Musik für Kinder braucht nicht viel, um zu funktionieren: eine markante Melodie, einen lustigen Text, dazu vielleicht noch einen tanzbaren Beat. Der Haken dran ist nur: Mama und Papa hören oft mit – und sind von banalem Tralala schnell genervt. Genau hier setzt Andreas Donauer alias Donikkl an: Der bayrische Musiker und Pädagoge kombiniert erwachsenentaugliche und doch kinderfreundliche Musik von Rock und Reggae über Skapunk bis zu Latinpop mit kindergerechten Texten; sein „Fliegerlied“ wurde auch in der Welt der Erwachsenen zum Hit. Am Sonntag spielt Donauer mit seiner Band Donikkl und die Weißwürschtl erstmals in Wien. Der Falter erreichte ihn telefonisch im Heimstudio in der niederbayrischen Provinz, wo er gerade an einer neuen CD arbeitet.
Falter: Herr Donikkl, Sie waren der erste Lieblingssänger meiner Kinder, entsprechend oft sind Ihre Lieder bei uns zu Hause gelaufen. Genervt haben Sie trotzdem nie. Vielen Dank dafür!
Donikkl: Das freut mich, denn genau das ist auch mein Ziel. Ich sehe mich nicht als Kinder-, sondern als Familienmusikmacher. Mit meiner Band möchte ich die Kinder da abholen, wo sie aufhören, traditionelle Kinderlieder zu hören, was inzwischen leider sehr, sehr früh ist. Die Kinder adaptieren das Hörverhalten der Erwachsenen, und da setze ich an: Ich möchte ihnen etwas bieten, das musikalisch anspruchsvoll ist, kombiniert mit Texten und Fantasien zu ihrer Lebenswirklichkeit. Und zwar ohne erhobenen Zeigefinger. Ich zeige den Kindern, was Musikmachen bedeutet, wie viele unterschiedliche Musikstile es gibt und wie viel Spaß handgemachte Musik bereitet. Irgendwann sind sie dann reif für andere Bands.
Ist es nicht seltsam, immer nur Fans auf Zeit zu haben?
Donikkl: Nein, gar nicht. Letztens waren zwei 14-jährige Mädels mit ihren kleinen Geschwistern im Konzert. Sie haben sich Autogramme geholt und erzählt, dass sie jetzt Sportfreunde-Stiller-Fans sind – weil sie durch uns auf diese Art von Musik kamen. Diese Kinder wurden von echter, handgemachter Musik und einer Liveband geprägt. Welche Kindermusikgruppe rückt schon mit einem Lastwagen und 14 Leuten an, wovon sieben auf der Bühne stehen? Deshalb hören uns wohl auch die Erwachsenen gerne. Und weil wir keine Blümchen-Blümchen-wir-haben-uns-alle-so-lieb-Musik machen.
Sehen Sie sich denn als Musikerzieher der Kinder?
Donikkl: Absolut, ja. Ich bin gelernter Pädagoge, wie fast jeder in der Band. Den Kindern die musikalische Vielfalt zu zeigen ist einer der Pfeiler meiner Arbeit. Inhaltlich geht es in fast jedem Lied zumindest durch die Blume darum, das Selbstbewusstsein zu stärken und den Kindern Mut zu machen. Ich werde niemals „Oh, pass auf, du darfst nicht rauchen“ singen. Oder irgendwelche Benimmlieder. Bewegung ist der dritte wichtige Aspekt, fast jedes Lied ist ein Mitmachlied. Standardkinderkonzerte sehen so aus, dass die Erwachsenen hinten Kaffee trinken, während vorne die Kinder herumhoppeln. Wir haben zwar auch einen abgegrenzten Kinderbereich, aber still hält bei uns niemand. Der vierte Donikkl-Pfeiler ist das interkulturelle Lernen: Jeder ist anders, und gemeinsam malen wir die Welt bunt. Inhaltlich steckt also durchaus mehr dahinter, auch wenn es vordergründig nicht um Lernen, sondern um Spaß, Freude, Bewegung und Tanzen geht.
Sie sind offizieller Kinder-Klimabotschafter Bayerns. Was heißt das?
Donikkl: Es geht darum, Kindern altersgerecht das Thema Nachhaltigkeit nahezubringen. Ich habe ein modernes Kindermusical zum Thema Energiesparen gemacht, mit dem ich vormittags an Kindergärten und Schulen auftrete. Das Umweltministerium fördert das, und die Kinder haben dann für vier Euro pro Nase Donikkl zu Besuch. Vereinnahmen würde ich mich von niemanden lassen, nicht von einer Regierung und nicht von sonst wem. Hier passt es aber, mir ist das Thema Energiewende ein großes Anliegen.
