Michael Haneke ist ein vielbeschäftigter Mann. Sein Film „Amour“, mit dem er zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Jahren beim Filmfestival in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, kommt nun regulär in die Kinos, da heißt es auch für den Regisseur, präsent zu sein. Zwischen einem Abstecher nach Kanada (wo „Amour“ beim renommierten Toronto Film Festival in der Reihe „Masters“ gezeigt wird) und Arbeitsaufenthalten in Madrid, wo Anfang nächsten Jahres Hanekes Inszenierung von „Così fan tutte“ am Teatro real Premiere hat (bevor sie dann nach Brüssel weiterzieht), ist Haneke hin und wieder auch in Wien. Interviews gibt er offiziell keine, dem Falter aber steht er für ein Gespräch gerne zu Verfügung. Wie immer findet das Gespräch im Café Eiles statt, und wie immer begrüßt Haneke den Fotografen Heribert Corn mit einem gut gelaunten „Ah, Sie wollen mich quälen?!“.
Falter: Sie reisen derzeit ziemlich viel, demnächst nach Toronto. Macht das Spaß?
Michael Haneke: Nein, aber für die amerikanische Presse ist Toronto wahnsinnig wichtig, und auch die Typen von den Golden Globes sitzen alle dort, also muss man halt seine Honneurs machen. Wobei ich nicht kokett klingen will: Würde sich niemand rühren, wäre ich auch nicht glücklich.
Ist der Stress eines Rockstars der Arbeit zuträglich?
Haneke: Überhaupt nicht. Es ist total öd, gehört aber leider zum Geschäft und ist auch Bestandteil des Vertrags.
Das ist im Filmgeschäft der Standard?
Haneke: Im großen Filmbusiness ist das schon ewig so. Sie glauben doch nicht, dass irgendwelche amerikanischen Stars freiwillig über den Atlantik fliegen?! Das ist viel Arbeit, bloß keine produktive.
Soll man Ihnen also wünschen, dass Sie den Oscar nicht kriegen?
Haneke: Sie können mir wünschen, was Sie gerne wollen.
Sie selbst hätten aber nichts dagegen?
Haneke: Natürlich will man alle Ehrungen der Welt. Nur davon abhängig darf man sich nicht machen.
Kann man angeben, was Preise bringen?
Haneke: In erster Linie bessere Arbeitsbedingungen. Würde ich heute als völlig unbekannter Regisseur um Filmförderung einreichen, würden die mir wohl sagen: „Herr Haneke, das ist aber nicht Ihr Ernst!“
„Amour“ wäre zu Beginn Ihrer Karriere schwieriger zu realisieren gewesen?
Haneke: Sicher. Große Zuschauerzahlen lässt das Thema ja nicht erwarten. Außerdem wäre es für einen weitgehend unbekannten Regisseur wahnsinnig schwierig, diese Leute zu kriegen. Ich möchte heute kein Anfänger sein. Das ist, wie ich bei meinen Studenten sehen kann, viel härter als zu meiner Zeit. Ich konnte noch beim Fernsehen anfangen, und zwar mit Sachen, die durchaus nicht unehrenhaft waren. Wenn Sie heute etwas Ambitioniertes machen wollen, haben Sie wenig Chancen. Die ganzen Schienen, die es einmal gab – „Kunststücke“ und dergleichen –, gibt es ja alle nicht mehr.
Hätten Sie einen Film wie „Amour“ als jüngerer Mann überhaupt machen können?
Haneke: Schwer zu sagen. Die Idee ist mir früher ja gar nicht gekommen. Ich habe im Familienkreis einen ähnlichen Fall erlebt, was mich sehr berührt und dazu bewogen hat, darüber nachzudenken. So ist es eigentlich immer: Es stößt einem etwas zu oder auf, man zerbricht sich den Kopf darüber, und dann fällt einem was ein oder eben nicht. In manchen Fällen wartet man auch über zehn Jahre lang, wie das beim „Weißen Band“ der Fall war, weil ich damals, als das Drehbuch entstanden ist, eben noch nicht den Status als Regisseur hatte, der die Finanzierung eines so teuren Films möglich gemacht hätte.
Aber selbst bei einem vergleichsweise intimen Film wie „Amour“ ist der Abspann voll mit lauter Firmenlogos.
