Harold „Bubba“ Beal war der potenziell gefährlichste Mensch, den ich je kennenlernte. Ich war immer froh, dass er, wenn auch vielleicht Zwangsneurotiker, im Grunde genommen ein sozial gut integrierter, gutmütiger Mensch war, der großzügig allerlei Tiere in Zoos sponserte, wohltätige Organisationen finanziell unterstützte und sich im allgemeinen sehr altruistisch benahm. Trotzdem symbolisierte Beal für mich immer die dualistische, zwiespältige Natur des konservativen Amerikaners per se.
Ich lernte Bubba 1966 beim „Jesse Owens Memorial Track and Field Meeting“ in Columbus, Ohio, kennen. Bei der Veranstaltung hatte ich das Diskuswerfen in den drei Jahren zuvor gewonnen und einen gewissen Celebrity-Status erreicht. Bubba war ein guter Diskuswerfer, doch war dieser Sportzweig nur ein Nebenhobby. Sein Haupthobby, eigentlich eine Berufung, war Kyokushin-Karate, und darin war er Träger des Schwarzen Gürtels fünften Dan-Grades. Bei mir war das Gegenteil der Fall: Ich hatte im Dojo Kobayashi in Ann Arbor, wo ich studierte, zwei Jahre lang Karate als Beweglichkeits- und Ausgleichstraining für mein sportliches Hauptinteresse ausgeübt, das Diskuswerfen.
Mit seinem Aussehen hätte Bubba ein Filmstar sein können: 1,90 Meter groß, muskulöse, aber schlanke Figur, knapp 90 Kilo schwer, mit einem fast knabenhaft wirkenden, zu seinem kantigen, trainierten Körper in scharfen Kontrast stehenden Gesicht. Manche nannten ihn „Babyface Bubba“. Er entsprach dem Idealtyp des „heiteren und friedlichen, aber wehrhaften Menschen“, wie ihn der Großmeister Oyama Masutatsu in seinem Hauptwerk „Der Kyokushin-Karate-Weg“ beschreibt.
Was meine Aufmerksamkeit erregte, waren die Wurzelknochen seiner Mittelfinger; so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Sie waren mit einer dicken, beinharten Schwiele überzogen und ragten fast eineinhalb Zentimeter über die anderen Knöchel seiner Hände hinaus. Sie zögen – so versicherte mir Bubba – die Blicke aller Anwesenden auf sich, wo immer er sich gerade befände. Waren sie die Folge einer Krankheit, fragte ich ihn. Nein, antwortete er, sie seien nur das Resultat eines Spezialtrainings.
Bubba hatte ein langes, 20 Zentimeter breites und entsprechend dickes Brett mit Bast bespannt und an der Wand seines Trainingsraumes befestigt. Auf dieses schlug er täglich mehrere tausend Male mit jeder Hand in der Art des straight jab ein, wie die Boxer diesen Schlag nennen. Anfangs blutete er stark, aber mit der Zeit bildeten sich auf den Mittelfingerknöcheln Schwielen, die immer größer und härter wurden, sodass seine Hände schließlich bionic brass knuckles, Schlagringe aus Lebendmasse, wurden. Im Zusammenhang mit seinem Ruf als Karateka musste er seine beiden Hände bei der Polizei in seiner Heimatstadt Charleston, South Carolina, als Waffen registrieren lassen.
Ich forderte Bubba auf, mir einen leichten Schlag auf die Brust zu geben. Ich war überzeugt, als Abgehärteter diese in einen Knöchel konzentrierte Kraft wohl leicht verdauen zu können. Aber er weigerte sich: „No, Ernie, you would be dead.“ Damals lachte ich. Aber später verstand ich, was er meinte und dass er nicht übertrieb.
Bubba war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, hatte bereits ein Technikstudium an der University of Tennessee in Knoxville abgeschlossen und arbeitete an einem MBA-Diplom. Sein Vater besaß eine gutgehende Fabrik, in der Nylonstrümpfe hergestellt wurden. Dementsprechend hatte mein Freund ein relativ sorgenfreies Leben, das es ihm ermöglichte, Studium, Sport und andere, etwas seltsam anmutende Hobbys auszuüben.
Da wir bei dem Meeting in Columbus im gleichen Hotel übernachteten, lud er mich und meinen Bruder Edgar, der extra aus Wien angereist war, um seinen kleinen Bruder bei einem möglichen Rekordwurf zu filmen, auf ein Bier in sein Zimmer ein. Als wir eintraten, Edgar zuerst, dann ich, und die Tür hinter uns schlossen, hörte ich nur ein „Ernie, hold still!“, ein Zischen und einen Aufprall an der Türe. Wir, Edgar und ich, drehten uns um und erblassten: Im hölzernen Türblatt, ungefähr 20 Zentimeter neben der Stelle, an der kurz zuvor noch meine linke Schulter war, steckte bis zur Hälfte ein Silberdollar, dessen Kante rundherum rasiermesserscharf geschliffen war.
