Im Westen geht die Sonne auf

Neuer Bahnhof, neue Fußgängerzone, neue High-Speed-Gleise und ein neues Stadtviertel: Wiens moderner Westen

Reisenden, die morgens vom Westen kommend in der Stadt eintreffen, bietet sich ein fantastischer Ausblick: Sonnenlicht fällt durch riesige Scheiben in die großzügige Bahnhofshalle. Davor ein weiter Platz, Menschen, die hektisch ihren Geschäften nachgehen, dazwischen dröhnend Autos, Lastwagen, Trambahnen; der Verkehr einer pulsierenden Metropole, die nie zu schlafen scheint. Und gleich neben dem Grand Café Westend auf der anderen Seite des Gürtels geht es weiter. An einem breiten Boulevard gelegen locken Kaufhäuser und Konsum. Guten Morgen, Wien. Aber es geht noch besser.

Jahrzehntelang wurde die Bahnstrecke Richtung Westen ausgebaut, in wenigen Wochen werden Hochgeschwindigkeitszüge durch die Landschaft flitzen. Die Frequenz derPendlerzüge auf der Westbahnstrecke wird erhöht, die Mariahilfer Straße wird Fußgängerzone, der Autoverkehr soll verdrängt und die Anrainer entlastet werden.

Einen kleinen Eindruck vom künftigen Pendlerglück konnte man bereits Anfang dieser Woche bekommen. Normalerweise legt der erste Schnee den Stadtverkehr lahm – vergangenen Montag gab es kaum Wirbel auf den Wiener Straßen. Viele Berufspendler, die aus dem Wienerwald ostwärts anreisen, dürften vorsichtshalber ihre Autos stehengelassen, Züge und öffentliche Verkehrsmittel benutzt haben. Zusätzlich zu jenen Pendlern, die wegen der Ausweitung der Wiener Parkpickerlzone schon seit ein paar Wochen nicht mehr mit dem Auto in die Hauptstadt fahren, weil sie keinen Parkplatz mehr finden in der Großstadt.

Schon bald könnte der Pendlerverkehr auf den Straßen überhaupt weniger werden. Zumindest wenn es nach der Bahn geht: Mit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember werden täglich ein Drittel mehr Züge auf der Weststrecke unterwegs sein und im Tullnerfeld ein neuer Überregionalbahnhof eröffnet (siehe Seite 35). Dazu geht die Neubaustrecke Wien–St. Pölten in Betrieb. Mit bis zu 230 Kilometern in der Stunde können hier dann die Züge brausen; die Fahrzeit zwischen Wien und St. Pölten verkürzt sich um 15 Minuten.

Wer dann mit dem schnellen Railjet zwischen der Bundes- und der Landeshauptstadt unterwegs ist, schafft die Strecke in 25 Minuten. Wer in Wien wohnt und mit der U-Bahn fährt, ist häufig sogar länger unterwegs. Die tägliche Zeitersparnis für Pendler, rechnet die Bahn vor, betrage 30 Minuten – hin und zurück jeweils eine Viertelstunde. Aufs Jahr gerechnet entspreche das drei Wochen Urlaub.

Weil es den Extraurlaub aber dann doch nur minutenweise gibt, verbringt man die geschenkte Zeit natürlich nicht am Strand, sondern zu Hause, in der Arbeit oder zum Beispiel im Shoppingcenter direkt unterm Westbahnhof. Die Bahnhofcity Wien West eröffnete vergangenen Winter und verbindet – über die Flächen der Wiener Linien – den Bahnhof mit der Shoppingmeile Mariahilfer Straße, eine der beiden großen Einkaufsstraßen Wiens. Tatsächlich definieren die neue ÖBB-Strecke, die schnellere Verbindungen ermöglicht, der neue Westbahnhof samt Einkaufszentrum, der Boom des 15. Bezirks direkt hinter dem Bahnhof, zahlreiche neue Hotels und Wohnanlagen und der geplante Umbau der Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone 2014 den Wiener Westen gänzlich neu.

Dabei waren Westbahn und Westachse immer schon entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Bereits vor der ersten Türkenbelagerung zählte die heutige Mariahilfer Straße zur wichtigsten Verbindung in den Westen. „Bayrische Landstraße“ hieß die Westaus- und -einfahrt durch damals noch eher ländliches Gebiet einmal. Ab 1663 war die Straße Poststraße, eine offizielle Transport- und Reiseroute. Gasthäuser und Unterkünfte siedelten sich am Handelsweg an, der Linienwall – entsprechend dem heutigen Gürtel – trennte die „innere“ von der „äußeren“ Hauptverkehrsachse. An dieser Grenze wurden damals Steuern eingehoben. Im Jahr 1826 wurde die Straße gepflastert, 1862 schließlich bekam sie den Namen, den sie bis heute trägt: Mariahilfer Straße. Oder wie Einheimische sagen: Mahü.

