Und dann erschien Bill Clinton in Ebreichsdorf. „Frank“, sagte der ehemalige US-Präsident in einer Grußbotschaft, „Frank, ich bin stolz, dich zu kennen!“
Kurz bevor Frank Stronach die Bühne im Magna Racino betrat, ließ er noch diesen Wahlkampfspot durch die Arena hallen. Nicht nur Bill Clinton drückte Stronach auf der Leinwand die Hand. Auch Larry King bedankte sich. Der CNN-Kultmoderator gratulierte seinem Frank, der mit „Magna so viel für die Welt gemacht hat“.
Und dann trat er auf die Bühne. 1500 Gäste warteten auf „den Mann, der die Freunderlwirtschaft in Österreich abschaffen will“, wie es durch den Lautsprecher tönte. Applaus brandete auf.
Frank Stronach, 80, ist eine unheimliche, faszinierende Figur in der österreichischen Innenpolitik. Wären heute Nationalratswahlen, der Milliardär würde sechs Prozent der Wählerstimmen absahnen und damit ohne Probleme ins Parlament einziehen; das Umfrageinstitut OGM sieht Stronach bei zehn Prozent, der Meinungsforscher Peter Hajek gibt ihm elf.
Nein, diese Umfragen hat Stronach nicht gekauft, sie wurden von unabhängigen Medien, dem Standard und dem Profil, in Auftrag gegeben. Es sind abenteuerliche Umfragen: 40 Prozent der 400 Befragten erklärten, sie würden Stronach gerne in der Regierung sehen. Dabei beschränkt sich das politische Programm des Milliardärs auf acht kurze Botschaften: „Politiker müssen dem Land dienen“ lautet eine. „Schluss mit Steuerprivilegien“ eine andere. Oder: „die Flut der Gesetze eindämmen“.
Es sind Plattitüden, und deshalb fragt man sich, wie es dazu kommen konnte, dass Stronach und seine Bewegung mit solchen Sprüchen die Innenpolitik aufmischen.
Wer die Karriere des Milliardärs und seine Auftritte studiert, seine Biografie durchleuchtet und seine Reden liest, stößt auf drei Prinzipien, die eine Erklärung für seinen aktuellen Erfolg liefern. Der gebürtige Steirer ist, erstens, autoritär; zweitens feindlich gegenüber den eingesessenen Eliten und dem Establishment; drittens wohlhabend und unabhängig von den heimischen Machtapparaten, die er nichtsdestotrotz für sich nützt und kauft. Kaum eine Partei, deren Repräsentanten Stronach nicht unter Vertrag hat. Gescheiterte Polizisten nahm er bei sich ebenso auf wie Altkanzler Vranitzky, den späteren Finanzminister Karl-Heinz Grasser oder den Rabauken Peter Westenthaler.
„Wer das Gold hat, macht die Regeln“ lautet das sattsam bekannte Credo im Reich seines Unternehmens Magna. Betriebsräte sind dort unerwünscht, das Arbeitsklima beschreibt Stronach-Biograf Norbert Mappes-Niediek als „Diktatur der Tüchtigen“. Wer etwas kann und leistet, steigt schnell auf und bekommt in seinem Bereich diktatorische Vollmacht; wer nichts kann oder lästig ist, fliegt raus. Trotz dieser Härte gilt Stronach als egalitärer Typ, der jedem Arbeiter seine Chance geben will, es ganz nach oben zu schaffen. Stronach selbst hatte es ja so erlebt. Sein Vater war Kommunist, er selbst schimpft ganz im Einklang mit dem Zeitgeist auf Bankiers und Bonzen. Tatsächlich habe wohl kaum eine andere große Produktionsfirma so viele Arbeiter zu Managern gemacht wie Magna, schreibt Mappes-Niediek.
Stronachs Unabhängigkeit wiederum resultiert aus seinem Erfolg in Übersee. Er ist niemandem in Österreich etwas schuldig, keine Partei hat ihm bei seinem Aufstieg den Steigbügel gehalten. Er wurde erfolgreich, ohne seine Seele an Filz und Proporz zu verkaufen. Es gibt wenig, das in Österreich mehr bewundert wird.
Der Boulevard, also Heute, Krone und Österreich, hat dieses Potenzial Stronachs als Volkstribun, als Ventil der Wutbürger längst erkannt. Die Verleger, so steht zu vermuten, lassen sich die Unterstützung des Milliardärs mit Anzeigengeschäften vergolden. Im Gegenzug wird Stronach hochgeschrieben. Die Qualitätsmedien und den ORF setzt das unter Druck, ebenfalls vermehrt über Stronach zu berichten. Die mediale Präsenz des Milliardärs wird solcherart verstärkt.
