Unterirdisch

Mit seiner Fall-Fritzl-Fiktionalisierung "Claustria" liefert der Franzose Régis Jauffret das erbärmlichste und dümmste Buch der Saison

Es dauert ein bisschen, bis das sogenannte „Unsagbare“ als Stoff für die Kunst und die Unterhaltungsindustrie freigegeben wird, aber es dauert nicht ewig. Die vierteilige Serie „Holocaust“ kam 1978 ins Fernsehen, die ersten Folgen von Art Spiegelmans berühmtem Comic „Maus“ (in der die Juden als Mäuse, die Deutschen als Katzen und die Polen als Schweine dargestellt werden), erschien zwei Jahre später. Im Falle der Anschläge auf die Twin Towers vom 11. September 2001 dauerte es gerade einmal zwei Jahre, bis Frédéric Beigbeders Roman „Windows of the World“ erschien und zahlreiche weitere Bearbeitungen des Stoffes (u.a. von Jonathan Safran Foer, Don DeLillo und Colum McCann) folgten.

Nun also der Fall Fritzl. Bereits 2009 hatte sich der Off-Theatermacher und Hitler-Imitator Hubsi Kramar des Stoffes in seiner Farce „Pension Fritzl“ angenommen, und auch Elfriede Jelinek war im „Sekundärdrama“ „FaustIn and out“ (2012) in den Amstettener Keller hinabgestiegen, um die imaginierte Rede des notorischen Tochterschänders und einige bekannte Details aus dem Fall Fritzl in ihre Textflächen einzumontieren.

Wo Jelinek unübersehbar ästhetische Distanz wahrt, fühlt sich Régis Jauffret bemüßigt, auf den fiktiven Charakter seines Fritzl-Romans „Claustria“, der im Frühjahr in Frankreich als Bestseller reüssierte und soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, eigens hinzuweisen. Der sei so wie auch alle „Charakterisierungen der Personen sowie Worte, Verhalten, Gefühle, die ihnen zugeschrieben werden (…) der Fantasie des Autors“ entsprungen.

Jauffret hat – so behauptet er jedenfalls – den Fritzl-Prozess vor Ort verfolgt, den Fall recherchiert, mit zahlreichen involvierten Personen Interviews geführt. Was davon Eingang in sein Buch gefunden hat, dessen Portmanteau-Titel man je nach Gusto für pfiffig oder dämlich halten kann, wissen wir nicht.

Auf den Nimbus des Bescheidwissers, der unbeirrt nachfragt und hinsieht, wo andere über Ungereimtheiten nur allzu gerne hinwegsehen, wollte er – Fiktion hin oder her – jedenfalls nicht verzichten. Auf Seite 67 wird ein gewisser Jauffret eingeführt, der sich die von der Polizei ignorierten Untersuchungen am Schauplatz von einem Sachverständigen noch einmal erklären lässt. Ergebnis: „Alle Pläne der Kellerwohnung, die die Medien veröffentlicht haben, sind falsch.“

Darüber hinaus sei diese keineswegs schalldicht, der von einem Rowenta-Mixer (100 Dezibel) und einer Waschmaschine (85 Dezibel im Schleudergang) verursachte Lärm für jeden hörbar gewesen, zumal in Österreich, wo sich bekanntlich alte Menschen darüber beschweren, „weil die Jungen im Stockwerk darunter nachts Nüsse knacken. (…) Ein Volk mit scharfen Ohren, das selbst das Geräusch der Gedanken der Nachbarn stört.“

Über Österreich und seine Einwohner weiß Jauffret, der eingestandenermaßen kein Deutsch versteht und die Dolmetscherdienste einer Frau in Anspruch nahm, die im Roman Nina heißt, ganz genau Bescheid. Den Verdacht, es könnte sich dabei um pures Ressentiment handeln – wenn der Ich-Erzähler durch Wien geht, rechnet er beständig damit, „an irgendeiner Straßenecke Hitler zu begegnen“ –, sucht er zu zerstreuen, indem er seine Pauschalurteile unterschiedlichen Quellen zuordnet.

Der Schiedsspruch über Land und Leute wird wahlweise als selbstdenunziatorische Figurenrede artikuliert („In Österreich geht es keinem um die Wahrheit. Die Wirklichkeit ist etwas für Touristen, wir hier handeln lieber und beseitigen Beweise, die uns belasten könnten“) oder als Kollektivmeinung der internationalen Regenbogenpresse zitiert („dieses Land, das in seinem Kellergeschoß noch immer nationalsozialistisch war“).

