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"Ich habe eine Hoffnung"
GESPRÄCH Robert Hochner, der Moderator der Nation, ist letzte Woche an Krebs gestorben. Anfang Mai bat er den Falter zu einem Abschiedsgespräch. Er zeigte sich dabei, wie er immer war: Tapfer, trocken, unsentimental scharf, um Gerechtigkeit bemüht und nie von seiner Ironie verlassen. ARMIN THURNHER (E-Mail: thurnher@falter.at)

Falter 25 Originaltext aus Falter 25/01 vom 20.06.2001

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Am 4. Mai kam der Anruf. Robert Hochner redete nicht lange um den Brei herum. Ich wisse von seiner unheilbaren Erkrankung. Nun, es gehe ihm schlecht, ja, es sei ihm klar, es gehe dem Ende zu, und er möchte dem Falter und mir sein letztes Interview geben. Es wäre ihm morgen oder am Montag recht, denn er fühle sich momentan besser und sei fähig zu sprechen, aber er wisse nicht, wie lange dieser Zustand dauern werde.
Ich entschied mich für Montag. Hochners Frau Clarissa Stadler öffnete die Tür der gemeinsamen Wohnung am Parkring, Robert Hochner empfing mich voll angezogen und im Stehen, legte sich dann aber bald auf die Couch im Wohnzimmer. Ehe ich das Tonband einschalten konnte, erklärte er Beweggründe und Bedingungen des Gesprächs. Er habe lange geschwankt, ob er ein letztes öffentliches Statement abgeben solle; das Beispiel des ARD-Moderators Friedrich, dessen Abschiedsinterview der Spiegel brachte, ehe Friedrich noch beerdigt war, habe ihn nicht gerade ermutigt. Er verlasse sich darauf, dass wir pietätvoller vorgehen würden.
Während des Gesprächs konnte ich sehen, wie viel Kraft es Hochner kostete, sich nicht anmerken zu lassen, wie viel Kraft ihn die Unterhaltung kostete. Er sprach deutlich und artikuliert wie immer, aber das Sprechen strengte ihn immens an. Wir redeten über sein Leben als Journalist, über seine Karriere, den ORF, die politische Lage im Land und darüber, was wichtig ist für Journalisten. Hochner hielt zwei Stunden durch. Es war ihm wichtig, dass keine anderen Journalisten von unserem Gespräch erfuhren; er wollte auf dem Sterbebett seine Ruhe haben. Als ich am Ende anbot, ihm das Transkript zu schicken, lehnte er ab. Es solle nicht ein förmliches Vermächtnis sein, sondern ein "Fresko", ein "Gespräch zum Abschied, nur ein paar Gedanken."
Die offiziellen Abschiedsbekundungen in den verschiedenen Graden von ehrlicher Trauer bis zu hochgradiger Verlogenheit wären ihm ein Gräuel gewesen. Wir wollen ihm seine letzte Geste uns gegenüber damit danken, dass wir sein Abschiedsgespräch nur wenig gekürzt bringen. In dieser Ausgabe spricht Robert Hochner über seine Karriere als Moderator; im nächsten Falter folgt seine luzide Analyse des umkämpften ORF, der alten Medienmächtigen und des neuen Tons im Land, und dessen, was die Pflicht eines jeden guten Journalisten ist. Als einen unserer besten werden wir Robert Hochner in Erinnerung behalten.

Robert Hochner
Falter: Herr Hochner, zuerst möchte ich Ihnen danken. Dass Sie mich angerufen haben, empfinde ich als Ehre. Warum haben Sie es gerade so gemacht?

Robert Hochner: Die Erklärung ist einfach. Eine normale Zeitung hat nicht den Platz. Der Fellner-Gruppe will ichs aus vielerlei Gründen nicht geben, weil ich einfach nicht jenes elementare Vertrauen hab - ich kanns ja nicht mehr kontrollieren -, dass das dann auch so geschrieben und auch so dargestellt wird, wie ich es gesagt habe. Ans profil hätte ich gedacht, aus jahrzehntelanger journalistischer Freundschaft, aber das ist nach der Fusion mit der News-Gruppe für mich auch keine Option gewesen. Blieben eigentlich nur der Standard und der Falter - und da hab ich mich, auch in Anerkennung des Falter, für euch entschieden. Und Leute wie der Herr Westenthaler, die glauben, dass ich zu Hause mit Hammer und Sichel esse, würden mich beim Standard genauso wie beim Falter für einen Linksextremisten halten.

Ich habe gerade gesehen, Sie lesen die Zeitungen, auch den geliebten "Herald Tribune". Haben Sie auch während Ihrer Krankheit das politische Geschehen immer verfolgt?

Ja. Aus jahrzehntelanger Gewohnheit. Journalismus ist, wie ich zu sagen pflege, ein Charakterdefekt, mit dem man Geld verdienen kann. Ob das ein Beruf ist - ja, auch, natürlich. Es interessiert mich, es ist natürlich auch psychologisch ein Teil des Festhaltens am Leben. Es wird der Punkt kommen, wo es mir wurscht ist. Wo ich weder die Kraft noch die Konzentration habe, etwas zu lesen. Der Ausgang der nächsten Wahlen in vier Jahren ist für mich nur mehr theoretisch interessant.

Wann haben Sie eigentlich erfahren, dass Sie bald sterben müssen?

