Gerade rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung schwappte eine Erregungswelle über Wien. Passanten hatten sich über das Werbeplakat des Leopold-Museums beschwert, das drei nackte Fußballer zeigt. Das Bild „Vive la France“ von Pierre & Gilles präsentiert gestählte Körper von antikem Ebenmaß, vom Scheitel bis zum Beidl. Obwohl es dagegen keine rechtlichen Bedenken gibt, da ein unerigierter Penis nicht unter das Pornografiegesetz fällt, fühlten sich einige Bürger in ihrem moralischen Empfinden gestört. „Über die nackte Frau von Gustav Klimt, die seit Monaten in den U-Bahn-Stationen hängt, regt sich niemand auf“, wundert sich Tobias Natter, der Direktor des Leopold-Museums.
Der halbsteife Marketinggag erzeugt die für die Bewerbung einer Großausstellung nötige Wirkung – und ist der Beweis dafür, dass das einstige Minderheitenthema Gender im Museumsmainstream angekommen ist.
Das Leopold-Museum erzählt in „Nackte Männer“ in einem historischen Bogen die Geschichte vom antiken Marmorhelden, der in moderner Zeit vom Sockel stürzte. Die Selbstbildnisse Egon Schieles etwa veranschaulichen exemplarisch außer Kontrolle geratene Körper in wild verrenkten Posen. Bereits in der Zeit um 1900 zweifelten Frauenbewegung und Psychoanalyse die Herrschaft der (männlichen) Kultur über die (weibliche) Natur an.
Das Lentos Kunstmuseum Linz eröffnet fast zeitgleich „Der nackte Mann“, vermeidet beim Ausstellungsplakat die naheliegende Provokation. Das Foto von Bernhard Prinz präsentiert einen verträumt blickenden Jüngling, dessen nackter Oberkörper eine hässliche Narbe aufweist.
Auch diese Ausstellung geht von der These aus, dass das Bild des Mannes, Symbol für Stärke und Willenskraft, tiefe Sprünge aufweist. Der nackte Leib ist hier weniger Sexsymbol als vielmehr Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste.
Die Ausstellungsmacher haben sich ein Thema vorgeknöpft, das keineswegs so einfach zu bewältigen ist, wie es die Werberplattitüde „Sex sells“ suggerieren mag. So verweist die Linzer Kuratorin Stella Rollig auf die lange Geschichte weiblicher Demütigung durch sexistische Darstellungen. „Da kann man nicht einfach den Spieß umdrehen und sagen: Wir hängen Schwänze in die Öffentlichkeit!“
Auch abgesehen von feministischen Vorbehalten gegen die tendenzielle Erniedrigung von Menschen durch das Ausstellen ihrer Intimität ist es gar nicht so einfach, die Wände mit nackter Männlichkeit zu füllen. Denn die Geschichte und Gegenwart der Bilder weist gerade dort eine große Lücke auf, wo gemeinhin der Ursprung der Schöpfung vermutet wird.
Glied, Schniedel, Pimmel, Zumpferl, Johannes, Lümmel, Nudel, Rohr, Pinsel, Rüssel, Rute, Schwanz, Zauberstab, Schniedelwutz, Dödel, Gemächt, Piephahn, Pillermann: Die deutsche Sprache hält zahlreiche Wörter für das männliche Genital bereit. Während „er“ sprachlich locker über die Lippen kommt, sind die Bilder von ihm außerhalb des Internets noch immer rar.
Frauenzeitschriften wie Wienerin oder Cosmopolitan beleuchten die Faszination des männlichen Körpers in ausführlichen Texten; das entsprechende Bildmaterial spart den Beistrich in der Mitte aus. Magazine für eine männliche Zielgruppe haben es da leichter: Sie lassen zur Vermittlung weiblicher Erotik die Bilder sprechen, Schamdreieck inklusive.
Jahrhundertelang eingeübte Empfindungen zeigen sich auch in emanzipierten Zeiten als zählebig: Augensex bleibt – trotz der Enttabuisierung von Pornografie durch das Internet – eine Männerdomäne. „Das ist in einer Generation nicht wegzukriegen“, bemerkt die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat.
