Zu Hause auf meinem Regal, mittleres Fach, liegt eine Achterpackung Klopapier, sie ist noch in Plastik verpackt, acht Jahre alt; ich habe sie gestohlen. Es war im Frühsommer 2004 in der südoststeirischen Kaserne in Fehring, ich holte die Packung aus der Abstellkammer, stopfte sie in meine Bundesheertasche und spazierte an der Wache vorbei. Es war ein stiller Akt des Widerstands gegen ein autoritäres Regime: Ich war beseelt von dieser inneren Mission, dem Heer zu schaden. Ich stahl Toilettenpapier, um meine Würde zurückzuerobern.
Wenn die Regierung, wie angekündigt, das Volk im nächsten Jahr befragt, ob es ein Berufsheer möchte, könnte schon 2014 die Wehrpflicht fallen. Viel wurde in den vergangenen Tagen debattiert, Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) hält ein Berufsheer für günstiger und besser. Die ÖVP hingegen fürchtet, mit der Wehrpflicht werde auch der Zivildienst fallen. Eines blieb in der Debatte unterbelichtet: Wie sinnlos die Zeit ist, die 30.000 junge Österreicher alljährlich im Präsenzdienst absitzen müssen. Und wie schlimm.
Das Heer ist ein Hort der Schikane. „Ich reiß da in Sack aus und scheiß da in Hals hinein!“, drohte ein Ausbildner im Vorjahr seinem Untergebenen und schaffte es mit dem Satz in den Jahresbericht 2011 der parlamentarischen Bundesheerkommission – einem Kontrollorgan, an das sich diskriminierte Soldaten wenden können. „Ich werde euch wetzen, bis ihr Blut speibts!“, „Ihr gestunkenen Grundwehrdiener“, „Ihr schwulen Transen“, „Scheißinvaliden“. 504 Beschwerdeverfahren leitete die Kommission im Vorjahr ein; fast um die Hälfte mehr als 2010. Vier von fünf Beschwerden wertete die Kommission als berechtigt.
Vor neun Jahren tauchte ich ab in die olivgrüne Parallelwelt, in der man nicht spricht, sondern brüllt. In der man nicht ist, sondern tut. In der „teilrasierte Köpfe“ und „ausgeflippte Farbtönungen untersagt sind“ und alles uniform wird. Ich entschied mich aus pragmatischen Gründen gegen den Zivildienst: Der Wehrdienst war kürzer, ich konnte also gleich danach mit einem Studium beginnen. Ich mochte Sport. Und ich entstamme einer Militärfamilie – Urgroßvater: k.u.k. Offizier. Großvater: Militärarzt im Generalsrang. Vater: Reserveoffizier.
Als Erstes schaffte das Heer meinen Vornamen ab und ersetzte ihn durch einen militärischen Rang; Rekrut Narodoslawsky. Rekrut ist die unterste von 21 Kasten. Bevor man beim Heer lernt, wie man Leben rettet, lernt man die Dienstgrade auswendig. Man lernt, in welchem Winkel man die Hand an seine Schläfe führen muss, um den Ranghöheren zu grüßen. Wie weit man von ihm weg stehen muss, um mit ihm sprechen zu dürfen. Welche Worte man sagt, um ein Gespräch zu beginnen (Herr Dienstgrad, Rekrut Narodoslawsky meldet sich mit einer Frage) und zu beenden (Herr Dienstgrad, Rekrut Narodoslawsky meldet sich ab). Mit welcher Beinstellung die Drehung erfolgen muss, um sich nach dem Gespräch vom Ranghöheren abzuwenden. Und die Geschwindigkeit, mit der man den ersten Schritt ausführt, um sich von ihm zu entfernen.
Ich erinnere mich an zwei Rekruten, die den steirischen Militärkommandanten mit einem niedrigeren Dienstgrad ansprachen. Sie wurden von ihrem Vorgesetzten zusammengeputzt und durften – so wurde damals kolportiert – als Strafe nicht nach Hause fahren. Ganz ähnlich ein aktueller Fall aus dem Bericht der Beschwerdekommission. Ein Rekrut nannte einen Oberst Hauptmann, stufte ihn also drei Ränge herunter. Das konnte der hohe Militär nicht verkraften und rächte sich. „Darauf erteilte der Oberst dem Rekruten den Auftrag, eine Kampfdeckung (ein Erdloch, Anm.) auszuheben. Der Rekrut mühte sich ab, aber aufgrund fehlender eigener Kenntnisse über die Beschaffenheit einer Kampfdeckung und des ‚wurzeligen‘ Bodens war der Fortschritt bescheiden, sodass ihm der Oberst nach der Rückkehr von der Dienstaufsicht einen Platz auf einem ‚besseren Boden‘ zuwies.“ Nach zwei Stunden durfte der Rekrut aufhören zu graben, weil er als Kraftfahrer eine Gruppe Soldaten chauffieren musste.
