Bei Erscheinen des Falter wird Clemens J. Setz schon wissen, ob er es mit seinem neuen Werk „Indigo“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Im Vorjahr markierte die Verleihung des Leipziger Literaturpreises für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere.
Obwohl Setz dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, wird er in manchen Feuilletons noch immer als das „Wunderkind“ der österreichischen Literatur gehandelt. Auch der neue Roman „Indigo“ (siehe Rezension S. 26) handelt von Kindern, sie leiden unter einer seltsamen Störung, dem „Indigo-Syndrom“. Jeder, der ihnen zu nahe kommt, wird von Kopfschmerzen und Übelkeit befallen. Der Falter ist dem Autor im Hotel Weitzer in Graz nähergekommen.
Falter: Hat sich Ihr Leben nach der Verleihung des Leipziger Literaturpreises merklich verändert?
Clemens J. Setz: Nicht extrem. Aber klar, ich habe die nächsten Jahre keine
finanziellen Probleme. Ich weiß aber auch, dass das ein befristeter Zustand ist.
Schlägt sich die ungewisse Zukunft im Schreiben nieder?
Setz: Wenn jemand nicht die Leidenschaft hat, Bücher zu schreiben, denkt er vielleicht, ein Autor macht das, um Geld zu verdienen. Aber das kann nicht der Motor sein. Es wäre unmöglich, seine Arbeit zu machen mit der Motivation, erfolgreich zu sein. Selbst Christian Kracht macht das nicht, auch wenn es so aussehen mag.
Ein fixes Einkommen ermöglicht ja erst das konzentrierte Schreiben. Da denkt man doch zwangsweise an den Erfolg?
Setz: Ich hab beim Schreiben noch nie das Gefühl gehabt, sehr gut, das ist es, das wird sicher gut ankommen.
Welches Gefühl überwiegt dann während des Schreibens?
Setz: Eher ein soziales Gefühl, obwohl ich ganz allein bin. Eine komische Art von sozialem Gefühl, dass ich am Leben anderer Menschen beteiligt bin.
Beim Literaturfestival O-Töne im Wiener Museumsquartier haben Sie nach der Einführung Ihres neuen Buches „Indigo“ gesagt, hört sich ja an wie „irre Science-Fiction“.
Setz: Es war, als würde über einen Phillip-K.-Dick-Roman (US-amerikanischer Science-Fiction-Autor; Anm.) gesprochen. Das war mir zuvor gar nicht so aufgefallen, da ist es mir richtig bewusst geworden.
Sie haben in „Indigo“ eine Figur namens Clemens J. Setz eingeführt. Über ihn ist zu lesen, irgendwann habe er angefangen, nur mehr Science-Fiction-Bücher zu schreiben. Könnte sich das bewahrheiten?
Setz: Phillip K. Dick ist ja einer meiner Helden. Was Dick als die „Novel of Ideas“ bezeichnet hat, prägt derzeit auch meine Arbeit. Ich liebe ja die Fernsehserie „The Twilight Zone“, die Geschichten leben von einem Einfall. Mich feuert so was im Moment viel mehr an als etwa ein College-Professor, der nach langer Zeit in seinen Heimatort zurückkehrt und dort eine frühere Liebe wiederfindet.
Warum haben Sie überhaupt einen Clemens J. Setz eingeführt?
Setz: Ich habe das Buch mit einer Figur begonnen, die aus der Ich-Perspektive
erzählt. Dann habe ich bemerkt, die Haupteigenschaft der Figur ist eine gewisse Art von Verwirrtheit, sie blickt nie ganz durch. Dann hab ich mir
gedacht, sei ehrlich, gib ihr deinen
Namen. Vor wem ich da ehrlich sein wollte, ist gar nicht leicht zu sagen.
Passiert es Ihnen öfter, nicht durchzublicken?
Setz: Ja, in gewissen Situationen scheinen alle zu wissen, was los ist, nur ich nicht. Ich brauche immer etwas länger. Meistens geht es um Beziehungen zwischen Menschen, um das Verstehen kleiner sozialer Gesten und Anspielungen. Oder wie wirke ich auf jemanden? Auch wenn ich einen Menschen langsam wütend mache, realisiere ich das oft erst sehr spät.
Die Figur Setz malt es sich ja öfters aus, wie es wäre, eine verhasste Person umzubringen. Sie haben einmal gesagt, auch Sie tätigen Gedankenmorde. Öfters?
Setz: Saul Bellow (2005 verstorbener Literatur-Nobelpreisträger; Anm.) hat einmal gesagt, ein Gedankenmord pro Tag ist gesund und normal. Und ich glaube, er hat da noch untertrieben.
