|
Zum Archiv |
| "Ich bin ein Bastard" |
| PORTRÄT In Genua hatte der gereifte Grüne Johannes Voggenhuber seinen besten Auftritt seit langem. Wie der ewig Unverstandene die Welt verändern wollte – und dabei selbst verändert wurde. GERALD JOHN (E-Mail: john@falter.at) |
|
|
Plötzlich hat ihn jemand angeknipst. Das erste Mal seit vielen Jahren. Immer wenn der Schalter auf "on" steht, erzählen Grüne, ist Johannes Voggenhuber nicht zu bremsen. Dann zieht er die Augenbrauen weit nach oben, setzt eine dramatische Miene auf und reiht Worte zu einer kunstvollen Kette aneinander. Das Resultat diesmal: höchst erfreulich. Während sich die Außenministerin einbunkerte, spielte Voggenhuber in Genua den Anwalt der nach dem G-8-Gipfel inhaftierten VolxTheater-Aktivisten. Star und Staatsmann im Sommerloch. Das Publikum applaudierte. Sogar die Grünen klatschten. "Ich habe ihn extra angerufen, um ihm zu gratulieren", erzählt Monika Langthaler, ehemalige Nationalrätin der Grünen. Vor ein paar Jahren klang Langthaler noch weniger liebenswürdig. "Johannes Voggenhuber ist ein Grün-Sektierer, ein Fanatiker und ein Fundamentalist", schimpfte sie 1995 im profil. Im grünen Europasprecher erkannte Langthaler den "in Worten gewalttätigsten Menschen gegenüber innerparteilichen Gegnern, die gelebte Intoleranz". Die Wähler demütigten ihn, den Kritiker der europäischen Eliten, als sie bei der Abstimmung zum EU-Beitritt mit Ja votieren. Seine Feinde, und das waren bei den Grünen beinahe schon alle einmal, freuten sich, ihn endlich ins Europäische Parlament abschieben zu können. Heute, nach der Genua-Gala, wünschen ihn manche fast schon zurück. Denn kaum ein Grüner vermag seine politischen Talente so virtuos einzusetzen wie Voggenhuber. Wenn er sie in den Griff bekommt. Doch gerade das schien die längste Zeit unmöglich. "Ich bin ein Bastard", sagt Johannes Voggenhuber. Das ist keine Selbstkritik, sondern eine biografische Auskunft. Ein Bastard spanischer, flämischer, böhmischer und österreichischer Vorfahren, ein Bastard von "Täter und Opfer": Der Vater war in Stalingrad, die Mutter Jüdin. "Sag, was du willst, aber begründe es", hat sie ihrem Sohn stets eingebläut. Der Mittagstisch der Salzburger Familie ist tägliches Training. Der ältere Bruder benützt manchmal auch die Fäuste. Johannes, der Jüngste von dreien, hat nur die Worte. Der Blick in eine Künette facht das Feuer an. Ein Wunderwerk, glaubt der Teenager, müsse aus der riesigen Grube wachsen. Stattdessen spuckt das Loch einen Hotelklotz aus, hässlich und grau. Voggenhuber setzt für die Salzburger Bürgerliste ein Flugblatt auf. Den Titel, "Hände über der Stadt", entlehnt der Schulabbrecher und Versicherungsvertreter einem Mafiafilm. Sein Arbeitgeber schmeißt ihn auf Druck der Baulobby raus, doch der Streithansl fällt nach oben. Bei den Salzburger Wahlen 1982 räumen Voggenhuber, der Schauspieler Herbert Fux und der spätere Vizebürgermeister Johann Padutsch mit ihrer Liste über 17 Prozent der Stimmen ab. Voggenhuber, der "heruntergekommenen Pragmatismus" hasst, wird Stadtrat für Stadtplanung, Verkehr und Bauwesen. Seiner Heimatstadt, die, wie er bedauert, immer lieber Bayern als Italien sein wollte, mutet der Utopist viel zu. Er setzt Fußgängerzonen durch, revolutioniert die städtische Architektur, streitet um Wiesen und Parks und verprellt die Autofahrer. Nach fünf Jahren geben ihm die Salzburger den Weisel. Voggenhuber ist fertig, physisch wie psychisch. "Nichts wird bleiben", klagt