„Bubba, are you out of your fucking mind?“, quetschte es aus mir heraus, während meines Bruders Gesicht langsam wieder Farbe annahm. „Ah, come on, Ernie, I practice this a lot, a Shinobi Master taught me“, sagte Bubba und grinste dabei etwas verlegen. „I am very accurate, never miss the target by more than a couple inches.“ Er nahm eine Zange aus einer Sporttasche, zog den Silberdollar aus dem Holz, malte dann mit einem roten Stift einen kleinen Kreis auf die Tür und holte weitere fünf Silberdollar-Waffen aus seiner Tasche. Dann ging er zum anderen Ende des Zimmers.
Schaut her, sagte er, klemmte sich eines der Silberstücke zwischen Zeige- und Mittelfinger und warf es mit unglaublichen Schnelligkeit und mit einer aus der Verdrehung des Handgelenks resultierenden Schleuderwirkung in den aufgemalten Kreis. Innerhalb weniger Sekunden landeten die anderen Silberdollar ebenda; keiner verfehlte das Ziel.
Das beruhigte Edgar und mich einigermaßen, doch konnte ich in den Augen meines Bruders und an seiner gerunzelten Stirn die stille Frage ablesen: Zu welchem Psychopathen hast du mich da geführt? Wir übten das Münzenschleudern dann auch, schnitten uns dabei aber in die Finger und trafen nur die Zimmerdecke, nicht aber die Tür, geschweige denn das aufgemalte Ziel.
Was würde passieren, fragte ich Bubba, wenn du die geschliffene Münze gezielt auf einen Menschen wirfst? „If I’d throw it at his neck, the coin would go right through it and possibly sever the spine“, antwortete er. Edgar wollte sich verabschieden, aber ich hielt ihn zurück. Er würde das niemals tun, insistierte Bubba, Er sei Zen-Buddhist, defensiv und würde niemals jemanden aus Absicht verletzen.
Möglicherweise war Bubba wirklich ein Psychopath, sicher war er einigermaßen paranoid veranlagt, ohne es zu wissen. Mit seiner Nummer hätte er im besten Zirkus der Welt auftreten können. So lange ich ihn kannte, immerhin fast 30 Jahre, initiierte er keinerlei kriminelle oder aggressive Handlung. Bei einem Gericht in Toledo, Ohio, musste er sich aber dennoch verantworten, weil er in einen schier unglaublich wirkenden Vorfall verwickelt war.
Nach einem Karateturnier in der zweitgrößten Stadt Ohios, erzählte mir Buba, saß er in einem Lokal an der Theke. Seine Hände mit den vernarbten, aufgetürmten Knöcheln waren klar sichtbar. Er trank ein Budweiser-Bier, als ihn ein kleiner Latino anrempelte und zu ihm sagte: „Man, you think you are tough? I fight you anytime, you chickenshit. Even my mother can kick your ass!“ Bubba, mit sich, seinem Bier und der Welt in Frieden, versuchte, den kleinen Mann zu ignorieren. Doch dieser gab nicht auf: „Ah, you afraid of me, eh? I kick shit out of you right now!“ Er begann, auf Bubba loszudreschen, und als dieser leichte Abwehrbewegungen machte, kam der Kellner dazwischen: „No fights in here, gentlemen! Go outside!“
Der Latino provozierte Bubba so lange, bis dieser schließlich mit ihm vor das Lokal ging. Dort erkannte er, dass er in eine Falle getappt war. Jemand hatte es auf ihn abgesehen. Zu dem kleinen Provokateur gesellten sich nämlich vier weitere Männer, die draußen auf der Lauer lagen, jeder Einzelne entweder mit Messer, Eisenrohr oder Kette bewaffnet.
Bubba versicherte mir, dass er keine andere Möglichkeit sah, dem sicheren Tod zu entrinnen, als eine drastische Maßnahme zu ergreifen. Er packte den Provokateur, der noch neben ihm stand, bei den Haaren, hämmerte in Sekundenschnelle mehrere Male mit seiner verknöcherten Hand gegen dessen Schläfe, was deren sofortige Zertrümmerung bedeutete. Dann stieß er mit der gestreckten Hand in den Schädel hinein und riss die Schädeldecke herunter. Schließlich griff er mit bloßer Hand in die Schädelschale hinein, riss das Gehirn heraus und schleuderte es in das Gesicht des ersten herannahenden Kumpanen des eben getöteten Mannes. Der Getroffene sank bewusstlos nieder, wahrscheinlich mehr aus Entsetzen als wegen der Wucht des Geschosses; die anderen drei ergriffen die Flucht.
