Herrn Wailands Gespür fürs Geld

Georg Wailand ist der neue Chefredakteur und das freundliche Gesicht der Kronen Zeitung. Seine Geschäfte sind trotzdem undurchsichtig

Das Büro ist winzig, die Möbel sind grau, der Schreibtisch bis auf den letzten Zentimeter vollgeräumt. Da liegt der Budgetentwurf der Regierung, ein Kalender mit Familienfotos. Nie im Leben würde man vermuten, dass hier einer der wichtigsten Journalisten des Landes sitzt: Georg Wailand, 66, Wirtschaftsressortleiter der Krone und seit kurzem auch geschäftsführender Chefredakteur. Wailand gefällt die schlichte Ausstattung. „Ich hatte immer nur ein kleines Arbeitszimmer“, sagt er, „denn was ist Journalismus? Nicht mehr als Kontakte pflegen, mit Menschen reden, schreiben.“

Bescheiden, bodenständig, angenehm im Umgang. So beschreiben ihn Wegbegleiter. Der ältere Herren mit freundlichem Opalächeln und sanfter Stimme ist einer der wichtigsten Wirtschaftsakteure im Land. Wailand arbeitet nicht nur seit mehr als 40 Jahren in der Kronen Zeitung, sondern hat auch das Magazin Gewinn gegründet, ein statthaftes Privatvermögen angehäuft und über die Jahre hinweg mehrere Aufsichtsratsmandate belegt. Nun tritt er an die Seite von Christoph Dichand, ebenfalls Chefredakteur und Sohn des verstorbenen Herausgebers Hans Dichand.

Es ist ein neues Kapitel im Streit zwischen Dichand-Clan und WAZ. Zu je 50 Prozent gehört die Krone der österreichischen Verlegerfamilie und der deutschen Mediengruppe, die sich seit Jahren einen Rechtsstreit liefern und mittlerweile nur über ein Schiedsgericht in der Schweiz kommunizieren. Dieses räumte den deutschen Miteigentümer unlängst das Recht ein, selbst einen geschäftsführenden Chefredakteur zu ernennen – die wählten Wailand. Aber wer ist dieser Mann, der nun mit den Dichands die wichtigste Tageszeitung im Land steuert und nur ungern Interviews gibt?

Ein unbeschriebenes Blatt. Nur wenig ist über seine politische Weltanschauung oder seinen Werdegang bekannt. Nur mit einem fällt Georg Wailand immer wieder auf: mit seinen vielen Geschäften. „Der Krone-Wirtschaftschef hat viel Macht in Unternehmen und nutzt sie auch“, schrieb das Format Anfang der Nullerjahre einmal über ihn. Wailand nimmt eine Doppelrolle ein, ist Journalist und Wirtschaftsakteur.

Nicht nur als Herausgeber des Gewinn. Sein Unternehmergeist reicht weit über den Printmarkt hinaus. Wailand saß im Aufsichtsrat des Flughafens Wien, der Constantia Industrieholding und – ganz besonders pikant – der Handelskette Libro, die 2002 Konkurs anmeldete und eines der größten Insolvenzverfahren der Zweiten Republik sowie einen Strafprozess gegen Firmenchef André Rettberg einleitete. Letzterer wurde wegen betrügerischer Krida zu drei Jahren Haft verurteilt.

Plötzlich war auch Wailand, der das Rampenlicht sonst eher meidet, in den Schlagzeilen. Wieso hatte sein Magazin, der Gewinn, die Libro-Aktie so lange empfohlen? Selbst zu einer Zeit, als laut Gutachten die tiefe Krise von Libro bereits sichtbar gewesen sein müsste, lobte der Gewinn die Handelskette und bezeichnete Libro im Juni 2000 als einen der „50 aussichtsreichsten Kandidaten für den nächsten Aufschwung“.