Bald? Das ist alles relativ. Wissen Sie, ich habe vom Leben nach sehr vielen wunderbaren, glücklichen Zufällen, beruflich und privat, nach meiner wunderbaren Frau dann so etwas wie einen negativen Jackpot gekriegt. Ich hab zuerst nur Non-Hodgkin gehabt, das ist einigermaßen gut gegangen. Dann hat das Schicksal mit mir vier Monate lang gespielt. Jetzt kommst du wieder auf die Beine, und bei dem Non-Hodgkin gibts eine ganz gute Wahrscheinlichkeit zu überleben …, und dann ist plötzlich der Darmkrebs dagewesen.

Waren Sie dazwischen wieder im Fernsehen?

Ja. Dazwischen hab ich gearbeitet. Dazwischen hatte das Leben begonnen, wieder normal auszuschauen. Und vier Monate später sind dann bei einer Kontrolluntersuchung Hinweise gefunden worden, dass es etwas anderes ist. Und es hat sich dann relativ schnell als ein Darmkrebs in einem relativ fortgeschrittenen Stadium herausgestellt. Nicht so fortgeschritten, dass man mich nicht operieren konnte - ich hab Chemotherapie als Vorbereitung auf eine Operation bekommen, mit der hab ich noch gearbeitet, ich habe moderiert und hatte so ein Chemotherapieflaschl am Gürtel, das war im Februar des Vorjahres. Mit Chemotherapie verkleinert man den Tumor im Darm, damit man ihn leichter operieren kann. Also, man konnte ihn operieren. Schauen Sie, ich hätte auch beim Non-Hodgkin schon tot sein können, es gibt Formen, wo man nach drei Monaten tot ist, es hätte auch ein inoperabler Primärtumor sein können, dann hätte man zwar auch noch irgendeine Notoperation gemacht, aber ich glaube, wir hätten dieses Gespräch heute nicht geführt, denn die Operation war am 29. März, vor mehr als einem Jahr. Es ist ja nicht so, dass der Arzt sagt: "Sie sterben." Erstens sagt man das selten, und zweitens: Ich bin in einer Chemotherapie und die sagen: "Ja, da können wir noch operieren." Aber insgesamt wirds immer enger. Natürlich, es gibt Freunde von mir, die sagen, nicht aufgeben und so - theoretisch kann man in der 80. Minute 7:0 hinten liegen und noch ein Unentschieden erreichen. Dass die Prognose bei einem Darmkrebs an sich nicht besonders gut ist, wenn er sich einmal ausgebreitet hat, weiß ein jeder. Dass das letal endet, damit bin ich seit der Diagnose konfrontiert, also seit einem Jahr. Natürlich hat Professor Zielinski, der mich behandelt, alles gemacht. Wegen der vorherigen Erkrankung vertrage ich gewisse Therapien nicht mehr oder nicht gut. Ich habe ja insgesamt drei Strahlentherapien hinter mir, zwei für den Non-Hodgkin und eine für die Operation - das ist natürlich auch schlecht. Und einfach chancenlos. Was ich an der Stelle gerne sagen würde, nicht weils ich bin, der Robert Hochner: Prinzipiell gibt es wenige Krebsarten, bei denen die Chancen bei Früherkennung so hoch sind wie Darmkrebs. Wenns ein Polyp ist, nimmt man ihn raus, und die Sache ist vergessen. Wenn es im Frühstadium ist, nimmt man den Tumor raus, gibt eine Chemotherapie, und man hat noch immer eine sehr, sehr gute Chance.

Weil Sie jetzt andere darauf aufmerksam machen wollen, dass man das tun soll - machen Sie sich Vorwürfe, dass Sie nicht zu einer Gesundenuntersuchung gegangen sind?

Natürlich macht man sich Vorwürfe. Aber man denkt mit 50, 52 ohne wirkliche erbliche Belastung nicht dran. Es hat mir auch niemand gesagt, obwohl ich sehr gute Ärzte gehabt habe. Aber mit dem Schicksal zu hadern ist so, wie wenn man mit der Schwerkraft hadert. Die einzige Berufsgruppe, die in ihren Aussagen gegen physikalische Elementargesetze verstößt, sind Politiker. Und ich bin kein Politiker. Also, es bringt nix. Natürlich kann ich mir jeden Tag sagen: Hätt ich!

Aber Sie waren immer ein Kämpfer. Und das sind Sie jetzt auch noch.

Das liegt in meiner Natur. Wo immer ich auf Widerstand gestoßen bin, habe ich überlegt, den Widerstand zu überwinden, statt dem Reflex nachzugeben, zurückzugehen. Also eher einen Schritt in den Konflikt, Kampf oder was immer zu machen - zum Teil aus reiner Blödheit oder aus Widerspruchsgeist - das ist in meiner Person drinnen, das hat mich durch vier Mittelschulen gebracht, das ist nichts Neues.

Ihre Fernsehkarriere war ungewöhnlich - eben auch durch Ihr Nichtangepasstsein. Gleichzeitig haben Sie vielleicht dadurch eine Art Aufmerksamkeit auf sich gezogen, die dann fast zum Starkult wurde. Aber intern war das zumindest am Anfang nicht so einfach für Sie, nehme ich an?