Haneke: Das ist unvermeidlich. Kein Land kann es sich noch leisten, einen Film auszufinanzieren. Das ist ja der Vorteil des europäischen Systems: Mit Koproduktionen kann man von überall ein bisschen Geld zusammenkratzen. Ich bin ein exemplarischer Nutznießer dieses Systems, für das ich sehr dankbar bin.
Der Dreh eines Films braucht weniger lang als das Aufstellen der Förderungen?
Haneke: Das glaube ich schon. Es hängt natürlich davon ab, wie clever und professionell die Produzenten sind. Meine können das schon, es ist aber keine leichte Arbeit.
Man bräuchte also eher gute Produzenten als gute Regisseure?
Haneke: Absolut! Regisseure gibt’s genug. Was fehlt, sind Produzenten und Autoren. Außerdem ist der Regisseur ohnedies ein völlig überbewerteter Teil in dem Geschäft. Wenn man ein gutes Drehbuch und ein intelligentes Casting hat, muss man schon ziemlich deppert sein, um das noch zu verhauen. Es gibt bloß wenige gute Bücher. Das ist ein europäisches Problem und im deutschsprachigen Raum noch einmal verschärft, weil der Nationalsozialismus die guten Leute umgebracht oder ins Exil getrieben hat. Und der Schriftstellergeneration danach ist die Handlungsliteratur so verdächtig gewesen, dass sie nur noch autoreflexive Literatur gemacht hat. Die wollten sich mit dem Kino nicht die Finger schmutzig machen.
Apropos Autoren: Graham Greene hat einmal gemeint, ein Schriftsteller müsse einen Splitter Eis im Herzen haben.
Haneke: Sie kommen jetzt aber nicht wieder auf die „Vergletscherung der Gefühle“?!
Nein! Das war anders gemeint.
Haneke: Ich weiß schon, was Sie sagen wollen: Beobachten bedeutet immer, dass man draußen steht. Und wenn man das nicht kann, produziert man bloß Kitsch. Man braucht eine gewisse Distanz, vor allem zu sich selber, und als Regisseur muss man doppelt draußen stehen. Deswegen gibt es auch keine schlechteren Schauspielerinnen als die Frauen von Regisseuren. Cassavetes ist da eine große Ausnahme. Ich habe vor hundert Jahren während des Drehs zu einem Fernsehfilm, dessen Titel ich jetzt nicht verrate, ein Verhältnis mit einer Darstellerin begonnen. Und man kann genau sehen, wann das war, denn in dem Moment ist der Film schlecht geworden. Verliebte sind nicht zurechnungsfähig. Bei einem Film mag das verzeihlich sein; bei mehreren aber ist es schlimm. Zum Glück bin ich seit 30 Jahren mit meiner Frau zusammen, die mit dem Metier überhaupt nichts zu tun hat.
Müssen Sie sich manchmal zwingen, Ihren Figuren Dinge anzutun, vor denen Sie sie eigentlich bewahren wollen?
Haneke: Das ist eine romantische Vorstellung. Man kann einer Figur gar nicht genug antun, denn das Drama lebt ja von den Konflikten. Man muss immer zum Äußersten gehen, erst dann wird’s interessant.
Gilt das auch für Schauspieler?
Haneke: Nein, Schauspielern muss man das Gefühl geben, dass sie beschützt sind und dass sie etwas riskieren können, ohne auf die Schnauze zu fallen. Ich komme ja aus einer Schauspielerfamilie und weiß, wovon ich rede. Das versuche ich auch meinen Studenten beizubringen: Wenn etwas nicht funktioniert, ist der Regisseur schuld, nicht der Schauspieler. Entweder hat man die Rolle falsch besetzt, oder man war nicht in der Lage, den Schauspieler dorthin zu bringen, wohin er gehört. Natürlich wollen Schauspieler geliebt werden, aber das bedeutet ja nicht, dass man ihnen ständig Honig ums Maul schmiert. Wenn man sein Kind liebt …
… züchtigt man es?
Haneke: Nein. Sie können aber alle fragen, die mit mir gearbeitet haben: Den Schauspielern geht es bei mir sehr gut. Deswegen sind sie auch so gut: weil sie was riskieren und sich dennoch darauf verlassen können, dass ich einschreite, wenn sie sich entblößen.