Wie kamen Sie eigentlich dazu, Musik für Kinder zu machen?
Donikkl: Ich habe 2001 aus einer Bierlaune heraus bei einem großen deutschen Musikwettbewerb mitgemacht. Meine Einsendung, „Da Räggi-Opa“, kam in die Endausscheidung, und ich musste live auftreten – obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Band hatte. Ich habe die Kinder aus der Nachbarschaft dann zu meinem Chor ernannt. Egal, ob sie singen konnten; Hauptsache, sie hatten Freude dran. Vor Ort haben Techniker dann wortwörtlich gesagt: „Was soll denn der Scheiß, Kinder auf der Bühne?“
Ernsthaft?
Donikkl: Ernsthaft! Die Kinder hatten auf der Bühne Tränen in den Augen. In diesem Moment dachte ich mir: Ich zeige es auch allen! Auf dem Weg nach Hause habe ich mir ein schlaues Motto überlegt: Raus aus dem Keller der Kulturhierarchie! Ich entstaube das Genre – oder besser gesagt die Vorstellung davon. Ich will nicht die alten Kinderlieder wegstauben, sondern die Vorstellung in den Köpfen der Leute, was Kinder sein sollen – und was nicht. Warum wird bei Festen immer beim Kinderprogramm gespart? Warum bekommen sie immer nur einen Kasperl oder einen Zauberer, während für die Erwachsenen eine teure Partyband spielt?
2008 wurde Ihr „Fliegerlied“ auch beim Oktoberfest zum Hit. Ist diese Kontextverschiebung nicht seltsam?
Donikkl: Wir hatten mit dem „Fliegerlied“ Angebote, überall dabei zu sein: in den Bierzelten, am Ballermann und in den Großraumdiskotheken. Aber ich habe alles abgelehnt. Wir waren immer ehrlich zu den Kindern, sind ihnen stets auf Augenhöhe begegnet und haben nie von oben herab, sondern immer gemeinsam mit ihnen etwas gemacht. Das wollte ich mir nicht zerstören lassen, daher habe ich mich geweigert, nur vor Erwachsenen aufzutreten. Tim Toupet hat das „Fliegerlied“ dann in Deutschland gecovert, die Jungen Zillertaler haben in Österreich dasselbe gemacht. Beide hatten damit großen Erfolg. Nicht alles, was da gelaufen ist, war schön, aber ja mei, das ist lange her. Gerade erst habe ich Aufnahmen des Goethe-Instituts bekommen, wo zum einen ein Fußballplatz voll sudanesischer Jungs zum „Fliegerlied“ tanzt, zum anderen eine Masse voll verschleierter Frauen und Mädels – unter Anleitung der Leute vom Goethe-Institut, die mit Donikkl-Liedern Mitmachpartys veranstalten. Das ist ja das Schöne daran: Es braucht mich als Person nicht, es ist das Lied, das die Botschaft verbreitet.
Wie wurde Andreas Donauer
überhaupt zum Donikkl?
Donikkl: Als Hippie-Teenager habe ich mit meiner damaligen Freundin als Babysitter gejobbt. Da gab es eine Dreijährige, die plötzlich „Donikkl“ zu mir gesagt hat, abgeleitet von Donauer und wohl auch kombiniert mit „Pumuckl“. Das ist mir geblieben. Jahre später wurde ich als Lehrer in eine neue Schule versetzt, und gleich in der ersten Stunde fragt mich ein Junge, was es mit dem Namen Donikkl auf sich hat. Ich erzähle die ganze Geschichte, und plötzlich steht ein Mädchen auf und sagt: „Das war ich!“ Zufällig bin ich dann so lange Lehrer geblieben, bis sie ihren Abschluss hatte. Dann wurde das „Fliegerlied“ so erfolgreich, dass das nicht mehr ging: Man kann nicht gleichzeitig eine Englischabschlussarbeit korrigieren und Bild-Zeitung-Reporter im Haus haben, die auf der Suche nach einer Geschichte sind. Das ist gefährlich. Darum habe ich mich aus dem Schulgeschäft zurückgezogen.
Bereut haben Sie es bislang
vermutlich nicht?
Donikkl: Mit Donikkl und die Weißwürschtl haben wir eine Rakete, die immer noch genauso geladen ist wie in den Anfangstagen. Niemand von uns ist naiv, wir haben Ängste, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen wie jeder andere auch. Aber wir haben uns geschworen, uns das Kindliche auch als Erwachsene zu erhalten. Kindlich, nicht kindisch, das ist ein wichtiger Unterschied. Diese Leichtigkeit, diesen Hunger auf Leben und auf Menschen. Darum machen wir, was wir machen und wie wir es machen. Sollte es je zur Routine werden, hören wir auf.
