Für ihre Inszenierung „Assassinate Assange“ hat sich die Regisseurin Angela Richter die Nächte mit einem Mann um die Ohren geschlagen, der zu den meistbewunderten und meistgehassten Persönlichkeiten der Welt gehört. Der australische Webaktivist Julian Assange, der auf seiner Plattform Wikileaks brisante Dokumente und Bilder veröffentlicht, soll 2010 in Schweden zwei Frauen sexuell genötigt haben.
Dem Haftbefehl entzog sich Assange im Juni 2012, indem er in der ecuadorianischen Botschaft von London um politisches Asyl ansuchte. Richter traf sich in den vergangenen Monaten mehrmals mit Assange, die stundenlangen Gespräche bildeten die Grundlage für ihr Stück, das Ende September in Hamburg Premiere hatte und nun in Wien zu sehen ist.
Falter: Das erste Treffen mit Julian Assange haben Sie bei Ebay ersteigert. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?
Angela Richter: Ich hatte vorher schon auf verschiedenen Wegen versucht, Kontakt zu ihm herzustellen, das hat aber nicht geklappt. Und dann hat mich ein Dramaturg darauf aufmerksam gemacht, dass es da diese Ebay-Aktion gibt. Um Geld für Wikileaks zu beschaffen, wurde ein Mittagessen in London versteigert, inklusive eines Tickets für einen Auftritt Assanges mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek am selben Tag.
Wie viel haben Sie bezahlt?
Richter: Ich hatte noch Glück, ich hab den Zuschlag nämlich erst in der zweiten Runde bekommen. Die erste Versteigerung hatte ich verpennt, und bei der zweiten, eine Woche später, habe ich dann für 1600 Euro einen Platz ersteigert. In der ersten Runde hat er 4000 Pfund gekostet!
Wann und wo fand das Essen statt?
Richter: Das war im Juli 2011 in einem Hotel in East London. Damals war Assange noch halb auf freiem Fuß, mit Fußfessel.
Wie war die Atmosphäre? Muss man sich das wie ein „Meet & Greet“ mit einem Popstar vorstellen?
Richter: Es war schon seltsam. Man kommt da hin, und alle wissen, man hat sich das gekauft. Ich war die Einzige, die da mit einer klaren Absicht hingegangen ist. Die anderen waren Fans, die Wikileaks unterstützen wollten.
Wie viele waren Sie denn?
Richter: Acht. Lustigerweise war auch eine serbische Wienerin dabei – es waren also drei Ex-Jugos am Tisch: Slavoj Žižek, die Dame aus Wien und ich (Richter ist Kroatin, Red.). Zwei waren aus Berlin, ein Belgier war da, eine Amerikanerin und eine Israelin. So saßen wir halt da und haben versucht, Konversation zu machen. Nach einer Weile ist das dann auch ganz gut gelungen. Wobei Žižek die Stimmung extrem aufgelockert hat. Das ist ein Typ, der keinerlei Peinlichkeitspausen zulässt, er hat das Gespräch immer wieder in Gang gebracht.
Und bei dem Essen haben Sie Assange auf Ihr Projekt angesprochen?
Richter: Genau. Wobei das Stück zu dem Zeitpunkt noch nicht so explizit von ihm handeln sollte, sondern generell von Hackern und dieser ganzen Bewegung im Internet.
Wie aktiv sind Sie denn im Netz? Sind Sie beispielsweise auf Facebook?
Richter: Nein, dafür hätte ich auch gar keine Zeit. Assange hat mir davon auch dringend abgeraten. Auf Twitter bin ich, zur Informationsbeschaffung. Fast alle Kontakte zu Hackern habe ich über Twitter bekommen. Wobei das Meiste, was ich recherchiert habe, gar nicht in das Stück eingeflossen ist, das sonst auch 30 Stunden dauern würde. Im Grunde ist „Assassinate Assange“ jetzt der Pilot für eine Serie, die ich inzwischen plane.
Welche Teile des Materials haben Sie verwendet?
Richter: Das Stück ist relativ stark auf Assange konzentriert. Die meisten Texte sind aus den Gesprächen mit ihm. Ich habe ungefähr 300 Seiten Gespräche transkribiert – wobei die letzten, entscheidenden Treffen in der Botschaft erst zwei, drei Wochen vor der Premiere stattfanden. Wir hatten also extrem wenig Zeit, und ich habe erst mal das Material genommen, von dem ich dachte, dass es im Moment das wichtigste ist.
Wie viele Stunden haben Sie insgesamt mit Assange gesprochen?
Richter: Das weiß ich nicht genau, aber ich war insgesamt acht Mal in der Botschaft, und die Sitzungen haben mindestens fünf Stunden gedauert, oft ging das von neun Uhr abends bis acht Uhr morgens.
Was redet man da die ganze Zeit?
Richter: Na ja, Assange ist schon eine sehr komplexe Persönlichkeit. Ich hatte 150 Fragen vorbereitet, die haben wir abgearbeitet. Aber erstens haben wir uns natürlich immer wieder verquatscht, und zweitens sind seine Antworten immer waaahnsinnig lang. Der denkt sehr flächig, macht erst mal so eine riesige Runde um das ganze Thema herum, um dann endlich auf den Punkt zu kommen, den man eigentlich wissen wollte.
Irgendwann kommt er auf den Punkt?
Richter: Ja, aber es ist für ihn tatsächlich schwierig, überhaupt mit der Welt zu kommunizieren. Wenn man ihn näher kennenlernt, merkt man, dass der einfach anders tickt, als das normalerweise sozial verträglich ist. Das ist keiner, der sich in Bonmots ausdrückt.
