Auf dem Fahrrad, mit dem Maria Bill zum Interview ins Café Jelinek gekommen ist, befindet sich ein Kindersitz. Obwohl Sohn Tany inzwischen 24 Jahre alt ist, wurde er nie abmontiert. „Das ist die beste Diebstahlsicherung“, erklärt Bill.
Die Schweizerin ist eine der beliebtesten Theaterschauspielerinnen Wiens. Anlass für das Falter-Gespräch war aber ein anderer: Soeben wurde Bills lange vergriffenes Debütalbum von 1983 als „Anniversary Edition“ mit Bonusmaterial wiederveröffentlicht, und der Kurzzeit-Austropop-Star geht mit diesen Liedern noch einmal auf Tournee.
Falter: Frau Bill, wir möchten Sie bitten, ein Rätsel zu lösen. Seit 29 Jahren fragen wir uns nun schon:
Was ist ein „relatives Hemd“?
Maria Bill: Das ist leicht! Angenommen, man besitzt nur drei Hemden und alle drei sind schmutzig, dann ist eines davon gerade noch das sauberste. Dieses Hemd ist das relative Hemd. Unter mehreren Menschen ist das „relative Hemd“ also der gerade noch leiwandste.
Die Formulierung kam 1983 in Ihrem Hit „I mecht landen“ vor. Wie ist dieses Lied entstanden?
Bill: Der Produzent Christian Kolonovits hat mit mir die Lieder für die erste Platte ausgewählt, und er war dabei relativ streng. Am Ende lag so viel aussortiert am Boden, dass es für eine Platte zu wenig war. In meiner Verzweiflung habe ich den Dirndlschnaps sehr gerne getrunken, den er mir angeboten hat. Am nächsten Tag haben wir wieder ein paar Lieder vom Boden aufgehoben, weil sie eh nicht so schlecht waren. Kolonovits meinte aber, dass ich noch etwas schreiben müsse – und das war dann „I mecht landen“. Ein Schnellschuss.
Dem Dirndlschnaps sei’s gedankt?
Bill: Wenn es am Alkohol läge, müsste ich viele tolle Lieder haben! Nein, ernsthaft: Der Dirndlschnaps hat mich getröstet, weil wir so streng mit uns waren. Am nächsten Tag habe ich es schwer bereut. Es war der erste und letzte Dirndlschnaps meines Lebens. Als sich der Magen beruhigt hatte, das Herz, die Seele und der Kopf, ist aber tatsächlich „I mecht landen“ als Geschenk des Augenblicks passiert.
Wie sind Sie damals überhaupt zu einer Plattenaufnahme gekommen?
Bill: Andere schreiben ihre Sehnsüchte und Verzweiflungen als Jugendliche in Tagebücher, bei mir waren es Lieder. Sie sollten aber lange Zeit mein Geheimnis bleiben. Als ich 1982 im Schauspielhaus dann dieses Stück über Edith Piaf spielen und singen durfte, hat mir diese Alte irrsinnig Mut gemacht. „Wenn ich singe, bin das ich“, hat sie gesagt, und das hielt ich für eine gute Idee. Die Plattenfirmen haben mir damals die Tür eingerannt! Ich sollte allerdings Piaf-Lieder singen, und das fand ich absurd – denn die gab es ja im Original. Also habe ich meine eigenen Lieder aus der Schublade geholt.
War die Musik für Sie je eine ernsthafte Alternative zum Theater?
Bill: Nein. Wobei: Müsste ich mich zwischen Musik und Theater entscheiden, würde es fast die Musik werden, weil sie so viel mehr Emotionen überträgt und mich einfach in eine Welt versetzt, die mich verzaubern und vollkommen glücklich machen kann. Musik hat wirklich meinem Glück das Leben gerettet.
Sie treten auch heute noch mit Piaf-Programmen auf. Ist das die Rolle Ihres Lebens?
Bill: Das kann man so sagen, ja. Keine meiner Rollen hat mich so stark eingenommen, und keine ist so stark rübergekommen. Ich wollte Piaf eine Zeitlang nicht mehr spielen, damit ich nicht darauf festgelegt werde. Aber so eine Ausnahmegeschichte ist natürlich auch nicht jedem Schauspieler beschieden. Nach über zehnjähriger Pause hatte ich wieder Lust auf Piaf, allerdings in anderer Form: mit Livemusik und ohne das Stück als Rahmen, das ihrem Leben ohnedies nicht wirklich gerecht wurde.
War Ihnen Piaf vor dem Stück schon ein Begriff?
Bill: Ja, und wie! Meine Mutter hat ihre Lieder immer in der Küche gesungen. Das war nicht meine Musik, aber ich bin damit aufgewachsen. Dass diese Lieder dann so in mein Leben zurückkamen, war unerwartet.