Sie legen großen Wert darauf, Kinder Kind sein zu lassen. Was genau heißt das, ein Kind Kind sein lassen?
Donikkl: Ihm einfach Zeit zu geben. Kinder muss man nicht programmieren, sie haben so viel in sich drin. Sie haben Spaß am Leben und Interesse an allem Neuen. Es ist doch pervers, ihnen Bücher vorzusetzen und zu sagen: Das und das müsst ihr jetzt in diesem Moment lernen – egal, ob es euch gerade interessiert oder nicht. Man muss Kindern mehr zutrauen. Sie brauchen keine Psychologen, die Bücher schreiben, und keine Ärzte, die ihnen Ritalin verschreiben. Kinder brauchen Zeit. Und die Möglichkeit, entdecken zu dürfen. Die Erwachsenen können sich da ruhig ein bisschen zurücknehmen, auch was diesen verrückten Förderwahn betrifft. Unsere Kinder wachsen überbehütet auf, gleichzeitig kommen wir ihnen mit Luxus-Förderprogrammen. Nur Zeit haben wir keine für sie. Und wenn wir doch einmal etwas unternehmen, gehen wir in den Super-Action-Funpark, um ihnen etwas zu bieten, anstatt einfach einmal einen Tag im Wald zu verbringen.
Sie mögen keine Lehrerinnen und Lehrer, die mehr auf ihre Vorgesetzten hören als auf ihr Herz, schreiben Sie auf Ihrer Website. Das deutsche Schulsystem ist wohl ähnlich problematisch wie das österreichische?
Donikkl: Oje, was antworte ich da bloß, ich bin ja selbst vom Lehrerberuf freigestellt. Aber ja, das Schulsystem ist eine Katastrophe. Auf einzelne Kinder und ihre Bedürfnisse einzugehen, ist da praktisch unmöglich. Egal, wie motiviert und ehrlich man ist. Es gibt supergute Lehrer, aber sie haben viel zu wenig Gestaltungsmöglichkeiten. Wir haben restlos überfüllte Klassen und restlos überforderte Lehrer, die immer mehr aufgebrummt bekommen. Wir leben in kalten Zeiten.
Ich muss Ihnen abschließend noch
einige Fragen im Namen meiner
Kinder stellen. Die erste lautet:
Donikkl, wolltest du schon als
Kind singen und Musik machen?
Donikkl: Ja! Eigentlich wollte ich Kasperltheaterspieler oder Lehrer werden, das habe ich zumindest in alle Freundebücher geschrieben. Im Prinzip ist es das ja auch geworden.
Wie fallen dir immer die Texte ein?
Donikkl: Die Lieder fallen mir gar nicht ein, sondern die purzeln auf mich herunter. Wenn das unter der Dusche passiert, kann es schon vorkommen, dass ich splitternackt durchs ganze Haus hüpfe, „nichts sagen, ich habe eine Idee!“ rufe und mein kleines Aufnahmegerät suche, das ich in diesem Moment natürlich nicht finde. Im Prinzip würde ich einen USB-Stick brauchen, den man direkt hinterm Ohr anstecken und so Ideen einsaugen kann.
Warum magst du lieber Kinderlieder als Erwachsenenlieder?
Donikkl: Boah, das ist eine große Frage. Wobei: Eigentlich ist sie ganz einfach. Ich finde, dass es noch viel mehr gute Kindermusik geben darf, deshalb mache ich sie.
Was wirst du bei deinem Konzert in Wien machen?
Donikkl: Springen, und zwar richtig hoch! Und ich werde mitsamt der E-Gitarre wieder rückwärts laufend einen gestreckten Rückwärtspurzelbaum in den Stand machen. Manchmal haue ich mir dabei zwar furchtbar die Schulter oder den Kopf an, aber der Jubel der Kinder wiegt das wieder auf.
Und schließlich: Warum singst du oft, als wärst du ein Kind? Zum Beispiel: „Wir sind die allerbesten Fußballkids.“ Du bist ja gar kein Kind!
Donikkl: Im Herzen schon! Ich mag Kindern nicht vorgaukeln, dass ich kein Erwachsener bin, aber ich fühle mich in der Kinderwelt sehr wohl. Ich spiele sehr viel mit Kindern, auch Rollenspiele, und da bin ich natürlich immer mittendrin und lasse mich drauf ein. So mach ich es auch in meinen Liedern. Ich will den Kindern ja nicht die Erwachsenenwelt erklären, die bekommen sie eh selber mit. F