Setz im Roman bekommt ganz schlimme Zustände, wenn er mit Gewalt an Tieren konfrontiert wird. Wie ist Ihr Verhältnis zu Tieren?
Setz: Die Frage, wie wir mit Tieren umgehen und ihr eigenartiger Platz in der Welt, beschäftigt mich immer wieder. Ich habe die Fantasie, dass ich als alter Mann von meinem Enkel gefragt werde, habt ihr eigentlich damals nichts gewusst von diesen wahnsinnigen Tiermassakern? Und meine Antwort lautet, doch, aber nichts genaues.
Sie sind Vegetarier?
Setz: Ja, aber ich empfinde es nicht als unnatürlich, Fleisch zu essen. Nur können wir uns entscheiden, was wir tun, wir haben die Fähigkeit zu moralischen Überlegungen. Menschen nehmen natürlich das, was sie von den Tieren unterscheidet, besonders stark wahr, eben das ausgeprägte Bewusstsein. Ob das jetzt im kosmischen Gefüge wirklich etwas ganz Besonderes ist, das bezweifle ich. Die Menschheit ist ohnehin nur ein vorübergehendes Phänomen. Die Ameisen hingegen sind etwas Bleibendes, die werden in Millionen Jahren noch leben, wir
sicher nicht.
Wie David Foster Wallace wurden und werden sie als Junggenie gehandelt. Sein Roman „Unendlicher Spaß“ hat sie ja sehr fasziniert.
Setz: Sein Werk beschert einem viele herrliche Lesestunden. Und im Gegensatz zu mir war ja Wallace tatsächlich hochbegabt, mit einem unglaublich hohen IQ.
Angeblich über 170!
Setz: Meiner ist 145, laut dem Test, den ich beim Bundesheer gemacht habe. Das ist nicht genial. Aber dass eine Zahl die menschliche Intelligenz ausdrücken soll, ist ja lächerlich. Dennoch war Wallace nicht nur hochbegabt in Philosophie und Mathematik, er hat auch mit seinen Geschichten ein völlig neues Gebiet bevölkert, mit dieser Wissenschaftlichkeit, mit dem Essayistischen. Gut, er war nicht der Erste, allerdings hatte es bei ihm so eine existenzielle Selbstverständlichkeit, es war keine Stilübung.
Könnten Sie sich vorstellen, einmal in Richtung eines Konvoluts wie „Unendlicher Spaß“ zu arbeiten?
Setz: Ich mache das gerade, ich schreibe seit vier Jahren an einem sehr umfangreichen Buch. Bis zur Fertigstellung dauert es sicher noch einige Jahre. Das hat jetzt nicht unbedingt was mit Wallace zu tun, aber es wird ein langes, wildes und komplexes Werk. Aber wer weiß, ob ich es zu Ende bringe.
Was hat Sie an Ihrem Konzept der Indigo-Kinder gereizt?
Setz: Dass eine Person jemand anderen durch seine Anwesenheit krank macht, das ist eine uralte Fantasie von mir. Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass das bei mir so ist.
Wie zeigt sich das?
Setz: Ich habe nicht viele Freunde. Ich glaube, ich bin sehr anstrengend.
Im letzten Falter-Interview ging es auch um Ihre Metaphern. Ein Beispiel aus dem neuen Buch: „Draußen war der Himmel so blau, dass man eine Stecknadel darin hätte fallen hören.“
Setz: Diesen Satz finde ich gut, der gefällt mir. Und das ist ja auch kein Fehler, sondern eine poetische … ach was, ich muss das ja nicht verteidigen!
Was sagt eigentlich Ihre Lektorin dazu?
Setz: Sie ist auch die Lektorin von Friederike Mayröcker, also weiß ich, dass sie für Poesie empfänglich ist. Ich finde es ja lustig, dass sich da manche so aufregen können. Ich habe einmal ein Fernseh-Interview über Sexualität in der Literatur gegeben. Man wollte mit mir nur über zwei Sätze reden, die in meinem Roman „Die Frequenzen“ stehen. Ich habe dann erklärt, warum ich sie so geschrieben habe, dennoch wollte man von mir einen Widerruf, wie vor der Inquisition.
Geben Sie eigentlich gerne Interviews?
Setz: Wenn Anfragen kommen, denke ich mir, gut, gehört zu meiner Arbeit. Erst im Gespräch stellt sich eine Wertung ein.
Haben Sie sich während des Interviews ausgemalt, wie es wäre, mich umzubringen?
Setz: Nein, dieses Gefühl stellt sich meist nur bei unerreichbaren und brutalen Menschen ein, die etwa Tiere oder Kinder quälen. F