Er wird als historisch verbürgtes Wissen („Gleich nach dem Krieg hatten die Frauen von Amstetten sich angewöhnt, sich ohne zu schreien von den sowjetischen Soldaten vergewaltigen zu lassen“) oder Ergebnis ethnografischer Recherche („Noch vor kurzem sah man nicht selten Eltern in aller Öffentlichkeit ein ungehorsames Kind auf den Boden werfen“) ausgewiesen oder als auktorialer Kommentar gefällt.

Jener gibt sich als verbindliches Allgemeinwissen aus: „Ein Land, das nach dem Krieg beschlossen hatte, sich mit seinen ehemaligen Nazis abzufinden, mit dem Kommunismus (…), mit der freien Marktwirtschaft und gelegentlich sogar mit den Menschenrechten, mit denen die westlichen Länder selbst ihre geringsten Auslassungen würzen.“

Es ist ein perfides Spiel, das der Autor mit seinen Lesern spielt. Um sich der Autorität des Faktischen zu versichern, lässt er auch die trivialsten Ergebnisse seiner Recherchen – oder was danach aussieht – einfließen, etwa den Umstand, dass das von Fritzl eingerichtete Verlies am 1. Dezember 1979 unter der Nummer 0089778 behördlich als Strahlenschutzbunker registriert wurde. Wenn es hingegen um Dinge geht, die er gar nicht wissen kann, lässt er „der Fantasie des Autors“ freien Lauf.

Dagegen wäre im Prinzip auch nichts einzuwenden – sogenannte Faction oder Alternate History ist ein gebräuchliches und legitimes Genre –, wäre diese Mühle-auf-Mühle-zu-Strategie nicht so ermüdend und unergiebig. Gewinnen kann dabei nämlich immer nur einer: der Autor. Für alle anderen – die Leser, die Figuren und nicht zuletzt die Literatur – ist es eine klassische Lose-lose-Situation.

Mit der selbstgefälligen Empörtheit desjenigen, der den Mut hat, in Abgründe zu blicken und unbequeme Wahrheiten auszusprechen, salviert Jauffret die Sauereien, die er selbst begeht, allem voran die Denunziation der Opfer. Nun ist es zwar ein verstörendes Faktum, dass Missbrauchte selbst zu Missbrauchern werden können oder sich mit dem Täter identifizieren, aber das rechtfertigt noch lange nicht jenes mit voyeuristischen Ekeleffekten aufgebrezelte Schauerstück, das der Autor hier veranstaltet.

Josef Fritzl, der hier Josef Fritzl heißt, wurde von seiner Mutter gedemütigt und geschlagen, einer kaltherzigen, autoritären Hitler-Gegnerin (sic!), die im KZ Mauthausen als Kapo wütet. Der Sohn rächt sich, indem er sie sexuell missbraucht und die hinfällige Alte einkerkert.

Fritzls Gattin, deren Vorname – welch argloser Triumph literarischer Freiheit! – ebenso geändert wurde wie derjenige der geschändeten Tochter, ist eine bigotte Mittäterin ihres Mannes, die ihre Tochter und Nebenbuhlerin verachtet, schlägt und beschimpft.

All das hat man irgendwie geahnt und will es im Detail vielleicht gar nicht so genau wissen. In den Augen des Autors aber macht einen das zum verdrängungsseligen Fritzl-Komplizen. Aufklärung à la Jauffret bedeutet, dass alles gezeigt werden muss – selbst und gerade das, worüber man nichts Genaues wissen kann.

Als die todkranke Tochter/Enkelin Fritzls ins Spital gebracht wird, weigert sich die Polizei, alle Informationen publik zu machen: „In Anbetracht von Petras Zustand hielten sie es für taktvoller, kein Foto beizufügen.“ Solche Dezenz ist dem Erzähler sichtlich fremd. Die sexuellen Exzesse seines Helden schildert er mit gespieltem Ekel in schillernden Farben.