Es war eigentlich die ganzen Jahre ein Kampf, der mit vielerlei Dingen zu tun hatte. Sicher mit meiner Persönlichkeit, sicher mit der Tatsache, dass ich parteilos bin, immer war. Man kann mir erzählen, was man will, aber es gibt Gruppen in dem Land, die, wenn sie in bestimmten Bereichen arbeiten, mehr leisten müssen. Das gilt zunächst einmal für fast jede Frau in Österreich, die nur eine minimal gehobenere Position als die einer Supermarktkassierin hat. Ich will, um Gottes Willen, nix gegen Supermarktkassiererinnen sagen - dafür findet man eh keinen Mann. Aber für alles, was drüber ist, muss eine Frau mehr leisten als ein Mann. Und damit meine ich noch nicht einmal das Thema Doppelbelastung Familie. Sondern: Sie muss mehr leisten. Auch parteilos in einem Unternehmen zu sein, das (und da kann man mir - ich bin seit 74 bei dem Verein - nichts erzählen) natürlich politisiert ist und immer war, ist schwierig. Die Politiker haben 1968/69 bei der ORF-Reform gesagt, jetzt machen wir eine österreichische BBC. Sie haben nicht eine Sekunde daran gedacht, das tatsächlich zu tun.

Sie selbst haben es trotzdem geschafft.

Bei mir war es natürlich eine Fülle von Zufällen. Auch der Zufall, dass der von mir menschlich und beruflich sehr verehrte Dieter Seefranz irgendwann gestorben ist. Auch von solchen Dingen hängts ab. Es ist ja nicht so, dass man sagt: Jetzt bin ich das, und dann will ich jenes werden. Das geht im Management. Zum Teil. Bei der Telekom wünscht man sich, man wird etwas, und am nächsten Tag ist man schon wieder abgeschossen. Am leichtesten wars bei der Post. Da hat man früher gewusst: In zehn Jahren sitzt man ungefähr sieben Schreibtische weiter. Es gibt Menschen, für die das ein Lebensziel ist, und das will ich auch gar nicht negativ sehen. Bei mir war es eben Zufall. Als ich angefangen habe, hat es "Moderieren" ja überhaupt noch nicht gegeben. Ich wollte Journalist werden. Recherchieren, Interviewen, Reportagen machen.

Wollten Sie von Anfang an Fernsehjournalist werden?

Zu dem Zeitpunkt, als ich Karl Kraus gelesen habe und sozusagen diese Entscheidung in meinem Kopf fiel, war ich vierzehn, fünfzehn - da hats das Fernsehen noch nicht wirklich gegeben. Das muss Mitte der Sechzigerjahre gewesen sein. Da war ich im Gymnasium Kalksburg. Im Vorzimmer des Direktors stand ein Fernseher, und die, die brav waren, und das war ich ja selten, durften sich eine Skiübertragung anschauen. Das wars. Fernsehnachrichten als Medium waren mir nicht geläufig. Ich bin mit Zeitungen aufgewachsen. Meine Eltern waren bürgerlich.
Robert Hochner
Was waren Ihre Eltern?

Meine Eltern haben sich sehr früh getrennt. Mein Vater war Textiltechniker und hat Wäsche für österreichische Textilfirmen bearbeitet, meine Mutter hat als Modedesignerin gearbeitet, aber nicht so viel, später, in den Sechzigerjahren ein bisschen für amerikanische Einkaufsbüros, die in Europa alles Mögliche zusammengekauft haben. Dann hat meine Mutter meinen Stiefvater geheiratet, der war Schulbuchverleger, Direktor des Verlags Ed. Hölzel, der all die schönen Atlanten herstellt, die jeder Schüler kennt. Sowohl mein Vater als auch mein Stiefvater waren im Ersten Weltkrieg noch eingerückt. Bei uns lagen Zeitungen, das hat dazugehört.

Sie wollten schreiben?

Ich wollte schreiben. Ich war neugierig. Ich war noch nicht so weit, dass ich gesagt habe: Ich muss schreiben. Das hat sich alles entwickelt. Aus einer Laune heraus bin ich aufs Reinhardt-Seminar gegangen, in die Regieklasse, bin zu meiner Überraschung und zur Überraschung meiner Eltern aufgenommen worden, habe dort eineinhalb Jahre gemacht und bin rausgeflogen. Ich habe damals schon beim Fernsehen gearbeitet. In der Sommerpause, bei Fernsehfilmen.

Als Assistent?

Ja. Weil ich technisch sehr interessiert war. Ich habe immer fotografiert. Und Fernsehen, das war sozusagen die Fortsetzung von Film. Als ich in Wien an der Schule war, habe ich mein Taschengeld so eingeteilt, dass ich dreimal am Tag ins Kino gehen konnte. Da gabs in der Urania noch Stehplätze - die besondere Schweinerei war: Das Kino war leer. Und hinter mir saß auf einem Sessel der Billeteur und hat aufgepasst, dass ich mich nicht hinsetze. Ich habe dann mit irgendwelchen Tricks mein Taschengeld gestreckt. Ich bin in die WÖK gegangen und hab das Billigste gegessen, was es gab, meistens Schinkenrolle mit Mayonnaise. Das Kino musste man ja genau timen, drei Filme bis zur Nachtvorstellung im Nestroykino - das war Planungsarbeit. Wegen meiner Kinoleidenschaft bin ich auch nach München zum Fernsehen gegangen, als Michael Kehlmann einen Regieassistenten suchte und mich fragte: "Willst Fernsehen lernen?" Da hab ich gesagt: "Gern."

War das der bayerische Rundfunk?

