“Ob es reicht, werden wir sehen”

Können wir das schaffen? Teamchef Marcel Koller soll Österreich endlich wieder zu einer WM führen

Seit November 2011 ist der Schweizer Marcel Koller, 52, Teamchef des Fußballnationalteams. Von ihm wird erwartet, dass sich die ÖFB-Auswahl erstmals seit der WM 1998 in Frankreich für die Endrunde eines Nationenturniers qualifiziert. Die Teilnahme an der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz erfolgte ja dank der Gastgeberrolle.

Die Qualifikationsbilanz für die im Sommer abgelaufene EM war traurig: Kollers Vorgänger Dietmar Constantini führte das Team auf den vierten Platz (12 Punkte) – hinter Deutschland (30), der Türkei (17) und Belgien (15), immerhin noch vor Aserbaidschan (7) und Kasachstan (4).

Letzteres gehört auch in der aktuellen WM-Qualifikation zu Österreichs Gruppengegnern. Das Auswärtsspiel findet am 12. Oktober in Astana statt, vier Tage später folgt das Heimspiel im Ernst-Happel-Stadion. Will Österreich eine realistische Chance auf die Qualifikation wahren, müssen beide Matches gegen Kasachstan gewonnen werden. Unter Marcel Koller scheint die Mannschaft ein wenig kampfkräftiger und stabiler geworden zu sein. Im ersten Bewerbsspiel seiner Amtszeit, dem 1:2 gegen Deutschland, wurde allerdings eine alte Platte aufgelegt: „Gut gespielt, knapp verloren.“

Falter: Eröffnen wir das Spiel mit einer Frage, die Sie sofort in die Defensive drängt: Warum hat gegen Deutschland Emanuel Pogatetz in der Innenverteidigung gespielt und nicht Aleksandar Dragovic, der viel besser kicken kann?

Marcel Koller: Das sagen Sie. Ich will als Innenverteidiger zwei größere Spieler haben, die das Zentrum auch bei Kopfbällen zusammenhalten können. Aber grundsätzlich könnten auch Dragovic oder Franz Schiemer spielen.

Stimmen Sie zu, dass das ÖFB-Team immer noch Schwierigkeiten damit hat, mit spielerischen Zügen aus der Verteidigung herauszukommen?

Koller: Wir müssen schon auch bedenken, dass wir das Jahr auf Rang 73 der Fifa-Weltrangliste begonnen haben. Deutschland ist die Nummer zwei, und ich finde, wir haben unser Konzept schon ganz gut umgesetzt. Aber natürlich ist noch Potenzial nach oben vorhanden. Die Schwierigkeit für einen Teamchef ist, dass er zu wenig Zeit hat, um Spielzüge einzuüben. Wenn du nur drei, vier Tage zusammen bist, erzielst du keine Nachhaltigkeit.

Sie haben eine Nationalmannschaft übernommen, die viel besser ist als die
Ihrer Vorgänger. Das zeigt sich schon
an der Zahl und Qualität der Legionäre. Heißt das, die Chancen auf die WM-Qualifikation sind so gut wie schon lange nicht?

Koller: Na gut, wenn man viele Legionäre hat, heißt das noch lange nicht, dass das Team besser ist. Wenn die alle in Österreich wären und gut spielten, wäre das auch in Ordnung.

Aber es ist doch ein Unterschied, ob die Spieler in Deutschland bei Bremen, Schalke und Stuttgart spielen oder in Österreich bei Austria, Rapid oder Salzburg!

Koller: Ja, klar. In der deutschen Bundesliga gibt es schon eine andere Intensität und mehr Leistungsdruck. Wenn du in Deutschland spielen willst, musst du dich durchsetzen, das hat der eine oder andere auch gemacht – einige allerdings auch erst vor einem Jahr. Da du beim Nationalteam aber erst einmal eine Mannschaft zusammenbauen musst und man nicht jeden Tag mit den Spielern arbeiten kann, dauert alles ein bisschen länger.

Bei der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz hat man gesagt, das Turnier kommt für die Mannschaft zu früh. Sind die Spieler jetzt reif?

Koller: Ob es jetzt reicht, werden wir sehen. Die Qualifikationsgruppe ist schwer, es ist die einzige Gruppe mit drei Teilnehmern der Euro 2012 – Deutschland, Irland, Schweden.

Ziel ist der zweite Platz. Wenn das realistisch bleiben soll, muss die Mannschaft die nächsten beiden Spiele gegen Kasachstan gewinnen – oder?

Koller: Wir streben das an. Wenn wir die Leistung vom Spiel gegen Deutschland abrufen, haben wir gute Chancen, gegen Kasachstan zu gewinnen. Wenn die Spieler im Teamhotel ankommen, werden wir genau aufpassen müssen: Sind sie fokussiert oder sind sie vielleicht ein bisschen überheblich, weil sie denken, Kasachstan putzen wir weg. Wenn sie überheblich sind, müssen wir sofort eingreifen. Denn sobald das Spiel losgeht, ist es zu spät.