Sie sind in einem Kinderdorf aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Bill: Das war eine sehr prägende Erfahrung. Dieses Kinderdorf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um Kriegswaisen eine Heimat zu geben. Meine Eltern haben in diesem Dorf gearbeitet. Für mich war es ganz normal, dass die Kinder in jedem Haus eine andere Sprache gesprochen haben. Ich kann zwar nicht wirklich Griechisch, aber ich kann seitdem so sprechen, dass ich wie eine Griechin klinge. Ich hatte einfach auch eine Lust an Sprache und eine Lust am Imitieren.
Das Kinderdorf war also eine frühe, natürliche Schauspielausbildung?
Bill: Eigentlich ja. Dort liegen auch die Wurzeln des Wunsches, Schauspielerin zu werden. Das Dorf wurde von privaten Spendern unterstützt, und für diese Paten gab es einmal jährlich eine Vorführung. Da haben wir alles herausgeputzt und für sie getanzt und gesungen. Wir hatten im Kinderdorf eine Primaballerina als Lehrerin, die hat uns Tanz trainiert, ganz streng.
Ihre Jugend fällt in die 1960er-Jahre. Waren Sie ein Blumenkind?
Bill: Nein, ich wollte das so gerne, aber meine Mutter hat sehr aufgepasst auf mich und meine drei Schwestern. Als ich zum ersten Mal „Let’s Spend the Night Together“ von den Rolling Stones hörte, dachte ich mir: Das glaube ich jetzt nicht, was ich da höre! Meinen die das wirklich? Das war unglaublich aufregend. Ich habe von Glockenhosen, Blumenblusen und der Freiheit geträumt und mir gedacht: Einmal werde ich rausgehen und das alles erleben!
Gab es in der Schweizer Provinz überhaupt Hippies?
Bill: Wir kannten sie aus dem Fernsehen, von Plattencovers und aus Zeitungsberichten. Meine Schwestern und ich sind brav mit dem Rock aus dem Haus gegangen und haben uns dann heimlich umgezogen: Entweder sind wir in Hosen geschlüpft, oder wir haben aus dem knielangen Rock einen Minirock gemacht – Nadel und Faden hatten wir immer im Handtäschchen.
Das Zürich der frühen 1970er-Jahre war dann die große Befreiung?
Bill: Ja, da habe ich alles nachgeholt. „Tu alles so, dass ich dir zuschauen könnte“, hatte meine Mutter gesagt, als sie mich auf die Schauspielschule geschickt hat. Oh Gott, dachte ich mir, da kann ich ja wieder nichts machen! Aber dann dachte ich mir: Erstens könnte sie sich doch auf ihre Erziehung verlassen und mir ein bisschen vertrauen, und zweitens habe ich ihr auch nie zugesehen. Ich habe das dann abgestreift und hatte ein gutes Gefühl dabei, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig halte.
Von Zürich ging es weiter nach Paris, in eine noch aufregendere Stadt.
Bill: Nach der Schauspielschule hatte ich mein erstes Engagement im Theater am Neumarkt. Und je länger ich auf der Bühne stand, desto stärker merkte ich, was ich alles noch nicht kann. Das hat mich verunsichert. „Du fühlst dich als Küken im Nest zu wohl“, meinten die Kollegen. „Du musst raus in die Provinz und die Scheiße kennenlernen!“ Sie haben mich dann per Ensemblebeschluss rausgeschmissen, was echt hart war. Aber mir war klar, dass ich nicht in die Provinz und die Scheiße nicht kennenlernen will.
Dann lieber Paris. Wie kam das?
Bill: Das habe ich Christoph Marthaler (heute ein berühmter Theaterregisseur, Red.) zu verdanken, der damals noch Straßenmusiker war. Er stand mit zwei Flöten auf der Straße – ohne Hut, einfach nur so, aus Freude. Er hat gemerkt, dass es mir nicht gutgeht, und gesagt: „Komm, wir gehen jetzt erst einmal auf einen G’spritzten!“ Ich habe mich ausgeplärrt, und er hat mir empfohlen, zur Lecoq-Schule nach Paris zu gehen. Das war ein Supertipp. Lecoq hat mich befreit und mir die Hemmungen genommen.
Und was hat Sie 1978 ausgerechnet ins verschlafene Wien verschlagen?
Bill: Zurück in Zürich hatte ich eigentlich vor, mit einem Clownkollegen in einem Citroën-Kastenwagen durchs Land zu ziehen. Genau in dieser Zeit gastierte Hans Gratzer mit seiner Truppe in Zürich. Dieses Flittertheater hatte ein Leichtigkeit und auch eine Erotik, die mich voll eingenommen haben. Ich dachte mir: Eigentlich ist es genau das, was ich machen möchte! Da will ich mit! Ich bin also mit dem Clown nach der Vorstellung zum Gratzer, um ihm das zu sagen. Er hat es eingesehen und uns beide tatsächlich gleich mit auf Tour genommen. So habe ich dann auch den Schottenberg kennengelernt, und als mich der Gratzer mit nach Wien nehmen wollte, hatte ich gar nichts dagegen.