Nicht nur das Hufgetrappel der Fuhrwerke und Kutschen war einst auf der Mariahilfer Straße zu hören, ab 1869 gab es hier eine Pferdestraßenbahn und damit erstmals ein öffentliches Verkehrsmittel, später dann die Elektrische. Weil Kaiser Franz Joseph auf der Mariahilfer Straße zwischen Schloss Schönbrunn und Hofburg pendelte und den Monarchen angeblich der Anblick von Oberleitungen störte, wurden die Stromschienen für die Tram hier unterirdisch verlegt. Auf alten Aufnahmen sind tatsächlich keine Straßenbahnleitungen im Bild.

1858 wurde der Bahnhof der „k.k. privilegierte Kaiserin Elisabeth-Bahn“, einer Verbindung zwischen Wien und Linz, die der alten Route durch den Wienerwald und Richtung Westen folgte, feierlich eröffnet; damals noch außerhalb der Stadt gelegen. Der Kaiserin-Elisabeth-Bahnhof, Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach um- und ausgebaut, wurde kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs zerbombt, brannte aus und wurde wenige Jahre später abgerissen. An seiner Stelle entstand in den 1950er-Jahren jener Neubau, wie wir ihn bis heute kennen, entworfen von den Architekten Hartinger, Wöhnhart und Schlarbaum. Die beiden Gebäude, geplant vom Büro Neumann & Steiner, die den mittlerweile denkmalgeschützten Fifties-Bahnhof links und rechts flankieren, Büros, Restaurants und ein Hotel, sind erst jüngst entstanden, gemeinsam mit der Shoppingmall unter dem Bahnhofsgebäude und dem Platz davor.

Wien wächst in die Tiefe, nicht nur in die Höhe. Bis zum Bau der U-Bahn waren 52er- und 58er-Straßenbahn die wichtigsten Öffi-Linien auf der inneren Mariahilfer Straße – sie verbanden den Ring mit dem Wiener Westen.

Seit Eröffnung der U3 im Jahr 1993 verkehren die Linien nur noch ab Westbahnhof. Überhaupt brachte der U-Bahn-Bau ab Ende der 1980er-Jahre der einstmals pulsierenden Einkaufsstraße mit zahlreichen großen Traditionskaufhäusern wie Stafa, Herzmansky oder Gerngross, vielen kleinen Fachgeschäften, Cafés, Kinos und Restaurants Umsatzeinbußen. Und sorgte dafür, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hier zahlreiche Billigläden, sogenannte „Ungarnshops“ eröffneten, weil viele Geschäftsleute aufgaben. Zu der Zeit hieß die Mariahilfer Straße oft auch Magyarhilfer Straße.

Letztendlich war aber dann die U-Bahn ein wichtiger Motor dafür, dass die Straße immer beliebter wurde. Viele internationale Handelsketten, hauptsächlich Textilriesen, siedelten sich hier an, machten die Einkaufsstraße einerseits austauschbar, aber eben auch beliebter beim Publikum. So beliebt, dass den Benutzern der Straße immer weniger Raum bleibt. Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Lieferanten stehen hier im Stau und warten vor roten Ampeln, und der 13A, die wichtige Autobuslinie, kreuzt die Mariahilfer Straße, kommt oft nur stockend voran.

Eine Lösung soll nun die gezielte Verdrängung von Autos auf zumindest einem Teil der Mariahilfer Straße bringen und auch auf die kleineren Wohnstraßen von Neubau und Mariahilf Auswirkung haben. 2014,
so verkündeten es jüngst die zuständige grüne Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou und die roten und grünen Chefs der betroffenen Bezirke, werde die Mariahilfer
Straße Fußgänger- und Radfahrzone sein. Nach aktuellem Stand soll es einen knapp 400 Meter langen, komplett autofreien Kernbereich zwischen Andreas- und Kirchengasse geben. Die restliche „Fuzo“, die zwischen dem Kaufhaus Stafa und Möbel Leiner geplant ist, sollen zumindest die Anrainer auf dem Weg zu ihren Garagen befahren dürfen. Ansonsten gibt es hier nur Passanten, Radler und die Autobusse der Linie 13A, die auf einer eigens markierten Spur unterwegs sein werden. Und den Lieferverkehr natürlich, aber nur zu festgelegten Zeiten.

Fehlt nur noch, dass die Mahü-Fußgängerzone direkt beim Westbahnhof beginnt und bis zum Ring führt. Allerdings lässt sich der Gürtel nicht so einfach überwinden. Und wer zu Fuß direkt von der Bahnhofcity in die echte Stadt gelangen möchte, kann das ja unterirdisch. Vielleicht verbringt man die gesparte Fahrzeit ja im wunderbaren Café Westend, jenem Lokal, in dem sich Wegfahren und Ankommen aufs Trefflichste verbinden. Für die einen ist hier der Westen zu Ende. Für andere fängt er erst an. F

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