Zum Archiv
Der verkaufte Gemeindebau

Wohnungsmisere "Die Wohnungen der Stadt verkaufen!", ruft ÖVP-Chef Bernhard Görg bei jeder Wahlkampfveranstaltung. Die SPÖ sagt: Njet. Dabei ist es in der Lerchenfelder Straße längst passiert. Die Mieter bleiben über. Eva Weissenberger

Originaltext aus Falter 11/01 vom 14.03.2001

Die Familie Leitgeb hat schon unterschrieben. Statt 2500 zahlen sie jetzt fast 4000 Schilling Miete. "Wir haben vier Kinder", sagt Frau Leitgeb: "Wir brauchen eine große Wohnung." Der Vater hat Hepatitis C und eine Leberzirrhose. Nächste Woche muss er wieder ins Spital. Die Familie lebt von der Sozialhilfe. Sie können sich nur eine Kategorie-D-Wohnung leisten: Das Klo ist am Gang, Wasser und Strom haben sie selbst eingeleitet. Deshalb wollen sie in keinen anderen Gemeindebau umziehen. "Eine Gemeindewohnung, die groß genug ist für uns, kostet woanders doch mindestens 6000 Schilling", glaubt Frau Leitgeb.

In den vergangenen zwei Jahren forderte der Wiener ÖVP-Chef Bernhard Görg an die hundert Mal den Verkauf von Gemeindewohnungen an Mieter. Die SPÖ sagte mindestens ebenso oft: Njet. Wohnbaustadtrat Werner Faymann: "Nur weil der Herr Görg in den Umfragen schlecht liegt, werden wir Gemeindewohnungen weder verschleudern noch verschenken." Das soziale Steuerungsinstrument müsse der Stadt unbedingt erhalten bleiben.

Dabei wird im kleinen Stil längst verkauft: Ende 2000 versteigerte die Stadt 16 Altbauten, darunter das Haus in der Lerchenfelder Straße 61.

Dort lebt die sechsköpfige Familie Leitgeb auf gut 70 Qudratmeter. Weil die Räume in dem Altbau so hoch sind, konnten sie eine Zwischendecke aus Holz einziehen: In dem Hochbett schlafen die Kinder. "Die Gemeinde hat damals gesagt, wir brauchen keine Baubewilligung, weil es kein fixer Einbau ist", erzählt Frau Leitgeb: "Der neue Eigentümer hat gesagt, das ist widerrechtlich. Aber er sieht darüber hinweg, wenn wir einer freiwilligen Mietzinserhöhung zustimmen." Die Leitgebs haben unterschrieben.

"Das kann ich mir nicht vorstellen", sagt ein Geschäftsführer der Immobilienfirma, der das Haus seit Jahresbeginn gehört: "Das ist nicht unser Stil. Aber wir sind aus der Privatwirtschaft und sagen den Mietern, die teilweise nur acht, neun Schilling Miete pro Quadratmeter bezahlt haben: ,Jungs, so geht es nicht. Am freien Markt könnten wir nach der Renovierung 50, 60 Schilling verlangen. Wir wollen aber nur 20 Schilling mehr. Dafür bekommt ihr ein schönes, sicheres Haus, in dem ihr euch wohl fühlt.' Die Gemeinde hat sich ja um das Unhaus jahrelang nicht gekümmert. Es ist heruntergekommen, da schlafen Sandler und Drogenkids im Stiegenhaus."

Die Lerchenfelder Straße 61 ist eine ehemalige Schule, gute Bausubstanz aus der Gründerzeit, aber der Verputz bröckelt, die Wände sind angekritzelt und durch die Fensterritzen zieht es. Nur drei Stiegen, also kein klassischer Gemeindebau wie der Karl-Marx-Hof oder die Olof-Palme-Siedlung. Das bemängelte der Rechnungshof 1997 in einem Bericht und "empfahl, dass sich ,Wiener Wohnen' von Objekten trennt, die nicht zur Struktur passen", heißt es im Büro vom Stadtrat Faymann: "Wir haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass wir einige Häuser verkaufen. Ein paar werden heuer noch ausgeschrieben." Im aktuellen Bezirksjournal, das an alle Haushalte verteilt wird, liest sich das anders: "Obwohl der Rechnungshof kritisierte, dass wir billige Wohnungen behalten, hat sich dies als richtig erwiesen", wird der "Antispekulationsspezialist" Faymann dort zitiert: "Es sind Startwohnungen für sozial Schwächere."

