“Der Tod ist hinterhältig”

Die gebürtige Grazerin Eva Jantschitsch ist als Gustav eine Größe des heimischen Pop. Das große Interview zum Jahresende über das richtige Leben im falschen, den Verzicht auf Fleisch, degradierende Modestrecken und was passiert, wenn man alles absagt

von Tiz Schaffer | aus FALTER 51/12   

Das Ende des Jahres naht, aber müde sei sie nicht, sagt Eva Jantschitsch, als der Falter sie zum Gespräch im Wiener Café Weidinger trifft, ihrem Stammlokal am Lerchenfelder Gürtel. Ganz im Gegenteil, die Kälte mache sie eher frisch.

Mit ihrem Pop-Projekt Gustav hat es Jantschitsch in den letzten Jahren nicht nur zum Liebkind des österreichischen Feuilletons gebracht. Ihr erstes Album „Rettet die Wale“ (2004) traf zweifellos einen Nerv der Zeit, anlässlich ihres zweiten Albums „Verlass die Stadt“ (2008) stellte Die Zeit trocken fest: „Sie kann gut denken, gut singen, gut produzieren und gut aussehen.“ Mit zwei Alben also, mit Songs, die über politisches Rückgrat verfügen, konnte Gustav sich nachhaltig als Popkünstlerin etablieren. Ihre Elektro-Chansons sind oft mit bewusster Naivität inszeniert, deuten eine hinterhältige Schlagerseligkeit in Richtung Avant-Pop und offenbaren sich trotz Subtilität gerne bitterböse.

Auch wenn viele schon gespannt auf das nächste Gustav-Album warten, das 2013 erscheinen wird, ist in letzter Zeit einiges passiert im Leben der Künstlerin. Heuer hat die Multi-Instrumentalistin Musik für eine Burgtheater-Inszenierung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ wie auch die Filmmusik zu Florian Flickers „Grenzgänger“ gemacht. Zuletzt war sie in der Doku „Oh Yeah, She Performs“ zu sehen, einem Film von Mirjam Unger, der die Frauen-Acts Gustav, Clara Luzia, Luise Pop und Teresa Rotschopf begleitet hat, der Streifen lief unlängst in den heimischen Kinos.

Falter: Frau Jantschitsch, das Weihnachtsfest steht vor der Tür, ein kritischer Geist hat ja mitunter seine Probleme mit scheinbaren Idyllen wie dieser. Wie geht es Ihnen damit?

Eva Jantschitsch: Ich mag Weihnachten. Der christliche Hintergrund interessiert mich dabei aber weniger als die Musik, die ich dann hören darf. Ich stehe ja auf nostalgische Weihnachtsmusik, etwa Bing Crosby oder Frank Sinatra.

Haben Sie Vorsätze fürs neue Jahr?

Jantschitsch: Vorsätze fasse ich unter dem Jahr.

Vor dem Gespräch meinten Sie noch, das Rauchen wollen Sie nicht aufgeben. Gibt es andere Vorsätze?

Jantschitsch: Ich habe mir vorgenommen, nur mehr selten Fleisch zu essen. Ich bin gerade am Studieren vegetarischer Kochrezepte.

Die üblichen Beweggründe?

Jantschitsch: Ja, der klassische Fall: Man sieht wieder einmal eine dieser Dokus, die einem vor Augen führen, wie pervers die Maßnahmen sind, damit wir das Fleisch so billig kaufen können.

Sie haben in den letzten zwei Jahren zwei Kinder zur Welt gebracht. Hat sich Ihre Sichtweise auf das Leben dadurch verändert?

Jantschitsch: Nein, absolut nicht.

Warum haben Sie Ihre Karriere als Ich-AG begonnen?

Jantschitsch: Weil ich mir gewisse Fähigkeiten aneignen wollte. Man muss einmal alles durchspielen, damit man weiß, was man abgeben kann. Ich wollte herausfinden, was meine eigene künstlerische Sprache ist und wie weit meine technischen Fertigkeiten es zulassen, mich optimal zu äußern.

Man muss ja nicht alles können. Oder geht es um feministische Selbstermächtigung?

Jantschitsch: In meinem Fall ist das sicher auch aus dieser Perspektive zu betrachten. Es gibt Leute, die wollen gar nicht alles im Alleingang durchziehen, weil man ja auch viel Zeit mit irgendwelchen Details vergeudet.

Sie wurden von Ihrem Vater, der sich einen Sohn wünschte, als kleines Kind Gustav genannt, was Sie erst viel später erfahren haben. Ist das nicht auch traurig?

