Gieß doch!

Die wilden Beete der Großstadt-Guerilleros werden von biedermeierlichen Gemeinschaftsgärten abgelöst

Im Dunklen warfen sie ihre Bomben ab; manche schlossen sich zu sogenannten Troops zusammen, andere blieben Einzelkämpfer. Sie zogen nachts durch die Straßen und vergruben an stillen Ecken handgewutzelte seed balls. Danach hieß es abwarten, auf den nächsten Regen, die nächsten wärmenden Sonnenstrahlen. Dann würden die Bomben platzen und als bunte Blumenbüschel gerodete Gstetten, zugekackte Straßenränder und englische Rasenflächen behübschen.

So war das damals im Guerillakrieg, Mitte der Nullerjahre, als der Brite Richard Reynolds mit seinem Buch „Guerilla Gardening“ einen Boom eigenmächtiger Innenstadtbepflanzung auslöste: Es sollte so etwas wie eine Neuinterpretation des traditionellen Gärtnerns sein. Aber anders als den klassischen Rosenzüchtern und Beetverlegern ging es diesen neuen Gärtnern darum, mit ihren illegalen Pflanzaktionen den öffentlichen Raum zu verschönern und der Natur mehr Spielraum zu geben. Ebenso wie der öffentliche Raum sollten auch die urbanen Gärten allen gehören.

Heute, acht Jahre später, gelten erdunterlegte Fingernägel fast schon als Erkennungszeichen der Stadtgärtner. Kaum eine europäische Metropole, in der nicht in individuellen Balkonbeeten, Baulücken, an Straßenrändern und offenen Gemeinschaftsgärten gebuddelt oder Grünflächen am Stadtrand bewirtschaftet würden. Urbanes Gärtnern hat Hochsaison und wer etwas auf sich hält, zieht sein Gemüse selbst. Erklärtes Ziel ist es, Brachflächen innerhalb der Stadt zurückzuerobern, öffentlichen Raum urbar zu machen, der bislang völlig selbstverständlich einer einzigen Bevölkerungsgruppe zur Verfügung stand – nämlich den Benutzern dort parkender Autos.

Was seinen Anfang in lebendem Chaos nahm, beginnt zusehends kleinkarierter zu werden: Um die ungezählten Wiener Gemeinschaftsgärten wachsen immer mehr und immer höhere Zäune. Waren es einst Blumenbeet-Robin-Hoods, die willkürlich Samenbomben abgeworfen und deren Gedeih dem Zufall überlassen haben, so findet das Guerilla-Gardening mittlerweile ohne Guerilla statt. Stattdessen mit viel Vereinsmeierei und seit Juli 2011 mithilfe der Stadt, die pro Bezirk einen Nachbarschafts- oder Gemeinschaftsgarten mit 3600 Euro fördert. Zusätzlich gibt es für die Neogärtner Erde, Geräte und das Know-how der Wiener Stadtgärtner der MA 42, die ihnen beim Gemüseziehen und Blumenanbau zur Seite stehen.

Alles kein Grund zum Motzen, happerte es nicht so sehr an der Verteilungsgerechtigkeit, denn freilich gibt es mehr Interessenten als Bebauungsflächen. Es wäre nicht Wien, fänden nicht auch jene, die gar nicht gärtnern wollen, einen Grund, um sich benachteiligt zu fühlen – schließlich gehört der öffentliche Raum sämtlichen Bürgern gleichermaßen.

Seit nunmehr zwei Jahren gibt es in der Meidlinger Wolfganggasse den Garten.meidling, ein Kooperationsprojekt von Anrainern, die sich in einem Verein organisiert haben, unterstützt von den Wiener Stadtgärten und der zuständigen Gebietsbetreuung. Wie die Gemeinschaftsgärten fördert die Stadt auch die Parklückenbegrünungen, stellt Erde und helfende Hände zur Verfügung.

Viele Anrainer haben die Möglichkeit genutzt und den Fleck staubiger Erde vor ihrer Haustür bepflanzt; auf einer Seite beinahe den gesamten Straßenzug entlang. Da ist dieser dichtgewachsene Sonnenblumendschungel umgeben von einem Schutzwall aus Plastikschildern, auf denen der kleine Terrier abgebildet ist, der Hundebesitzer an „ein Sackerl fürs Gackerl“ erinnern soll. Als die Kampagne gegen Hundekot 2006 anlief, wurden die meisten der ersten 17.000 Schilder mit dem Slogan gestohlen. Der Parklückengarten nebenan besteht bloß aus ein paar räudigen Sträuchern, so wie die meisten mit Sträuchern bepflanzt sind.

Aber selbst, wenn die Stauden keine ausgemachten Schönheiten sind, das üppige Grün macht die lange, graue Straße freundlicher. Und auch die Hunde der Anrainer lieben die Pflanzen. Zu innig. Um sie fernzuhalten, hat jemand anstelle eines Zauns große Scherbenhälften zerbrochener Keramikübertöpfe in die Erde gerammt.