Das Heer hat eine klare Linie: von oben nach unten. Ein Bonmot im Heer besagt, man müsse sein Hirn am Kaserneneingang bei der Wache abgeben. Man gehorcht. Wer denkt oder gar widerspricht, kann Probleme bekommen. Die humanistische Bildung, die Schulen unseren Kindern eintrichtern, das kritische Reflektieren, sich eine Meinung bilden, Zivilcourage zeigen – all das versucht Vater Staat den Männern mit Drill auszutreiben. An der Hierarchie ist nicht zu rütteln. Das Befehlssystem ist ein Nistplatz für Sadisten wie meinem damaligen Gruppenkommandanten.
Er war Wachtmeister – die fünftniedrigste Stufe – und führte uns vor, wie man aus einem Tragegerüst, einem Messer, einer Wasserflasche und sonstigem Zeug einen Kampfanzug bastelte. Er legte ein unglaubliches Tempo vor, wer in der zweiten Reihe stand, konnte seine Handgriffe nicht sehen. Am Ende ließ er alle vor dem Zimmer antreten und inspizierte die Ausrüstung. Ich – als Letzter in der Reihe – hatte es mit Abstand am schlechtesten gemacht und sogar das Tragegerüst falsch umgeschnallt. Der Kommandant ließ mich vortreten und höhnte: „Schaut’s euch den an.“ Meine Kameraden lachten hämisch. Der Boden war zu hart, um darin zu versinken. Es war mein erster Tag im Heer.
Es heißt, das Heer sei ein Ort, an dem Integration stattfinde. Man lerne dort Kameradschaft. Ich habe sie nicht gefunden, im Gegenteil: Die Gruppe wurde oft gegeneinander aufgewiegelt. Das Prinzip der Disziplinierung war einfach: Machte jemand einen Fehler oder fügte er sich nicht, wurde oft die ganze Gruppe bestraft. Aus dem Bericht der Bundesheerkommission: „Bei der Ausbildung von Panzergrenadieren wurden Fehler einzelner Soldaten in einer Kompanie, wie das Vergessen eines Ausrüstungsgegenstandes oder das Fallenlassen einer Patrone oder einer Waffe, häufig als Gruppen bzw. als Zugsfehler geahndet. Konsequenz waren körperliche Übungen für alle Soldaten: Laufen einer Kasernenrunde, Liegestütze, Sit-ups.“
So machen die Vorgesetzten kritische Geister und Störenfriede mundtot und drängen die schwächsten Soldaten ins Abseits. Wozu das führen kann, zeigte Stanley Kubrick in verschärfter Version in seinem Kriegsfilm „Full Metal Jacket“ (1987). Ein übergewichtiger Soldat ist das schwächste Glied der Kette, für seine Fehler muss die Gruppe büßen. Irgendwann reicht es seinen aufgehetzten Kameraden; während er schläft, zurren sie ihn am Bett fest und dreschen auf ihn ein. Wenig später nimmt er die Waffe, erschießt seinen sadistischen Ausbildner und dann sich selbst.
In der Kaserne Fehring gab es gute Ausbildner, die fair waren. Aber ihre Arbeit wurde zerstört von jenen, die an ihrem gefürchteten Ruf arbeiteten. Ein Haufen Choleriker, die, während sie schrien, ganz nah an einen herankamen, damit ihr Gebrüll noch eindrucksvoller wirkte. Mein Kommandant schikanierte die Leute, wann immer es ihm möglich war und schien besonders viel Lust zu verspüren, Maturanten auf die Pelle zu rücken – „die Schüler“.