er. Voggenhuber irrt, nicht zum letzten Mal in seinem politischen Leben. Doch das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Verbitterung macht ihn unausstehlich, aber das wiederum wissen die Grünen noch nicht. Sie holen ihn zuerst als Bundesgeschäftsführer, dann als parlamentarischen Klubobmann nach Wien. "Alle lieben Johannes Voggenhuber", titelt die Wochenpresse. Nach ein paar Monaten hassen ihn die meisten. In der Welt des Klubobmanns Voggenhuber gibt es keine Grauzonen, keine Verfehlungen und keine Schwächen. In der Welt des Klubobmanns Voggenhuber gibt es nur Skandale, Ungeheuerlichkeiten und Verschwörungen. Die Kollegen verprellt er, die Untergebenen unterdrückt er. "Das grüne Projekt bin ich", tönt er vor versammeltem Klub. Nach nur einem Jahr ziehen die grünen Abgeordneten die Reißleine und ersetzen ihn durch Madeleine Petrovic. Die Zeitungen nennen ihn "Ayatollah", "Messias" oder "Teufelsbeschwörer". Er lässt sich einen Vollbart stehen, wie ihn die spanischen Inquisitoren in opulenten Historienschinken tragen. Fast schon zur Legende wird das Sehorgan des Streitbaren. In "Augen wie glühende Kohlen" glaubte die Salzburger Wirtschaftskammerpräsidentin Helga Rabl-Stadler zu schauen. Und die damalige Europa-Staatssekretärin Brigitte Ederer schilderte im profil mit Schaudern den Blickkontakt während verschiedener EU-Debatten: "Um es als Bild zu malen: Er wirkt, als würde er mich am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrennen." "Sein Fanatismus hindert ihn daran, die Realität klar zu sehen", urteilt sein ehemaliger Bürgerlisten-Kumpan Herbert Fux, der sich wie so viele mit Voggenhuber zerstritten hat. Johann Padutsch – auch er ist nicht mehr der "enge Freund" von früher – attestiert ihm eine außergewöhnliche Anhäufung von "intellektuellen, analytischen und dialektischen Talenten", aber auch "sprachliche Brutalität mit allen Formen des Untergriffes", wenn es darum geht, Dissidenten zur Schnecke zu machen: "Dabei ist er rhetorisch so brillant, dass man das Gefühl hat, erdrückt zu werden." Quetschspuren trägt die junge, grüne Parlamentarierin Monika Langthaler davon, die es wagt, entgegen dem Gebot des Europasprechers Gefallen an einem EU-Beitritt zu finden. Voggenhuber bezichtigt sie aller Sünden, die grüne Götter verboten haben, vom Opportunismus bis zum Neoliberalismus. Öffentlich rüttelt er an ihrem Status als Umweltsprecherin. Die verbale Abrechnung soll in der Rede von der "totalen Flasche" gegipfelt haben – was Voggenhuber bestreitet: "Ich bin unduldsam und manchmal auch verletzend, aber niemals vulgär." Dafür trifft er präzise. Den Twen Langthaler plagte das ungute Gefühl, dass die wütenden Attacken nicht nur mit ihrem Abweichlertum, sondern auch mit ihrem Alter und Geschlecht zu tun hatten. Als "viel zu jung, um mitzureden", habe sie Voggenhuber punziert. Dabei betont Voggenhuber vor der Abstimmung im Jahr 1994, dass er selbst "leidenschaftlich" für ein geeintes Europa kämpfe. Allerdings für eines, das er selbst am Reißbrett entworfen hat, ein demokratisches Schlaraffenland. Die real existierende EU hingegen ist für ihn ein "anachronistisch-reaktionäres Projekt", das die "Spaltung Europas" bedeute. Österreich müsse bei einem Beitritt nicht nur "irreparable Schäden" hinnehmen, sondern als Außenposten auch die "Hauptlast der Verteidigung" gegen den Feind tragen. Maastricht-Vertrag und Euro schreibt er "verheerendste Folgen" zu, die Europa in die "Massenarbeitslosigkeit" stoßen würden. Unterm