Die Hundebesitzer der Gegend fordern mit demselben Recht, mit dem bisher die Autofahrer den Raum als Parkplatz benutzt haben, den nun die Gärtner für sich beanspruchen, Platz für ihre Tiere. Die der alleinige Grund für die wachsenden Abzäunungen sind – ihr Urin kille angeblich alle Pflanzen. „Ein Bewusstsein bei den Hundebesitzern ist nicht vorhanden und nicht zu schaffen“, sagt Jutta Wörtl-Gössler, Initiatorin von Garten.meidling.

Die Privatisierung von öffentlichem Raum sei ein heikles Thema, sagt Hinterholzer. Es müsse ein Rotationssystem geben oder Ähnliches. „Es gibt immer auch Leute, die sich fürchterlich aufregen. Weil das Projekt quasi von der Öffentlichkeit bezahlt wird“, sagt Hans Hinterholzer von der Gebietsbetreuung Meidling. Die Frage, ob es zumutbar ist, die Allgemeinheit für etwas bezahlen zu lassen, was nur von einer kleinen Bevölkerungsgruppe benutzt wird, stelle sich immer wieder.

In vielen Fällen entstehen Probleme, weil sich plötzlich manche Parameter geändert haben. Wie etwa im Fall des Gemeinschaftsgartens Steinhagegarten, rund einen Steinwurf von der Wolfganggasse entfernt. Das Projekt war anfangs auf zwei Jahre befristet. Inzwischen sieht es so aus, als könne der Gemeinschaftsgarten bestehen bleiben. Bloß, was tun mit den Gärtnern? Nimmt man ihnen die Parzellen nach Ablauf der Zeit der Gerechtigkeit halber wieder weg, um danach andere Interessenten zum Zug kommen zu lassen?

2011 wurde der Nachbarschaftsgarten Steinhagegarten angelegt. In der einstigen Baulücke soll nach und nach ein Park entstehen. Einen rund 200 Quadratmeter großen Teilbereich hat man abgetrennt, fruchtbare Erde aufgeschüttet, Wasseranschlüsse installiert, einen Container mit Werkzeugen und Heurigenbänken aufgestellt und die Meidlinger via Bezirksblatt aufgefordert, sich bei Interesse anzumelden. Letztendlich wurden 17 der 20, je drei Quadratmeter großen Beete unter den Einsendern verlost. Einzige Auflage: Man muss im Umkreis von 500 Metern wohnen. Die restlichen drei gingen an die Lebenshilfe, eine Volksschule und eine Volkshochschule aus dem Bezirk.

Auf die 17 Glücklichen, die dort fortan in der Erde graben und duftendes Gemüse ernten dürfen, kommen mehr als noch einmal so viele, die vergebens eingeschickt, und unzählige, die nicht zeitgerecht von dem Projekt erfahren haben. Wer zuerst kommt, malt zuerst, könnte man natürlich entgegnen: Pech, sagen die, die sich über eines der Minifelder freuen – unfair, viele andere, die keines abbekommen haben.

Während sich auf den meisten Parzellen gepflegte Tomatenpflanzen unter ihrem schweren Fruchtbehang biegen, Zucchinigewächse über den Boden ranken und der Wind den Duft der Kräuter verbläst, verfaulen auf einem Beet die überreifen Paradeiser unter den Stauden. Und anders als bei den restlichen Minifeldern kommt keiner, um sie hochzuziehen und die Früchte einzusammeln.

Nicht alle Gewinner sind gleichermaßen bei der Sache: Manchen ist die Puste inzwischen ausgegangen. Immerhin bedeutet es ein ganz schönes Stück Arbeit, Gemüse zum Wachsen zu bringen – und sei es nur auf drei Quadratmetern Erde. Wegen der Hitze mussten die Pflanzen nahezu täglich gegossen werden, wenn auch die Steinhageparkler ein gemeinschaftliches System eingeführt haben: Die Gärten, deren Bewirtschafter etwa in Urlaub gefahren oder anderweitig verhindert sind, werden einstweilen von anderen gegossen.

Dieser gemeinschaftliche Aspekt ist der große Unterschied zwischen dem gegenwärtigen Gartenkult und der ursprünglichen Idee des Guerilla-Gardenings: Steht bei den Nachbarschaftsgärten das Kennenlernen der Nachbarn oft im Vordergrund, so war es bei den Guerilleros vor allem das subkulturelle Schwimmen gegen den Strom, symbolisiert von wild wachsender Natur.

Aber auch die Gemeinschaftsgärten sollen nonkonformistisch wuchern dürfen. „Wir haben keine Statuten oder Regeln und wollen auch die Leute nicht aufgrund mangelnder Pflege rauswerfen“, sagt Hinterholzer. „Abgesehen von Bäumen soll jeder pflanzen dürfen, was er will.“ F

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