Der Kerzenschein spiegelt sich in den Augen der aufgeregten Kinder wider. Unter dem festlich geschmückten Tannenbaum stapeln sich die Geschenke. Alles glitzert, alles glänzt, und ist er nicht niedlich, der Knabe im lockigen Haar? In der Krippe liegt das Jesuskind, umsorgt von seiner Mutter Maria und Josef, den wir hier der Einfachheit halber Vater nennen. Aus der Küche zieht der Duft einer gebratenen Gans in die gute Stube. Und jetzt alle: „Sti-hi-lle Nacht, Hei-lig-ge Nacht …“
Es wäre ja so einfach: Eine Familie trifft sich, um gut zu essen und zu trinken. Die Kinder dürfen länger aufbleiben, und jeder schenkt dem anderen etwas, als Zeichen dafür, dass er ihn lieb hat und dankbar ist. Und Friede den Menschen auf Erden!
Aber es ist alles nicht so einfach. Der Tannenbaum wurde diesmal nicht gefällt, sondern steht in einem mit Erde gefüllten Topf. Damit er nicht stirbt, darf kein Lametta drauf. Dafür enthält das Geschenkpapier ungesunde Farbstoffe und landet später im Müll. So eine Vergeudung. In den Spritzkerzen ist giftiges Bariumnitrat enthalten. Aufgepasst!
Den Kindern hat man erzählt, dass das Christkind Geschenke bringt, wenn sie brav im Kindergarten gewesen sind. Angst als Erziehungsmittel? Böse, böse! Nach der Scheidung der Eltern feiert die Mutter heuer mit dem neuen Partner und dessen Kindern. Weihnachten ohne Mama, so ein Jammer! Opa wäre gerne gekommen, um mitzufeiern. In Patchworkfamilien stellt sich die Frage: Opa eins, zwei oder drei?
Das Weihnachtsfest galt als Fest des Friedens und der Eintracht. Dem aufmerksamen Beobachter kann aber nicht entgehen, dass Weihnachten eher eine Hochzeit der Negation als der Bejahung ist. Die frühen Christen zelebrierten nicht den – im übrigen historisch nicht datierbaren – Geburtstag von Jesus Christus, sondern die Zeit seines Martyriums, das Osterfest, als den Höhepunkt des Jahres.
Kreuzweg Advent
Der Tod des Gottessohns versprach die Erlösung, nicht seine Geburt. Heute weiß man: Drei Tage am Kreuz sind nichts im Vergleich zum Kreuzweg Advent mit 24. Dezember als Golgota. Weihnachten ist der Karfreitag des Konsumbürgers. Im Bestreben, alles richtig zu machen, stirbt er tausend Tode.
Weihnachtsamnestien bringen Straftätern eine vorzeitige Entlassung; nicht so bei denen, die das Gitter im Kopf haben. Draußen in der Wahlfreiheit macht das schlechte Gewissen Gefangene, kettet sie an vegane Christstollen und Schenkzwangverweigerung.
Überliefert ist der Weihnachtsfrieden in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, als die Granatmörser schwiegen und die gegnerischen Soldaten untereinander Schnaps und Kuchen austauschten. Aktuelle Schlachtenbilder über die stille Zeit zeichnen ein anderes Bild: Im Verdun der Weihnachtskritik gibt es keine Feuerpause.
Der innere Umweltpolizist schlägt Alarm, er verweist auf die schlechten Arbeitsbedingungen georgischer Tannensamenpflücker. Die weißen Weihnachten schmelzen zur Kindheitserinnerung; die Erderwärmung schreitet voran – durch unsere Flugreisen, unser Auto und unsere Heizpilze. Unsere Gans wurde gestopft und gerupft; wir Mörder! Pädagogik, Psychologie, Ökologie und Ökonomie: Die transdisziplinäre Selbstbefragung ritzt Sorgenfalten in die Stirn der Feiernden. Währenddessen schwillt der Kalorientsunami an, der die Reste guter Laune wegspülen wird.
Vom Weihnachtsgepäck bis zum alkoholreichen Punsch, vom Karpfen auf dem Festtisch bis zu den Abfütterungen bei den nachweihnachtlichen Verwandtenbesuchen reichen die Angriffe auf das jahrein, jahraus erarbeitete Idealgewicht.
Was früher Fasten war, ist heute Schlemmen – eine Qual. „Der alljährliche Geschenkehorror und die drohende Kalorienfalle lassen Depressionen aufkommen“, warnen die Ethnologen des Österreichischen Museums für Volkskunde.
Längst hat auch dieser Hort nationaler Brauchtumspflege die Phase der Selbstaufklärung durchlaufen und seine Krippensammlung kritisch hinterfragt. „Ist Weihnachten ökologisch korrekt?“, „Geht es auch ohne Geschenke?“ sind zwei Kapitel der aktuellen Ausstellung im Gartenpalais Schönborn zum Thema Weihnachten.
Schuld an der Misere sind die 68er, wie bei allem, was den inneren Bürgerkrieg über das richtige Leben betrifft. Sie haben die Familienidylle als faulen, bürgerlichen Zauber entlarvt. Ihre Enkel in den luxussanierten Altbaubezirken leben nun zwischen Möbeln aus recycelten Fensterrahmen, achten beim Karpfenkauf auf das Biozertifikat. Dem Bild der glücklich lächelnden Konsummade hielten die Apo-Opis das Foto des hungernden Kinds aus Afrika entgegen. Macht kaputt, was euch glücklich macht!
