
Kastanien sammeln, Sturm trinken und Maroni essen sind in Österreich die bewährten kultischen Handlungen, mit denen man dem Herbstgott huldigt. Wer sich von der Plebs kulturell absetzen will, der gibt sich britisch und widmet sich dem herbstlichen worm-charming. Auf Deutsch wird dieser auf grünem Rasen ausgeübte Freizeitsport eher uncharmant mit „Wurmgrunzen“ übersetzt. Dabei werden auf einer feuchten Wiese Mistgabeln oder zum Pfählen von Vampiren geeignete Pflöcke in die Erde getrieben und zum Schwingen gebracht. Die tieffrequenten Töne locken in kurzer Zeit Regenwürmer an die Erdoberfläche, wo sie leicht aufgesammelt werden können. Bloß warum sollte man so etwas tun, fragt sich jeder nicht in Tweed gekleidete Gentleman. Ursprünglich lockten so Angler ihre Köderwürmer aus der Erde, jetzt fasziniert vielmehr die archaisch-animistische Magie über andere Lebewesen. Außerdem zeigt dieser in bunten Verkleidungen und volksfestartig ausgeübte Ritus, dass man durchaus auch mit wirbellosen Tieren Spaß haben kann.
Lange Zeit hielt sich der Aberglaube, dass die Würmer durch die von Regentropfen verursachten Klopfgeräusche herausgetrieben würden. Aber erst 2008 konnte der US-amerikanische Biologe Ken Catania nachweisen, dass Regenwürmer vor jenen Tönen fliehen, die ihre Hauptfeinde, die Maulwürfe, beim Graben verursachen. Worm-Charmer, die diese Frequenzen am besten treffen, locken so in einer halben Stunde bis zu 500 Regenwürmer aus einer Bodenfläche von drei mal drei Metern.
Nach den Regeln der „International Federation of Charming Worms and Allied Pastimes“ (IFCWAP) werden die aufgesammelten Würmer nach dem Wettbewerb wieder freigelassen. Das ist moralisch bedenklich, denn mit seinem Essen darf man nicht spielen. Schon Darwin erkannte, dass auf jedem Hektar Weide genau so viele Kilogramm Regenwürmer im Boden vorkommen, wie Rinder oben von Gras leben können. Drei Tonnen rotes Regenwurmfleisch könnte man pro zehntausend Quadratmeter ernten, und diese Proteinquelle ließe sich regional und artgerecht nutzen. Der Verzehr von Lebewesen, die kein Gesicht besitzen, gilt auch im Buddhismus als ziemlich okay und beschädigt das Karma nur geringfügig.
Leider verhindern starre Nahrungstraditionen diese Lösung des Welternährungsproblems. Ich werde daher auch diesen Herbst wieder nur bei Maroni und Sturm landen. F