Als ob die Ohren Augen wären

Mit seinem Label ECM hat Manfred Eicher seit über 40 Jahren Erfolg - obwohl er nur aufnimmt, was er für gut und wichtig hält. Nun wird ECM von einer Schau im Münchner Haus der Kunst gewürdigt.

Was hat der Marathonmann des Jazzpianos, Keith Jarrett, mit der Vokalartistin Meredith Monk zu tun? Worin besteht die musikalische Schnittmenge des romantischen Jazzrock von Return to Forever und des urbanen Tribalismus des Art Ensemble of Chicago? Was verbindet die Klangforschungen des britischen Saxofon-Extremisten Evan Parker mit dem neosakralen Melos des Esten Arvo Pärt?

Wie hängen Eleni Karaindrous Soundtracks für die Filme von Theo Angelopoulos mit den späten Gedichten Friedrich Hölderlins zusammen? Und wo drücken sich der spröde Kinodenker Jean-Luc Godard und der elegische Schöntöner Jan Garbarek die Klinke in die Hand?

Es gibt wohl nur einen einzigen Ort, an dem die genannten und noch sehr viele andere, ähnlich unterschiedliche Linien schlüssig zusammenlaufen – den Kopf von Manfred Eicher.

Der Kopf von Manfred Eicher befindet sich zwischen zwei Ohren, die seit über 40 Jahren die Entwicklung der zeitgenössischen Musik aufmerksam registrieren und zum Teil sogar mitbestimmen. Begonnen hat alles 1969, als Eicher beschloss, die Seite zu wechseln, wie er sich 43 Jahre später erinnert: „Ich habe mich dazu entschieden, dass ich kein frustrierter Bassspieler sein will, der ab und zu Platten produziert, sondern mein ganzes ästhetisches und musikalisches Denken darauf zu richten, andere Musiker so gut klingen zu lassen, wie es aus meiner Sicht möglich ist.“

Gemeinsam mit dem Münchner Geschäftsmann Karl Egger gründete der damals 26-Jährige die Edition Zeitgenössischer Musik GmbH – Edition of Contemporary Music. Unter dem Akronym ECM wurde das sehr schnell internationale Beachtung und Bedeutung erlangende Label zu einem Epizentrum für zeitgenössischen Jazz, der auch auf Konserve aufregend klang und nicht so, als wäre ein Klubkonzert im Souterrain aus einem Goldfischglas im Stock darüber aufgenommen worden.

Im Laufe der Jahre wurde der „ECM-Sound“ zu einem vielbeschworenen Begriff. Was den Fans als unerreichtes Musterbeispiel klanglicher Klarheit gilt, wird von Skeptikern als prätentiöse klangästhetische Affektiertheit benörgelt.

Wer vom „ECM-Sound“ spricht, meint meist die von Toningenieur Jan Erik Kongshaug betreuten Aufnahmen in den Rainbow Studios in Oslo. Eine viel zu eindimensionale Wahrnehmung, wie Eicher findet: „Manche machen daraus einen Mythos oder ein Klischee. Es ist ja nicht nur Jan Erik, es sind insgesamt fünf oder sechs Tonmeister, mit denen ich in all den Jahren immer wieder zusammengearbeitet habe. Und ich weiß ganz genau, welchen Ingenieur ich für welche Aufnahme brauche.“

Ähnliches gilt für den Aufnahmeort, der ebenfalls der jeweiligen Musik entsprechen muss: „Es ist gut, wenn man vom Raum inspiriert wird – ob das nun das Radiostudio in Zürich mit seiner wunderbaren Holztäfelung ist oder eine Kirche in Estland, die an sich schon eine Inspirationsquelle für die Musik von Arvo Pärt darstellt.“