Soweit Bubbas Beschreibung des Vorfalls. Ich sagte dazu nur, „Bubba, I don’t believe you. I know you are tough and probably a bit insane, but this you made up.“ Schweigend griff Bubba in seine Sporttasche und holte einen Zeitungsartikel hervor, den er mir überreichte. Es war der Bericht einer Toledoer Zeitung über das Gerichtsverfahren, in dem Bubba wegen excessive self-defense, also Überschreitung der Notwehr unter Einsatz registrierter Waffen – seiner Hände! – mit tödlicher Folge angeklagt war. Bubba wurde freigesprochen, vielleicht weil sein wohlhabender Vater die besten Rechtsanwälte und psychologischen Gutachter Ohios anheuern konnte. Aber wohl auch, weil es in den USA noch immer große Sympathien für den „Lone Ranger“ gibt, der sich allein gegen eine böse Übermacht behaupten kann.
Allerdings musste Bubba einer Auflage zustimmen: Drei Jahre lang müsse er wöchentlich einmal zur psychologischen Beratungsstelle gehen und sich von jeglicher Bar fernhalten. Sein Karate und anderes „Selbstverteidigungstraining“ einschließlich Münzenschleudern wurden ihm allerdings nicht verboten und er freute sich wahnsinnig, als ich ihm später einmal einen Maria-Theresien-Taler mit den Worten schenkte: „Try this one, Bubba. It is harder than a silver dollar.“
In Bubba schlummerten verschiedene Talente, die aber alle, seinem ostentativen Streben nach innerer Gelassenheit zum Trotz, irgendetwas mit Krieg oder Jagen zu tun hatten, also potenziell mit Töten. So erfand er als überzeugter Patriot einige Jahre nach den Attentaten von 9/11 eine jedem Pazifisten und Nichtjäger grässlich anmutende frangible bullet, eine zerbrechliche Gewehrkugel. Die sogenannte „Bubba Bullet“ kann einem Lebewesen riesige, kraterartige Wunden zufügen, zerschellt aber an harten Wänden – was in der Anti-Terrorbewegung der Bush-Administration und bei den Fluglinien offenbar auf großes Interesse stieß. Er genoss einen mir etwas verdächtig anmutenden Wohlstand, der ihm den Kauf mehrerer wertvoller Flugzeug-Museumsstücke aus dem Zweiten Weltkrieg, sogenannter Warbirds, ermöglichte, obwohl die Fabrik seines Vaters nach der Erfindung der Strumpfhose in den Konkurs geschlittert war.
Irgendwann hatte er auch mit dem Dreschen auf das Brett aufgehört, denn als ich ihn im Jahr 1998 zum letzten Mal persönlich traf, hatten sich die Schwielen auf seinen Mittelfingerknöcheln stark zurückgebildet. Das „geschliffene Münzenschleudern“ hat er im höheren Alter wahrscheinlich ebenfalls reduziert, aber sicher nicht ganz aufgegeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf Darts umgesattelt hätte.
Nach 1998 verlor sich der Kontakt zwischen Bubba Beal und mir. Ich war schon längst nach Wien zurückgekehrt und Bubba, der immer schon politisch konservativ eingestellt war, reagierte auf meine Kritik an der amerikanischen Außenpolitik mit zunehmender Irritation. Irgendwann schrieb er mir: „Ernst, you have turned into a European-type socialist, and that’s almost as bad as being a communist, and I don’t talk to communists.“
Schluss, Ende einer Freundschaft. Hin und wieder habe ich im Internet nachgeforscht, wie es Bubba wohl weiter ergangen sein mag, aber die Spuren seines Privatlebens verliefen sich im Sand. Menschen wie die Präsidenten Reagan, Bush I und II, die meisten republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die Mitglieder der sogenannten Tea Party und leider auch Bubba Beal, die die Welt nur in Schwarz und in Weiß sehen und schlussendlich Dialogverweigerer sind, streicheln Babys und Tiere und geben sich menschenfreundlich, fördern aber im irren Glauben, der Menschheit zu dienen, die Erfindung und Produktion der grässlichsten Waffen.
Die Testberichte über das Bubba-Bullet-Geschoss berichten nie über die fürchterlichen Möglichkeiten, die einem psychopathischen Mörder wie Anders Breivik gegeben wären, hätte er sich Geschosse vom Typ „Bubba Bullet“ aneignen können. F