Gab es Tabus bei den Gesprächen, etwa die Vergewaltigungsvorwürfe aus Schweden?
Richter: Nein, überhaupt nicht. Über Schweden wollte er zuerst zwar nicht so gerne reden, aber in den letzten zwei Sitzungen haben wir auch darüber sehr genau gesprochen. Ich kenne jetzt seine komplette Haltung dazu. Ich musste ihm aber versprechen, dass ich das nicht zum Besten gebe – was ich auch verstehen kann. Er hat mir kein Verbot erteilt, er hat mich nur gebeten, diskret zu sein.
Aber Sie wissen alles?
Richter: Meine Neugierde ist zumindest befriedigt. Aber man weiß ja: Alle Menschen lügen bis zu einem gewissen Grad. Und Assange ist letztendlich auch nur ein Mensch. Mich stört die Unverhältnismäßigkeit, mit der das behandelt wird. Man würde sich als Frau ja wünschen, dass vergleichbare oder auch viel schlimmere Delikte immer so verfolgt werden.
Das macht es für Sie fishy?
Richter: Genau. Es gibt auch viele Merkwürdigkeiten aufseiten der schwedischen Polizei. Zum Beispiel hat eine der beiden Frauen das Protokoll bis heute nicht unterschrieben. Ihre Aussage wurde nicht aufgenommen, sondern von einer Polizistin aus dem Gedächtnis notiert.
Wie geht es weiter? Wie lange kann Assange noch in der Botschaft sein?
Richter: Von ihm aus könnte das noch ein paar Jahre so gehen, denke ich. Das ist für ihn ja ein Idealzustand! Der sitzt sowieso am liebsten vor dem Computer und arbeitet an Wikileaks.
Ist es denkbar, dass Assange sich stellt?
Richter: Schwer zu sagen. Er ist halt überzeugt davon, dass er aus Schweden über kurz oder lang in die USA überstellt würde. Das Paradoxe an der Situation ist ja, dass dieser Fall in Schweden für ihn bis jetzt so eine Art Schutz war: Solange dieses Ding anhängig ist, können die Briten ihn nicht direkt an die USA ausliefern.
Ist Ihnen Assange sympathisch?
Richter: Nach einer Weile ist er mir sympathisch geworden. Ich bin ja eher Theaterleute oder Künstler gewöhnt, die meistens sehr extrovertiert sind. Assange bemüht sich zwar, wenn er öffentlich auftritt – aber in Wirklichkeit kann er’s nicht. Deswegen kommt er oft nicht so gut rüber. Aber ich finde ihn sehr angenehm, und ich habe mit ihm auch lustige Sachen erlebt. Irgendwann konnte ich morgens um vier nicht mehr, da hat er eine Wasserpfeife ausgepackt und mit allen möglichen Mitteln versucht, mich zu entertainen, damit ich noch ein paar Stunden durchhalte. Das fand ich reizend. Eigentlich war er ein toller Gastgeber.
Hätten Sie das Stück auch gemacht, wenn er Ihnen unsympathisch gewesen wäre?
Richter: Ich hätte es trotzdem gemacht. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt Fan wäre und von Assange schwärme – dafür eignet er sich wirklich nicht. Ich habe Mitgefühl für ihn, menschlich. Aber vor allem finde ich es falsch, wie er verfolgt wird. Und ich halte es für wichtig, dass ein Projekt wie Wikileaks nicht komplett zerstört wird. Mich regt diese Ungerechtigkeit auf, die für mich offensichtlich ist. Hauptsächlich deswegen mache ich’s.
Haben Sie mit Assange auch über Theater gesprochen?
Richter: Ja, öfter sogar. Wir haben viel über „Hamlet“ geredet, das ist sein Lieblingsstück. Ich habe auch immer wieder die Gottesfrage gestellt – um die er sich aber gedrückt hat. Ich glaube, ich habe ihn fünf Mal gefragt, ob er an Gott glaubt. Ich hätte erwartet, dass er das einfach nur verneint. Aber interessanterweise hat er immer gesagt: Die Frage ist noch nicht gut genug gestellt! Das Einzige, was er am Ende akzeptiert hat, war ein „Hamlet“-Zitat: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich erträumen lässt.“ Er hat mir auch erzählt, dass er mit seinem fünfjährigen Sohn „Ödipus“ gespielt hat! Ich hab ihm dann ein paar Testfragen zum Stück gestellt – und ich muss sagen, er wusste schon gut Bescheid. Es hat mich überhaupt überrascht, dass er ziemlich belesen ist.
Ist Ihr Stück dokumentarisch?
Richter: Auf eine subjektive Art schon. Wobei sich der größte Teil des Stücks für mich eigentlich in der Presse abgespielt hat. Ich habe jede Interviewanfrage angenommen, weil ich die Diskussion noch mal in eine andere Richtung zerren wollte: Können wir bitte alle noch mal genauer darüber nachdenken, was da gerade passiert? Auf der Bühne selbst kann man so einem Thema natürlich nie in anderthalb Stunden gerecht werden. Für mich ist das Stück ein Trigger, der die Leute zum Nachdenken anregen soll – oder zumindest zur Skepsis.
Wer dieses Interview gelesen hat, muss sich das Stück also gar nicht mehr anschauen?
Richter: So weit würde ich nicht gehen, aber wenn man ganz radikal ist, dann ist da was Wahres dran: Das eigentliche Theater hat im Grunde schon vor der Premiere stattgefunden, und das Stück ist das Dessert. F