Aufnahmen in seiner Heimatstadt München meidet der Produzent – zu viel Alltag, zu viel Ablenkung. Gleich nach dem Gespräch mit dem Falter muss Eicher mit dem Taxi zum Flughafen; am nächsten Tag stehen Aufnahmen in Lugano an: „Man hat alle Musiker konzertmäßig im selben Raum mit einer schönen Resonanz. Dort gibt es noch ein echtes Pianissimo, wohingegen im Studio mit den ganzen Kopfhörern alles beim Mezzoforte beginnt. Durch diese Aufnahmesituation reift wieder eine neue Kammermusik im Jazz heran.“

Klarheit, Transparenz, Leuchtkraft … Es ist kein Zufall, dass immer wieder versucht wurde, das Klangbild von ECM mit visuellen Metaphern zu beschreiben. In „Sounds and Silence“ (2011), einem schönen Doku-Roadmovie der Schweizer Filmemacher Peter Guyer und Norbert Wiedmer, spricht Eicher vom „Leuchten des Klangs“, das für ihn stets eine Maxime gewesen sei; und der Edition von Jarretts „Sun Bear Concerts“ hat er ein Zitat von Gertrude Stein als Motto mitgegeben: „Think of your ears as eyes.“ Und im Interview vergleicht er die Zusammenarbeit des Produzenten mit seinem Toningenieur mit der zwischen Regisseur und Kameramann: Bergman und Sven Nykvist, Truffaut und Néstor Almendros, Godard und Raoul Coutard – in etwa so habe man sich das vorzustellen.

Neben der Musik war es vor allem das Kino, das Eicher geprägt hat: „Als ich in Berlin studiert habe, lag die Musikhochschule auf der einen Seite der Hardenbergstraße und auf der anderen das Kino am Steinplatz. Dort bin ich abends, nachdem ich acht Stunden Bass gespielt hatte, hingegangen und habe Eindrücke gewonnen, die für die Musik und mich sehr wichtig waren. Das passte beides sehr gut zusammen.“

Jean-Luc Godard, dessen Filme er damals gesehen hat, ist zu einer der wichtigsten Bezugspersonen im künstlerischen Universum des Manfred Eicher geworden. Immer wieder tauchen Stills aus dessen Filmen auf den Covern von ECM-Alben auf, so wie umgekehrt die Musik von ECM in den Filmen von Godard zu hören ist. Der Frankoschweizer Regisseur hat sozusagen Carte blanche: „Es gibt einige Autoren, die sollen sich so bedienen können, wie es für ihre Arbeit wichtig ist – und zu denen gehört Godard.“ Und wie ist das mit dem Copyright? „Das klären wir schon ab. Aber ich setze mich dafür ein, dass jeder Musiker zustimmt.“

Mit Godard pflegt Eicher seit vielen Jahren einen intensiven Austausch. Man schickt einander CDs beziehungsweise Drehbücher, sitzt hin und wieder auch gemeinsam am Schneidetisch. „Wenn ich sehe, wie er den Schnitt gestaltet, seine Geräusche und Musiken zusammenfügt, dann empfinde ich das als sehr ähnlich zu meiner Tätigkeit. Als ich selbst einen Film gemacht habe (‚Holozän‘ 1992, Red.), fühlte ich mich auch dort zu Hause, weil es ja doch eine Sache des Rhythmus ist, des Ein- und Ausatmens.“

Die Zusammenarbeit mit Godard hat Eicher zu seinem wohl unkonventionellsten und kühnsten Projekt inspiriert: die Veröffentlichung von Godards Film „Nouvelle Vague“ – als reine Tonspur, ohne Bilder; die liner notes zu dem Soundtrack stammen von der blinden Godard-Enthusiastin Claire Bartoli.

Riskante Wege hat ECM im Laufe seiner Geschichte nicht wenige beschritten. 1974, also ein Jahr, bevor Keith Jarrett mit seinem legendären Köln Concert zum internationalen Superstar werden sollte, entschied sich Manfred Eicher dazu, zwei im Jahr davor eingespielte Konzerte des jungen Pianisten auf drei Schallplatten herauszubringen: „Solo Concerts Bremen/Lausanne“.

