Man muss schon etwas bieten

Und wie halten Sie es mit den Medien? heureka! hat fünf Wissenschaftler gefragt, warum sie sich auch an die Öffentlichkeit wenden und welche Erfahrungen sie mit Journalisten gemacht haben.


„Man kann Öffentlichkeitsarbeit in der Wissenschaft nicht outsourcen.” Markus Arndt

Der Quantenphysiker. Ich mache bei öffentlichen Vorträgen die Erfahrung, dass es gerade eher die grundlagenorientierten Themen sind, die das breitere Publikum interessieren. In der Physik sind das zum Beispiel die Fragen, die eine Antwort darauf suchen, was man über die Welt letztlich wissen kann, was Realität, Raum, Zeit oder Zufall sind oder die Bausteine der Natur.
Öffentlichkeitsarbeit wird bei uns am Institut auf sämtlichen Ebenen betrieben: neben öffentlichen Vorträgen auch mit populärwissenschaftlichen Artikeln, der Gruppen-Webseite, Laborführungen und natürlich auch immer wieder Presseaussendungen. Darüber hinaus gibt es gelegentlich Radiointerviews oder Fernsehbeiträge – zu unserer eigenen Arbeit oder bei den Physiknobelpreisen zum wissenschaftlichen Hintergrund.
Seit einiger Zeit arbeite ich auch zusammen mit dem Wiener Regisseur Wolfgang Haberl auch an einen Dokumentationsfilm über unsere Arbeit. Oft kommt ein Journalist auf uns zu, um nach Interviews einen eigenen Text zu erstellen, den ich idealerweise noch vor der Veröffentlichung zum Gegenlesen bekomme. Dieses Verfahren funktioniert meist sehr gut.
Meiner Erfahrung nach kann man Öffentlichkeitsarbeit in der Wissenschaft nicht „outsourcen“. Das Stille-Post-System – „ich vermittle meine Informationen jemandem, der sie wieder anderen vermittelt“ – kostet in der Regel mehr Zeit als die Erstellung eigener Textbeiträge. Eigene Worte erlauben auch eine höhere Authentizität und inhaltliche Korrektheit. In dem Punkt bin ich einfach zu puristisch.
Markus Arndt ist Professor für Quantennanophysik an der Universität Wien.

„Kluge Fragen von Journalisten sind gute Denkanstöße.“ Verena Winiwarter

Die Umwelthistorikerin. Umweltprobleme haben eine lange, oft schleichende Geschichte. Umwelthistoriker erforschen die Vergangenheit der Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Natur, um die Gegenwart zu verstehen. Weil es um die Gegenwart geht, ist mir Kommunikation mit der Öffentlichkeit ein wichtiges Anliegen.
Ich kümmere mich persönlich darum, und wende auch relativ viel Zeit dafür auf. Weil Forschung sich mehr und mehr gesellschaftlich rechtfertigen muss, wird es immer wichtiger, dass wir Rückhalt in der Öffentlichkeit haben. Und das geht nur, wenn auch Nichtfachleute von uns wissen.
Im Umgang mit Medien lerne auch ich dazu: Kluge Fragen von Journalisten sind gute Denkanstöße. Ich lerne auch, wie ich Dinge besser vermitteln kann. Da ich selbst im Nebenfach Publizistik studiert und während meines Studiums bei einer Zeitung gearbeitet habe, kann ich mit Journalisten besser umgehen als viele meiner Kollegen.
Ich leide trotzdem manchmal ein wenig unter der Geschwindigkeit des Mediensystems und wäre gerne besser auf Anfragen vorbereitet. Aber ich bin noch nie falsch zitiert oder schlecht wiedergegeben worden. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich nicht zu tagesaktuellen Themen Stellung nehmen muss. Besondere Freude macht mir die Auseinandersetzung mit Kunst, solche Projekte sind eine gute Möglichkeit, Öffentlichkeit anders zu erreichen.
Verena Winiwarter ist seit 2007 Professorin für Umweltgeschichte an der Universität Klagenfurt.