Die Umweltschutzpioniere legten mit ihrer Konsumkritik das Fundament für die heutige Warendiversifizierung, deren Pole das billige Chinaprodukt und das handgeschnitzte Spielzeug aus dem Waldviertel bilden. Die gesellschaftliche Rangordnung überstand diesen Marktstandlaufstand schadlos: Die breite, noch immer nicht befreite Masse gibt sich dem schamlosen Konsum billigen Glühweins hin.
Die Umkehrunwilligen kotzen auf Weihnachsmärkten die asiatischen Nudeln ins Gebüsch und beglücken die Kinder mit pädagogisch wertlosen Elektronikgeräten. Ihnen gilt der Spott der postmaterialistischen Lebensreformer, die ihre Kekse mit dem Piment moralischer Überlegenheit würzen.
Geschenktes Nichts
Sie haben die Mär vom besseren Geschenk Zeit in die Welt gesetzt, das eine besonders gefinkelte Form der Weihnachtsverweigerung darstellt. Sie sagen: „Diesmal schenke ich dir Zeit.“ Dieser wohlmeinende Nihilismus lässt sich nur durch eine Widmung toppen: „Heuer bekommst du von mir etwas ganz Besonderes – nichts.“
In der dritten Generation wird der Weihnachtsmann – der Mann mit weißem Bart aus der Coca-Cola-Werbung – als US-imperialistischer Angriff auf das urige Christkindl abgewehrt, die eigene Rückkehr zu Karpfen und Christmette indes als neobiedermeierliche Verspießerung gebrandmarkt. Allerdings nur von jenen, die wissen, dass der Christbaum eine Erfindung nachnapoleonischer Empfindsamkeit ist. Die anderen finden Geiz und Konsum geil und bleiben dort, wo es immer schon etwas dreckiger, korrupter und lustiger zuging – unten.
Wo die Reifen der Kritik heiß werden und einen etwas beißenden Geruch verbreiten, kommt die bildende Kunst zu ihrem Recht auf Intervention. Eine Hochburg der dekonstruierenden und reflektierenden Interventionitis ist das Museum Belvedere, das den notorischen Baum mit den bunten Kugeln aus dem Foyer verbannt und durch Eingriffe zeitgenössischer Künstler ersetzt hat.
Einer fleischfarbenen, phalloiden Säule der Gruppe Gelatin folgte im letzten Jahr eine Bauminterpretation von Fabian Seiz; die Pflanze hing kopfüber von der Decke. Er sei kein weihnachtsaffiner Mensch, sondern Atheist, betonte der Künstler. Auch die Intervention 2012 von Eva Grubinger verzichtet auf Schmuck, der schmückt.
Schwarze Mette
Die Berliner Künstlerin hängte eine einzige, riesige Christbaumkugel in die barocke Sala terrena und wählte dafür jene Farbe, die am weitesten von dem heiligen Geburtstag und seiner Hoffnungsmetaphorik entfernt ist – das Karfreitagsschwarz.
Es versteht sich von selbst, dass der Betrachter nicht zu andächtiger Versenkung, sondern zu kritischer Anstrengung aufgerufen wird. Es heißt, die glänzende Oberfläche reflektiere sowohl die architektonische Umgebung als auch den Besucher selbst. All diese Gesten des Auf-den-Kopf-Stellens, des Pervertierens und Hinterfragens richten sich gegen einen längst schon aufgeklärten Aberglauben.
Beim Geschäft mit dem Fest gibt es dann aber doch eine Amnestie von der Negation. „Kombinieren Sie Ihren Museumsbesuch mit einem duftend-heißen Punsch im stimmungsvollen Weihnachtsdorf Schloss Belvedere“, wirbt das Museum, diesmal eher affirmativ.
Gibt es denn gar keine Auferstehung aus dem Jammertal der Critical Christ-Mass, eine aufhebende, frohlockende Negation der Negation?
Vielleicht ist die Subversion ein probateres Mittel gegen Christmas-Kater als die schiere Ablehnung. So wurden in der Feierbiografie des Autors jene Weihnachtsabende Legende, die der zu absolvierenden Pflicht im Familienkreis noch eine Kür in Form eines nächtlichen Lokalbesuchs folgen ließ. Man traf sich zu später Stunde, lästerte über die Qual der vergangenen Stunden und hob den Krug zum Prosit auf die andere, wahre Auferstehung.
Freilich scheint auch diese ironische Form der Stillen Nacht in die Phase ihrer Marktförmigkeit eingetreten zu sein. Augenzwinkernde Adventrituale heißen „Wicked X-mas“ oder „Holy Shit Shopping“. Finger weg!
Erlösung für jeden Tag
Was bleibt dem gottlosen, an der Erlösung im Diesseits arbeitenden Bürger dann noch übrig? Wie kann er dem durch Bratenduft, Glöckchenbimmeln und Lamettaglanz ausgelösten Tanz der Spiegelneuronen – trotz allem – huldigen?
Ganz einfach: Der gläubige Ungläubige muss den Spagat zwischen Exzess und Askese behutsam üben, den Wechsel aus Peitschenhieb und Plätzchen schön gleichmäßig aufs ganze Jahr verteilen. Die Arbeit am besseren Leben durch ein edleres Selbst kennt keinen Feierabend. Dann grünt der Christbaum, dann bleiben die Gänse am Leben, entsteht aus Zeit Gemeinschaft und der Winter wird wieder weiß. Dann ist jeden Tag Weihnachten. F