Reichtum verzerrt den Blick auf die Wirklichkeit. In einer repräsentativen Umfrage der Österreichischen Nationalbank sagten 120 von 2400 befragten „Haushaltsvorständen“, sie würden über ein Vermögen von einer Million Euro oder mehr verfügen. Das sind fünf Prozent.
Hochgerechnet auf Österreich bedeutet das, dass bei rund 190.000 heimischen Haushalten die Millionärsgrenze überschritten wird.
Auf die Frage, wie sie ihr Vermögen im Vergleich zu den übrigen Österreichern einschätzen, antworteten aber so gut wie alle Vertreter der Millionärshaushalte, sie seien gerade einmal „durchschnittlich reich“ oder knapp über dem Durchschnitt. Nur ein einziges Prozent von ihnen schätzte sich realistisch als Angehöriger der reichsten fünf Prozent des Landes ein.
In Österreich zählen sich nur die Allerwenigsten zu den Reichen und Reichsten. Die Verschwiegenheit und Verlogenheit im Umgang mit Geld reicht bis zum Selbstbetrug. Während etwa in den USA Angaben über Jahreseinkommen und Vermögen öffentlich sehr präsent sind, wird bei uns verschleiert und geschwiegen, gemauert und gelogen.
Umso bedeutsamer ist es, dass mit dem Österreichbericht des europaweiten „Household Finance and Consumption Survey“ (HFCS) erstmals Daten vorhanden sind, die eine Übersicht bieten über Sachvermögen, Finanzvermögen und Verschuldung der privaten Haushalte.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Ungleichheit bei Vermögen weit drastischer ist als bei den Arbeitseinkommen: „Ein Zehntel verfügt über weniger als rund 1000, aber ein Zehntel der Haushalte hat mehr als rund 542.000 Euro“ heißt es im von der Österreichischen Nationalbank herausgegebenen Bericht.
Während die Hälfte der Haushalte Österreichs mit durchschnittlich 18.000 Euro über gerade einmal vier Prozent des gesamten Vermögens verfügt und drei Viertel aller Haushalte weniger als 250.000 Euro besitzen, entfallen auf die obersten zehn Prozent mit gut 55 Prozent mehr als die Hälfte aller Güter und Gelder. Der Bericht konstatiert demnach auch „eine ausgeprägte Vermögensungleichheit“ in Österreich.
Die untere Hälfte Österreichs besitzt also praktisch nur ein Auto (oder seinen Gegenwert). Wenn noch eine Eigentumswohnung dazu kommt, drücken die darauf lastenden Schulden meist das Nettovermögen gegen null oder sogar ins Minus. Neun von zehn Familien aus den obersten zehn Prozent besitzen hingegen Immobilien, großteils auch solche, die sie nicht selbst bewohnen, dazu noch Unternehmensbeteiligungen und Wertpapiere.
Die Ungleichheit bei Besitz und Vermögen ist den Zahlen zufolge noch weit größer als die bei den Einkommen, aber auch dort sind die Differenzen schon beträchtlich. Auf der Schattenseite Österreichs steht vor allem das unterste Zehntel der Bevölkerung: Zwölf Prozent der Österreicher sind armutsgefährdet, und der Sozialbericht 2010 berechnete, dass ohne Sozialleistungen mit 24 Prozent schon ein Viertel aller Einwohner von Armut bedroht sind. Kinderreiche Familien und Alleinerzieherinnen sind ebenso besonders betroffen wie die „Working Poor“, deren Löhne erbärmlich gering sind.
Die breite Masse der Gehaltsempfänger gehört insgesamt zu den Verlierern der vergangenen Jahrzehnte. Ihr Anteil am Volkseinkommen ging von 72 Prozent in den 1970er-Jahren auf rund 63 Prozent zurück, die Reallöhne der Unselbstständigen stiegen weit langsamer als die Gewinne der Unternehmer.
Das zeigt auch der neue ÖNB-Bericht: Rund die Hälfte der Haushalte gab an, ein jährliches Einkommen von weniger als 30.000 Euro brutto zu haben, die obersten zehn Prozent verdienen mehr als 80.000 Euro.