„Mein Name muss nicht in jedem Gratisblatt stehen.“ Christian Fleck

Der Soziologe. Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Medienarbeit betreibe ich eigentlich keine. Wenn ich mich in Printmedien oder im Radio zu Wort melde, dann deshalb, weil irgendein Thema in der öffentlichen Debatte gerade herumgeistert und ich mir denke, dass wir Soziologen dazu eigentlich etwas zu sagen hätten.
Ich versuche also kaum einmal, bahnbrechende Forschungserkenntnisse, zu denen ich gerade gefunden habe, an den Mann zu bringen (die sind zumeist kaum in ein paar Sätzen vermittelbar), sondern in eine Debatte einzugreifen oder auf etwas Bestimmtes hinzuweisen.
Man mag in Zweifel ziehen, ob das, was ich dann schreibe, mit meiner Wissenschaftlerrolle sehr eng verbunden ist oder ob es nicht angebrachter wäre zu sagen, dass ich mich als Staatsbürger zu Wort melde.
Eine zweite Variante von Öffentlichkeitsarbeit, die ich mit einiger Passion betreibe, besteht darin, praktisch alle Einladungen zu mehr oder weniger volkstümlichen Vorträgen anzunehmen. Das brachte mich schon in Ecken Österreichs und mit der Weltsicht von Leuten zusammen, die ich sonst nie kennen gelernt hätte.
Die dritte Form sind Interviews oder Hintergrundgespräche mit Journalisten, die bei mir landen – womöglich auch deshalb, weil ich öfter als andere auf der Uni bin und das Telefon abhebe. Zugegeben, es gibt ein paar Medienunternehmen, deren Mitarbeitern ich ausweiche oder die ich an andere verweise. Mein Name muss nicht in jedem Gratis- oder Massenverdummungsblatt stehen.
Christian Fleck ist Professor für Soziologie an der Universität Graz und Präsident der Österreichischen Soziologischen Gesellschaft.

„Das Archiv ist kein Elfenbeinturm der Wissenschaft.“ Christine Riccabona

Die Germanistin. Der Umgang mit unterschiedlichen Segmenten der Öffentlichkeit ist für mich eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Dies hat mit der Charakteristik des Forschungsinstituts Brenner-Archiv zu tun. Im zehnten Stock eines Universitätsgebäudes über den Dächern Innsbrucks wird hier an wissenschaftlichen Projekten gearbeitet. Dennoch ist das Archiv kein Elfenbeinturm der Wissenschaft. Denn, um beim Bild zu bleiben, ein umfangreicher Bestand an Sammlungen und Nachlässen befindet sich im Depot des Untergeschoßes und ist Teil der öffentlichen Kultur, kommt aus den Händen der Bevölkerung und durch Kontakte mit „der Öffentlichkeit“ zu uns.
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bearbeitung dieser Bestände werden der Öffentlichkeit (in Form einzelner Artikel, kommentierter Editionen bis hin zu Monografien) wieder zurückgeben, die davon natürlich erst erfahren muss. Dabei gilt es, sich an jene Medien zu halten, die über den Tagesjournalismus hinaus einen längeren Atem haben. Gelungene öffentliche Vermittlung hängt allerdings häufig davon ab, wie sehr es gelingt, die Inhalte in die unterschiedlichen Sprachen der Medien zu „übersetzen“. Zu zeigen, dass die Fäden einander kaum berührender Lebensbereiche letztlich doch oft zusammenhängen und dass all das, was im Literaturarchiv wissenschaftlich aufgearbeitet und veröffentlicht wird, im Alltag vergangener wie gegenwärtiger Öffentlichkeiten verankert war und ist – das macht den Konnex zwischen Wissenschaft und Medien der Öffentlichkeit so spannend.
Christine Riccabona ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
 im Literaturhaus am Inn.

„Komplexes einfach zu präsentieren, zwingt zum genauen Denken.” Brigitte Steger

Die Japanologin. Anfangs war es nicht leicht, Medienkontakte aufzubauen. Mir halfen Bilder, griffige Titel und Anekdoten, Interesse bei Journalisten hervorzurufen. Weil man muss schon etwas bieten. Ich sprach Journalisten gezielt an, Buchrezensionen und Tagungsberichte zu bringen, die in der Folge auch andere Medien auf mein Thema – „Schlafen in Japan“ – aufmerksam machten.
Vorsicht bei der Wahl der Medien! Ich habe schon lange Fragenkataloge beantwortet, obwohl nur Platz für einen einzigen Satz war. Je angesehener das Medium, desto seriöser die Journalisten. Die stellen Fragen, auf die es intelligente Antworten gibt. Natürlich müssen Medien vereinfachen und sich die Leckerbissen herauspicken, und die Gefahr, Stereotype über Japan durch plakative Aussagen zu verstärken, ist groß. Eine Herausforderung ist, während des Nachdenkens kluge Erklärungen in kurzen Sätzen zu bringen und nichts Wichtiges zu vergessen. Ein vorbereiteter Text erleichtert die Arbeit der Journalisten und verringert die Gefahr von Missverständnissen.
Der Übersetzungsprozess ist oft mühsam, aber die Notwendigkeit, Komplexes einfach zu präsentieren, zwingt zu genauem Denken. Da fällt auf, wenn ein Argument nicht durchdacht ist.
Meiner wissenschaftlichen Reputation hat die Medienpräsenz nicht geschadet. Im Gegenteil, durch sie bin ich nicht von der Anerkennung weniger Personen abhängig. Selbst Wissenschaftler erfahren die meisten Forschungsergebnisse aus den Medien, nicht aus Fachzeitschriften. Gerade bei interdisziplinären Themen wird man erst so zu Kenntnis genommen. Von Nachteil ist, dass ich nur mit dem Schlafen identifiziert werde und für neue Forschung wenig Zeit bleibt.
Brigitte Steger ist Assistentin am Institut für Ostasienwissenschaften/Japanologie der Universität Wien.

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