In Spitälern, Sozialeinrichtungen und Versorgungsstationen; in lauten Großraumdiskotheken, Fabriken, in Taxis, Redaktionen oder am Würstelstand: Laut Statistik Austria verrichten 767.900 Menschen in Österreich Nachtarbeit, 270.800 davon regelmäßig. Unsere Autorin war eine Nacht lang unterwegs und hat ein paar von ihnen getroffen.
23 Uhr, Naschmarkt:
„Bei Vollmond, da haben alle einen leichten Spinner“, sagt Marcel Mungenast, 34. Da sind die Kunden ungeduldiger und machen auch mehr Dreck. Da kann er gleich doppelt so viel Senf wegwischen und Servietten vom Boden aufklauben wie sonst. Zwei- bis dreimal die Woche arbeitet er beim Naschmarkt Wurst Stadl. Von 17 Uhr bis fünf Uhr früh. Bewusst ausgesucht hat sich Mungenast die Nachtschicht nicht. Es war halt der Job, den er bekam, als er einen brauchte. Es ist nicht immer alles so einfach für ihn gelaufen im Leben.
Doch die Arbeitszeiten stören ihn auch nicht. Er ist sowieso ein Nachtmensch, versichert der Nachtarbeiter am Würstelstand, und mit drei bis vier Capuccinos sei das alles kein Problem. Im Grunde ist ihm die nächtliche Kundschaft auch sympathischer: „Tagsüber sind alle hektisch und gestresst, da muss immer alles schnell, schnell gehen.“ In der Nacht kommen immer wieder Leute zum Plaudern. Die Kellner der Naschmarktlokale zum Beispiel, wenn deren Schicht vorbei ist, oder der Augustin-Verkäufer, der sich immer über seine Frau beschwert.
„Am Würstelstand bist immer per du“, erklärt Mungenast. Das gehört einfach zur Würstelstandkultur dazu. Für schlechte Manieren hat er, so nebenbei bemerkt, gar nichts übrig. Ohne ein „Hallo, griaß di, servas“ bekommt man von ihm keine Käsekrainer. Den herben Wiener Charme hat der gebürtige Tiroler längst intus. Was ihn so richtig grantig macht: wenn irgendwelche „Wiener Proleten“ am Stand lautstark über „Schwuletten“ schimpfen. Schließlich gibt es rund um den Naschmarkt jede Menge Schwulenlokale und deren Besucher sind auch bei ihm gern gesehene Gäste.
23.30 Uhr, Laimgrubengasse:
Etwa 300 Meter Luftlinie vom Wurst Stadl entfernt brennt eine einsame Schreibtischlampe in einem dunklen Großraumbüro. Außenpolitik-Redakteur Edgar Schütz hat heute Nachtdienst in der Austria Presse Agentur (Apa): „Ich sag immer, Nachtdienste wären ja an und für sich nicht so schlecht, wenn sie nicht in der Nacht wären.“ Das Arbeiten ohne die übliche Tageshektik, wo 100 Kollegen hektisch telefonieren, habe schon seine angenehmen Seiten, „aber das Körperliche und auch das Soziale, das da mitspielt, ist schon schwierig“.
Es ist sein erster von drei aufeinanderfolgenden Nachtdiensten. Der erste ist immer der schwerste, erzählt Schütz. Dann gewöhnt sich der Körper um. Bis drei oder vier Uhr früh ist das Wachbleiben für ihn kein Problem, danach helfen Kaffee und Energy-Getränke. Denn es darf nicht passieren, dass er einschläft. Man weiß ja nie, was vorfällt in der Welt. Wenn Edgar Schütz eine wichtige Eilmeldung rausschickt, dann geht in den Zeitungsredaktionen der Alarm los und einige Redakteure werden via Handy aus dem Schlaf gerissen. Fehler sollten ihm da besser keine passieren.
Um sieben Uhr morgens geht Schütz nach Hause. Vollgepumpt mit Koffein. Sofort einschlafen ist da manchmal schwierig. Den ganzen Tag durchschlafen auch: „Das soziale Leben da draußen geht ja weiter. Ich habe Familie und zwei Kinder. Denen kannst du hundertmal sagen: Psst, der Papa schläft. Es wird immer ein Wirbel sein.“ Oft überkommt ihn auch erst Tage später ganz plötzlich ein Müdigkeitsanfall, den niemand versteht.