Doch der Bericht der ÖNB macht deutlich: Noch wesentlicher für die Entwicklung der Ungleichheit ist, wer wie viel erbt. „Erben ist eine der wichtigsten Vermögensquellen“, schreiben die Autoren des HFCS-Berichts. Bereits die Haushalte, die ihren Hauptwohnsitz durch Erbschaft übernommen haben, gehören mit einem durchschnittlichen Vermögen von 280.000 Euro zum Viertel der reichsten Österreicher. Und die Steuern verschärfen das Ungleichgewicht noch einmal: Während die Arbeitseinkommen relativ stark besteuert sind, werden jährlich Werte von geschätzten 35 Milliarden steuerfrei vererbt. Wie sehr Erben die reichen Haushalte begünstigt, zeigt der Bericht der ÖNB: Vom reichsten Fünftel der Haushalte haben bereits 65 Prozent geerbt, und zwar im Median 237.000 Euro. Vom ärmsten Fünftel dagegen haben nur zehn Prozent geerbt, das Erbe fiel hier mit 14.000 Euro im Mittel eher karg aus.
Auch das Vermögen selbst und die Vermehrung von Veranlagungen und Unternehmensbeteiligungen sind mit einem starren Prozentsatz von 25 Prozent ohne Progression weit günstiger besteuert als die Lohneinkommen. Unternehmensbeteiligungen werden fast ausschließlich von den obersten fünf Prozent gehalten, Wertpapiere überwiegend vom obersten Viertel. Damit trägt die aktuelle Steuerpolitik massiv zur Verstärkung der Ungleichheit bei. Und bei den aktuellen Sparpaketen drohen wieder die sozial Schwachen zu Verlierern zu werden. Denn Steuern auf Vermögen und Erbschaften werden von der ÖVP abgelehnt. Sie würden den Mittelstand treffen, heißt es.
Dass dem nicht so ist, zeigen die Daten des ÖNB-Berichtes. Doch die Details dazu werden verschwiegen. Interne Auswertungen, die dem Falter vorliegen, zeigen, dass der offizielle Bericht offenbar mit dem Ziel redigiert wurde, in der aktuellen Debatte über Vermögens- und Erbschaftssteuern keine neuen Argumente zu liefern.
Der veröffentlichte Bericht sagt zwar nicht die Unwahrheit, verschweigt aber Wesentliches: Die obersten zehn Prozent, die laut Bericht „mehr als rund 542.000 EUR“ besitzen, haben nach Falter-Informationen in Wirklichkeit angegeben, über ein durchschnittliches Vermögen von 1,6 Millionen Euro zu verfügen. Die Hälfte der obersten zehn Prozent zählt sich zu den Besitzern von mindestens einer Million Euro.
Wenn die Hälfte der oberen zehn Prozent weniger als eine Million Euro ihr eigen nennt, die oberen zehn Prozent aber durchschnittlich 1,6 Millionen Euro besitzt, ergibt sich daraus ein klarer Schluss: Die reichsten fünf Prozent der Österreicher besitzen ein besonders großes Stück des Vermögenskuchens.
Diese Gruppe verfügt nach Falter-Information mit Sicherheit über mehr als 2,5 Millionen Euro, und das reichste oberste Prozent bringt es noch einmal auf ein Vielfaches davon. Alleine die 50 reichsten Familien werden auf ein Vermögen von 105 Milliarden Euro (und damit auf zehn Prozent des Gesamtvermögens) geschätzt.
Ewald Nowotny, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, will nicht wirklich erklären, warum die Daten über die reichsten zehn Prozent und die wichtigen Details der Verteilung innerhalb dieser Gruppe der Öffentlichkeit vorenthalten wurden: „Ich bin schon in Tokio zur IMF-Tagung, kann Ihnen daher leider nicht weiterhelfen“, teilte er auf die Frage mit, warum die Informationen nicht veröffentlicht wurden, „da unsere Studie Teil eines Projekts der Europäischen Zentralbank (EZB) ist, nehme ich an, dass die Methodologie von der EZB vorgegeben wurde“.
Was auch wieder stimmt, aber nicht der ganzen Wahrheit entspricht: Die EZB hat zwar einheitliche Standards vorgegeben, aber keineswegs die Weglassung der Topreichen empfohlen.
