Stainz bei Straden im Bezirk Feldbach liegt bekanntlich nicht am Meer. Andreas Lackner – langes Haar, breite Schultern – ist ein waschechter Feldbacher. Und obwohl sein Heimatort so weit vom Meer entfernt liegt, ist Lackner Seemann. Er ist sogar Kapitän, und zwar Kapitän des einzigen Frachtschiffs, das ohne Motor über den Atlantik segelt und unter anderem Rum, Kakaobohnen und Kaffee nach Europa bringt. Allein mit der Kraft des Windes.
Für Lackner ist Fair Transport die logische Konsequenz zu Fair Trade und Bioprodukten. „Was nützt es, wenn man Bioprodukte von einem anderen Kontinent kauft, die mit einem Frachtschiff hergebracht werden, das jeden Tag tausende Liter Schweröl verbraucht? Wir bringen die Waren ganz ohne Schadstoffausstoß nach Europa.“ Diese Woche kommen die ersten Tafeln der fair transportierten Schokolade auch nach Graz.
Doch wie hat alles angefangen? Lackner wollte die Welt sehen. Im Jahr 2000 lernte er auf einem Segelschiff die beiden Niederländer Jorne Langelaan und Arjen van der Veen kennen. Gemeinsam entwickelten sie den Traum, Waren zu transportieren wie einst die alten Segelschiffe zwischen Neuer und Alter Welt. Bald waren sie ein eingeschworenes Team und als die „tres hombres“ (drei Männer) bekannt.
„Als wir dieses Schiff fanden, hat der Traum angefangen“, schwärmt Lackner, der mittlerweile eine Kapitänsschule in den Niederlanden absolviert hat, und zeigt auf seinem Laptop das Bild eines traurigen Schiffswracks, ein Minensucher aus dem Zweiten Weltkrieg, der in einem holländischen Hafen vor sich hin rottete. Die drei kauften den Schiffsrumpf und schrieben als Erstes den Namen darauf: „Tres Hombres“. In mühsamer Arbeit renovierten sie das Wrack mithilfe vieler Freiwilliger. „Zuerst haben wir den Motor herausgenommen“, erzählt Lackner. „Wir wollten gar nicht erst in Versuchung kommen, ihn zu benutzen.“
Als die drei Männer im Jahr 2010 von dem Erdbeben in Haiti erfuhren, starteten sie zu ihrer ersten Atlantiküberfahrt, vollbepackt mit Matratzen, Kleidern und Kinderwägen. Die Fahrt dauerte wegen der schweren Winterstürme 50 Tage. „Wir waren das erste Frachtschiff mit Hilfsgütern aus Europa, das auf Haiti ankam.“ Seither fährt die Tres Hombres einmal im Jahr über den Atlantik, bringt Olivenöl und Wein hinüber und kommt mit Kakao, Kaffee und Rum zurück.
Freilich hat es auch seinen Preis, ohne Motor zu fahren. „Wenn Flaute herrscht, schwimmen wir halt ein paar Tage auf dem Meer herum.“ Für den Kapitän, der Liefertermine einhalten muss, ist das nervenaufreibend. Die 15-köpfige Mannschaft auf der 32 Meter langen Tres Hombres muss Tag und Nacht in Schichten schuften. Weil sich das Schiff ständig bewegt und das Holz den Elementen ausgesetzt ist, wird alles schnell kaputt, muss laufend das Deck repariert werden, damit das Wasser nicht in die Schlafkabinen rinnt. Die Segel müssen geflickt und die Stahlseile eingefettet werden. Jeder, der mitfährt, egal ob er zur Crew gehört oder eine Ausbildung zum Seemann absolviert – auch das ist möglich –, muss mitanpacken.
Brenzlige Situationen bleiben auf hoher See nicht aus, etwa wenn sich hinter dem Schiff eine Welle erhebt, von der man glaubt, sie könnte es unter sich begraben, erzählt Lackner. Als Kapitän müsse man trotzdem immer einen ruhigen Eindruck vermitteln, damit keiner an Bord die Panik kriegt. Lackner erzählt gern von den Abenteuern, aber für ihn geht es um mehr: Er zeigt ein Satellitenbild, auf dem als weiße Spuren die Abgase der Schiffe zu sehen sind, die den Atlantik queren. „Unsere Vision ist, dass irgendwann nur noch Segelschiffe unterwegs sind.“
Freilich hat der faire Transport auch seinen Preis. Eine Flasche vom neuen Tres-Hombres-Rum kostet 55 Euro, eine Tafel Schokolade 4,50 Euro. Purer Luxus? „Bei uns gibt es alles, was wir zum Überleben brauchen; wenn wir Schokolade und Kaffee wollen, dann ist das Luxus und kostet eben mehr“, sagt Lackner. In der Karibik geht er selbst auf die Suche nach kleinen Produzenten. „Wir kennen sie alle persönlich.“ Derzeit klappert der Kapitän Geschäfte und Bars in Graz ab und versucht, den Österreichern seine Waren schmackhaft zu machen. Die Wiener Destille hat den Rum bereits im Sortiment. Lackner bastelt derzeit auch an einer österreichischen Website, über die man künftig bestellen kann.
Diesen Sommer transportierte die Tres Hombres Ale von England nach Frankreich und Wein von dort nach Kopenhagen. „Der Hersteller wirbt damit, dass er sein Produkt mit uns transportiert.“ Auch der Guardian berichtete schon über die Schokolade der drei Freunde.
Als nächster Schritt ist ein Ökoliner geplant, der hauptsächlich mit Segeln fährt und nur, wenn gar nichts geht, auf Motorkraft umsteigen kann. Der Ökoliner befindet sich im Planungsstadium, könnte aber 8000 Tonnen befördern, Termine genau einhalten und konkurrenzfähig sein. Ein renommierter niederländischer Schiffsbauer hat sich bereit erklärt, ihn quasi auf Kredit zu planen, bis die Freunde damit Gewinn ersegeln. Kapitän Lackner hält sich und den Betrieb derzeit finanziell gerade so über Wasser. Im November geht es für ihn wieder über den großen Teich. F