24 Uhr, Ottakring:
Wirbel gibt es auch gerade in der Römergasse in Ottakring. Stefanie Jebinger und Romana Nagele laufen aus ihrem Büro nach oben, um nachzusehen, woher die schrillen Stimmen kommen. Die beiden Sozialbetreuerinnen haben heute Nachtdienst in der Caritas-Stelle Juca, einer Einrichtung für junge Wohnungslose. Alles halb so schlimm. Ein junges Pärchen hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit. Sie wollte einen Bollywoodfilm anschauen. Er nicht. Kurze Zeit später ist alles wieder gut. Die beiden sitzen einträchtig auf der Couch im Wohnzimmer der betreuten WG. Er spielt zärtlich mit ihren dunkelbraunen Haaren.
Manchmal gibt’s halt kleinere Wickel, aber im Großen und Ganzen halten sich die nächtlichen Aufregungen in Grenzen, erzählen die beiden Sozialbetreuerinnen. Juca kümmert sich seit mittlerweile 30 Jahren um junge Menschen zwischen 18 und 30, die sonst auf der Straße leben müssten: Flüchtlinge, psychisch Kranke, junge Erwachsene, die an falsche Freunde oder falsche Substanzen geraten sind. „Die meisten von ihnen mussten einfach viel zu schnell erwachsen werden“, sagt Jebinger. Bis zu zwei Jahre können sie hier in betreuten Wohngemeinschaften leben. Für Akutfälle gibt es ein Notquartier mit 16 Schlafplätzen in Mehrbettzimmern.
Die Hausregel erlaubt maximal ein Promille Alkohol in der Atemluft, daher lässt Betreuerin Jebinger die Klienten vor dem Schlafengehen ins Röhrl blasen. „Wer zu viel hat, der muss eben noch ein bissl spazieren gehen“, erklärt die resche Oberösterreicherin mit den tätowierten Armen. Um 7.30 Uhr machen die Nachtbetreuerinnen dann den sogenannten Lebendrundgang. Das heißt, sie pumpern an alle Zimmertüren, bis sie von drinnen ein Lebenszeichen hören.
In der Nachtschicht ist man immer zu zweit. Romana Nagele zeigt das Nottelefon, das sie griffbereit am Hosenbund befestigt hat. Während die Kollegin unten im Büro die Stellung hält, darf sie sich um 1.30 Uhr im Nachtdienstzimmer hinlegen. Normalerweise schläft sie dann tief und fest, erzählt die angehende Sozialarbeiterin. Nur heute wahrscheinlich nicht. Denn bei einer schwangeren Klientin könnte es jederzeit losgehen.
0.30 Uhr, zwischen Ottakring und Wieden:
Eigentlich wollte Slobodanka Radisavljev auch immer im Sozialbereich arbeiten. Doch ihre Eltern hatten andere Pläne und ließen sie in Belgrad Maschinenbau studieren. Sie selbst ging in den 1960ern als Gastarbeiterin nach Wien. 1974 kam Slobodanka auf Besuch, lernte einen Mann kennen und blieb. Zunächst arbeitete sie im Krankenhaus, wie ihr Mann. Nach der Scheidung machte sie den Taxischein. Bei den flexiblen Arbeitszeiten konnte sie sich besser um ihren kleinen Sohn kümmern. Der ist inzwischen erwachsen und Radisavljev Chefin eines Taxiunternehmens.
