Rückblickend ist Nils Schröder froh, dass er damals beim Medizin-Aufnahmetest durchflog. Medizin hätte gar nicht zu ihm gepasst. „Aber ich bildete mir ein, dass ich das machen will“, sagt der 20-Jährige, „es war ein einfacher, ja, ein vernünftiger Weg. Auch meine Eltern mochten die Idee, dass ich Medizin studiere.“
Heute ist er schlauer. Mittlerweile gesteht sich Schröder ein, dass er nie der große Naturwissenschaftler war und dass ihn das Studium kaum interessiert hätte. „Aber das vergisst man bei der Inskription oft. Da fragt man sich eher: Womit kriege ich einen Job?“ Er beobachtet das bei seinen Kumpels: Viele studieren Jus, BWL oder etwas Technisches – nicht weil sie diese Fächer spannend finden, sondern aus Verlegenheit.
Es ist nicht einfach, mit 18 zu wissen, wie der Rest des Lebens ausschauen soll. Wissen viele auch nicht. Trotzdem verlangen die Unis dies zunehmend von jungen Menschen. Die Hochschulen sind nicht mehr so frei wie einst, als man die ersten Semester in einigen Fächern herumschnuppern konnte und trotzdem vieles angerechnet bekam. Aus „freien Wahlfächern“ wurden stromlinienförmige „Studieneingangs- und Orientierungsphasen“, die mehr dem Knockout als der Orientierung dienen. Wer nach mehr als zwei Semestern das Fach wechselt, verliert Familien- und Studienbeihilfe. Wer mehr als zweimal umsteigt sowieso. Dabei ist ein Neustart oft notwendig, wenn man sich verrannt hat.
So erging es Nils Schröder. Der blitzte beim Medizin-Aufnahmetest ab. Dann studierte er zwei Semester Anglistik. Wieder ein Flop. „Permanent habe ich mich an die Schule erinnert gefühlt“, sagt er, auch die Lehramtsstudenten erschienen ihm zu angepasst. Also wechselte er: hin zu einem als praxisfern verschrienen Fach: Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Dort ist er jetzt glücklich.
„Du bist halt ein Filmfreak“, sagt seine Freundin. Trotzdem dauerte es drei Semester, bis sich Schröder ganz zur Theaterwissenschaft durchringen konnte. Sein Freundeskreis besteht großteils aus solchen Zweiflern, erzählt Schröder und zeichnet das Bild einer Generation, die im Zweifelsfall nicht die richtige, sondern die pragmatische Entscheidung trifft: „Dieses Sicherheitsdenken ist wie ein Käfig. Und dieser Käfig wird nicht erst an der Uni, sondern schon im Gymnasium aufgestellt.“
Jugendstudien behaupten immer wieder, dass die jungen Erwachsenen eine pragmatische Generation sind. Eine Generation, die mit unsicheren Arbeitsmarktchancen aufgewachsen ist und deren Eltern sich genauso fürchten. Neulich berichtete die Presse, dass immer mehr überfürsorgliche Eltern ihre Kinder bis zur Inskription begleiten. Laut österreichischer Jugend-Wertestudie stimmt jeder vierte Student folgender Aussage zu: „Meine Eltern üben Druck auf mich aus, damit ich im Studium erfolgreich bin.“
Vielleicht haben wir heute zu viel Angst, etwas Neues zu wagen. Ist ja auch schwierig: Lohnt es sich wirklich, das Erarbeitete wegzuschmeißen und neu anzufangen?
Die Ungewissheit kann einen jahrelang plagen. So wie Jochen Goeritz. Der hat noch immer keine Entscheidung gefällt. Vermutlich geht es ihm zu gut, um alles hinzuschmeißen: Goeritz, 28, hat den Bachelor in Computersicherheit an der FH Hagenberg absolviert, dann ein Masterstudium an der TU Wien belegt. Seit Ewigkeiten plagt er sich mit der Diplomarbeit herum, arbeitet schon Vollzeit als sogenannter „Software Engineer“.
Goeritz mag seinen Job, findet die Arbeitskollegen super. Und trotzdem nagt da etwas an ihm. „Es ist ein vages Gefühl, ich kann es selbst nicht so recht ausdrücken“, sagt er, „ich würde gern ein Handwerk erlernen, etwas mit meinen Händen machen.“ Manchmal fragt er sich, ob er bis zur Pension in der IT-Branche bleiben will. Die Vorstellung behagt ihm gar nicht.
Er ist kein klassischer Geek, das gibt Goeritz zu. Während manche Studienkollegen stundenlang über Handy-Betriebssysteme diskutieren können, interessiert ihn das meist gar nicht. Irgendwie ist er in die IT-Szene hineingeschlittert: Zu Hause stand eben der Computer, in der Schule belegte er halt den Informatikzweig. Noch einmal würde Goeritz aber vermutlich nicht Computersicherheit studieren.