Sozial schwächer und mitunter schwierig, das sind auch einige Mieter in der Lerchenfelder Straße: Gegenüber von den Leitgebs wohnt eine ältere Dame. Ihr erwachsener Sohn ist geistig zurückgeblieben. Damit sie hört, dass er in ihrer Nähe ist, muss er ständig Zeitungen zerschnipseln. Die fast blinde Frau öffnet die Tür nur einen Spalt weit. Der Vermieter verlange nun 6000 Schilling pro Monat, flüstert sie. Andernfalls, so habe er angedeutet, werde er ihren Sohn in ein Heim stecken. Eine andere Gemeindewohnung käme für die beiden nicht infrage, sagen die Nachbarn: "Diese Bäume kann man nicht verpflanzen. Sie kommen nur in diesem Grätzel zurecht."

Der Geschäftsführer der Immobilienfirma dementiert: "Die Frau hat uns so Leid getan, wir haben sie nicht einmal angesprochen. Wir sind echt sozial." Gekündigt habe man nur zwei Parteien: Der eine lebt im Erdgeschoss. Seine Tür ist beschmiert und in seiner Brille fehlt ein Glas. Die Miete begleicht das Sozialamt. Eine Woche lang konnte er wegen der Renovierungsarbeiten sein Klo nicht benutzen. Da schmiss er dem neuen Eigentümer eine Waschmuschel vor die Füße.

Eine alte Frau schlurft gebückt über den Hof zum Mistkübel. "Der soll sich nicht so aufführen", faucht sie den Jähzornigen an: "Er hat eh wieder ein neues Klo." Die alte Frau hingegen muss jetzt in den dritten Stock hinauf.

Der zweite, der hinausfliegt, ist der junge Maler Dominik Doppel. Begründung der Vermieter: "Er wohnt gar nicht im Haus." Doppel lebt noch in seiner alten Gemeindewohnung, die er aber bereits kündigen musste. In der Lerchenfelder Straße renoviert er: 500.000 Schilling investierte der Künstler bereits in das Wohnatelier, was die Stadt mit geförderten Krediten möglich machte. Muss er ausziehen, ist das Geld futsch. Das Licht und hohe Raum, der zum Malen wie geschaffen ist, auch.

Gerüchte, dass das Haus verkauft werden sollte, gab es schon seit Jahren. Aber: "Offiziell hat uns die Gemeinde nie informiert", sagt Doppel. Mitte Jänner schreckte ein Brief der Immobilienverwaltung die Bewohner: Man möge die Miete doch bitte künftig auf ihr Konto überweisen. Erst in der ersten Februarwoche seien die Informationsblätter von "Wiener Wohnen" eingetrudelt, behaupten die Mieter: "Rückdatiert auf Jänner."

"Das ist ausgeschlossen", heißt es dazu im Büro Faymann. Bereits im August 1998 habe man alle Mieter der 16 betroffenen Häuser auf den geplanten Verkauf hingewiesen, ihnen Ersatzwohnungen angeboten und die zuständigen Bezirksvorsteher informiert. Gabi Zimmermann, SPÖ-Bezirksvorsteherin von Neubau, sagt: "Ich wusste davon nichts." Anfang April will sie eine Mieterversammlung organisieren. Und im Stadtrats-Büro wurde ein Jurist damit betraut, sich um die verlorenen Gemeindeschafe zu kümmern.

Kürzlich lagen wieder Briefe in den Postkästen der Lerchenfelder Straße 61: "Ein Viertel aller Wiener wohnt in einer der 220.000 Gemeindewohnungen. Vergleichbare Mietwohnungen kosten im Durchschnitt das Doppelte", stand da zu lesen. Und weiter: "Als Gemeindemieter können Sie Ihre Wohnung problemlos an Ihren Ehepartner, Ihre Eltern, Kinder und Geschwister weitergeben. Schließlich steckt man in eine Wohnung viel Geld, und das soll im Falle des Falles in der Familie bleiben." Gezeichnet: Werner Faymann.

Die Adressenlisten der Gemeindebauten waren wohl noch nicht aktualisiert.


Zum Archiv

nach oben
März 2001 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at