Jantschitsch: Nein, überhaupt nicht. Es ist mir auch entgegengekommen, weil ich gerade auf der Suche nach einem Künstlernamen war, der eben die eigene Identität ein wenig infrage stellt. Ich wurde auch in Röcken erzogen und musste nicht in den Eishockeyverein.

Sie haben einmal erklärt, der Künstlername Gustav ist „der Versuch einer Neutralisierung der sexuellen Identität“. Warum war das wichtig?

Jantschitsch: Damals war es für mich wichtig, weil ich aus einem Bandprojekt kam. Und da man sich von einer männlichen Dominanz emanzipiert, habe ich mir diese Hülle übergestülpt, um damit zu irritieren. Wenn ich etwa an Orten spiele, wo meine Musik nicht bekannt ist, dann werden die männlichen Teammitglieder stets mit technischen Fragen adressiert.

Was war das Schlimmste, das Ihnen in dieser Hinsicht passiert ist?

Jantschitsch: Ich bin bei einem queer-feministischen Festival aufgetreten. Nach dem Konzert, es war ein Solokonzert, haben mich die Veranstalterinnen tatsächlich gefragt, ob ich die Musik selber mache oder ein Produzent. Das hätte ich mir in diesem Kontext nicht erwartet.

Sehen Sie das dann einer gesellschaftlichen Verfasstheit geschuldet, oder kränkt es Sie persönlich?

Jantschitsch: Das eine schließt das andere nicht aus. Ich weiß es zu reflektieren, aber gleichzeitig hindert mich das nicht daran, trotzig zu reagieren.

Sind Sie öfters trotzig, ein Mensch mit vielen Attitüden?

Jantschitsch: Ich würde sagen, ich bin relativ umgänglich. Wenn es um Performance geht, um eine Präsenz, die man in gewissen Zusammenhängen erlangen sollte, dann ist es nicht von Nachteil, gewisse Attitüden zu haben.

2005 haben Sie bei der Verleihung des Amadeus-Award als Dankesrede schlicht die deutsche Band Tocotronic zitiert: „Aber hier leben, nein danke.“ Um bei Tocotronic zu bleiben – was halten Sie von „Sag alles ab“?

Jantschitsch: Ich habe das lange Zeit auch so gehandhabt. Auf Dauer ist das aber schwierig, weil der Handlungsspielraum kleiner wird.

Sie haben sich also richtig entzogen?

Jantschitsch: Ja, es hat eine Zeit gegeben, wo ich irrsinnig viel abgesagt habe, weil es überhaupt nicht dem entsprach, was Gustav will. Wo es immer heißt, im Managersprech, das muss man machen, sonst geht nichts weiter. Man muss sich aber dem nicht unterwerfen, damit ein Projekt funktioniert oder man auftreten kann. Nur vergibt man sich bis zu einem gewissen Grad auch künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Wenn ich mich etwa dafür entscheide, nur in kleinen Clubs zu spielen, dann habe ich auch nur die Mittel, die Clubs zur Verfügung stellen. Mich hat aber zunehmend interessiert, wie das ist, wenn man auch andere, größere Orte bespielt. Was einem da begegnet, ist spannend.

So haben Sie sich etwa für ein Projekt bei den Salzburger Festspielen mit dem Schauspielstar Ben Becker zusammengetan. Sie haben Songs geschrieben, zu denen Sie „Faust“ inspiriert hatte, Becker hat gesungen. War diese Zusammenarbeit Ihr Wunsch?

Jantschitsch: Ich wurde nach Kooperationswünschen gefragt, leider haben sie sich nicht erfüllen lassen. Dann wurde vonseiten der Festspiele wenige Tage vor der Geburt meines ersten Kindes Becker ins Spiel gebracht – und ich war randvoll mit Oxytocin. Aber es war letzten Endes eine skurrile wie lustige Begegnung und Zusammenarbeit. Kurz vor der Zugabe etwa meinte Ben, aber jetzt geben wir richtig Gas. Ja, okay, habe ich gesagt, wir geben richtig Gas. Dann gehen wir raus auf die Bühne, und er hat es tatsächlich geschafft, innerhalb von 30 Sekunden einen Mikrofonständer mit seinen bloßen Händen zu verbiegen.

Alte Schule halt.

Jantschitsch: Ja. Alle anwesenden Mütter und Schwiegermütter unserer Orchestermitglieder waren ab diesem Moment schwer beeindruckt von Ben Becker. Er hat seitdem einige neue Fans.