Das Profil konfrontierte Wailand damals mit dieser Geschichte und dem Vorwurf der Unvereinbarkeit. Er meinte darauf: „Unvereinbar wäre es dann, wenn es jemand strategisch anlegt und in 15 Aufsichtsräten sitzt.“

Zehn Jahre sind seither vergangen. Wailand wirkt wie geläutert; zu Libro erklärt er, dass das Kontrollorgan getäuscht worden sei: „Ich habe selbst als Aufsichtsrat feststellen müssen, dass ich nicht richtig und nicht vollständig informiert wurde. Daraufhin legte ich mein Mandat zurück. Übrigens als Erster im Aufsichtsrat.“

Auch seine anderen Aufsichtsratsjobs verteidigt er nicht mehr. „Das Ganze war ein Lernprozess meinerseits“, meint er, „ich wollte im Aufsichtsrat zwar immer nur Positives machen, aber auf Dauer war diese Doppelrolle nicht erklärbar – selbst beim redlichsten Bemühen, zwischen meiner Tätigkeit als Journalist und der Tätigkeit im Aufsichtsrat zu trennen.“

Langsam formuliert er diese Sätze, legt jedes Wort auf die Waagschale. Man merkt ihm an, dass er bloß nicht erneut in eine Unvereinbarkeitsdebatte stolpern möchte. Nach der Libro-Affäre zog er sich auch zurück. Den Posten als Flughafen-Aufsichtsrat legte er zurück, neue Mandate nahm er keine mehr an. Über seine eigenen Investitionen schweigt er nach wie vor. Auf die Frage, welche Aktien er besitze, sagt er nur: „Relativ viele. Aber meine Aktien verwalte ich nicht mehr selbst, sondern über eine Stiftung. Das macht der Stiftungsvorstand für mich.“

Darf ein Wirtschaftsjournalist über ein österreichisches Unternehmen berichten, dieses vielleicht sogar loben, wenn er selbst Aktien davon besitzt? Wailand sagt ja: „Wenn Sie keine Aktien besitzen und über den Aktienmarkt schreiben, dann sind Sie ein Eunuch. Sie verstehen gar nicht, worüber sie schreiben.“ Da ist etwas dran, meint auch Branchenkenner Franz C. Bauer. Er ist Wirtschaftsredakteur im Profil und Vorsitzender der Journalistengewerkschaft. „Wenn ich über ein Unternehmen schreibe, von dem ich selbst Aktien besitze, dann muss ich das dem Leser transparent machen“, sagt er. „Und diese Vorgangsweise empfehle ich auch allen Kollegen.“ Doch diese Transparenz fehlt gerade im heimischen Wirtschaftsjournalismus, Redakteure reden nur ungern über ihre eigenen Aktiengeschäfte.

In mehr als 40 Jahren Erwerbstätigkeit hat Wailand ein substanzielles Vermögen aufgebaut: etliche Immobilien gekauft, eine Stiftung für seine Privatgeschäfte angelegt, das Magazin Gewinn mit 250.000 Lesern aufgebaut. Sein Lebensstil ist dafür aber bescheiden, in der Freizeit geht Wailand auf den Fußballplatz, Urlaub macht er in Holland, wo seine Frau herkommt.

Vielleicht liegt diese Bescheidenheit an seiner Herkunft: Wailand wuchs am Stadtrand von Wien auf als Sohn eines kleinen Beamten. Den Vater schickten die Nazis ins Arbeitslager wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Die Familie hatte zuvor Geld für NS-Verfolgte gesammelt und britisches Radio gehört. Nachbarn zeigten sie an. „Aber mein Vater war kein Mutiger, kein Held“, sagt er wieder betont bescheiden, „bei uns war das halt nicht so, dass man die eigenen Taten so groß in den Vordergrund stellte.“

Gerade die Kronen Zeitung pflegt einen unsauberen Umgang mit der Geschichte. Der kürzlich verstorbene Dichand’sche Haus-und-Hof-Dichter Wolf Martin verwendete in seinen Reimen gern NS-Vokabular. Auch Alt-Herausgeber Hans Dichand wollte die Verbrechen der Wehrmacht bis zu seinem Tod nicht wahrhaben. Wailand diente fast 40 Jahre unter Dichand, aber er ist sicher kein strammer Rechter, der die Leser aufhetzt. Das bewies er auch mehrfach in den letzten Jahren.