„Entblößen“ ist ein gutes Stichwort. Das ist ja eine Frage, die sich Ihnen bei „Amour“ ganz konkret gestellt hat.
Haneke: Genau. Und natürlich hatte Emmanuelle Riva einen Bammel vor der Szene, in der sie nackt ist. Ich habe ihr aber von Anfang an gesagt, dass es notwendig ist, dass man diesen Verfall auch sieht. Und natürlich habe ich mich sehr bemüht, es so zu filmen, dass es nicht denunziatorisch ist und dass die Würde der Person bei aller Kläglichkeit gewahrt bleibt.
Was waren denn die schwierigsten Szenen?
Haneke: Das kann man so nicht sagen. Es gut zu machen ist immer schwierig, es schlecht zu machen ist leicht. Die Schlüsselszene war natürlich weder für sie noch für ihn angenehm, da haben wir alle schon heftig gezittert, zumal er sich davor auch noch die Hand gebrochen hatte.
Die Schauspieler haben von Anfang an festgestanden?
Haneke: Jean-Louis Trintignant war klar. Für den habe ich den Film ja geschrieben. Auch Isabelle Huppert stand von Anfang an fest. Emmanuelle Riva kannte ich natürlich von „Hiroshima mon amour“, aber das ist über 50 Jahre her. Sie ist ganz normal zum Casting gekommen. Danach war sofort klar, dass sie das machen muss.
Warum stand gerade Trintignant fest?
Haneke: Weil ich den von Jugend an vergöttert habe. Das Entscheidende an der Rolle aber ist, dass dieser Georges eine große Wärme vermittelt. Und das kann man nicht erspielen. Das muss man haben.
Das Tolle an der Rolle ist, dass Trintignant eben nicht der nette alte Herr ist, sondern eine große Schärfe und Präzision hat.
Haneke: Das ist aber auch so geschrieben. Ich versuche eigentlich immer für bestimmte Schauspieler zu schreiben, weil das viel produktiver ist. Ich kenne deren Stärken und Schwächen und kann sie berücksichtigen. Man schreibt sich als Regisseur ja auch Szenen, von denen man weiß, dass man sie gut inszenieren kann. Formal gelungene Filme entstehen meines Erachtens fast nur, wenn Autor und Regisseur die gleiche Person sind. Ein Film von John Cassavetes, den er nicht selber geschrieben hat, wäre undenkbar.
Wie wichtig ist für Sie denn, dass sich die Schauspieler in der Wohnung, in der „Amour“ spielt, perfekt auskennen?
Haneke: Das war eigentlich gar kein Thema. Wir haben einfach angefangen.
Sie haben das nicht vorher geprobt?
Haneke: Proben tu ich nur mit Kindern und Laien. Mit Schauspielern mache ich das grundsätzlich nicht, weil die dadurch eine Sicherheit kriegen, die nicht gut ist. Das beste Ergebnis entsteht entweder bei der ersten oder der 25. Klappe.
Die Figuren vermitteln jedenfalls glaubhaft den Eindruck, dass sie tatsächlich in dieser Wohnung zu Hause sind.
Haneke: Die Wohnung ist angelegt wie die meiner Eltern. Das habe ich so geschrieben, weil sich aus der Kenntnis der Topografie neue Ideen ergeben. Der lange Weg von der Küche bis zum Schlafzimmer war zum Beispiel sehr produktiv.
Die Wohnung wurde eigens gebaut?
Haneke: Ja, anders wäre das nicht möglich gewesen. Aber sie ist natürlich sehr gut gebaut, sodass man es nicht merkt.
Wie haben Sie denn die Bilder ausgewählt, die in der Wohnung hängen?
Haneke: Der Architekt hatte ursprünglich eine Reihe von skandinavischen Malern vorgeschlagen, die mir auch irrsinnig gefallen haben, die aber alle in irgendwelchen Museen hängen. Dann sind eine ganze Reihe von Leuten ausgeschwärmt und haben Dutzende Bilder angeschleppt, von denen ich jene ausgesucht habe, die nun zu sehen sind. Es sind alles Landschaftsbilder, in denen nur ein paar Mal zwei kleine Personen vorkommen. Wie sie eingesetzt werden, ist vor allem eine musikalische Frage. Nach einem Höhepunkt kann man nicht einfach weitergehen, und nach dieser einen Schlüsselszene muss es ausschwingen. Also sieht man all diese Landschaftstotalen. Das ist wie eine Fermate.