Das waren auch Privatfirmen, die fürs bayerische Fernsehen gearbeitet haben. Wir haben zum Teil größere Fernsehspiele, zum Teil absolut vergessenswerte Vorabendserien mit wunderbaren Schauspielern gedreht, mit Ruth Drexel, mit Hansi Brenner und solchen Leuten gearbeitet. Viele Kollegen, auch von der technischen Seite, sehe ich immer noch auf deutschen Nachspannen. Das war eine Österreichmafia: österreichischer Kameramann, österreichischer Cutter, österreichischer Regisseur, und mittendrin der Kehlmann als Kabarettist. Der war ja in der Frühzeit im Umfeld vom Qualtinger gewesen. Kehlmann hat solche Witze erzählt - einmal mussten wir wirklich den Drehtag abbrechen, weil niemand mehr konnte. Jedes Mal versucht - Kamera - Ton - und schon haben wir gelacht. Aus wars. Dann bin ich wieder nach Wien an die Josefstadt, wo ich vorher schon war, und habe durch Zufall eine Sendung vom Walter Schiejok gesehen, die mir nicht gefallen hat, ein neues Verkehrsmagazin. Autos haben mich immer interessiert. Und da hab ich ihm einen Brief geschrieben: Wie kann man nur eine neue Sendung so schlecht machen? Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat. Über einen gemeinsamen Bekannten wusste Schiejok, wer ich war, wovon ich keine Ahnung hatte. Vier Tage später hat er mich angerufen und gesagt: "Wollen Sie nicht kommen?" Das war damals noch nicht so. Man musste weder einen Ariernachweis oder ein SPÖ-Parteibuch der Urgroßmutter vom Gründungsparteitag oder so irgendwas mitnehmen. Das war noch die Aufbauphase, 1974. Da sind die Zuschauerzahlen noch gestiegen, es war noch das natürliche Wachstum. Bei Schiejok war ich ein Jahr, habe sehr viel gelernt, auch technisch. Er war ja vorher beim Tozzer, beim Horizonte-Team gewesen. Das war ja doch damals das Beste. Politisch war Claus Gatterer natürlich eine andere Ebene. Aber technisch und auch vom Hinhauen sozusagen war es bei Schiejok nicht so schlecht.

Sie wissen sicher noch jede Menge Schnurren ...

Ich kann mich erinnern, ich bin einmal zu Mercedes gefahren. Zwei Dinge haben mich beeindruckt. Zuerst hat der Pressemann, der mich abgeholt hat, am Abend gesagt: "Wollen Sie alleine schlafen?" So. Ich habe erst nicht verstanden, was er gemeint hat. Später dann sagte mein Kollege: "Wusstest du nicht, dass Mercedes eigene Nutten hat, mit einem Stern hinten drauf?" Einfach so, beim Abendessen … Also - nein. Am nächsten Tag waren wir im Labor, und sie haben uns Filme gezeigt von Dummies, die nicht angeschnallt waren. In diesem Labor haben wir gestritten, wie viel wir senden dürfen. Da sind die Mercedes-Kopfstützen von hinten geflogen, und die Passagiere vorn durch die Windschutzscheibe durch. Mercedes war am Übergang zum Sicherheitsgurt, während die anderen Hersteller ja noch länger den Innenraum entschärfen wollten und Sicherheitsgurte nicht für nötig hielten. Langer Rede kurzer Sinn: Ich war ein Jahr beim Schiejok, hab dort technisch viel gelernt, und nach einem Jahr sagte Schiejok: Jetzt solltest du zum aktuellen Dienst gehen. Ich bin ziemlich unzeremoniell dem Peter Zurek, der jetzt bei 3-Sat ist, in der Zentralredaktion auf den Schoß gesetzt werden. Der hat sich rührend um mich gekümmert. Wir kannten uns nicht, und er hat mich lernen lassen. Das war sehr angenehm. Ich konnte Fehler machen, und er sagte: "Na gut, pass auf - tun wir noch einmal."

Da waren Sie Redakteur?

Da war ich freier Mitarbeiter.

Von Moderieren noch keine Rede?

Noch keine Rede. Es hat Ansager gegeben und sonst nix. In der Vorläufersendung der "ZiB 2", in "Zehn vor Zehn", hats Ansager gegeben. Die Sendung war ein bisschen der Scherz des Unternehmens. Nicht nur wegen Kuno Knöbl. Dort werkten lauter Irre, und sie hatte keine Zuschauer.

Und um die Zeit schläft Österreich schon, sagte man damals, oder?

Die Sendung hat eineinhalb Stunden gedauert - bei Open End. Da sind Pferdekutschen und Tanzgruppen durchs Studio getrieben worden. Es kam dann eine berühmte Mitteilung vom Intendanten Franz Kreuzer: "Ich höre, es war eine Kuh im Studio." Zur Demonstration von Milchpreisen. Der Sendungsverantwortliche Kuno Knöbl hat etwas gemacht, was in der heutigen ultrastrukturierten, ultravorbereiteten und abgetesteten, mit Focus-Groups versiegelten Fernsehlandschaft völlig unmöglich wäre. Der Kuno Knöbl hat gesagt: Da sind eineinhalb Stunden, und mit denen machen wir, was wir wollen. Und das entscheiden wir am Tag. Wir bereiten es schon vor. Aber das ist eine Fläche. Also: Jeden zweiten Tag stand in der Zeitung: Die Sendung wird eingestellt oder auf drei Tage verkürzt oder was immer. Zum ersten Mal wurden die Nachrichten von den Landesstudios rausverlegt, nach Wien geschickt und hier zusammengesetzt; außerdem hatten gewisse Landesstudios, das Burgenland oder Niederösterreich, noch nicht die Kapazität - da musste ausgeholfen werden. Das heißt, ich konnte als Reporter im Burgenland furchtbare Sachen machen, wir haben dort Drehverbot gekriegt. In meiner Naivität bin ich dort Leuten auf die Zehen gestiegen, von denen mir dann meine Kollegen gesagt haben: "Bist du wahnsinnig?! Der sitzt im Kuratorium, und der ist das und jenes." Davon hab ich keine Ahnung gehabt. Also vieles von dem, was mir später als journalistischer Mut ausgelegt wurde, war einfach Nichtwissen, dass ich mitten im Minenfeld stehe. Man soll sich da nicht mit falschen Lorbeeren schmücken. Ich habe den Anton Benya einmal so beleidigt, dass er mit rotem Kopf den Interviewraum verlassen und die Tür zugeknallt hat, zurückgekommen ist, sich verabschiedet hat, meinen Chef angerufen und ihm eine neue Rundfunkreform angekündigt hat. Nur, im Gegensatz zur heutigen Zeit ist mir nie was passiert. Die haben gebrüllt, dann haben Sies verstanden und haben gesagt: Okay. Heute ...

