuno berichtete nicht deshalb davon, weil es ihm darum ging, die eigene Urheberschaft zu sichern. Er wollte bloß beweisen, wie dieses demokratische Mahnmal als kollektives Werk entstanden war, als mobiles Monument einer Bewegung.
Kann einer, wollen insbesondere Jüngere wissen, wirklich Kabarettist, außenpolitischer Redakteur, Amerika-Korrespondent, Kriegsberichterstatter, Publizist, Jugendbuchautor, Seefahrer auf der Tai Ki, einer Dschunke, mit der er versuchte, den Atlantik zu überqueren, Unterhaltungschef, Intellektueller und immerzu Abenteurer, Entdecker sein? Sie bestaunen seine Vielfalt, mit der er gegen die bornierte Einfalt zu Felde zog. Aber in keiner der öffentlichen Würdigungen werden wir, die wir Kuno kannten, von der besonderen Großzügigkeit unseres Freundes lesen, von seinem feinen Stil und von seiner ganz eigenen Lebenslust, die immer auch eine Todesverachtung im wahrsten Sinne des Wortes in sich trug.
Wenn Kuno mit allen Überlegungen unzufrieden war, legte er den Kopf schief, kniff die Augen enger, bewegte die Lippen, als schmecke etwas zu schal, und sagte: „Das ist es noch nicht.“ Das waren die Momente, in denen er wieder einmal einem Einfall auf der Spur war, und genau so würde er uns auch jetzt anspornen, denn es gibt doch vieles, das es einfach noch nicht ist, das nicht so sein darf, und du, Kuno, lehrtest uns, sich nicht mit den Widrigkeiten abzufinden, sondern Neues zu wagen.
Dafür danke ich dir. F