Mit „Retromania“ hat der englische Musikjournalist und Buchautor Simon Reynolds das wichtigste Musikbuch der letzten Jahre geschrieben. Es ist nicht nur eine detaillierte Geschichte der alles zudeckenden Retrowelle im Pop, sondern auch eine profunde Studie über den Wert künstlerischer Eigenständigkeit und der Innovation im digitalen Zeitalter. Ein Jahr nach dem englischsprachigen Original erscheint nun die deutsche Übersetzung des lesenswerten Wälzers. Vor seinem Leseauftritt in Österreich (siehe Marginalspalte Seite 26) gab Reynolds dem Falter ein ausführliches E-Mail-Interview.
Falter: Sie sind in einer Zeit musikalisch sozialisiert worden, in der es im Pop um radikale Gegenwärtigkeit und um Zukunftsentwürfe ging. Wann begann sich das zu ändern?
Simon Reynolds: Die erste Retro-Welle kam um 1983, als die Energie des Postpunk verbraucht war und die meisten Bands sich auf der Suche nach Inspiration den 1960er-Jahren zuwandten. In der Folge gab es einen beständigen Wechsel zwischen rückwärtsgewandten Tendenzen und fortschrittlichen Bestrebungen. Mit Letzterem meine ich Bands, die Rock verdichten oder neu erfinden wollten, etwa Sonic Youth und My Bloody Valentine oder solche wie die Happy Mondays, die sich von Dance-Music inspirieren ließen.
Aber so richtig fuhr der Retro-Zug erst in den Nullerjahren los?
Reynolds: Ja, da kippte Pop in eine Retro-Veranstaltung. Man konnte wohl immer noch innovative Figuren im Rock finden– darunter Stars wie Radiohead oder obskure Namen wie Micachu and the Shapes –, aber man musste schon sehr genau hinsehen. Die überwältigende Mehrzahl von Bands im Underground oder Alternative Rock kümmerten sich um irgendein Revival. Zur gleichen Zeit verlangsamte sich die Entwicklung der elektronischen Musik merklich. Und im Hip-Hop kam der Vorwärtsdrang vollends zum Stillstand.
Der einzige neue Stil, den die Nullerjahre hervorgebracht haben, war Dubstep.
Reynolds: In der Zeit, als das Buch entstand, habe ich Dubstep etwas unterschätzt. Ich hielt das damals für eine Erneuerung und Erweiterung von Jungle und UK Garage, also 90er-Musik. Aber wenn es so etwas wie den „Sound of Now“ überhaupt noch gibt, dann ist das im Moment Dubstep. Durch Leute wie Skrillex, die mit kreischenden, auf barocke Art verzerrten Basslines arbeiten, hat sich der Dubstep in den letzten ein, zwei Jahren total verändert, und die Popularität ist extrem gestiegen. Wenn man mit etwas Abstand auf die Nullerjahre zurückblicken wird, werden sich die Leute wohl an Dubstep als prägenden neuen Sound erinnern. Die Tatsache, dass er sich mit Verspätung doch noch breiter durchgesetzt hat, zeigt mir, dass unter jungen Menschen noch ein Appetit auf einen Sound vorhanden ist, den sie als ihren eigenen betrachten können und der eine Zeit definiert. Man könnte freilich auch sagen, dass Genres wie Chillwave oder Hypnagogic Pop die heutige Zeit definieren, weil sie so elegisch und nostalgisch sind – das musikalische Gegenstück zu Instagram und Hipstamatic (Foto-Apps für Smartphones, die einen nostalgischen Retro-Effekt produzieren, Red.).
Und der tatsächliche Mainstream-Pop in den Hitparaden?
Reynolds: Der ist nicht neu. In Stücken von Rihanna und Nicki Minaj kann man die Klangfülle von Hardcore-Rave hören, wie er in Belgien um 1991 produziert wurde. Das ist einerseits aufregend, weil es sich anfühlt, als hätte Amerika in der Hinsicht endlich mit Europa gleichgezogen. Andererseits hört es sich schauerlich an, wenn man diese Sounds damals als Raver aktiv gelebt hat.
Wenn man heute auf die Nullerjahre zurückschaut, ist kaum etwas hängengeblieben. Man kann sich schwer vorstellen, dass Retro-Rockbands wie The Hives ihrerseits neue Bands beeinflussen.