Unterwäsche- und Parfummarken werben mit muskulösen Männerkörpern, das Monument der Männlichkeit spart die Kamera in der Regel schamhaft aus. Und selbst wenn Zeitungen wochenlang über den Streit berichten, ob die Vorhaut von Buben aus religiösen Gründen beschnitten werden darf oder nicht, rufen die Redaktionen nicht beim Fotografen, sondern beim Illustrator an, der das Thema mit dem Zeichenstift entschärft. Igitt, ein Spatzi!
„Bilder von echten Penissen sind schwer zu finden“, befand unlängst das Zeit-Magazin und brachte den Unterschied zwischen Adam und Eva auf den Punkt: „Weibliche Nacktheit ist banal, männliche etwas Besonderes.“
Warum das so ist, darüber weiß Daniela Hammer-Tugendhat Bescheid, die an der Universität für angewandte Kunst unterrichtet und eine Pionierin feministischer Kunstgeschichte in Österreich ist: „Die männliche Sexualität wird seit der frühen Neuzeit aus dem Feld der Repräsentation ausgegrenzt.“ In der Aktmalerei ist die Hauptperson niemals dargestellt worden – der als Mann vorausgesetzte Betrachter vor dem Bild.
Jene, die sich am Anblick einer nackten Frau aufgeilen, bleiben unsichtbar. Die alten Museen sind voll von Bildern, auf denen es zur Sache geht. Während die Frauen dem Auge des Betrachters Schenkel und Brüste entgegenstrecken, fehlen die kopulierenden Männer.
„Frau ist Körper, Mann ist Geist. Sogar beim sexuellen Akt kann das so gedacht werden“, sagt Tugendhat. Die Männer nehmen die Gestalt von Tieren und Pflanzen an. Die Göttergeschichten der Antike lieferten Correggio & Co die Vorlage für diese merkwürdige Metamorphose.
Die verführenden und vergewaltigenden Götter, allen voran Göttervater Zeus, verwandeln sich in einen Schwan, ein anderes Mal in einen Goldregen. Die Bilder heißen nicht „Sex mit Jupiter“, sondern „Leda und der Schwan“ oder „Danae und der Goldregen“. Tauchen die männlichen Nackedeis dennoch einmal auf, sind sie Helden, die den Körper wie einen Panzer tragen. Der souveräne Mann triumphiert mit der Waffe des Blicks über das passive, triebgesteuerte Weib.
Auch wenn der Mann ins Bild rückt, hat er nicht dieselben Eigenschaften wie eine Frau. So wollten christliche Maler den Sohn Gottes als Erdenbürger darstellen, und welches Detail eignete sich dafür besser als der Penis.
In jeder katholischen Kirche hängen Bilder vom nackten Jesus, aber nur von jenen Situationen, in denen vom Sexualorgan keine Vertikalspannung zu erwarten ist. Die neuzeitlichen Künstler malten den nackten Jesus als Baby und dann wieder, nach seiner Kreuzigung, als Leichnam. So konnte Gott Fleisch werden – und dennoch sauber bleiben.
Olympionike mit Diskus, Dionysos mit Weinrebe: So kennt man die antiken Mustermänner, die in den Hochzeiten der Sehnsucht nach dem alten Athen die Bildprogramme der Künstler beherrschten. In der Renaissance und in der Zeit des Klassizismus um 1800 waren die überlieferten Zeugnisse alter Bildhauerkunst das Nonplusultra.
Auch ohne moralisierende Feigenblätter hatten die modernen Nachahmungen einen Pornofilter eingebaut. Die monochromen Materialien Marmor und Bronze verhinderten, dass die Werke in einen ordinären Naturalismus kippten.