In einer der schönsten Szenen erzählt Trintignant von einem Kinoerlebnis in seiner Kindheit. Glauben Sie, dass die Erinnerung an einen Film emotional
stärker ist als beim Sehen selbst?
Haneke: Das glaube ich nicht, das weiß ich! Denn alle Geschichten, die der Film erzählt, sind solche, die ich persönlich erlebt habe.
Haben Sie an einen bestimmten Film gedacht?
Haneke: Im Film und auf Französisch konnte ich das nicht sagen, aber es handelt sich um „Erzherzog Johanns große Liebe“ mit O.W. Fischer, eine absolute Schnulze. Aber das schreiben S’ ned! (Lacht.)
Doch, kürzlich haben Sie sich ja eh schon als Fan von Hans Moser geoutet …
Haneke: Natürlich. Aber man kann auch fürchterliche Sachen erleben. Als Jugendlicher hatte ich einen Lieblingsfilm: „Marianne de ma jeunesse“ von Julien Duvivier, frei nach Alain-Fourniers wunderbarem Buch „Der große Kamerad“. Das spielt in einem Internat unter 17-Jährigen und war für mich wirklich ein ganz, ganz wichtiger Film. Als der dann vor ein paar Jahren einmal im Fernsehen angekündigt wurde, habe ich dem Film richtig entgegengefiebert – und war dann so was von enttäuscht! Was ist das für ein Schmarrn!
Kommen Sie überhaupt noch ins Kino?
Haneke: Ich schau schon, dass ich einigermaßen auf dem Laufenden bin, gehe aber ungern ins Kino, weil mich dieses Geraschel und Telefongetue so ärgert und ablenkt. Für bestimmte Komödien ist es gut, wenn man ins Kino geht: Wenn die anderen lachen, lacht man auch. Aber einen Film, der mich wirklich interessiert, schaue ich mir lieber zu Hause auf DVD an. Sobald man einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, kann man sich in der Pause ja nicht mehr einfach verdrücken, weil dann alle sagen: Der Haneke, der arrogante Pimpf, ist rausgegangen.
Wann waren Sie das letzte Mal im Kino?
Haneke: Das ist sicher ein halbes Jahr her.
Hat das nur berufliche Gründe, wenn Sie etwas in den DVD-Player legen?
Haneke: Es gibt schon bestimmte Regisseure, deren Filme ich mir aus Interesse ansehe – Abbas Kiarostami zum Beispiel. Letztlich ist aber auch das beruflich. Ich bin ja kein normaler Kinogeher. Für meine Frau ist das furchtbar. Wenn wir zwei einmal fernsehen, sitzt sie gebannt dort, und ich sage: „Schau dir nur den Schnitt an, das ist ja furchtbar!“
Was schauen Sie sich da an?
Haneke: Diese HBO-Serien sind ziemlich gut, aber ich habe einfach nicht die Zeit, die als Ganzes zu verfolgen. „In Treatment“ habe ich gern gesehen. Das ist die billigste amerikanische Serie überhaupt: ein Psychoanalytiker, ein Zimmer, immer der gleiche Schauspieler (Gabriel Byrne, Red.) und diverse Leute, die vorbeikommen. Es ist aber so gut gespielt, dass es ein echtes Vergnügen ist.
Das wäre doch was für unterwegs, oder was machen Sie im Flieger?
Haneke: Da hab ich meinen iPad dabei, schreibe oder lese. Ich war immer ein großer Leser und komme immer weniger dazu. Ich kann an keiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne dass ich dann mit drei, vier Büchern herauskomme.
Welche Bücher liegen denn zurzeit auf Ihrem Nachtkästchen?
Haneke: Ein Erzählband von Julian Barnes, der mich ein bisserl enttäuscht hat, auch weil das vorherige Buch so gut war. (Es handelt sich um die Titel „Unbefugtes Betreten“ und „Vom Ende einer Geschichte“, Red.)
Gibt es analog zu den Regisseuren auch Autoren, denen Sie folgen?