Was wäre heute?

Heute würde ich als populärer Moderator nicht meinen Job verlieren, als Reporter ja. Um einen weiten Sprung zu machen, man ist nicht so blöd, zu sagen: "Der Broukal war vor Jahren einmal bei der SPÖ, jetzt hau ich ihn ausse." Nicht nur, dass das nichts bringt, das wäre ja blöd. Nein, aber auf der zweiten und dritten Ebene, durch Verunsicherung, durch kleine Personalverschiebungen ist schon einiges passiert. Jetzt werden alle behaupten, dass das alles nur im Interesse des Unternehmens, im Interesse lang geplanter Strukturen geschehen ist. Aber da ist schon viel passiert. Man hat ein Unternehmen zum Teil unter Kontrolle gekriegt, und zwar durch subtile Änderungen im nichtsichtbaren Bereich. Ist da tatsächlich eine neue Qualität? Geschimpft über solche Dinge ist beim ORF ja immer worden. Es ist in dieser Brutalität, glaube ich, neu. Ich sage das als Außenstehender, der es nur zum Teil oder ganz wenig selber miterlebt hat. Wenn der Herr Klubobmann Westenthaler noch im Frühjahr sagt: "Die Linken gehören ausg’ramt" oder so ähnlich, und jetzt sagt er: "Wir entpolitisieren" - habe ich ein gewisses Problem mit seiner Glaubwürdigkeit. Dazu kommt bei der ÖVP - und ich komme aus einem bürgerlichen Haushalt - so etwas wie ein politischer 13-Jahres-Alzheimer. Da ist eine Partei 13 Jahre lang mit an der Macht, auch im ORF natürlich, und kann sich nicht daran erinnern. Bei gewissen Posten brauchten sich die, die bei der falschen Gruppe waren, ja gar nicht zu bewerben. Als Chefredakteur Franz Kreuzer weg war, war völlig klar, dass der Chefredakteur danach ÖVP war, genauso wie für diesen Posten hätte ich mich für den Pulitzerpreis bewerben können. Sinnlos. Genau dasselbe auf der anderen Seite. Natürlich kamen dann Leute und haben gesagt: "Bitte, bewirb dich!" Damit die Sache ein Gesicht hat. Aber jetzt so zu tun, als ob die ÖVP nie Wünsche geäußert hätte! Entpolitisieren heißt, auf deutsch gesagt, Blaue statt Rote. Das kann ich so nicht sagen. Aber was ich insgesamt sehe, erweckt für mich, vorsichtig ausgedrückt, den Eindruck einer österreichweiten Menschenjagd auf Sozialdemokraten in allen Bereichen, die staatlich oder staatsnah sind. Jetzt muss ich nicht nur den Herrn Edelbacher nehmen, der sagt, statt Rot-Weiß-Rot ist es nur mehr Schwarz-Schwarz-Schwarz. Das höre ich aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Warum sollte das gerade beim ORF nicht so sein? Österreich ist ein Parteibuchland, immer gewesen. Aber ich habe eine naive Hoffnung. Ich habe oft genug erlebt, dass Menschen sich emanzipieren können. Dass der innere Zusammenhalt einer Redaktion, eines Unternehmens und eines Unternehmensziels so internalisiert wird, dass jemand sich durchaus zu diesen Werten bekennt, wofür ich ja sehr bin. Denn Journalismus als reiner Transmissionsriemen - man braucht einen, der das Mikrofon hält und das Bandl raufträgt - das ist nicht Journalismus. Man braucht eine innere Haltung. Trotzdem muss man den Mut haben, zu sagen: "Das ist leider nicht so, wie es die Partei, der ich nahe stehe, sagt - daher muss ich leider, auch wenns meine politischen Freunde sind, sagen: Freunde, das ist nicht wahr." Diesen Effekt hab ich immer wieder erlebt. Und das gibt einem Hoffnung. Wenn ich allerdings in einer Redaktion Fraktionen hab, dann wirds gefährlich.
Robert Hochner
Und das war bis jetzt im ORF nicht so?

Leise, unterschwellig natürlich doch. Es gibt den Verein der Freunde der Bürgerlichen, die sich zu Fraktionssitzungen treffen, genauso wie die Sozialisten. Wie ich das das erste Mal gemerkt hab - eine sehr liebe Kollegin hat mich mitgenommen und gesagt: Du, wir treffen uns da am Abend ...

Eine rote oder eine schwarze?

Eine rote. Ich habe gedacht, jetzt gehen wir ein Bier trinken oder irgendwas, und finde mich in einer sozialdemokratischen Fraktionsversammlung wieder. Ich bin mir so was von deplatziert vorgekommen! Nicht dass ich gegen die Kollegen, die dort saßen, etwas hatte. Ich habe nur gedacht: Um Gottes Willen!