Sie waren unlängst als Werbemaßnahme für den Film „Oh Yeah, She Performs!“ mit Ihren Film-Kolleginnen Teil einer Modestrecke einer österreichischen Zeitungsbeilage. Im Interview dazu meinten Sie, Sie hätten aus Loyalität mitgemacht. Ist Ihnen die Entscheidung schwergefallen?

Jantschitsch: Durchaus. Ich empfand es als nicht nachvollziehbar, Musikerinnen, die für ein feministisches Projekt stehen, in Markenleder zu quetschen und in Modelposen zurechtzurücken. Es hatte tatsächlich etwas Degradierendes an sich. Solcherlei Modestrecken pervertieren im Grunde genommen die Ideale, für die ich gerade stehe. Dass man unter Zugzwang gerät, dem wollte ich mich eigentlich nie ausliefern. Das war ein Moment, wo dies gekippt ist.

Ich nehme an, es wurde intern diskutiert?

Jantschitsch: Ja, ich habe mich mit Mirjam Unger darüber ausgetauscht, und sie verstand meinen Standpunkt. Es ist was anderes, wenn eine Männerband sich in solche Posen wirft, dann hat das schon wieder was von Persiflage. Wenn Musikerinnen das machen, ist das schlicht eine Reproduktion von Stereotypen, gegen die man jahrelang angekämpft hat. Das löst durchaus eine Kränkung und im schlimmsten Fall einen Imageverlust aus.

Wie hat Ihnen der Film selbst gefallen?

Jantschitsch: Wenn man ihn als Musikfilm und das formulierte Ziel der Regisseurin sieht, ihrer Tochter einen Film zu geben, der zeigt, wie es ist, auf der Bühne zu stehen, und was da alles dazugehört, dann hat der Film sein Plansoll erfüllt. In dieser Hinsicht ein schöner Film.

Sie haben sich für die Modestrecke nicht in Leder, sondern in Secondhand-Kleidung präsentiert. Um in diesem Kontext dennoch Flagge zu zeigen?

Jantschitsch: Ja, ein Versuch. Dennoch: Mein Gesichtsausdruck war selten so dämlich. Das Dreisteste war, dass die Fotografin zu einer anderen Protagonistin meinte, am besten schaut man auf Fotos aus, wenn man leicht doof dreinblickt.

Nach Adorno führt das zu der klassischen Frage: „Gibt es ein richtiges Leben im falschen?“

Jantschitsch: Ja, ich glaube dann, wenn man es unter der Voraussetzung einer gewissen Travestie macht. Wenn man mit Signalen und Posen einen Subtext mitlaufen lässt und Irritationen erzeugt.

Von der Travestie zur Ironie: In einem ihrer bekanntesten Songs, „Rettet die Wale“, ist eine naive Sehnsucht nach einer besseren Welt in diesem Slogan ironisch aufgefangen. Wie sehen Sie so einen Slogan heute, nach der Occupy-Bewegung?

Jantschitsch: Bei Occupy war es spannend mitanzusehen, dass es eben diesen Slogan „We are the 99 percent“ gab. Man hat es geschafft, diesen doch bürgerlichen Aufstand so zu formulieren, dass ihn jeder Redneck versteht und miteinbezogen wird. Ich finde es erfrischend, dass so was doch immer wieder funktionieren kann. Das Tragische dabei ist, wenn man zusehen muss, wie Bewegungen verebben. Da muss man halt durch: Man weiß, wie es ausgehen wird, aber schön, wenn die Zivilgesellschaft Schwung bekommt und artikuliert, so geht es nicht mehr weiter.

Warum tut man sich eigentlich so schwer, gewisse Sehnsüchte auszusprechen?

Jantschitsch: Weil man sich ja auch ständig der Widersprüchlichkeiten, auch der eigenen, bewusst ist. Eindeutige Forderungen und Haltungen gehen sich für mich nicht aus. Ich bewege mich innerhalb des Systems und bin somit Teil des Problems. Und weil gerade vor ein paar Tagen in der WOZ (Schweizer Wochenzeitung; Anm.) dieses Interview mit Slavoj Žižek erschienen ist: Ich fand es befreiend, als er artikulierte, dass wir wieder zu einer radikalen Intellektualität zurückfinden müssen – lasst doch die Denker denken. Ein Ziel der neoliberalen Marktwirtschaft ist, dass die Universitäten Expertinnen produzieren, die Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme liefern. Es gilt, sich dem zu verweigern: Ich bin nicht dafür da, eure Scheiße zu analysieren oder um euch zu sagen, wie ihr da rauskommt. Ich bin dafür da, dass ich denke. Punkt. Lasst euch nicht vereinnahmen, lasst nicht zu, dass euer Denken verwertet wird!