„Wenn man Menschen liebt, ist Taxifahren super. Es ist wie eine Sucht“, sagt sie. Die ersten paar Jahre fuhr sie nur tagsüber. Doch dann wechselte sie zur Nachtschicht und hat es nie bereut, wie sie betont. In der Nacht ist die Atmosphäre im Auto viel lockerer. Mehr als sechs Stunden Schlaf brauche sie ohnehin nicht. Ihre Geschäfte gehen gut – trotz Nacht-U-Bahn. Denn viele Menschen, vor allem Frauen, steigen in der Nacht lieber zu einer Frau ins Auto. Manche Funktaxi-Vermittlungen haben eine eigene Lady-Taxi-Schiene. „Es sind eh die schwierigen Menschen, die jetzt U-Bahn fahren“, meint die temperamentvolle Frau. Und die Schwierigen will sie ohnehin nicht in ihrem Auto haben. „Wenn man lange Taxi fährt, dann hat man ein Fingerspitzengefühl für Menschen.“
Zwölf Stunden dauert eine Schicht. Slobodanka Radisavljev beginnt meist so gegen 17 Uhr. Genau wie ihr Lebensgefährte, der bei ihr als Fahrer angestellt ist. „Dass ich die Chefin bin, das ist er gewohnt“, sagt sie. „Er hat mich ja so kennengelernt.“ Als sie damals, am Beginn der Beziehung, selbst noch tagsüber fuhr, sei das mit der Liebe ein wenig schwierig gewesen. Da sah man sich nur kurz zum Frühstück und zum Nachmittagskaffee beim Schichtwechsel: „Dieser Job verlangt schon auch viele Opfer.“
1 Uhr, Schwarzenbergplatz:
Bei DJ Sid Data sind immer wieder Beziehungen am Lebensrhythmus gescheitert. Seit mehr als 20 Jahren lebt der DJ, der im normalen Leben Marcus Westenberger heißt, fast ausschließlich in der Nacht: „Ich mag die Nachtstimmung und ich mag auch die Nachtmenschen“, sagt er. „Ich fühle mich hier wohler und aufgehobener.“ Westenberger legt meist im Klub Ost beim Schwarzenbergplatz auf. Zwischendurch hat er es auch einmal mit normalen Tagesjobs versucht, aber das war nicht seins. Im Winter bekommt er die Sonne oft tagelang nicht zu sehen. Im Sommer frühstückt er gern am frühen Nachmittag im Augarten: „Damit ich auch normale Menschen sehe, die nicht Lackleder tragen, schwerst überschminkt und illuminiert sind.“
Dass das permanente Nachtleben seine Schattenseiten hat, hat Marcus Westenberger vor zwei Jahren gemerkt. Da landete er plötzlich im Spital: „Die Ärzte nannten das dann Burnout“, erzählt der Nachtarbeiter. Sie empfahlen dem DJ mehr Schlaf sowie eine gesündere Ernährung. Gerade Letzteres ist nicht so einfach, wenn man in der Nacht wach ist und was zu tun hat: „Was willst du da essen? Restaurants sind geschlossen, Pizza gibt es bis 23 Uhr. Danach bleiben dir nur noch McDonald’s und die Käsekrainer.“
Exkurs: Schlafambulanz
Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Problemen von Nachtarbeitern. Noch schlimmer sind unregelmäßige Schichtdienste, erklärt Gerda Saletu-Zyhlarz. Sie leitet die Schlafambulanz der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Wenn Schlafrhythmen häufig wechseln, kommt im Körper einiges durcheinander. Zu verdanken haben wir das einem Hormon namens Melatonin. Dieses ermöglicht dem Körper das Einschlafen.
Im Normalfall ist die Konzentration am Abend hoch und sinkt in der Früh ab. Kommt der Rhythmus durcheinander, können allerlei Probleme auftreten: Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen, erhöhtes Krebsrisiko und Depressionen. Unter ihren Patienten finden sich immer wieder Medienleute, Krankenhauspersonal und Menschen aus dem Gastgewerbe, erzählt Saletu-Zyhlarz.
Die meisten Nachtarbeiter tun das freiwillig, wegen der besseren Bezahlung. Erst wenn sie älter werden, spüren sie die gesundheitlichen Folgen. Und dann ist die Angst um den Arbeitsplatz meist so groß, dass man lieber in Krankenstand geht, als sich zu beschweren, weiß Schlafärztin Saletu-Zyhlarz aus Gesprächen mit Patienten. Als Präventivmaßnahme empfiehlt sie den Nacht- und Schichtarbeitenden: an freien Tagen so viel wie möglich schlafen und ganz viel Sonnenlicht tanken.
Für Würstelstandler Marcel Mungenast kein Problem. Seine Staffordshire-Hündin Yuna treibt ihn ohnehin regelmäßig aus dem Liesinger Gemeindebau in die frische Luft hinaus, erzählt er. Sein persönlicher Geheimtipp zum Einschlafen: das Frühstücksfernsehen auf Puls4.
Der Tag der Frühstücksfernsehmacher dort beginnt übrigens auch sehr spät in der Nacht. F