Aber Sie waren ja später einmal Chefredakteur der "Arbeiterzeitung", kann ich mich erinnern. Damals haben wir ja auch einmal ein Gespräch gemacht. Deswegen sind Sie einfach den Roten zugerechnet worden.

Ich war früher mit Josef Broukal relativ eng befreundet, diese Freundschaft ist aus vielerlei Gründen auseinandergegangen, so was passiert, und zu mir sagt jemand: "Weißt du eh, dass du in Sozialistenkreisen verkehrst?" Sag ich: "Wieso?" "Ich seh dich doch dauernd mit dem Broukal in der Kantine essen!" - Ich habe oft den Eindruck, dass es Politikern lieber ist, zu wissen, der gehört zu den anderen - und damit habe ich mit ihm eine Basis: Ich mache Parteipolitik, der macht Parteipolitik. Das ist ihnen viel lieber, als sagen zu müssen: Ich mach Parteipolitik, und was der macht, das weiß ich nicht so genau.

Der Typus des Unabhängigen hat nicht wirklich einen Platz. Ist das nicht ein österreichisches Grundproblem?

Zum Teil ja. Zum Teil muss man fairerweise sagen, dass so etwas natürlich auch eine Frage der Optik ist. Natürlich gibt es in Amerika auch prominente Fernsehjournalisten und Fernsehmoderatoren wie den Herrn Stefanopolous, die in politischen Funktionen waren. Nur dort ist es dann deklariert. Man soll es nicht übertreiben, aber natürlich gilt der Parteilose als unsicherer Kantonist, als Unsicherheitsfaktor. Und nichts hassen Politiker mehr als das Gefühl, dass an einer Stelle, die für sie aus irgendeinem Grunde wichtig sein könnte, so einer sitzt, wurscht, ob ein Funktionär im Bereich der Staatsbetriebe oder einer im Fernsehen, der in irgendeiner Form unberechenbar ist. Aber ich meine, es wächst eine neue Generation heran, die sagt: Nix da! Tendenziell zieht sich der Staat durch die Privatisierungen, so ungeschickt die jetzt passieren, aus diesen Bereichen zurück. Allerdings habe ich den Eindruck, dass er dadurch den Druck in den Bereichen, die er noch hat, verstärkt. So nach dem Motto: Insgesamt wird mein Reich kleiner, aber die kleine Provinz, die ich noch habe, regiere ich unnachsichtig.

Glauben Sie jetzt im Fall des ORF an einen Rückzug des Staates?

Das hängt von der Qualität der Arbeit der Journalisten ab. Wir haben uns - die ganze Nation - jeden Millimeter journalistischen Freiraum erkämpfen, erbitten, erbetteln müssen. Die Vorstellung, dass ein Politiker von sich aus kommt, das gilt jetzt nicht nur für Österreich, nicht nur für den ORF, kommt und sagt: "Wissts was? Machts amal. Je freier, desto besser!" - Auf das können wir lang warten. Dazu wird einer auch nicht Politiker. Politik hat mit Macht zu tun. Und jemand, der an die Macht will, um Dinge zu bewegen, von denen er das Gefühl hat, die gehören bewegt, ist vom Typus her nicht einer, der sagt: Okay, das da ist Tabu. Vor 1968 war das ja so, dass die Parlamentsparteien bei der Parlamentsberichterstattung vorgeschrieben haben, welche Ausschnitte kommen. Da gabs ein Zeichen, und die Stelle war dann im Fernsehen zu sehen. Früher ist nach dem Ministerrat der Sektionschef mit einem Zettel herausgekommen und hat die Themen vorgelesen. Das kann man sich alles nicht mehr vorstellen.

Vielleicht noch einmal zurück zu Ihrer Karriere. Wie sind Sie dann in die "ZiB 2" reingekommen?

Naja, relativ einfach. Ein paar Mal hat Peter Nidetzky gesagt, er macht was, dann hat er keine Zeit gehabt, hat er mich gefragt, und ich hab gesagt: "Ich mach das."

"Machen" hieß moderieren?

Nein, aber gar nix! Beiträge. Moderieren - das war Lichtjahre entfernt. Darum gings überhaupt nicht. Die haben einen Redakteur gebraucht, der Knöbl hat gesagt: Kommen S’ und arbeiten S’ hin und wieder. Und mein "Durchbruch" war das furchtbare Donauhochwasser von 1976. Ich habe mir damals eine kleine elektronische Kamera organisiert, ein skurriles Ding, einen kleinen Koffer, 2-Zoll-Band, schwarz-weiß, und wir sind an die Donau hingefahren. Ich habe mir jemanden vom hydrographischen Institut geholt. Bei der Reichsbrücke, bei so einer Markierung, haben wir uns Fischerstiefel angezogen, gleich daneben war die Wasserschutzpolizei, und sind ins Wasser gestiegen. Völlig deppat in den reißenden Strom, und haben uns platziert vor dieser Markierung. Das Wasser war ungefähr hüfthoch, und dann haben wir ein Interview geführt, ob es jetzt so hoch wird oder so hoch wird. Gut. Hinter uns stand die ganze Zeit einer, und nachher, wie wir wieder auf diesen Steg rausklettern, frag ich den Hydrologen: "Was hat denn der gemacht?" Sagt er: "Der hätte Sie auffangen müssen. Weil wenn Sie da umgefallen wären, wären Sie ersoffen."

Wenn man es nachher erfährt, gehts noch.