Reynolds: Das ist das größte Problem, das Pop hat: Man kann ein Revival nicht wieder aufleben lassen. Es braucht dazu etwas, das ursprünglich einmal lebendig war.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Pop sich in ein Museum verwandelt hat. Wie kriegt man Pop wieder raus aus dem Museum?
Reynolds: Keine Ahnung. Eines der Ziele, das ich mit meinem Buch verfolgte, war es, den Samen der Unzufriedenheit auszustreuen. Die Menschen sollen wieder anfangen, sich nach etwas Neuem zu sehnen, so wie ich es tue. Tatsächlich haben mir einige Bands geschrieben, dass sie mein Buch inspiriert hat, ihren Retrosound letztlich aufzugeben. Da habe ich mich zwar ein bisschen schuldig gefühlt, aber vielleicht ist es letztlich gut für diese Bands und auch für uns Hörer.
Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass viele gern ins Museum gehen – und Rockmusik inzwischen das Alter hat, um dort ausgestellt zu werden.
Reynolds: Klar, das passiert jeder Kunstform, wenn sie älter wird: Sie sammelt ein riesiges Archiv an vergangenen Errungenschaften an. Auch für neue Talente ist es verlockend zurückzublicken, weil der einzige Weg nach vorne darin besteht, die Musik abstrakter, schwieriger oder hässlicher zu gestalten. Wenn man aber Musik machen möchte, die angenehm zu hören ist, liegt es nahe, auf bewährte Muster zurückzugreifen.
Im Rückblick wird alles zu einem hübschen Narrativ brav aufeinanderfolgender Genres und Trends glattgebügelt.
Reynolds: Das scheint mir ein unvermeidliches Nebenprodukt der Archivierung von Pop zu sein: Der Kontext wird abgenagt. Auf eklektischen Oldie-Sendern, die vor allem die 1970er, 1980er und 1990er spielen, verschwinden die Unterschiede zwischen den Genres und Ären, die einst so wichtig waren: Man groovt zu ZZ Top und den Cars, als wären diese Bands miteinander verwandt. Die Unterschiede fallen mit der Zeit weg, und man erkennt Ähnlichkeiten zwischen Dingen. Die Nähe von Heavy Metal und Punk ist dafür ein gutes Beispiel.
Brauchen wir neue Begriffe, um über Musik zu schreiben? Wörter wie „neu“ oder „originär“ wirken im Popkontext heute fast deplatziert.
Reynolds: Viele Leute erzählen einem, dass „neu“ oder „Innovation“ heute obsolete Konzepte sind und dass sie immer schon Mythen waren. Ich habe der deutschen Übersetzung von „Retromania“ ein neues Kapitel hinzugefügt, in dem ich gegen diesen Standpunkt argumentiere. Deswegen ist es wichtig, mit der gängigen Art der Kritik zu brechen: Meist werden ausgiebig Einflüsse und Referenzen analysiert. Das lässt sich zwar nicht vermeiden, aber viele Kritiker tun das nur, um nicht darüber sprechen zu müssen, was ein neuer Künstler anders macht. Man darf sich nicht damit begnügen, eine junge Band mit Velvet Underground, Neu! oder Gang of Four zu vergleichen, sondern muss auch zeigen, wo sie sich von diesen Bands abhebt und etwas Neues versucht.
Als Ihre Lieblingskünstler der letzten Jahre nennen Sie den wandelnden Rock-Zitatenschatz Ariel Pink und den Rapper, Musiker und Yogalehrer Gonjasufi. Was machen die richtig?
Reynolds: An Ariel Pink gefällt mir der Sound. Diese absichtlich schlampige Lo-Fi-Darbietung hatte eine besondere Schönheit oder besser: Sie wies auf eine Schönheit hin, die sie nie ganz erreichte. Bei Ariel Pink erkennt man bei aller Stilisierung auch echtes Gefühl. Und ich mag seinen Nihilismus.
Was kann Sie ganz aktuell begeistern?
Reynolds: Ich muss gestehen, dass ich ein ziemlicher Skrillex-Fan geworden bin, nachdem ich seine Liveshow mit den spektakulären Visuals gesehen habe. Musikalisch folgt er einer einfachen Formel: Er baut mächtig Druck auf, lässt dann plötzlich die Luft raus und haut eine verrückte Bassline rein. Ich weiß nicht, ob seine Musik viel bedeutet, aber ich schätze deren „Jetzigkeit“. Ähnliches, nur viel einfallsreicher, höre ich bei Rustie. Ich nenne das digitalen Maximalismus. Es ist wie Progressive Rock, dargeboten mit der Euphorie von Daft Punk. Daft Punk haben sich als die Beatles unserer Zeit erwiesen – wenn sie bloß so viele großartige Alben wie die Beatles veröffentlicht hätten.