Dabei ist Stronach in Österreich erstaunlich oft gescheitert. Als er mit Sponsormillionen den heimischen Fußball kaufen und Österreich zum Fußballweltmeister adeln wollte, lachten ihn die Leute in den Wirtshäusern des Landes noch aus. Doch jetzt, wo sogar der amtierende Kanzler im Korruptionssumpf steckt, scheinen immer mehr Wähler mit dem Mann, der einst Franz Strohsack hieß, zu sympathisieren.
So wie jene 1500 Anhänger, die am vergangenen Donnerstagabend ins Magna Racino gekommen sind, um mit Stronach die Gründung seiner neuen Partei zu feiern. Der Weg dorthin führt durch eine herbstliche Ahornallee, inmitten von blumenlosen, penibel getrimmten Wiesen. Die riesigen Parkplätze, so erzählen es Anrainer, stünden das ganze Jahr leer; ebenso wie die Spielhallen im Hauptgebäude und die Pferderennbahn des Magna Racino, das 2004 als „größtes Entertainment-Center Österreichs“ aufgesperrt wurde, mittlerweile aber mangels Veranstaltungen das Dasein eines Geisterschlosses fristet.
An diesem Donnerstagabend ist aber alles anders, im Veranstaltungszentrum wird geschubst und geschoben, es drängt sich Schulter an Schulter, die Parkplätze sind überfüllt. Hinter der Theke schenken Kellner in Hemd und Krawatte Wein und Bier in hunderte Gläser ein, werfen im Takt Eiswürfel in Saftbecher.
Wer sind all diese Leute? Werner Beutelmeyer, Chef des Umfrageinstituts Market, sagt, der typische Stronach-Wähler komme vom Land, sei männlich, mittleren Alters und gehöre den unteren und mittleren Bildungsschichten an. Man kann den typischen Stronach-Wähler als den Durchschnittsösterreicher schlechthin betrachten.
Stronach selbst hat noch nicht die Bühne seines Event-Tempels betreten, da werden dem Publikum die vier Nationalratsabgeordneten präsentiert, die in den vergangenen Wochen zu ihm übergelaufen sind; Gerhard Köfer (ehemals SPÖ) und
Elisabeth Kaufmann-Bruckberger, Robert Lugar und Erich Tadler (alle drei ehemals BZÖ).
Tadler stellt sich auf der Bühne noch einmal extra vor; für Frank, wie er sagt, weil der sich keine Namen merken könne. Vor wenigen Tagen wollten Stronach ja in einem Fernsehinterview die Namen seiner drei vom BZÖ stammenden Neo-Parlamentarier nicht und nicht einfallen (siehe Seite 12). Sie haben offenbar nicht einmal bei ihm Spuren hinterlassen. Doch er braucht ihre Stimmen, um antreten zu können bei der kommenden Wahl. Und er bräuchte noch einen Abgeordneten, um schon jetzt einen parlamentarischen Klub bilden zu können. Dann wäre wohl auch die wertvolle TV-Zeit im ORF gesichert.
Kurz vor acht steht er schließlich auf seiner Bühne. Schwarzer Anzug, weißes Hemd. Er erzählt seine Geschichte, berichtet vom Auswandern nach Kanada, er beteuert, dass er das „Gefühl von Hunger kennt“. Die gebannten Gesichter der Zuhörer verraten, dass sie sich an den mystischen Heldengeschichten noch nicht sattgehört haben.
Stronach erzählt weiter; von seinen Erfolgen als Magna-Chef und von den Werten, die seinen Erfolg ausmachen würden. Transparenz und Wahrheit, Fleiß und Fairness. Über Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagt er, sie sei entweder dumm oder stehe mit den Banken im Bunde.
Das Publikum goutiert seine Worte. Jubel braust aber erst so richtig auf, als Stronach den ORF attackiert: „Ich habe in Österreich zwei Milliarden Euro investiert, 13.000 Arbeitsplätze geschaffen. Aber jedes Mal, wenn ich zum ORF komme, gibt es immer nur negative Fragen.“
Es ist ein merkwürdiges Medienverständnis, das er da offenbart. Er verstehe diese Feindlichkeit der Journalisten nicht, klagt er, er wolle doch nur Gutes für Österreich tun. Nur wenige Stunden zuvor hielt er eine Pressekonferenz in der Orangerie im Schloss Schönbrunn, bei der ein Journalist Auskunft über die Versteuerung von Stronachs Vermögen haben wollte. Der Milliardär schmetterte dem Mann die Gegenfrage zurück, ob er von der Sozialistischen Partei oder der Roten Armee entsandt worden sei.
Am Ende seiner Wahlkampfrede im Magna Racino sagt Stronach noch, dass er eigentlich gar nicht Politiker oder Bundeskanzler werden wolle. Als Unternehmer fehle ihm dafür schlicht die Zeit. Einmal habe er sogar der Queen absagen müssen, weil er einen wichtigen Termin nicht verschieben hätte können. Durch die Menge raunte ein anerkennendes „Boah!“. F