Denn selbstverständlich hat der Leser ein Recht darauf zu erfahren, wie die Tochter sich am nächsten Morgen so fühlt, nachdem ihr der Vater im Schlaf aufs Gesicht ejakuliert hat und wie die Nutten ranzunehmen pflegte: „Er drückte sie gleich auf den Boden und fickte sie rasend. Wenn er sich dann wieder aufrichtete, stolz das Kondom mit seinem schönen Samen zuknotete, den er durch das (sic!) durchsichtige Gummi hindurch betrachtete wie ein Winzer die Farbe des neuen Beaujolais im Probierglas, blieb das Mädchen völlig fertig liegen, eine bezwungene Beute, die sich tot stellte, um nicht den Gnadenstoß zu bekommen.“

Den Tiefpunkt der Perfidie erreicht Monsieur Jauffret, wenn er die misshandelten Enkel/Kinder Fritzls, die er launig als „Kellervölkchen“ bezeichnet, als beschädigte Existenzen vorführt: Figuren, die gerade einmal interessant genug sind, um sich auszumalen, wie sie in ein paar Jahrzehnten gnädig am Alzheimer dahinsiechen (der Sohn, der als Einziger Kontakt zum Vater hält) oder wie sie im Keller lust- und geräuschvoll scheißen, während ihre Mutter/Schwester daneben gerade die Kartoffeln in die Auflaufform schichtet.

Auch das ist freilich noch steigerbar. Als Alibi-Akt der Empathie gesteht der Autor der missbrauchten Tochter zwar eine haltlos kitschig ausgepinselte Liebesaffäre mit einem jungen Mann zu – „Alles geht langsam, eine zarte Liebe, die Zeit braucht. Nach einem halben Jahr erreicht er sein Ziel. Eine verkrampfte Vagina, die sich schließlich entspannt, das Glied einlässt“ –, aber damit muss es auch genug sein. An anderer Stelle wird sie als selbstherrlicher Freak dargestellt, die aus ihrem Elend Kapital schlägt:

„Angelika beherrschte Österreich fast ein Jahr lang. Das Wort der Märtyrerin war so heilig wie eine Koransure. Von ihrem Befehlsstand im Klinikum aus dirigierte sie Satelliten und Druckmaschinen rund um die Welt. (…) Statt Unbeschwertheit und Glück hatten ihr die Dividenden ihres Kelleraufenthalts fünfundzwanzig Millionen Dollar eingebracht, die sie bis zu ihrem Tod von jeder materiellen Sorge befreiten.“

„Thomas Bernhard hätte es viel härter geschrieben“, meinte der Autor in einem Interview mit der Presse. Nun ist Régis Jauffret sichtlich nicht das schärfste Messer in Gottes Bestecklade, aber das schlägt dem Fass doch den Boden aus. Es ist mehr als dreist, dass sich ein literarisch dermaßen unbedarfter Autor die Nähe zu Bernhard erschleicht, den er darüber hinaus allem Anschein nach auch noch mit Quentin Tarantino verwechselt.

Authentizität wird nicht durch missverstandene Radikalität – nach dem Motto: je härter, umso wahrhaftiger – hergestellt, sondern durch den stimmigen Einsatz ästhetischer Mittel, durch Konsistenz der Figurenzeichnung, Eröffnung neuer Perspektiven.

Von all dem aber ist „Claustria“ Lichtjahre entfernt. Kein Wunder also, dass die Übersetzung von allen seriösen deutschsprachigen Literaturverlagen abgelehnt wurde, ehe sie bei dem so gut wie unbekannten Verlag Lessingstraße 6, einem Ableger des auf populäre Sachbücher spezialisierten Ecowin-Verlags aus Salzburg, doch noch Unterschlupf fand (siehe auch Kommentar auf Seite 6).

Thomas Bernhards autobiografischer Roman „Der Keller“ (1976) hat mit der billigen Metaphorisierung subterrestrischen Wohnraums (menschliche Abgründe! Unterbewusstes!! Verdrängung!!!) nichts zu tun. Gerade deswegen würde es Monsieur Jauffret nicht schaden, einen Blick in das Buch zu werfen, in dem der Autor seine Jahre in der Scherzhauserfeldsiedlung beschreibt. Ausgerechnet in diesem übelst beleumundeten Glasscherbenviertel Salzburgs verbringt der junge Bernhard in einem „finsteren Magazin mit seiner perversen Geruchsmischung“ die „nützlichsten Jahre“ seines Lebens.

Schon klar, Thomas Bernhard hatte es mit keinem Josef Fritzl zu tun, aber er verfügte eben auch über jene Eigenschaften, die seinem französischen „Kollegen“ abgehen: Neugierde, Empathiefähigkeit und die literarischen Mitteln, diese auszudrücken. Jauffret hingegen belässt es dabei, seine Figuren mit der eigenen Misanthropie auszustaffieren. Auf bleiern langweilige Weise bestätigt „Claustria“ lediglich das altbekannte Motto des Hosenbandordens: „Honi soit qui mal y pense“ – zu Deutsch: „Ein Hundsfott, wer was Schlechtes denkt.“ F

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