Sie schreiben, dass die Nullerjahre nicht von einem bestimmten Sound, sondern von einer Technologie, dem iPod, bestimmt waren. Hat der technologische Fortschritt den musikalischen gestoppt?
Reynolds: Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde. Digitale Technologie hat sowohl die Produktion von Musik als auch die Art verändert, wie wir Musik hören. Sie hat allerdings nicht dazu geführt, dass Künstler radikale neue Musik erdacht hätten. Stattdessen hat sich der Komfort für Musikhörer erhöht. Klangliche Innovationen des digitalen Zeitalters fallen mir nur zwei ein: die Basslines im Dubstep und diese Vokalwissenschaft namens Auto-Tune, die man vom Underground bis zu Leuten wie Ke$ha und den Black Eyed Peas findet. Die Menschen haben sich in den letzten Jahren daran gewöhnt, unnatürliche Stimmen zu hören. Meine Kinder mögen keine Musik, die ohne AutoTune auskommt. Wenn wir im Auto Radio hören, sagen sie: „Papa, schalt auf Auto-Tune!“
Wie haben Internet und iPod Ihre eigenen Hörgewohnheiten verändert?
Reynolds: Ich fürchte großteils zum Schlechten. Ich lasse mich viel leichter ablenken als früher. Das Internet nagt an meiner Neugierde, weil neue Dinge jetzt so leicht zu finden sind: Man geht einfach auf Youtube oder besucht ein Blog. Ich finde es kontraproduktiv, über einen Computer, ein Tablet oder ein Telefon Musik zu hören, weil diese Maschinen nicht nur Musik abspielen. Im Endeffekt liest man am Schirm irgendetwas, während man einen Song anhört – und sich gleichzeitig schon den nächsten runterlädt. Man muss schon sehr bewusst daran arbeiten, um sich heute in Ruhe eine Platte anhören zu können.
Andererseits ist durchs Internet und Seiten wie discogs.com Plattensammeln sehr hip geworden. Sie sind ja auch ein großer Sammler, wie Sie im Buch schreiben.
Reynolds: Ein Spätberufener. In den 1990ern war ich als aktiver Raver viel im Nachtleben unterwegs, Ende der 1990er begann ich mir systematisch meine Lieblingsplatten aus der Zeit nachzukaufen. Irgendwann stand ich mit Hunderten von frühen Hardcore-Rave- und Gabber-Platten da, von denen ich wusste, dass ich sie mir höchstens einmal anhören würde. Da ging mir auf, dass ich ein Problem hatte. Trotzdem habe ich weitergesammelt.
Am Ende von „Retromania“ bekennen Sie, an eine Zukunft der Popmusik zu glauben. Das hört sich ein bisschen nach Zweckoptimismus an.
Reynolds: Das ist ein Beispiel dafür, was Antonio Gramsci „Optimismus des Willens“ nennt. Der positive Ton gegen Ende wirkt auch auf mich ein wenig gekünstelt, aber ich konnte nicht mit einem Horrorszenario aufhören. Und es gibt schon ein paar innovative, frische Sachen gerade. Das Problem ist, dass sie von unbekannten Künstlern kommen, während früher die Innovatoren zu den populärsten Figuren gehörten, wenn man an die Beatles, Jimi Hendrix, Giorgio Moroder oder Human League denkt.
Könnte es nicht auch einfach sein,
dass in der Popmusik alles schon gesagt wurde?
Reynolds: Das ist natürlich möglich. Es passiert auf den meisten Gebieten – in der Klassik oder im Jazz. Aber es besteht auch Hoffnung. Ich habe neulich in ein paar alten Bildbänden geblättert, deren Autoren auch dachten, dass der herrschende Zeitgeist ewig weitergehen würde. Damals ging man davon aus, dass Figuren wie Mike Oldfield den Rock in eine Art klassische Instrumentalmusik für den täglichen Gebrauch verwandeln würden. Das ist nicht eingetroffen. Stattdessen kamen Punk und New Wave, Disco, Synthiepop und Hip-Hop. Die Gegenwart entspricht jedenfalls überhaupt nicht dem, wie wir uns die Zukunft in unserer Jugend ausgemalt haben. F