Ist es vielleicht sogar schwieriger, die Spieler auf einen schwächeren Gegner wie Kasachstan einzustellen als gegen Deutschland?

Koller: Es stimmt schon: Niemand hat von uns verlangt, dass wir 3:0 gegen Deutschland spielen. Und im Fall von Kasachstan wird vielleicht der eine oder andere der Meinung sein, dass wir locker gewinnen. Dann muss ich ihm aber leider mitteilen, dass er keine Ahnung vom Fußball hat. Die Spiele Kasachstans gegen Irland und Schweden waren sehr eng. Das wird kein Selbstläufer, auch wenn wir derzeit 59. der Weltrangliste sind und Kasachstan nur Nummer 147.

Sie erinnern sich sicher an die Riesenchance, die Marko Arnautovic am Ende des Spiels gegen Deutschland verhaut hat. Ist so etwas nur Pech?

Koller: Nein, da fehlt es auch an Spannung. Ich hab mir die Szene kürzlich noch einmal angesehen: Der deutsche Verteidiger stand vor Arnautovic, der Ball ist aufgesprungen. Trotzdem: Aus meiner Erfahrung kommt es in solchen Momenten auf die letzte Konsequenz an. Alle hatten den Mund offen und wollten schon jubeln – da geht es für den Spieler darum, so konzentriert zu bleiben, dass er den Ball reinhaut. Das sind Nuancen! Öfter nimmt man im Unterbewusstsein ein wenig Spannung weg, weil das Tor leer ist – und schon trifft man den Pfosten oder den Verteidiger oder schießt daneben. Daran kann man arbeiten.

Die Zukunft liegt immer im Dunkeln, aber wie sieht denn Ihr Masterplan für die Qualifikation aus?

Koller: Hochrechnungen bringen nichts, ich schaue immer von Spiel zu Spiel.

Was ist Ihr Eindruck: Neigt die Mannschaft zu Stimmungsschwankungen?

Koller: Ich denke nicht, aber bis vor dem Deutschland-Spiel waren alles Freundschaftsspiele. Wenn du da eine auf den Deckel kriegst, ist das auch bitter, aber ein Qualifikationsspiel ist etwas anderes. Wir wissen, was sie können. Und seit wir da sind, gab es fast in jedem Spiel eine Steigerung.

Zuletzt haben Sie fast nur noch Legionäre einberufen. Hat es überhaupt noch einen Sinn, dass Sie sich heimische Ligaspiele anschauen?

Koller: Aber ja. Wenn Spieler verletzt oder gesperrt sind, brauchst du Ersatz – und dann musst du informiert sein. Wir haben im Kader auch keine große Fluktuation, wir berufen nicht zu jedem Match zehn Neue ein, um sie zu testen. Wir beobachten und holen die Bestmöglichen. Sonst kannst du jedes Mal von vorne beginnen.

Die Bundesliga ist inzwischen eine Ausbildungsliga: Die besten Jungen werden wegengagiert, die Zweitbesten bleiben. Nur Red Bull Salzburg fährt eine andere Linie und kauft selber ein. Ist Salzburg gut oder schlecht für den österreichischen Fußball?

Koller: Ich denke, es ist gut. Noch besser wäre natürlich, wenn sie international dabei wären. Wenn sie in die Champions League kämen, ergäbe das eine ganz andere Außendarstellung. Das war schließlich auch bei Basel möglich.

Aber das Niveau der Baseler Mannschaft ist viel besser als das der Salzburger.

Koller: Der Etat von Basel ist wahrscheinlich ähnlich wie der von Salzburg. Außerdem ist das schwer zu vergleichen.

Die Schweizer Nationalmannschaft ist seit einiger Zeit besser als die österreichische – nicht zuletzt deshalb, weil der Schweizer Verband zentral plant, alle Nachwuchsauswahlen spielen nach demselben System. Kümmern Sie sich beim ÖFB jetzt auch um die Nachwuchsteams?

Koller: In der Schweiz war es tatsächlich entscheidend, dass man eine einheitliche Spielphilosophie für alle Auswahlmannschaften konsequent durchgezogen hat. Das versuchen wir, mit dem ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, auch hier einzuführen. Ich habe schon mit einigen ÖFB-Trainern gesprochen, wie Philosophie, Taktik und so weiter aussehen sollen. Wir brauchen dafür allerdings noch ein wenig Zeit.

Sie wissen aber schon, dass Sie die letzte Hoffnung des ÖFB sind, eine Qualifikation zu schaffen?