Haneke: Ich bin ein großer Fan von Ferdinand von Schirach, den ich inzwischen auch persönlich kenne. Ein hochintelligenter Mann, der ganz schlackenlos schreibt. Außerdem habe ich denselben Agenten wie Michel Houellebecq. Wenn von dem etwas Neues herauskommt, kriege ich das, bevor es in Druck geht. Das interessiert mich auch beruflich, ob ich das eventuell verfilmen kann …
Und?
Haneke: War noch nichts dabei. Ich sollte seinerzeit ja „Elementarteilchen“ machen, habe aber gesagt, dass ich das nicht kann. Die Verfilmung war dann ja auch ein unfassbarer Schmarrn! Gute Bücher haben es eben schwer. Entweder versucht man, dem Autor gerecht zu werden, dann macht man einen schlechten Film. Oder man macht einen guten Film, und der Autor ist zu Recht verärgert.
Aber Sie selbst haben doch
fürs Fernsehen Literaturverfilmungen gemacht.
Haneke: Bei denen habe ich mich aber auch ganz bewusst zurückgenommen: Wenn der Film es schafft, dass die Leute das Buch kaufen, dann habe ich den Bildungsauftrag des Fernsehens erfüllt. Im Kino ist das etwas anderes: Da ist das Buch der geistige Steinbruch für den Regisseur. Das habe ich auch bei der „Klavierspielerin“ so gehalten.
Und das Fernsehen selbst interessiert Sie nicht mehr?
Haneke: Nicht solange ich vom Film leben kann, wo die Bedingungen doch wesentlich besser sind. Und als Koproduzent ist das Fernsehen ja Gott sei Dank bei meinen Sachen dabei. Ohne Fernsehgelder geht gar nichts. Das ist aber auch die große Gefahr für das europäische Kino, denn das Fernsehen will Filme produzieren, die sich für die Primetime eignen – und die sind fürs Kino komplett uninteressant.
Hat das Fernsehen so viel Mitspracherecht?
Haneke: Ich habe eigentlich immer gesagt, dass ich es nur so machen kann, wie ich es für richtig halte, und aus diesem Grund auch zwei-, dreimal Angebote ausgeschlagen. Nach einer gewissen Zeit hat sich das herumgesprochen: Der ist stur, lassen wir ihn halt machen.
Fühlen Sie sich eigentlich als österreichischer Regisseur?
Haneke: Ich bin kein österreichischer Regisseur und auch kein französischer Regisseur. Ich bin Regisseur für mich, und wer mir Geld gibt und mich ernsthaft arbeiten lässt, der darf sich mich an den Hut stecken – mir ist das völlig wurscht. Natürlich bin ich Österreicher, aber diese Nationalisierung von Einzelleistungen – ob das jetzt ein Sportler ist oder ein Künstler – finde ich reichlich albern.
Aber wird man von außen nicht immer wieder als „typisch österreichisch“ wahrgenommen?
Haneke: Von mir aus kann man das ruhig sagen. Ich finde es ja auch überhaupt nicht ehrenrührig. Mir ist das bloß nie aufgefallen. Ich mache halt die Filme, die ich mache, und die Frau Jelinek schreibt die Bücher, die sie schreibt, so wie das auch der Herr Bernhard schon getan hat. Dass da vielleicht irgendein gemeinsamer Humus vorhanden ist, mag schon sein. Es ist bloß nicht meine Aufgabe, den zu analysieren.
So einen Film wie „Amour“ kann man überall machen?
Haneke: Typisch österreichische Filme waren nur die Literaturverfilmungen. Joseph Roth hat ein bestimmtes Klima und einen sehr eigenen, wunderschönen Klang, für den ein österreichischer Regisseur natürlich ein besseres Ohr hat. Mein Vater war ja Deutscher, und ich habe kein Problem mit der deutschen Sprache, aber einen Film auf Plattdütsch oder eine bayrische Volkskomödie würde ich auch nicht machen.
Apropos Dialekt: Weshalb hat der Hausmeister im Film einen so markanten Akzent?
Haneke: Weil er Spanier ist. Seine Frau ist Portugiesin. Ich habe inzwischen vier Wohnungen in Paris gehabt, und die Hausmeister sind fast immer Portugiesen oder Spanier. Bei uns gibt’s halt leider bald keine mehr. Als wir noch eine Hausmeisterin hatten, hat das Haus jedenfalls besser ausgesehen. F