Freilich: Auch die bislang unveröffentlichten Zahlen bilden die Wirklichkeit nur unzureichend ab. Zu Stiftungsvermögen, zu Unternehmensbeteiligungen und auch zu Teilbereichen des Finanzvermögens fehlen bislang überhaupt statistische Informationen, ohne die eine vollständige Erfassung der Vermögensverteilung nicht möglich ist.
Die gesellschaftskritische NGO Attac fühlt sich wegen solcher Mankos im Bericht in ihrer Kritik an der neoliberalen Politik der vergangenen Jahre bestätigt. Attac-Sprecherin Karin Küblböck begrüßt zwar, dass der Nationalbank-Bericht erstmals grobe Relationen der Vermögensungleichverteilung aufzeigt. Allerdings ortet sie einen erheblichen Mangel: Die Verteilung beim obersten Prozent der Topreichen bleibe unbekannt. „Dabei zeigen etwa Zahlen aus den USA, wie stark genau das oberste Prozent in den letzten Jahren von der neoliberalen Politik profitiert hat.“ Allein in den sechs Jahren vor der Finanzkrise wurden laut Attac zwei Drittel der Einkommenszuwächse in den USA in die Taschen des reichsten Prozents gewirtschaftet – und dementsprechend stark wuchsen alleine in diesem Zeitraum auch die Vermögen der Superreichen.
Zahlen aus Deutschland zeigen einen ähnlichen Trend. Das geht aus dem Entwurf für den vierten Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung hervor, aus dem die Süddeutsche Zeitung zitierte.
Das private Nettovermögen der Deutschen hat sich zwischen 2007 und 2012 um 1,4 Billionen Euro erhöht. Hinter diesen Zahlen steckt „eine sehr ungleiche Verteilung der Privatvermögen“, heißt es in dem deutschen Bericht. Der Anteil des obersten Zehntels in Deutschland ist demnach „im Zeitverlauf immer weiter gestiegen“. 1998 betrug dieser noch 45 Prozent, 2008 waren in den Händen der zehn Prozent der reichsten Haushalte bereits mehr als 53 Prozent des Nettovermögens vereinigt.
In Österreich fehlen über die Entwicklung der Vermögensverteilung in den vergangenen Jahren die Daten. Allerdings hat das Sozialministerium bereits 2004 im Sozialbericht veröffentlicht, dass die Topreichen, die insgesamt ungefähr ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, über zehn Prozent des Geldvermögens, 15 Prozent der Immobilien und 91 Prozent des unternehmensbezogenen Vermögens verfügen. Doch die aktuellen Daten werden von der Nationalbank verschwiegen.
Und dass die nun vorliegenden Zahlen der Nationalbank ausgerechnet die Reichsten weniger reich darstellen als sie es tatsächlich sind, ist den Studienautoren durchaus bewusst.
„Sowohl die Vermögenskonzentration als auch die Anzahl von Antwortverweigerungen sind hoch“, schreiben die Autoren rund um Martin Schürz von der Nationalbank im Bericht. Weiter heißt es: Die empirische Evidenz belege, dass vermögensreiche Personen in geringerem Ausmaß bereit sind, Vermögensfragen zu beantworten. Gerade bei jenen Haushaltsgruppen, deren Angaben aufgrund der zu erwartenden Vermögenskonzentration besonders wichtig wären, sei der Anteil der fehlenden Angaben besonders hoch.
Weil also vor allem die Topreichen bei Befragungen nicht die Wahrheit sagen, sind gerade die Angaben über die sehr hohen Vermögen deutlich untertrieben, ihr Reichtum dürfte in Wirklichkeit noch wesentlich höher sein als von ihnen angegeben. So gesehen macht es vielleicht keinen Unterschied, dass unter den Befragten kein einziger Milliardär war.
In den USA werden die methodischen Schwächen durch eine zusätzliche Stichprobe unter dem reichsten Prozent zumindest teilweise behoben. Die Nationalbanken in Deutschland und Spanien haben diese Methode übernommen und werden Anfang nächsten Jahres exaktere Zahlen über ihre Reichsten vorlegen.
In Österreich wurde eine solche Sonderstichprobe gar nicht erst in Angriff genommen. F