Koller: Das war jeder meiner Vorgänger wahrscheinlich auch schon (lacht). Dann ist ein Neuer gekommen, und es ist wieder von vorne losgegangen. Das ist überall so.

Aber für Sie als Nichtösterreicher, der am Beginn von der heimischen Trainergilde angefremdelt wurde und eine Mannschaft hat, die besser ist als die Teams in den vergangenen Jahren, spitzt sich das ein bisschen zu.

Koller: (Lacht.) Warten wir einmal ab!

Der einzige Medienaufreger Ihrer Amtszeit war bisher die Affäre um Paul Scharner, der in einem News-Interview seinen Rücktritt vom Team bekanntgegeben hat. Wie sehen Sie das heute, aus gelassener Distanz?

Koller: Ich habe das auch damals gelassen gesehen. Und ich würde das jedes Mal wieder so tun. Scharner hat mir einen Brief geschrieben und einen Platz auf dem Rasen verlangt. Andernfalls werde er das öffentlich machen. Dann habe ich ihm gesagt, wenn er das tut, kann er seine Koffer packen. Er hat ein paar Stunden überlegt und hat dann gesagt, er zieht das durch. Wir haben uns verabschiedet, und das war’s.

Scharner ist, zugegeben, ein besonderer Fall. Aber geht so einem Disput nicht auch ein gewisses pädagogisches Versagen voraus? Gab es vorher einen Zwischenfall?

Koller: Nein. Wir hatten einen zehntägigen Lehrgang in Innsbruck. Da war alles gut. Beim Kurzlehrgang vor dem Spiel gegen die Türkei haben wir dann ein paar Mal in der Formation trainiert, in der wir gegen die Türkei spielen wollten. Nach zwei Tagen ist Scharner zu mir gekommen und hat gefragt, was er falsch gemacht hat – weil es so aussieht, als ob er nicht spielen würde. Ich sagte: Nein, du hast nichts falsch gemacht, ich will bloß eine andere Variante ausprobieren. Darauf hat er gesagt, für ihn ist die Testphase abgeschlossen. Ich antwortete, dass ich entscheide, wann die Testphase abgeschlossen ist. Das war’s.

Wird der Umgang mit den Spielern generell schwieriger, seit so viel Geld und Medienaufmerksamkeit im Spiel ist?

Koller: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Du hast in jeder Mannschaft zwei, drei drinnen, die anders sind. Und das ist gut so! Wären es allerdings sieben, wäre das schwierig.

Haben Sie eine psychologische Schulung genossen?

Koller: Nein, aber ich habe mich immer für diese Dinge interessiert.

Franz Schiemer hat einen Teamlehrgang wegen seiner Hochzeit abgesagt, warum ist er wieder im Kader?

Koller: Gegen die Türkei war er nicht dabei. Ich habe ihm gesagt, du musst dich wieder in die Mannschaft spielen. Wenn Scharner da wäre, hätte Schiemer vielleicht länger gebraucht, um wieder in den Kader zu kommen.

Die Mannschaft ist insgesamt ja ganz gut aufgestellt. Aber sie hat keinen guten Tormann und keinen guten Mittelstürmer.

Koller: Das sehe ich anders. Wir haben die Besten im Kader. Darüber hinaus kann ich keinen schnitzen oder herzaubern. Falls Sie einen Österreicher in Kolumbien kennen, der 40 Tore geschossen hat, fliege ich sofort hin. Marc Janko schießt Tore, auch in internationalen Ligen. Er war verletzt, das ist für uns nicht optimal.

Wie hoch ist der Anteil des Trainers am Erfolg?

Koller: Als ich noch Spieler bei Grasshoppers Zürich war, wurden wir drei Mal hintereinander Meister. Da hatte man den Eindruck, es geht von allein. Heute bin ich Trainer und weiß: Ohne Trainer geht es nicht. Speziell wichtig ist er natürlich, wenn es nicht läuft.

Als Schweizer haben Sie auch eine Affinität zum Wintersport. Warum gibt es beim Skifahren eigentlich, anders als im Fußball, keine Spitzensportler mit migrantischem Hintergrund?

Koller: Da muss ich überlegen. (Denkt lange nach.) Ich weiß es auch nicht. Vielleicht, weil Fußballer eher aus südlichen Ländern kommen? Oder weil Fußballspielen billiger ist als Skifahren? Aber vielleicht ist es einfach noch 20, 30 Jahre zu früh.

Als Ernst Happel 1992 österreichischer Teamchef wurde, hat man ihn gefragt: Sie wissen schon, dass jeder von Ihnen erwartet, dass wir uns für die WM qualifizieren? Er sagte trocken: „Wer’ ma uns halt qualifizieren.“

Koller: Und, hat er sich qualifiziert?

Nein. F

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