Ein anderer Ihrer Songs trägt den Titel der US-amerikanischen Bürgerrechtshymne „We Shall Overcome“. Kennen Sie „Strange Fruits“, bekannt geworden in der Version von Billie Holiday? Das Lied wird auch als Statement der Bürgerrechtsbewegung gelesen, die „Strange Fruits“ sind Afroamerikaner, die erschütternderweise an Pappeln erhängt wurden.

Jantschitsch: Ja, es gibt davon übrigens eine wunderbare Version von Maja Osojnik zusammen mit Bulbul.

Die Texte von Gustav sind meist ironisch gebrochen. Könnten Sie sich ein Thema vorstellen, das Sie in seiner Drastik so bewegt, dass Sie es völlig unverstellt und direkt, wie dieser Song es tut, behandeln?

Jantschitsch: Ich tu mir irrsinnig schwer, so persönlich zu werden. Diese Radikalität in der Sprache und in den Bildern ist bei manchen Liedern und in manchen Zeiten eine Notwendigkeit. Aber ich schreibe aus der Perspektive einer weißen Mittelschichts-Europäerin, besitze einen österreichischen Pass, da muss ich mich Themen immer aus dieser Sicht annähern. Ich bin zwar reichlich mit Empathie ausgestattet, aber ich werde nie wissen, wie sich bestimmte Um- und Zustände tatsächlich anfühlen. Die Texte, die ich aus reiner Wut geschrieben habe, sind mir oft viel zu nahe, sodass ich sie gar nicht veröffentliche. Ich wollte mich nie offenbaren, ich bin eher jemand, der sich innerhalb der Textflächen versteckt.

Aggression ist Ihnen fremd?

Jantschitsch: Ja, sie entspricht nicht meinem Wesen. Ich kann auch nicht schreiend singen, dafür bin ich vielleicht zu introvertiert.

Sind Sie nur introvertiert oder auch kontrolliert?

Jantschitsch: Es ist wohl eine Kombination von beidem. Kontrolle ist auf der Bühne für mich extrem wichtig. Ich will Sicherheit über Aktion und Wirkung.

Ihr drittes Album war eigentlich für heuer geplant. Wie geht es mit der Arbeit voran?

Jantschitsch: Es wird 2013 erscheinen, eher im Winter. Ich fange mit der Produktion im Jänner an, viele der Songs habe ich schon. Ich muss noch Klarheit gewinnen, wie aufwendig die Produktion werden soll.

Und inhaltlich?

Jantschitsch: Ich haben den roten Faden vielleicht noch nicht ganz gefunden. Aber mein Song „Kein richtiges Leben im falschen“ wird der Platte sicher eine Richtung geben.

Dem Falter haben Sie einmal erzählt, die Auseinandersetzung des Feuilletons mit Ihrer Arbeit freut Sie im Gegensatz zu Plattenkritiken auch deshalb, weil es Ihnen „immer mehr um den Diskurs als um das Produkt an sich“ gehe. Ich glaube Ihnen das nicht. Sind Sie wirklich so wenig eitel?

Jantschitsch: Natürlich nicht. Aber im Feuilleton bekommt man mehr Platz.

Und warum verraten Sie eigentlich Ihr Alter nicht?

Jantschitsch: Ich habe so meine Probleme mit dem Älterwerden. Und den Tod halte ich für hinterhältig. Man sollte ihm nicht in die Hände spielen, indem man sein Alter verrät.

Dadurch entgehen Sie der Angst vor dem Älterwerden und dem Tod wohl nicht.

Jantschitsch: Dieser Angst, wenn man sie hat, entgeht man ohnehin nicht.

Warum dann die Geheimniskrämerei?

Jantschitsch: Mittel zum Zweck: Selbstbetrug. Die Paradoxie am Älterwerden ist, dass man sich innerlich nicht alt fühlt. Man versteht sich als jungen Menschen, womöglich selbst, wenn man 80 ist. Die äußere Hülle ist das Problem.

Also die Angst vor dem körperlichen Verfall?

Jantschitsch: Ja, auch damit bin ich nicht einverstanden.

Möchten Sie sehr alt werden?

Jantschitsch: Nein, ich kann drauf verzichten. Aber es gibt natürlich den menschlichen Drang, am Leben zu hängen.

Und es gibt oft eine Schlageraffinität in Ihren Songs. Vicky Leandros kommt nächstes Jahr nach Wien, Titel der Tour: „Ich liebe das Leben“. Ein Slogan für Sie?

Jantschitsch: Ja, ich liebe mein Leben. Vicky Leandros, go for it! F


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