Ja, dann gehts. Und dann hat der Kuno Knöbl zu mir gesagt: Wollen Sie nicht ganz kommen? Und mein Chef, der Zurek, hat mir zugeraten. Dann bin ich hin. Das war eine ungeheuer kreative Zeit. Relativ bald danach ist der "Club 2" erfunden worden, es war ja diese Oberhammer-Kreativperiode, wo oben nix war, wo auch "Wir" erfunden wurde, alle diese Dinge. Wir konnten alles machen, was wir wollten.

"Oben nix" heißt, kein starker Chef?

Oberhammer (ORF-Generalintendant zwischen Bacher und Pordgorski) war kein starker Chef, Kreuzer (Informationsintendant Franz Kreuzer, Anm.) war ein brillanter Intendant und in Ordnung, man konnte Formen ausprobieren. Vielleicht wars auch die Zeit der eigenen Jugend. Es war irrwitzig anstrengend, aber es war eine Mordshetz. Die Parlamentsberichte wurden eigens von einem Redakteur präsentiert, an Parlamentstagen war die Sendung länger, da gab es Blöcke von acht, neun Minuten - kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. Irgendwann durfte ich das einmal machen. Das hat mir Spaß gemacht. Um 79/81 herum wurde ich gefragt, ob ich den "Club 2" moderieren möchte. Ich hab gesagt, ja, das würde mich reizen. Ungefähr zur gleichen Zeit brauchte man Moderatoren. Broukal machte ein Casting und ich hab gesagt: Ich möcht mich nicht aufdrängen, aber ich würds probieren. Und dann haben wirs einmal probiert, dann hab ich moderiert und es hieß: Er verspricht sich relativ oft, und sicher ist er auch nicht. Aber: Probieren wirs halt. Dann habe ich so zweimal im Monat moderiert. Bis alle dran waren, die aus vielerlei Gründen drankommen mussten. Das war eine lange Liste. Es wurde halt mit der Zeit mehr, weil andere eine andere Karriere machten. Und dann, 1984, sagte Franz Kreuzer zu meiner größten Überraschung plötzlich: "So, und Sie werden jetzt Sendungsverantwortlicher" - das war nur ein Titel, ohne Macht - "und ich will, dass Sie mehr moderieren." Ab dann war ich im eigentlichen Sinn Moderator.

Ist diese Rolle auch dem Publikum gleich aufgegangen?

Ja, langsam. Das dauert eine gewisse Zeit. Man solls ja nicht übertreiben, aber was da einem an Sympathie entgegengebracht wird, ist manchmal geradezu erdrückend. Das merk ich jetzt, wenn ich auf der Straße geh, dass Menschen sagen, sie beten für mich, also das geht ja weit über das hinaus, dass jemand sagt: Jö, ich hätt gern ein Autogramm, oder können wir nicht Kaffee trinken gehn oder so. Das hat ja sehr viel mit Gewöhnung zu tun. Man lebt einen Teil des Lebens mit den Menschen gemeinsam. Lebt und erlebt, und das prägt.

Wie wirkt sich das dann auf Ihr Leben aus? Das muss ja auch irgendwie beklemmend sein, wenn man das Gefühl hat, man lebt quasi mit Millionen zusammen?

Nein, schauen Sie. Hans-Joachim Kulenkampff - Gott hab ihn selig -, der wirklich ein gescheiter und netter Mensch war, hat auf die Frage: "Entsetzlich, was für ein Gefühl - Sie setzen sich dort hin, und da schauen Ihnen Millionen zu!" geantwortet, das sei nicht so: "Das sind dort zwei, da ists einer, dort sinds wieder zwei." Das Gefühl des Massenpredigens trifft die Sache nicht. Das Zweite ist, man gewöhnt sich daran. Natürlich gehört ein wenig Eitelkeit dazu - es soll einem keiner sagen, dass einem das nicht schmeichelt, wenn man dasitzt und jemand kommt und will ein Autogramm und sagt: "Jessas, das war schön." Auf der anderen Seite ist man die Ansprechperson, man ist das Fernsehen, und dann kommt einer und sagt: "Wieso spielts ihr so wenig Hans-Moser-Filme?" Wurscht. Das einzige Problem - unabhängig vom B’soffenen in der U-Bahn - ist, wenn es einem schlecht geht. Wenn es einem schlecht geht, und jeder von uns hat solche Tage gehabt, und man will allein sein. Da kommt ein Mensch, ders nur gut meint - und man will ihn in Wirklichkeit anbrüllen und ihm sagen: "Lassen S’ mich bitte in Ruh, ich kann jetzt nicht." Das würde der nicht verstehen, also macht mans nicht. Gut, aber das ist wurscht. Ich neige weder zu exzessivem Alkoholkonsum noch habe ich das Problem, neben meinem offiziellen Leben als Moderator, in der Vorstellung der Menschen als Lieblingsschwiegersohn oder whatever, noch heimlich mein eigenes Leben leben zu müssen, wo ich dann in Netzstrümpfen geh, Kokain mir hineinzieh, oder was immer.

Wie sind Sie mit den Reaktionen in den letzten Jahren, den Krankheitsjahren, umgegangen?

Ich kann diese Post im Büro nicht mehr aufmachen. Es geht nicht. Weder physisch noch psychisch. Ich versuche, mich auf meinen Freundeskreis zu beschränken. Aber natürlich merke ich, dass mir Menschen Heiligenbilder, Rezepte und alles Mögliche schicken. Das erzählen sie mir, das spür ich, das merk ich, das krieg ich mit. In einem ungeheuren Ausmaß. Ich hab fast ein schlechtes Gewissen, dass es mir so schlecht geht. Es klingt völlig absurd. Aber ich enttäusche die Menschen offenbar dadurch, dass ich weg bin.

Sie werden vermisst, das ist klar.