Der heute 93-jährige George Avakian, der nicht nur Keith Jarrett gemanagt, sondern sich als Produzent von Miles Davis und Dave Brubeck bei Columbia Legendenstatus erworben hatte, riet ihm ganz entschieden ab, wie sich Eicher erinnert: „Er hat mich gefragt: ,Wer will denn drei Soloplatten mit improvisierter Musik hören?!‘ Worauf ich ihm geantwortet habe: ,Ich‘ – und mir dachte: jetzt erst recht!“

In einer Zeit, in der die Hiobsbotschaften über die Tonträgerindustrie im Stundentakt rausgehen, lesen sich solche Sätze wie Märchen aus vorhistorischen Zeiten. Von allen unbestrittenen Verdiensten und Talenten einmal abgesehen, hatte Eicher wohl das Glück, als richtiger Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

1969 war gefühlte Jahrhunderte entfernt vor MP3 und Internet und eine Schallplatte eine kostbare Rarität, vor allem wenn sie aus Übersee kam. Der Münchner Schallplattenversand Jazz by Post, mit dem auch ECM in seinen Gründungsjahren arbeitete, spielte eine kaum zu unterschätzende Rolle – nicht nur als Vertriebs-, sondern auch als Informationskanal.

Schon die erste Veröffentlichung, „Free at Last“, war ein Erfolg. Eingespielt hatte sie der damals in München lebende Pianist Mal Waldron, der Billie Holiday begleitet und mit Charles Mingus und Eric Dolphy zusammengespielt hatte. „Wir haben günstig produziert, und die Kosten haben sich schneller amortisiert, als wir dachten“, erinnert sich Eicher, der mit den 16.000 Mark, die er sich von ECM-Co-Gründer Karl Egger hatte vorschießen lassen, die ersten vier Produktionen bestreiten konnte.

Mit Alben des kanadischen Pianisten Paul Bley oder den ersten Soloaufnahmen von Chick Corea ließ sich echtes Geld verdienen. Die erste Return-to-Forever-Platte, die von Eicher angeregte Kooperation Chick Coreas mit dem Vibrafonisten Gary Burton („Crystal Silence“) und dann natürlich Jarretts „Köln Concert“, das nicht nur geschlechtliche Aktivitäten in tausenden WGs begleitete, sondern überhaupt zum meistverkauften Soloalbum des Jazz avancierte, wuchsen sich zu Bestsellern aus.

Den rhapsodischen Fluten des Köln Concert mag man sich heute vielleicht nicht mehr bedingungslos überantworten. Und nicht jedes ECM-Album (siehe auch „Neue Platten“ auf Seite 34) ist ein Meilenstein der Musikgeschichte. Unter den Veröffentlichungen finden sich auch solche, die mehr zum esoterischen Kitsch neigen, als dass sie poetische Funken schlügen. Kommerzielles Kalkül aber, so beteuert der bekennende Radiohead-Fan Eicher glaubhaft, stand nie dahinter: „Ich treffe meine Entscheidungen als Musiker. Ich habe noch nie einen Businessplan gehabt oder über Marketing nachdenken müssen. Wichtig ist, dass man eine gute Platte hat, von der man überzeugt ist – dann findet sich auch der Weg zum Publikum. Durch meine Geduld beim Zuhören habe ich allerdings auch die Fähigkeit entwickelt, mit Musikern oder Schallplattenfirmen verhandeln zu können.“

Was heute weltfremd, stur, ja fast arrogant klingt, beschert ECM seit der Gründung schwarze Zahlen. Noch die riskantesten Projekte – etwa die Box mit den zehn LPs von Jarretts „Sun Bear Concerts“ (1976) – erwiesen sich à la longue auch wirtschaftlich als erfolgreich.

„ECM. Eine kulturelle Archäologie“ titelt die Schau, die noch bis zum 10. Februar im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist. Die vom Hausherrn Okwui Enwezor persönlich kuratierte Ausstellung präsentiert neben Hörbeispielen, Fotos und Filmen naturgemäß auch die Cover von ECM, die in den Anfangsjahren vor allem von der Künstlerin Barbara Wojirsch gestaltet wurden.