2010 wollte FPÖ-Hardlinerin Barbara Rosenkranz österreichische Bundespräsidentin werden. Hans Dichand unterstützte sie. Er startete eine große Kampagne und rief zur Wahl der „mutigen Mutter“ auf. Vielen Mitarbeitern missfiel, dass ihr Blatt ausgerechnet die Rechtsaußen-Kandidatin unterstützte. Doch im Dichand’schen Patriarchat äußert man solche Kritik nicht vor dem Chef – oder man äußert sie nur einmal.

Wailand tat es trotzdem. „In der Zeitung stand: ‚Wählen wir sie, sie wird eine gute Bundespräsidentin sein!‘ Da konnte ich nicht mit. Ich hielt das für eine Fehleinschätzung und bin zum Herausgeber gegangen, hab ihm das unter vier Augen gesagt“, erzählt er, „üblicherweise ist man dann geköpft worden, aber ich bin als Ganzes wieder rausgekommen. Das rechne ich dem Senior hoch an. Er hat auch gewusst: Ich komm nicht, weil ich mich wichtig machen möchte. Das war die ehrliche Betroffenheit.“ Tags darauf relativierte Dichand seine Unterstützung für Rosenkranz.

Zum zweiten Eingriff möchte Wailand nichts sagen: Er liegt erst wenige Wochen zurück. Da wäre in der Wochenendbeilage Krone bunt fast ein Interview mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache erschienen, in dem dieser als „Kanzler der Herzen“ bezeichnet wird. Edda Graf, Chefin von Krone bunt und früher Pressesprecherin der FPÖ, hatte das Interview verfasst. Die Endfassung klang im Vergleich etwas kritischer, auch diese Formulierung fiel raus. Offizielle Erklärung: zu wenig Platz. Inoffiziell heißt es, Wailand habe dagegen urgiert.

Das brachte ihm Respekt bei langjährigen Wegbegleitern ein, die ihn in den Redaktionssitzungen oft als zurückhaltend oder passiv erlebten. Sein ganzes Wesen ist das Gegenteil der sogenannten „Boulevardsau“. Wailand ist ein freundlicher, ein fairer Mensch, hört man immer wieder. Lobbyist Wolfgang Rosam nennt ihn zum Beispiel einen „Mann mit Handschlagqualität“.

Wailand ist also das freundliche Gesicht der Kronen Zeitung – das sollte er auch schon früher in der Öffentlichkeit spielen. Der alte Dichand sendete ihn immer wieder ins Fernsehen. Bei seiner besonnenen Gemüt musste der Herausgeber weder fürchten, dass sein Mitarbeiter das Medium blamiert, noch, dass er zu sehr Eigenmarketing betreibt.

Diese wohlüberlegte Art und sein kaufmännisches Kalkül ebneten den Weg für Wailands Aufstieg. In der Krone bekam er schon früh zusätzliche Aufgaben anvertraut, sollte etwa die Digitalisierung der Druckerei umsetzen oder einen möglichen Neubau des Pressehauses prüfen lassen. Der alte Dichand belohnte ihn später mit der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs.

Jetzt, mit 66 Jahren, hat er den Olymp erreicht. Aber warum tut sich Wailand diesen Stress noch an? Er ist mit seiner Frau seit 43 Jahren verheiratet, hat zwei Söhne, sieben Enkelkinder, übrigens auch ein Weingut in Döbling, auf dem die Schwiegertochter Weine für die Wiener Spitzengastronomie macht. Wailand hängt tatsächlich mit Herzblut an der Kronen Zeitung, die seit ein paar Jahren angeschlagen ist: Die Gratiszeitung Heute hat mittlerweile mehr Leser in Wien als die Krone, die Profite sind nicht mehr so hoch wie einst. Er sieht sich wohl auch als Vermittler zwischen den beiden Streitparteien: „Ich interpretiere meine Ernennung als Zeichen der WAZ, die Kluft der beiden Eigentümer nicht größer werden zu lassen“, sagt er, „wenn jemand 40 Jahre mit der Dichand-Familie gut zusammengearbeitet hat und dann Chefredakteur wird, ist das eher ein Signal, dass man wieder mehr miteinander reden will.“ F

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