Das war die Zeit, als das Schauspielhaus gegründet wurde?
Bill: Genau, ich durfte beim ersten Ensemble dabei sein. Gratzer hatte fünf Premieren hintereinander angesetzt. Wir haben gehackelt wie die Wahnsinnigen – und hinten noch die Häusln geputzt, während vorn schon das Publikum mit den Sektgläsern in der Hand herumstand.
Klingt aufregend.
Bill: War es auch. Das Schauspielhaus galt damals als Alternative zum Burgtheater, und so haben wir es auch empfunden. Wir haben zwar auch Klassiker gespielt, aber die hatten eine ganz andere Direktheit. Wir wollten uns nicht mit der Last der Tradition beschäftigen, sondern einfach diese Geschichten erzählen.
Wo gab es die besseren Drogen: im Theater oder in der Musikszene?
Bill: Im Theater bin ich nie mit Drogen in Berührung gekommen. In Zürich habe ich gelegentlich Haschisch ausprobiert, aber da wurde mir nur schlecht davon. Wenn man dreimal speibt, ist das erledigt, ein guter Rotwein war mir lieber. Ich habe auch nach Konzerten mein Viertel bestellt, aber da kam schnell eine Unruhe unter den Musikern auf. Sie wollten nicht mit mir zusammensitzen, sondern gleich weiter ins nächste Lokal – und dann wieder ins nächste. Das war alles andere als gemütlich, und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, dass sie völlig anders unterwegs sind. Die Feste haben dann ohne mich stattgefunden, denn mir war das ungeheuer. Nicht, weil ich so brav war, aber mir hat das einfach nichts bedeutet.
Sie sind vergangenes Jahr im Rahmen des „Legendenbrunchs“ beim Popfest aufgetreten, unterstützt von jungen Musikern wie Der Nino aus Wien. Wie war das für Sie?
Bill: Es hat mich gefreut, dass der Ernst Molden, den ich sehr schätze, gefragt hat, ob ich mitmachen möchte. Es war einfach ein Spaß. Ich bin in Turnschuhen aufgetreten, und es hat tatsächlich funktioniert, dass es sich noch einmal ein bisschen so anfühlt wie damals.
Wie kommt es, dass Sie mit Ihren alten Liedern jetzt noch einmal auf Tournee gehen?
Bill: Diese Lieder waren jahrelang vergriffen, jetzt sind sie wieder erhältlich. Da dachte ich mir, ich möchte sie auch noch einmal live präsentieren. Als Omi werde ich das nicht mehr machen. Und es ist ein großer Spaß, die Lieder mit diesen jungen Musikern zu spielen. Das fetzt jetzt schon anders.
Sie scheinen vor Lebensfreude überzugehen. Woher kommt das?
Bill: Das liegt wohl an den Genen. Gäbe es ein Geheimnis, würde ich es verraten. Es ist ja bekannt, dass Schottenberg und ich uns nach 35 Jahren getrennt haben. Das war sehr schmerzhaft und gewöhnungsbedürftig, aber seit der Trennung ist viel in mir passiert, da hat es ordentlich gewurlt. Jetzt kann ich der neuen Situation extrem viel abgewinnen. Es ist, als würde ich mich wieder auffüllen. Das hat eine Ruhe und Qualität, die mir vollkommen neu ist.
Wie war es für Sie als Schauspielerin eigentlich, als Michael Schottenberg Volkstheater-Direktor wurde?
Bill: Anfangs kam natürlich aus allen Richtungen das flapsige „Frau Direktor“, aber der Schottenberg ist nicht so blöd, dass sich das auf die Besetzungsliste ausgewirkt hätte. Und ich auch nicht. Weil ich wusste, dass er seine Alte nie wo hineindrücken würde, war ich diesbezüglich ganz ruhig. Ich habe ja auch vorher schon zum Ensemble gehört, und es war schnell allen klar, dass sich nichts ändert und sie trotzdem weiterreden können, wenn ich den Raum betrete. Man hat ja gemerkt, dass er mich besetzt, wenn er es stimmig fand, und nicht weil er wollte, dass die Alte vorne ist.
Ihre Besetzung in „Cabaret“ wurde dann aber doch diskutiert.
Bill: Ich hatte Schiss davor, dass ich für die Sally Bowles zu alt bin, aber er meinte: „Das stimmt schon, glaub mir!“ Der Kritiker Hans Haider hat es sich dann nicht nehmen lassen, in seiner Rezension mein Alter zu vermerken. Jetzt spiele ich solche Rollen nicht mehr, weil ich keinen Bock auf derartige Seitenhiebe habe.
Haben Sie je darüber nachgedacht, in Pension zu gehen?
Bill: Nein. Zum Glück braucht es in diesem Beruf ja auch ältere und alte Menschen. Solange ich die Kraft habe, möchte ich das unbedingt machen. Aufhören ist ein kleiner Tod, damit beginnt das Ende. F