Einmal schrie er mich zusammen, weil ich statt dem leichten Hemd mit den kleinen Knöpfen das schwerere Hemd mit den größeren Knöpfen angezogen hatte. Ich hatte es unabsichtlich verwechselt, er bekam einen Tobsuchtsanfall, sah darin eine mutwillige Befehlsverweigerung. Ein andermal schickte er uns nach einem Marsch durch einen Teich, weil er vorgab, der imaginäre Gegner hätte den Landweg vermint. Die kleinsten unter den Soldaten hatten Mühe, ihren Mund über Wasser zu halten, über ihrem Kopf stemmten sie ihr Sturmgewehr in die Höhe. Als wir pitschnass aus dem Teich stiegen, halluzinierte der Wachtmeister einen Angriff: Er befahl uns, uns auf den Boden zu werfen, um in Deckung zu gehen. Aber nicht ins Gras, sondern einen Meter weiter in den Acker, dort, wo das Gewand so richtig dreckig wurde. Wir mussten uns hin- und herrollen. Zum Abschluss ließ er uns in einem Ganzkörper-Schutzanzug mit Gasmaske in die Kaserne zurücklaufen, wo wir nach Dienstschluss unsere Ausrüstung putzten.
All die Schikanen, das Gebrüll, das Kleingemachtwerden hätte sich ertragen lassen, hätte man jemandem damit geholfen oder einen Sinn darin erkannt. Zugegeben, bei Katastrophenfällen gab es ihn. Lawinenunglück Galtür 1999, Hochwasser 2002, Murenabgänge in St. Lorenzen heuer. Es sind Ausnahmen. In der Regel sitzen Rekruten ihre Wehrpflicht ab, als Wache, als Bürokraft, als Kraftfahrer. Erkenntnisgewinn: null. Eine Zeitverschwendung jungen Lebens, das in seiner Blüte steht.
Das Heer dient in erster Linie der Erhaltung des eigenen Systems. So wie in Heinrich Bölls Erzählung „Ende einer Dienstfahrt“, in der ein Rekrut den Befehl bekommt, ziellos mit dem Jeep umherzufahren, damit der Kilometerstand für die routinemäßige Inspektion erreicht wird.
Ich musste als „Jäger“ einrücken; mein Beitrag für eine bessere Gesellschaft bestand darin, stundenlang im Gleichschritt zu marschieren und dabei Lieder zu singen, die dem Soldatentod huldigten. Wir pulverten an einem Tag mit Panzerfäusten und Maschinengewehren zehntausende Euro Steuergeld gegen die verschneiten Felswände der Seetaler Alpen. Verschossen im Wald Platzpatronen, um danach deren Hüllen wieder einzusammeln. Robbten durchs Gebüsch, um uns auf einen Krieg vorzubereiten, von dem wir wussten, dass er nie kommen würde. Wir lernten Waffenbeschreibungen wortgetreu wiederzugeben. „Das Sturmgewehr 77 ist ein Gasdrucklader mit starrer Verriegelung und auswechselbarem Lauf. Die Patronenzufuhr erfolgt aus einem Magazin, welches 30 Schuss fasst …“ Bis heute weiß ich nicht, was das sein soll – ein Gasdrucklader mit starrer Verriegelung. Es ist mir auch völlig egal.
Erst als wir zum Assistenzeinsatz an die ungarische Grenze kommandiert wurden, um „illegale Grenzgänger“ zu fassen, wurden die Vorgesetzten freundlicher. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, es hätte damit zu tun, dass die Rekruten nun scharfe Munition statt Platzpatronen in ihre Magazine luden. Die burgenländische Einöde und die viele Zeit brachten die Rekruten auf dumme Ideen: Sie experimentierten mit dem Gewehr; gingen zum Verrichten des großen Geschäfts über die Grenze und kamen sich dabei sehr patriotisch vor – so, als hätten sie damit dem österreichischen Volk einen Dienst erwiesen.
In dem Haus an der Grenze, in dem wir wohnten, hing im Keller ein Schild, auf dem stand: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Für meinen Schulkollegen aus der Parallelklasse war alles dunkel geworden. Er nahm sich an der Grenze das Leben. Laut Darabos begingen zwischen 2004 bis 2008 sechs Rekruten Suizid. „Ausschließlich private Motive“ seien dafür verantwortlich gewesen.
Nach dem Grenzeinsatz – wir hatten keinen einzigen „Illegalen“ gefunden und auch nie wirklich nach ihnen gesucht – bekamen wir neben einer Medaille eine Urkunde für den Einsatz am österreichischen Volk. Ich habe sie verbrannt. F