Strich: "ein Nein ohne Wenn und Aber". Seitdem ist die Arbeitslosigkeit EU-weit um fast vier Prozent zurückgegangen, die Länder hinter den österreichischen Ostgrenzen stehen vor ihrem Beitritt zur Gemeinschaft. Der Europaabgeordnete Voggenhuber schwärmt vom lebendigen Straßburger Parlamentarismus, von dem er immer "geträumt" hat, und ist stolz auf die Spuren, die er in der europäischen Grundrechtscharta hinterlassen hat. Sogar dem Euro stimmte Voggenhuber zu. "Heute fühle ich mich voll von ihm vertreten", sagt Monika Langthaler. Voggenhubers Feldzug gegen die EU – der Irrtum seines Lebens? "Nein", sagt er: "Ich war nie ein Antieuropäer. Nur habe ich die Meinung vertreten, dass die damaligen Beitrittswerber die EU besser von außen verändern könnten. Es ist eine schwierige Übung, dieses Missverständnis auszuräumen." Der ewig Unverstandene wird dabei wohl ebenso scheitern wie mit seiner Kampagne gegen den EU-Beitritt. Das hat Voggenhuber mit Winston Churchill gemeinsam: Nichts hindert ihn daran, klüger zu werden. Im Frühjahr 1994 empfindet er Forderungen nach militärischem Eingreifen im Bosnien-Krieg als "beschämend und abstrus". Zwei Jahre später geißelt er die NATO, weil sie die "Massenmassaker in Srebrenica" zugelassen habe, ohne "einen Finger" zu rühren. Den Wiener Grünen Christoph Chorherr mobbt er von der Parteispitze, weil dieser dem "eindeutig besetzten Begriff" der Modernisierung huldigt und obendrein als "Computerfreak" verschrien ist – mit dem Ergebnis, dass mit Alexander Van der Bellen ein Politiker Nachfolger wurde, der punkto Wirtschaftsliberalismus Chorherr allemal das Wasser reichen kann. Einst postulierte Voggenhuber, der die Avantgarde nie der Macht opfern wollte, dass er unter keinen Umständen zustimmen werde, "wenn die Grünen irgendeine Koalition eingehen wollen". Heute sagt er: "Ich würde gerne Kulturminister sein." Denn das Drama des Landes sei "die Isolation, in der die Traumata des nationalistischen rabiaten Kleinbürgertums gedeihen" würden. "Diesen Bleideckel zu heben", sagt Voggenhuber, "ist das Gebot der Stunde." Die Ironie: Es scheint, als hätte gerade jenes Reich, das er lange Zeit für böse gehalten hat, den notorischen Pessimisten mit der Welt versöhnt. "Ich habe immer gesagt, dass die EU überraschend viel Gutes bewirken wird", sagt Monika Langthaler listig. "Nach der unverdienten Niederlage in Salzburg schien er von einem gewissen Hass getrieben", glaubt der ehemalige Mitstreiter Padutsch: "Das dürfte er nun im Griff haben." Auch Hannes Swoboda, SPÖ-Kollege im Europaparlament, nimmt beim anerkannt kompetenten und arbeitsamen Voggenhuber einen Sinneswandel wahr: "Er ist heute nicht mehr nur Kritiker, sondern auch Verteidiger der EU, im Handeln pragmatischer und im Ton moderater. Über die ,Kurfürsten‘ am ,Basar der nationalistischen Interessen‘ wettert er immer seltener." Swoboda erklärt sich die Metamorphose damit, dass das Europäische Parlament den Abgeordneten eben "die Chance gibt, sich zu engagieren". Vielleicht ist alles aber auch viel simpler. Vielleicht war es nur das dunkle Markenzeichen, von dem er sich vor zwei Jahren trennte. "Die meisten Männer neigen dazu, sich wie Kreisky oder Busek im Alter einen Bart wachsen zu lassen, gleichsam als anarchistisches Moment", sagt der glatt rasierte Voggenhuber: "Ich bin eher ein antizyklischer Mensch. Und habe jetzt nur mehr mein Gesicht." |
|
Zum Archiv |
nach oben
August 2001 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at