Die geilen Jungs wurden zur zeitlosen Idee von edler Einfalt und stiller Größe abstrahiert. Die Kunstgeschichte lieferte die Argumente für die Umdeutung von Erotik zum Kunstwerk. Kunst hatte lediglich dem interesselosen Wohlgefallen zu dienen. „Im kunsthistorischen Diskurs muss das Begehren ausgeschlossen bleiben“, sagt Daniela Hammer-Tugendhat. So ignorierte die kunsthistorische Forschung etwa die Homosexualität Michelangelos.
Dessen berühmte Florentiner David-Figur trägt keine Steinschleuder, mit der er – laut biblischer Erzählung – den übermächtigen Goliath besiegte. Auch sonst ließ der Künstler alles weg, was den Ragazzo zur allegorischen Figur verrätseln könnte. Überliefert wurde die Skulptur dennoch nicht als Homokitsch, sondern als neoplatonistisches Idealbild der virtú, der Einheit von Denken und Handeln.
Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), einer der Ahnherren der Kunsthistorie, schwärmte von antiken Muskelformationen. Als der Vatikan begann, Pimmel mit Feigenblättern zu verhängen, verdammte er dies als Barbarei. „Dass sich darin schwules Begehren ausdrückt, ist klar. Aber das durfte nicht ausgesprochen werden“, sagt Tugendhat.
Schwulenbewegung und Feminismus haben die Machtbeziehung zwischen Betrachter und Objekt in Bewegung geraten lassen. Kein Sittenparagraph verbietet es mehr, die Bilder nackter Männer zu masturbatorischen Zwecken zu verwenden. Frauen stecken den strippenden Chippendales Geldscheine in den Stringtanga, stoßen in Chat-Cam-Foren auf männlichen Exhibitionismus.
Die Ausstellungen in Wien und Linz erzählen von einem gesellschaftlichen Fortschritt. Wie tragisch muss das Leben des Kärntner Expressionisten Anton Kolig (1886-1950) gewesen sein, der tausende Zeichnungen nackter Burschen anfertigte. Der katholische Maler war verheiratet, hatte fünf Kinder und verlangte von sich und den Seinen eiserne Disziplin. Einem Modell gestand er, „dass er beim Zeichnen über den menschlichen Körper streicht und streichelt wie eine Landschaft.“ Solche neurotischen Verrenkungen, die von der Kunstgeschichte zum sublimatorischen Akt verklärt werden, muss heute kein Künstler mehr machen. Ein Anruf bei einer sexualtherapeutischen Hotline würde sein Leid beenden.
Der nächste, museumspädagogische Schritt könnte sein, die Darstellung von Kindern – etwa in den Fotografien des Wilhelm von Gloeden (1856–1931) – nicht als Zeugnis der Befreiung, sondern als sexuellen Missbrauch zu vermitteln.
Von Gloeden fotografierte in der Gründerzeit in Sizilien einheimische Buben in antikisierenden Inszenierungen und verkaufte die homoerotischen Bilder an vermögende Kunden in ganz Europa; eine Auswahl davon ist im Leopold-Museum zu sehen.
Die Museen haben ohnehin noch viel zu tun, um ihre Sammlungskategorien den ethischen Standards der Gegenwart anzupassen. Jeder Rückgriff auf die Geschichte kann die Sünden vergangener Epochen zutage fördern.
Das Leopold-Museum adelt seine Fleischbeschau durch antike Skulpturen, etwa die Standfigur des altägyptischen Hofbeamten Snofrunefer, „des ältesten Nackten Wiens“, wie Tobias Natter augenzwinkernd erklärt. Die älteste unbekleidete Wienerin, die Venus von Willendorf, hat etliche tausend Jahre mehr auf dem Buckel.
Die Standorte der beiden Figuren sind der beste Beleg dafür, wie stark verankert der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Nacktheit in der symbolischen Ordnung des Westens ist. Die berühmte Venus befindet sich als Nachbarin von Affen und Korallen im Naturhistorischen Museum. Der alte Ägypter hingegen darf im Kunsthistorischen Museum zu Brueghel und Tizian hinüberblicken. Die Krone der Schöpfung bleibt unter sich. F