Jetzt sag ich, und das sage ich nicht als Standardsatz: Es ist jeder ersetzbar. Und zugleich ist niemand ersetzbar. Es ist kein Trafikant ersetzbar, weil kein Mensch ersetzbar ist. Nur ist der Unterschied: Den Trafikanten kennen seine Kunden und halten ihn mit Recht für unersetzbar und sind furchtbar traurig, wenn ihm was passiert, wie ihren Beislwirt, wie ihren Friseur, wie ihren Buchhändler, wie ihren Maronibrater, Gemüseverkäufer. Bei mir sind es wesentlich mehr. Aber natürlich prägt ein bisschen der Effekt, den man kennt, wenn man sozusagen gemeinsam im Lift steckenbleibt, gemeinsam eine Flugzeugpanne überlebt. Wir haben halt gemeinsam viele Pannen dieses Landes mit überlebt. Ich vor der Kamera, die vorm Schirm. Nur: Betroffen hats uns beide. Tschernobyl war nix, von dem wir ausgenommen waren. Ganz im Gegenteil. Gerade jetzt, zum Jahrestag, habe ich wieder dran gedacht. Wir haben versucht, immer die Grenze zwischen Berichterstattung und Hysterie zu beachten. Und die Leute informieren in einer Situation, wo man nicht genau weiß, was kommt, ohne sie in den Selbstmord zu treiben. Das war ja die berühmte Entscheidung - dank Kreuzer, Gott sei Dank, als Gesundheitsminister, glaub ich - den 1. Mai nicht abzusagen. Das war ja nicht nix. Das hing mit dem zweiten Reaktor zusammen, der Gott sei dank nicht gebrannt hat. Das ist dann die Verantwortung des Journalisten. Und noch dazu im elektronischen Medium. Das ist ja etwas, was heute durch diesen extremen Konkurrenzkampf geschürt wird: Einer macht eine Geschichte, und es sind alle drauf. Es lässt niemand aus. Es ist etwas, und alle sind da. Das heißt, die Gefahr, dass diese riesige Medienmaschinerie komplett entgleist, ist natürlich groß. Wir haben gemeinsam Wahlen, Niederlagen, Höhepunkte wie die EU-Beitritts-Abstimmung erlebt, das verbindet einfach. Das ist einfach ein bisschen ein Resultat des gemeinsamen Erlebens. Jeder ist für sich in dem Flugzeug gesessen, und trotzdem hat das Faktum, dass wir alle gemeinsam im Flieger gesessen sind, der ziemlich gewackelt hat, uns verbunden. Und in dem Sinn verbindet es genauso jeden Nachfolger und jede Nachfolgerin. Und ich bin überzeugt davon, dass ein paar Jahre lang die Leute sagen werden: "Ja, der Hochner." Und in zehn Jahren, in fünfzehn Jahren wird sich jemand die Bandln anschauen und wird sagen: "Heast - das war ja eigentlich net so guat, das war ja eigentlich ein bisschen lächerlich." Ich nehme das extreme Beispiel, weil jetzt gerade wieder irgendeine Goebbels-Dokumentation war, bei der man sich fragt: "Und auf das sind die Leute reingefallen?" Ich meine, vom Inhalt her ists das Gruseln. Aber das hat auch so viel mit der Zeit zu tun. Ich habe mir jetzt die alten Bänder von Walter Kronkite (amerikanisches Anchorman-Urgestein, Anm.) angeschaut - natürlich war das formal skurril.
Robert Hochner
Haben Sie sich manchmal Ihre eigenen Bänder angeschaut?

Nein, nicht. Ja, manchmal. Manchmal schaut man sich solche Sachen an, ein Interview bzw., ich hab gute Freunde gehabt oder Kollegen, die gesagt haben: "Pass auf da - irgendein Manierismus schleicht sich ein. Pass auf, was du da mit der Hand machst, oder tu diese Papierln da weg."

Aber jetzt schauen Sie nichts mehr an von sich?

Nein. Ich habe kein einziges Band von mir. Nein. Es ist ein flüchtiges Medium. Das ist wieder schön: Was draußen ist, ist draußen. Es ist unänderbar, jetzt mehr denn je.

Sie haben oft auch bei schrecklichen Dingen runtergeschaut und dann aufgschaut und haben leicht gelächelt, manchmal ein bisschen süffisant, aber immer ein bisschen gelächelt. Warum dieses Lächeln?

Der Einzige, der mir das Lächeln vorgeworfen hat, war der Anton Benya (Ex-ÖGB- und Nationalratspräsident, Anm.). Das war sehr witzig. Es war ein SPÖ-Parteitag, ich habe berichtet - der Uli Brunner (u.a. Ex-Hörfunk-Chefredakteur, Anm.), hat den Benya am Gang gefangen und gesagt: "Du, also Genosse Benya, da ist der Robert Hochner" - ich habe schon Parlamentsberichterstattung gemacht - "du beschwerst dich da immer, wie er so schaut. Was ist da?" Und der Benya hat gesagt: "Wissen S’, Sie lächeln immer. Sie lächeln immer so ein bisschen, so verschmitzt." Da hab ich gesagt: "Herr Präsident" - ich war frischgfangt, ich hab keine Ahnung gehabt, wie mächtig der war - "Herr Präsident, was ist Ihnen lieber: Ich lächle ein bisschen, und es schauen mehr Leute bei der Parlamentsberichterstattung zu, oder ich schau ganz traurig, und die Leute sagen: Um Gottes Willen! Und drehen ab." Ab dem Zeitpunkt war das nie mehr ein Thema.


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