„Die Abstimmung von Musik und visueller Anmutung war mir von Anfang an sehr wichtig“, bekennt Eicher. Er sieht auch einen Zusammenhang zwischen dem, was er selbst ganz klar als „Inhalt“ und „Hülle“ unterscheidet: „Ich denke schon, dass das eher leise Auftreten und die abstrakte Zeichensprache von Anfang an sehr gut miteinander in Verbindung traten. Ich selber war immer sehr beeinflusst von Cy Twombly und Antoni Tàpies, und da passte es mir ganz gut, das Barbara Wojirsch auch aus dieser Richtung kam.“

Das eindrucksvollste Exponat der Ausstellung ist freilich ein anderes: eine ganze Ausstellungswand, vollgestellt mit den Mastertapes von ECM. Alles, was sich im Münchner Archiv befand, also geschätzt die Hälfte der über 1500 Produktionen, wurde hierhergekarrt und aufgebaut.

Das Unglaubliche daran: Es handelt sich nicht nur um die Originalschachteln, sie enthalten auch die Originalbänder: „Es wäre zu kompliziert gewesen, die alle auszutauschen. Also habe ich gedacht: Die lassen wir alle drin, die werden ja wohl sicher sein.“

Man kann nachvollziehen, dass sogar der – in schöner Korrespondenz zu seiner auch musikalisch manifesten Vorliebe für Skandinavien – stets etwas distanziert wirkende Eicher beim Anblick von so viel Karton und Magnetband gewordener Geschichte ein wenig emotional wird: „Als ich die alten Handschriften von den verschiedenen Tonleuten und Musikern gesehen habe, hat mich das schon ein bisschen nachdenklich gemacht und beeindruckt.“

Dem Bild vom besessenen Soundtüftler, das sich viele von ihm machen, entspricht Eicher nicht. Der lässt sich nämlich erstaunlicherweise von seinen Gefühlen leiten: „Es ist für mich emotional wichtig, von irgendetwas angezogen zu sein. Das kann eine Pause sein, ein Geräusch, das aus einem unscheinbaren Eck kommt, oder eine Melodie – es gibt da kein Konzept. Ich versuche, die Musik für den Endschnitt so zu gestalten, dass man sie immer wieder hören möchte.“

Während für Aufnahmesessions in der Regel drei bis vier Tage angesetzt sind, dauert die Phase der Postproduktion wesentlich länger. Aber auch hier geht es nicht so sehr um den perfekten Klang oder darum, die technischen Möglichkeiten bis in die letzten Bits and Bytes auszunutzen: „Ich bin kein Freund des Digitalen. Man sollte sehr viel mehr darüber nachdenken, warum man schneidet, statt immer alles am Mischpult auszuprobieren, um dann am Ende vielleicht eine korrekte Fassung zu haben. Korrekt interessiert mich nicht. Mich interessiert das, was noch ein Geheimnis birgt und vielleicht auch einen Fehler zulässt.“

Am liebsten denkt Eicher über die Abfolge der Stücke nach: „Ich höre mir die Musik immer wieder an. Es macht mir große Freude, in die Musik noch einmal richtig einzutauchen, nachdem man sie ein paar Wochen nicht gehört hat. Diese Distanz braucht man auch. Aber beim Wiederhören merkt man dann, wohin die Reise gehen soll. Dann geht es sehr schnell: Eines Morgens gehe ich ins Studio und weiß genau, wie ich es gestalte.“

Seit 43 Jahren dauert diese Reise nun schon an. Und wie andere berühmte Vertreter seiner Generation befindet sich Eicher, der im nächsten Juli seinen 70. Geburtstag begeht und sein handkeeskes Styling seit den 60er-Jahren nicht mehr geändert hat, offenbar auf einer Never-Ending Tour. Mit Bob Dylan kann man ihm da nur wünschen: „Keep on keeping on!“ F

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