Das Problem liegt bereits im Schulsystem: Maturanten werden noch immer nicht systematisch beraten, wie die Realität in den Fächern aussieht. Experten empfehlen deswegen, eine eigene „Bildungs- und Berufsberatung“ einzuführen, damit es professionelle Studienberater gibt. Auch die ÖH arbeitet derzeit an einer Onlineplattform, die erstmals jedes einzelne Studium erklären soll. Immerhin gibt es mehr als 2000 Fächer in Österreich.
Die Qual der Wahl bezeichnen Sozialwissenschaftler als „Dilemma der Multioptionsgesellschaft“, weiß Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Heute stehen einem so viele Wege offen, da weiß man oft gar nicht, welche die richtige Richtung ist. Aus diesem Grund sollte es möglich sein, nachträglich seinen Kurs ohne große Hindernisse zu ändern und seiner Biografie ein neues Kapitel anzuhängen. Entspricht das nicht dem vielgeforderten „lebenslangen Lernen“ und der Idee, dass kein Mensch mehr sein ganzes Leben in nur einer Branche verbringen wird?
Manche lernen erst mit der Zeit, was sie sich von ihrem Studium wünschen: Eine klare Perspektive zum Beispiel. So ging es Antonia Zauner, 22, die gerade an der FH Campus Wien das Sozialarbeitstudium begann. Zuvor hatte sie Kultur- und Sozialanthropologie belegt (einst „Ethnologie“ genannt). „Ich fand das Studium interessant, aber irgendwann fiel ich in ein Loch. Ich hab mir nicht vorstellen können, was ich später damit machen soll“, sagt sie. Obwohl sie das früher nie geglaubt hätte, wechselte sie an die ach so verschulte Fachhochschule. Fühlt sich im Moment gut an.
Manchmal ist der Plan B einfach besser. Im Nachhinein kann das Helmut Höllriegl, 27, von sich behaupten: Er wurde vom Wirtschaftsstudent zum Opernsänger. Mitte 20 hatte Höllriegl eine Karriere im Finanzsektor vor sich. Im Eiltempo war er durchs Volkswirtschaftsstudium gerauscht, nur die Diplomarbeit lag noch vor ihm. Nebenbei hatte er immer im Chor gesungen, bei einem besonders aufwendigen Chorprojekt merkte er plötzlich: Das macht viel mehr Spaß. „Ich fühlte mich beim Singen, als wäre ich verliebt“, erinnert sich Höllriegl, der heute an der Musik-Uni studiert, in Chören an der Staats- und Volksoper singt und schon Solo-Auftritte hatte. Er sieht es auch als Vorteil, erst spät seine Berufung gefunden zu habe: „Ich habe eine ganz andere Sicherheit“, sagt er.
Diese bunten Backgrounds werden oft skeptisch beäugt – auch an den Unis. Wer eine wissenschaftliche Karriere plant, sollte sich ganz aufs Fach, am besten auf ein Detailgebiet fokussieren. „Bei meinem Lebenslauf wäre eine akademische Karriere wohl unrealistisch“, sagt Julia Weihs.
Sie ist Expertin im Studienwechsel. Weihs, 31, belegte seit 1999 ein halbes Dutzend Fächer: zuerst Medizin, im Jahr 2000 dann technische Chemie, 2003 Skandinavistik, 2005 Vergleichende Literaturwissenschaft und 2006 Fennistik. Und irgendwo dazwischen hat noch ein Semester Erdwissenschaft Platz. Im monochromen Unibetrieb, geteilt in Geistes- und Sozialwissenschaften, ist Weihs ein bunter Hund. „Mich hat einfach so viel interessiert“, sagt sie.
Das Skandinavistikstudium hat sie schon abgeschlossen, jetzt schreibt sie an den letzten Seiten ihrer Diplomarbeit in Vergleichender Literaturwissenschaft. Natürlich gab es Zeiten, in denen sich Weihs fragte, warum sie nicht einfach Chemie abgeschlossen hat. Sie könnte jetzt im Labor stehen und einen bombenfesten Job haben. „Zu mir hat einmal eine ältere Studienkollegin gesagt: ‚Wenn du etwas wirklich mit Herz und Seele machst, kriegst du auch einen Job‘“, erzählt sie. Irgendwie ging sich das tatsächlich aus, mittlerweile arbeitet sie als Lektorin in einem Verlag.
Chemie wäre der sichere, der unkompliziertere Weg gewesen. „Es geht mir trotzdem nicht ab“, erzählt Weihs, „wenn ich das schnurstracks studiert hätte, würde ich jetzt zwar viel von Chemie verstehen – aber wenig von der Welt.“ F
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